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Zul-aer Anzeiger

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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg

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Nr. 169 1930

Fulda, Dienstag, 22. Juli

7. Jahrgang

Englands koloniale Not.

Die ägyptische Negierung hat beschlossen, die angekündigten Demonstrationen der Wafd-Partei zu verhindern. Sie hat zahlreiche Truppen in der Hauptstadt zusammengezogen und eine Prokla­mation veröffentlicht, daß sie gewillt sei, die Ordnung unter allen Umständen aufrechtzuerhal­len. Es kam bereits zu schweren Kämpfen. Zahl­reiche Anhänger der WOfd-Partet wurden getötet. Die Unruhen dauern an.

Die Stürme der deutschen Innenpolitik, denen das wesentlich harmonischere Nachspiel derRheinlandbefreiungs- feiern folgte, dazu die Wirtschaftskrise und Arbeitslosig­keit, kurz, die unmittelbar deutschen Interessen haben das Augenmerk in Deutschland so stark auf sich gezogen, daß man sich selbst um ganz eigenartige Vorkommnisse und Entwicklungen draußen in der Welt nicht gerade viel kümmerte. Aber leider verspüren wir früher oder später doch die Rückwirkungen solcher Ereignisse gerade auf unsere wirtschaftliche Lage, von der außenpolitischen noch ganz abgesehen! Wenn also z. B. Englands koloniale Nöte in stetem Wachsen sind, so bleibt das schließlich auch nicht ohne Einfluß auf die Wirtschaftskrise »es Englischen Reiches selbst, mit dem wir ja in umfang­reichstem wirtschaftlichen Güteraustausch stehen.

Man braucht bei diesen Nöten Englands den Blick nicht gleich auf Indien zu lenken, obwohl es gewiß fast wie ein Treppenwitz aber ein schlechter der Welt­geschichte anmutet, daß ausgerechnet die Arbeiterregierung Macdonalds den Kampf um Englands indischen Besitz mit den schärfsten Mitteln führen muß, dazu verurteilt ist, Englands Herrschaft in dieser Kolonie unter An­wendung der Gewalt gegenüber dem Willen vieler Millionen von Indern aufrechtzuerhalten und lediglich durch diese Gewalt einen Ausweg aus dem Konflikt zu gewinnen. Gewalt etwas anderes ist es ja schließlich auch nicht, wenn die Geschütze zweier rasch hinbefohlenen englischen Kriegsschiffe auf die Stadt Alexandria gerichtet sind, wo sich die Ägypter gegenseitig wieder einmal die Köpfe eingeschlagen haben. Einen Augenblick mag man vielleicht daran denken, daß vor nunmehr fast genau 48 Jahren auch ein englisches Bombarde­ment der Stadt Alexandria ein Ende gemacht hat mit der Unabhängigkeit Ägyptens.

Immerhin hat selbst der ägyptische Ministerpräsident, der nicht o^ae Englands Zustimmung amtiert, sehr deut­lichen Protest gegen dieseenglische Einmischung in die inneren Verhältnisse Ägyptens" erhoben, ist sogar recht energisch gegen den englischen Ministerpräsidente« Macdonald selbst aufgetreten, der mittels der Kriegs­schiffkanonen nicht bloß die Fremden in Ägypten schützen zu wollen behauptet, sondern außerdem gleichzeitig nochAn- griffe gegen die ägyptische Verfassung abzuwehren beab­sichtigt, wenigstens wie er im Unterhaus ausführte. Das ist also auf eine ziemlich schroffe Ablehnung selbst dieser ägyptischen Regierung gestoßen, die sich keineswegs der unbedingtenÄgypten den Ägyptern"-Forderung der nationalistischen" Wafd-Partei angeschlossen hat.

Das Verhältnis Englands zu Ägypten ist ja nicht bloß deswegen so verzwickt, weil die Frage des Suez- k a n a l s hineinspielt, sondern man muß daran denken, daß sich das Englische Reich mit dem Besitz des Sudans eine ganz eigenartig untermauerte Machtstellung im nord­östlichen Afrika geschaffen hat. Ägypten,das Geschenk des Nils", ist wirtschaftlich von der Wasserzufuhr durch diesen lebenspendenden Strom abhängig. Dort oben aber, im Sudan, wo die riesige Flutwelle des Nils ent­steht, sitzt England. Solange jenes Land also englisch ist, ist man von Oberägypten bis Alexandria doch von England abhängig, auch wenn kein Mann englischer Be­satzungstruppen mechr in Ägypten steht, kein englischer Staatskontrolleur mehr in Kairo sitzt. Und der Sudan soll überdies für England noch künftig die wirtschaftliche Möglichkeit bringen, durch Anbau von Baumwolle von dem a m e r i k a n i f ch e n D i k 1 a t über dieses wichtigste Textilrohprodukt sich allmählich frei zu machen.

Andere, aber nicht weniger schwere Sorgen hat Eng­land als Mandatsmacht über P a l ä st i n a , wo es zwi­schen Arabern und Juden weiter kocht und brodelt, sich Macdonal5 mühsam zwischen den Forderungen, die die arabische Mehrheit des Landes jetzt durch eine besondere Delegation in London erheben ließ, und den jüdischen An­sprüchen auf Verwirklichung früherer englischer Ver­sprechen aus der Kriegszeit durchzuwinden sucht und natürlich beide Seiten unbefriedigt läßt und lassen muß. Schwierigkeiten über Schwierigkeiten auch imZweistrom­land", in Mesopotamien, offiziell dem Königreich Irak, wo König Feissal sitzt, der einst von einem Groß­arabien geträumt hat, von den Franzosen aber aus Syrien vertrieben wurde und nun in Bagdad ein sehr schwierigerStatthalter Englands" geworden ist. Auch dort hat die Londoner Regierung nachgeben müssen, will diesem Lande Zugeständnisse gewähren, die dem Irak eine Selbständigkeit etwa in dem Umfang Ägyptens bringen, ihn sogar nach Genf in den Völkerbund hinein­führen sollen. , .

Man denkt an die Zeiten zuruck, als man noch bei weltpolitischen Betrachtungen von dem englischenGlacis für Indien" sprach. Der Ausgang des Weltkrieges schien diese kolonialpolitischen Pläne Englands verwirklicht zu haben, aber die Geister, die man rief, wurde man nicht wieder los! JenesGlacis" ist nicht mehr nur gefährdet, zeigt breite Lücken, fängt an zu zerbröckelnsondern in der Festung, die durch diesesGlacis" geschützt werden soll, in Indien selbst tobt Ausruhr und Empörung Und überall grollt dumpf ein unterirdischer Donner sind den Weltbeherrschern an der Themse aus diesen kolonialen Nöten schon mehr als nur vorübergehende Kopfschmerzen beschert.

Freiheit und Einigkeit.

Die Rheinfahrt des Reichspräsidenten

Die Brüder an der Saar.

Unter hoher patriotischer Begeisterung verlausen die Tage, an denen des Reiches ehrwürdiger Präsident, der greise Hindenburg, von Stadt zu Stadt, von Ort zu Ort längs des von der Fremdherrschaft befreiten Stromes eilt, um der Bevölkerung überall seinen Dank auszu­sprechen für ihr treues Festhalten am Vaterlande trotz der auf ihr bisher tnafnasish Inftenhen Vevrücknna Über-

Hindenburg bei der Wiesbadener Jugend.

all erschallen festlich die Glocken, prangen die Gemeinden in Blumen- und Flaggenschmuck, jubeln die Massen dem höchstgestellten Manne im Reiche zu, der ungeachtet seines Alters und der verworrenen innenpolitischen Lage zu ihnen geeilt ist, um sich mit ihnen zu freuen in der endlich herangenahten Befrciungsstuude.

Erhebende Worte sprach Hindenburg in Speyer, wo er die wiedererlangte Freiheit der Pfalz feierte; Reichsaußenminister Dr. Curtius sekundierte ihm mit dem Gedenken an die noch unerlösten Brüder an der Saar. In Mainz schloß sich der Reichspräsident diesem Ge­löbnis für die Saar an und gedachte besonders auch der Verdienste des verstorbenen Stresemann und seiner vaterländischen Pflichterfüllung beim Befreiungswerk. Das an die Gattin des verstorbenen Staatsmannes von Mainz aus gefanbte Telegramm des Reichspräsidenten unterstrich die von ihm dem Abgeschiedenen gezollte Ehrung.

Über Wiesbaden, wo Hindenburg an einer ge­waltigen Festveranstaltung teilnahm, ging der Präsident nach Eltville zur Ruhepause auf das Gut des Reichs­kommissars Freiherrn Langwerth von Simmern von wo

Selbstbestimmung für Supen-Ralmedy.

An die belgische Regierung.

In Eupen und Malmedy wird zum belgischen Nationalfeiertag ein Aufruf an die belgische Regierung und an die belgischen Abgeordneten und Senatoren ver­öffentlicht. In dem Aufruf heißt es u. a.:

Alle Welt weiß und auch objektiv denkende Belgier geben zu, daß die Volksbefragung von 1920 eine Komödie und daher als Voraussetzung für unsere Abtrennung bom Reich unhaltbar war. Über die wirtschaftliche Begründung wäre mancherlei zu sagen. Wir verzichten jedoch darauf aus Achtung vor dem belgischen Volk, das in diesem Jubeljahr seiner Vaterlandsliebe so beredten Ausdruck gibt. Wir können uns nicht vorstellen, daß die Zumutung, sein Vaterland wegen materieller Vorteile zu verleugnen, belgischen Anschauungen entsprechen sollte. Wenn daher heute im Höhepunkt des belgischen Freiheitsjahres die Unterzeichneten erneut an das Gewissen Belgiens appel­lieren, so können sie unter Hinweis auf die Wahl von 1925 mit Fug und Recht sich darauf berufen, daß dies im Namen und im Sinn der überwiegend großen Mehrheit aller Eupen-Malmedyer geschieht. Durch die Lösung der Frage Eupen-Malmedy beweist Belgien vor aller Welt, daß es ein Land wahrer Freiheit ist, nicht nur der Frei­heit einer Mehrheit zur Unterdrückung einer Minderheit."

Die Krise des parlamentarischen Systems.

In einer Sitzung der interparlamentarischen Union in London hielt der bisherige Reichstagspräsident Löbe eine Rede zu dem Thema:Die Krise des Parlamentarismus". Er wies darauf hin, daß die Interparlamentarische Union nicht der geeignete Ort sei, zu der derzeitigen Krise des deut­schen Parlamentarismus Stellung zu nehmen.

Die Krise in Deutschland sei keine lokale und nationale Krise, sondern eine Tcilcrscheinung jener internationalen Krise des Parlamentarismus, die gleichzeitig in mehreren Ländern, auch in England, zum Ausdruck gekommen sei. Es sei ein Irrtum anzunehmcn, daß Deutschland sich auf dem Wege zur Diktatur befinde. Die Tatsache, daß in Deutschland in den lebten Wochen eine durch die Arbeitslosigkeit Hervorgcrufcne Jinanzlrise eine Parlamcntskrise habe gebären können, sei ein Beweis dafür, daß das Parlament sich den neuen Aufgaben noch nicht angepaßt habe. Heute habe jeder Arbeiter, jeder kleine Beamte, jeder Angestellte Anteil an der Arbeit des Staates.

Löbe wies zuletzt auf die großen Vorzüge des demokratisch- parlamentarischen Regierungssvstems hin und schloß mit den Worten:Diktaturen zerfallen mit dem leiblichen Tode des Diktators. Das demokratisch-parlamentarische Systeni lebe so lange wie das Volk, das es hervorgebracht hat!"

er eitlen Besuch des Badès Kreuznach unternahm. In Kreuznach befand sich während des Krieges lange das Deutsche Hauptquartier. Von Eltville geht die Reise nach Koblenz, Trier und Aachen.

' Im Nahetal.

Die am Montag erfolgte Ausfahrt bewegte sich in der Richtung Bingen durch das Nahetal nach Kreuznach und dem Hunsrück. In Bingen begrüßten den Reichs­präsidenten 10 000 Menschen. Hindenburg erinnerte bei seinem Dank daran, daß er bereits während des Feld­zuges 1870 als Oberleutnant in Bingen geweilt habe. Durch die Orte Münster, Sarmsheim, Lauben­heim wurde der Präsident nach Bad Kreuznach geleitet.

Von Kreuznach aus ging die Montagsfahrt Hinden­burgs nach längerem Aufenthalt weiter durch das Tal des Gräfenbachs zur Gräfenbachhütte, wo die Gattin des Reichspräsidenten während des Krieges gewohnt hatte, als sich das Hauptquartier in Kreuznach befand. Dann fuhr man durch den Hunsrück bis Stromberg, wo der Reichspräsident vom Bürgermeister Mickel empfangen wurde.

Programm für Koblenz.

Der preußische Ministerpräsident Braun begrüßt Dienstag vormittag den Reichspräsidenten in Eltville, um dann mit ihm gemeinsam auf dem DampferMainz" die Reise nach Koblenz zur Haupträumungsfeier der preu­ßischen Staatsregierung in Koblenz anzutreten. Bei der Feier, die um 12 Uhr in der Stadthalle der Stadt Koblenz stattfindet, sollen der Oberpräsident der Rheinprovinz Dr. Fuchs, der Oberbürgermeister von Koblenz, der preu­ßische Ministerpräsident Dr. Braun, der Reichsverkehrs­minister von Guèrard, dann der Reichspräsident sprechen.

Bei den Besuchen des Reichspräsidenten in Aachen und Trier wird die preußische Staatsregierung durch den Wohlfahrtsminister Dr. Hirtsiefer vertreten sein.

Empfang von Altveteranen und Kriegervereinen.

Von Stromberg aus, wo Hindenburg als Ehren­bürger begrüßt wurde, ging die Rückfahrt durch den Hunsrück über Waldalgesheim und Weiler nach Binger­brücks überall läuteten die Glocken, Böllerschüsse ertönten, und stets brach die Menge von neuem in Huldigungsrufe aus. über die Nahebrücke ging dann die Fahrt durch Bingen. Bei Kempten fuhr der Reichspräsident mit seinem Gefolge

über die Hindenburg-Brücke

nach Rüdesheim, Geisenheim und zurück nach Eltville. Hier empfing er die Altveteranen, wonach ein Empfairg der Krieger- und Militärvereine stattfand. Am Abend brachten vor der Villa des Reichskommissars Langwerth von Simmern die Gesangvereine dem Reichspräsidenten ein Ständchen, an das sich ein aroßes Feuerwerk anidilob

Thüringen und das Reich.

Dr. Frick verhandelt.

Wie verlautet, sind vom Lande Thüringen Verhand­lungen mit dem Reiche eingeleitet worden mit dem Ziele, das Reich zur

Zahlung der Polizeikostenzuschüfle

zu bewegen. Das Reich soll dazu auch bereit sein, wenn die vom Reicheninnenministerium beanstandeten national­sozialistischen Polizeibeamten in Thüringen vorläufig zurückgezogen oder bis zur endgültigen Entscheidung des Staatsgerichtshofes im Oktober beurlaubt werden. Man weiß noch nicht, ob Dr. Frick und die thüringischen Na­tionalsozialisten dieser Regelung zustimmen werden, aber es heißt, daß die übrigen Koalitionsparteien in Thüringen entschlossen seien, im Falle der Weigerung Dr. Fricksalle Konsequenzen zu ziehen".

politisches Attentat in Zukarefl.

Innenminister schwer verwundet.

Montag wurde in Bukarest ein Attentat auf den stellvertretenden Minister des Innern, Konstantin Ange- lescu, verübt. Ein junger Mann drang in sein Bureau ein und feuerte drei Schüsse auf ihn ab, wovon der eine ihn in die Schulter und der zweite in den Bauch traf, während der dritte fehlging. Die Verletzungen Ange- lescus, der sofort in ein Hospital gebracht wurde, sind anscheinend lebensgefährlich. Man nimmt an, daß es sich um einen Racheakt eines Studenten handelt.

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Die Reise des Reichspräsidenten durch die befreiten Gebiete gestaltet sich überall zu einer großen vaterländischen Kund­gebung.

* Zwischen dem Reichskanzler Brüning und dem Reichs- finanzminlster Dietrich gehen die Beratungen über die zu er­lassenden Notverordnungen unter Hinzuziehung des Sparkom- mlssars Sämisch weiter.

* In der Berufungsverhandlung des Tscherwonzenprozesses sind ine Georgier Karumidze und Sadathieraschwil, zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt worden.

land immer jti

. * Fn Aegypten wächst die nationale Bewegung gegen Eng« immer stärker an. In Kairo kam es bereits zu blutigen Unruhen.