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Zulöaer Anzeiger

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Nr. 170 1930

Fulda, Mittwoch, 23. Juli

7. Jahrgang

Eine Nacht der Katastrophen.

Pontonbrücke bei Koblenz stürzt ein und reißt 100 Menschen in die Fluten. 33 Tote Schweres Erdbeben in Italien.

Koblenz, 23. Juli. Nach dem Abschluß der Koblenzer Ve- sreiungsfeier am Deutschen Eck brach die schmale Pontonbrücke des Sicherheitshafens in Koblenz-Lützel infolge Überlastung durch die zurückströmenden Menschenmassen zusammen und riß etwa 100 Per­sonen ins Wasser. Bisher wurden 33 Tote geborgen.

Rom, 23. Juli. Neapel und Umgebung ist heute Nacht kurz nach 1 Uhr von einem schweren Erdbeben heimgesucht worden, bei dem nach den bis jetzt vorliegenden Nachrichten 19 Personen ge­tötet und 19 verletzt wurden und das in zahlreichen Gemeinden schweren Gebäudeschaden anrichtete.

Nach Abschluß der glänzend verlaufenen Beleuch­tung der Feste Ehrenbreitstein und des Deutschen Ecks strömten die Massen, die am Neuendorfer Ufer zu Tausenden versammelt waren, über die schmale Pon­tonbrücke des Sicherheitshafens in Koblenz-Lützel. Als sich etwa 100 Personen auf der Brücke befanden, brach diese zusammen, und sämtliche Personen fielen ins Wasser. Die ins Wasser Gefallenen wurden zum Teil durch die niederstürzenden Balken erschlagen, zum Teil von den umkippenden schweren Pontons unter Wasser gedrückt. Nur einige in der Nähe des Users befindliche Personen konnten sich retten, andere wurden herausgefischt.

Bis 3 Uhr früh 33 Tote geborgen.

Bis gegen 3 Uhr früh waren an der Unglücksstelle am Neuendorfer Ufer 33 Personen geborgen. 10 Personen srnd leicht verletzt worden Die Feuerwehr war innerhalb von 10 Minuten an der Unglücksstelle, ebenso zahlreiche Schupobeamte, die für die notwendige Absperrung und mit Pechfackeln für die erforderliche Beleuchtung sorgten. Sofort waren zahlreiche Kähne zur Stelle, die mit langen Stangen den Floßhafen absuchten und abtasteten. Meh­rere Verletzte wurden mit Krankenautos in die nächst ge­legenen Krankenhäuser überführt. Es erschienen auch an der Unglücksstelle der preußische Wohlfahrtsminister Dr. Hirtsiefer, ebenso Oberbürgermeister Russell und der Poli­zeipräsident. Das traurige Unglück ist auf einen Zusam­menbruch der leichten Brücke zurückzufllhren, die für den öffentlichen Verkehr an sich nicht bestimmt war. Da die Vermutung besteht, daß noch mehr Personen ertrunken sind, wurden die Bergungsarbeiten im Dunkel der Nacht emsig fortgesetzt. Auf der Brücke befand sich zur Zeit des Einsturzes auch eine Schwester mit einer Gruppe von Schülerinnen, die sämtlich ins Wasser stürzten. Sechs der jungen Mädchen ertranken.

Der Polizeipräsident hat sofort nach Bekanntwerden des Unglücks sämtliche Feierlichkeiten im Bezirk Koblenz absagen lassen.

Freude wandelt sich in Trauer!

Trier, 23. Juli.

Die Nachricht von dem furchtbaren Unglück, das einen so tragischen Abschluß der Koblenzer Befreiungsfeier bil­dete, wurde hier erst in den ersten Morgenstunden bekannt und rief große Bestürzung und Trauer hervor. Die Stadt Trier steht in festlichem Flaggenschmuck. Die Mehrheit der Bevölkerung weiß noch nichts von dem Geschehenen und rechnet darauf, heute ihrer Freude über die Befreiung der Stadt von den Besatzungstruppen und über den Besuch des Reichspräsidenten Ausdruck geben zu können. Die festlich geschmückte Stadt Trier und das trauernde Kob­lenz, das Fahnen bereits auf Halbmast gesetzt hat, bilden einen erschütternden Gegensatz. Auch in Koblenz selbst war die Nachricht von dem Unglück erst verhältnismäßig spät bekannt geworden, da die Unglücksstelle ziemlich weit außerhalb der Stadt liegt und das ungeheure Gedränge auf den Straßen jedes Vorwärtskommen zeitweise völlig unmöglich machte. Nur langsam konnten die ungeheuren Menschenmengen vom Rhein und Mosel in die Stadt zurückströmen. Am Koblenzer Bahnhof zum Beispiel spiel­ten sich Szenen ab, die es notwendig machten, die Halle zeitweise zu schließen. Auch aus der Umgebung hatten sich riesige Menschenmassen in Koblenz eingefunden. Das Ufer des Rheins war geradezu schwarz von Menschen. Sie standen bis oben auf dem hohen Sockel des Denkmals am Deutschen Eck. Jede Brücke, jedes Dach war dicht be­setzt. Nur durch diesen ungeheuren Andrang ist ja auch das erschütternde Unglück möglich gewesen.

Was ein Augenzeuge erzählt.

Ein Augenzeuge der grausigen Katastrophe schildert den Hergang des Unglücks wie folgt: Ich hatte mich mit Bekannten zum Neuendorfer Eck begeben, um von dort aus das Feuerwerk besser beobachten zu können. Die letzten Leuchtkugeln waren am nächtlichen Himmel verglüht, als

viele Beobachter des Feuerwerkes heimwärts über die schmale Brücke am Eingang des Sicherheitshafens bei Koblenz-Lützel drängten. Ich befand mich in einem Zuge freudig gestimmter Menschen auf der Brücke, kurz vor dem Lützeler Ufer, als plötzlich

mit lautem Krach und Getöse die Brücke unter den dicht gedrängt Kopf an Kopf auf ihr befind­lichen Menschen zusammenbrach

Das deutsche Eck bei Koblenz, in dessen Nähe sich die schreckliche Vrückeneinsturz-Katastrophe ereignete.

und die auf ihr befindlichen Männer, Frauen und Kinder mit sich in die Tiefe riß. Ich selbst stürzte mit in den an dieser Stelle besonders tiefen Floßhafen. Gellende Hilfe­rufe schallten über die dunkle Wasserfläche, in höchster Not

Heftige Erdbebenstöße in Italien.

Zahlreiche Opfer, großer Schaden.

Rom 23. Zuli.

(Eigene Funkmeldung.)

Italien ist heute nacht kurz nach 1 Uhr von einem Erd­beben heimgesucht worden, dem eine Anzahl Menschen zum Opfer gefallen sind. In Neapel wurde durch das wellen­förmig auftretende Beben ein Palast teilweise zum Ein­sturz gebracht, wobei 2 Personen getötet und 5 verletzt wurden. Weiter wurde durch den Einsturz einen 5stöcki- gen Hauses ein Kind getötet und 5 Personen verletzt. Von dem Erdbeben wurden nach bisherigen Verlautbarungen weiter betroffen die Städte Potenz«, Matera, Rioncro, Melfi, Barile, Atella. Aus den bis jetzt vorliegenden Meldungen geht hervor, daß bisher 10 Tote in Barile, 2 Tote in Atella und 4 Tote in Landhäusern in der Um­gebung von Atella zu beklagen sind. In Potenz« wurden 3 Personen, in der Umgebung von Venosa sind 7 Personen verletzt. Zn Filiano stürzten mehrere Häuser und eine Kirche ein. Auch aus Ascoli, Satriano und Cancellara werden Häusereinstürze gemeldet. Auch im Campobasso und Avellino wurden die Erschütterungen wahrgenommen. Die Regierung hat sofort ein großes Hilfswerk für die heimgesuchten Gegenden organisiert.

RWtl unh die Campagna schwer heimgesiicht.

Neapel, 23. Juli.

Die Einwohner der Stadt und ihrer näheren und wei­teren Umgebung wurden kurz nach 1 Uhr durch heftige Erdbebenstöße ausgeschreckt. Der Bevölkerung bemächtigte sich eine Panik. Im Nu waren die Straßen mit Menschen angefüllt, die in Eile ihre Wohnungen verlassen hatten. Nach den ersten Nachrichten ist in einer ganzen Anzahl von Gemeinden beträchtlicher, zum Teil schwerer Gebäude­schaden angerichtet worden. Auch sind Menschenleben zu

klammerten sich die ins Wasser Gefallenen aneinander. Da ich nahe am User war und einen Halt hatte, gelang es mir, verschiedenen in der Nähe befindlichen Leuten bei­zustehen und sie vor dem Tode zu retten. Indessen schlugen die unglücklichen, auf- und untertauchenden Menschen in ihrer höchsten Angst und Not wild um sich. Die Dunkel­heit und die Todesangst behinderten naturgemäß die ge­genseitige Hilfeleistung, und

eine wilde Panik hatte alle ergriffen.

Die Leichen der auf so tragische Weise ums Leben Gekom­menen werden zur Rekognoszierung in die Turnhalle an der Telegraphenkaserne gebracht. Die Beerdigungskosten übernimmt die Stadt.

Hindeutmg bricht die RhemlandWt ab.

Trier, 23. Juli.

Bei der Stadtverwaltung ist eine Mitteilung des Reichspräsidenten eingegangen, daß er infolge des furcht­baren Unglücks in Koblenz nicht in der Lage sei, bei den Feiern in Trier und Aachen zu erscheinen. Er werde ledig­lich heute noch an einer Trauerkundgebung in Koblenz teil­nehmen, und alsdann sofort nach Berlin zurückkehren. Dev» Reichspräsident hoffe jedoch, die Fahrt nach Trier und Aachen binnen kurzem nachholen zu können.

33 Tote in Koblenz.

Wie wir erfahren, stellt sich nunmehr heraus, daß die Zahl der bisher geborgenen Opfer der durch den Zusam­menbruch der Pontonbrücke verursachten Katastrophe 33 beträgt. Alle anderen Angaben werden von unterrich­teter Seite als nicht richtig bezeichnet. Man rechnet aller­dings damit, daß sich die Zahl der Opfer noch weiter erhöht.

beklagen. Feuerwehr und faschistische Miliz sind überall mit den Aufräumungsarbeiten beschäftigt.

In Salerno ist der Oberbau des Doms eingestürzt und die Decke eingebrochen. In Neapel sind 3 Häuser einge­stürzt, wobei zwei Menschen ums Leben kamen und ver­schiedene verletzt wurden. Vom Vesuv-Observatorium, dessen Seismograph bei den heftigen Erschütterungen aus den Federn sprang, wird Eebäudeschaden gemeldet. In den Gefängnissen verlangten die Sträflinge stürmisch ihre Freilassung, doch kam es zu keiner Ordnungsstörung. Etwa 20 Personen kamen bei dem panikartigen Gedränge auf den Straßen zu Schaden, da die elektrische Beleuch­tung nach dem Erdbeben nicht mehr funktionierte. Seit Menschengedenken will man in Neapel keine so schweren Erdbebenstöße verspürt haben. Das Erdbeben setzte um 1.10 Uhr ein und dauerte in 3 Stufen gegen eine Minute. Die größte Heftigkeit erreichten die Stöße nach etwa 30 Sekunden mit einer Stärke von 67 der Skala Mercalli. Die Heftigkeit des Erdbebens erklärt sich auch aus der un­mittelbaren Nähe des Epizentrums, das sich in Visciano bei: Avellino befindet. Bis jetzt werden aus Neapel und seiner weiteren Umgebung etwa ein halbes Dutzend Tote gemeldet.

Das Erdbeben wurde in ganz Mittelitalien, vor allem in den Marken und den Abruzzen beobachtet, wo es jedoch keinen Schaden angerichtet hat. In Rom wurde das Erd­beben nur als leichtes Beben wahrgenommen.

150 Tote und mehrere hundert Verletzte.

Nom» 23. Juli.

Das Erdbeben hat, wie jetzt bekannt wird, eine viel größere Zahl von Opfern, als man ursprünglich annahm, gefordert. Besonders schwer heimgesucht wurde die Pro­vinz Potenz« und namentlich die Stadt M e l f i. 150 Zote und mehrere hundert Verletzte sind hier zu verzeich­nen. Aus Rapolla werden 20 Tote und 30 Verletzte, aus Nionero 11 Tote und 50 Verletzte, aus der Provinz Bene­vento 12 Tote und 40 Verletzte und aus der Provinz Fog­gia bis jetzt 3 Tote und zahlreiche Verletzte gemeldet.