Zul-aer Anzeiger
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Nr. 171 — 1930
Fulda, Donnerstag, 24. Juli
7. Jahrgang
Das tragische Ende der Rheinfeiern.
36 Todesopfer des Brückeneinsturzes bei Koblenz geborgen.
Wie der Oberpräsident der Nheinprovinz mitteilt, sind bisher 36 Tote geborgen worden. In der ersten Aufregung liefen von überall her Vermihtenanzeigen ein, die aber zum gröhten Teil später wieder zurückgezogen wurden.
Der Tod am Deutschen Eck.
Wie das Unglück in Koblenz geschah.
Noch ist der große Schmerz um die Opfer der Bergwerlskatastrophe von Neurode nicht verwunden, noch trägt das ganze Deutschland im Herzen Trauer um so viele blühende Menschenleben, die mitten aus schwerer, friedlicher Arbeit herausgerissen worden sind in Tod und Verderben, und schon erschüttert die Kunde von einem neuen entsetzlichen Massenunglück die deutschen Lande und darüber hinaus die ganze weite Welt; denn es dürfte heute, so weit die Sonne scheint, keinen Menschen aus Erden geben, den nicht tiefstes Mitgefühl erfaßte bei den grausigen Nachrichten vom Rhein, wo der Freude und dem Jubel über die Befreiung des Landes, der Begeisterung der Bevölkerung beim Erscheinen des greifen Reichspräsidenten ein jähes Ende bereitet wurde durch ein Unglück, wie man sich es furchtbarer wohl kaum ausmalen kann. Eine schwanke Brücke, auf der sich zahlreiche Menschen angesammelt hatten, um dem prächtigen Feuerwerk, das die Stadt Koblenz in der Befreiungsfriernacht abbrennen ließ, zuzuschauen, brach zusammen, und mit ihr stürzten die Menschen, die in ihrer Festesfreude alle Vorsicht außer acht gelassen hatten, in die Tiefe. Über viele von ihnen gingen die Fluten des Flusses hinweg. Für sie gibt cs kein Erwachen mehr.
„Einer störte das Fest," sagt man, wenn große Freude äutd) großes Leid abgelöst wird. Einer hat cs gestört, der unerbittliche Tod, der „den Menschen antritt", wenn der Mensch es am wenigsten erwartet. Die Befreiungsfeiern, die das gesamte Deutsche Reich mit solchem Stolze erfüllt hatten, sind plötzlich abgebrochen worden. Der Reichspräsident hat in Trauer und Schmerz auf die Fortsetzung seiner Reise, die ihm neue Triumphe und neue Huldigungen gebracht hätte, verzichtet und ist still und aufs tiefste ergriffen heimgekehrt. Eine Saite ist gerissen und die festlichen Veranstaltungen, die so harmonisch verlaufen waren, endeten mit einem schrillen Mißklang. Wir aber senken das Haupt und gedenken der Toten!
Ein Geretteter berichtet sein schauriges Erlebnis.
Einer der Verunglückten, der im letzten Augenblick von einem Schiffer vom sicheren Tode des Ertrinkens gerettet wurde, konnte am Unfallort einige Angaben machen. Der Mann machte noch etwa acht Stunden nach dem Unglück einen
vollständig verstörten Eindruck
und vermochte nur ganz unzusammenhängend über die Vorgänge der Nacht zu berichten. In Schtsjerklctdung, Die ihm von mitleidigen Schiffersleuten zur Verfügung gestellt wurde, steht der Unglückliche am Schauplatze Der Katastrophe, Da er nicht weiß, ob seine Angehörigen unter Den Todesopfern oder den Verletzten i m Krankenhaus zu suchen sind. Über den Hergang des entsetzlichen Unglücks erzählte er folgendes: „Als die letzte Rakete noch einmal die Nacht erhellt hatte und wir, über das bedeutungsvolle Ereignis des Hindenburg-Besuchs redend, uns in dichter Masse vorwärtsschoben, gelangten wir aus die U n g l ü ck s b r ü ck e." Dabei zeigte der Mann mit einem wehmütigen Blick auf die Trümmer, in denen Feuerwehrleute und Fischer mit Schleppnetzen und Staken nach weiteren Opfern suchen
„Da krachte die Brücke in allen Fugen, senkte sich und wir rutschten über Holzsplitter und Eisenteile ins Wasser. Ich werde es nie vergessen, nie in meinem Leben, wie die Menschen, die Frauen und Kinder, alle zusammen schrien. Furchtbare Schreckensrufe hallten schaurig durch tue völlige Dunkelheit. In der großen Finsternis waren mehr als hundert Menschen ins Wasser gefallen und rangen mit dem Tode. Ich konnte an der steiles Waffer fallenden Ufermauer eine Fuge fassen und mich üM Wasser halten, während um mich herum arme Menschen gurgelnd in der Tiefe versanken. Als meine Arme schon erlahmten, ergriff mich ein Schiffer und zog mich zu sich in seinen Kahn, in dem sich schon mehrere Gerettete befanden."
Ein anderer Augenzeuge berichtete, daß beim Einsturz der Brücke ein furchtbarer Schrei die Nacht durchriß. Alles, was zur Brücke hindrängte, stob darauf nach rückwärts auseinander, so daß zum Glück die Nachdrängenden nicht mehr Menschen in das Wasser hinabstietzen. An der Rettung beteiligte man sich allgemein, überall lagen am User Frauen und Kinder, an denen Wiederbelebungsversuche angestellt wurden, die auch wiederholt zu einem Erfolge führten. I m Dunkel der Nacht war das Nettungswerk außerordentlich schwierig.
Oie Rettungsarbeiien in Nacht und Grauen.
Die Feuerwehr war innerhalb acht Minuten zur Stelle, zu gleicher Zeit erschien auch ein größeres Polizeiaufgebot. Technische Rothilfe stellte sich ebenfalls zur Verfügung sowie eine große Anzahl von Schiffern, die in ihren Kähnen und Motorbooten an die Unsallstelle eilten. Zunächst wurden etwa fünfzig Menschen, Die mit dem Tode rangen, gerettet. Die Böschungen an beiden Ufern sind nämlich steil, so daß diejenigen, die sich durch Schivtmmen retten konnten, ebenfalls in höchster Gefahr waren. Nach Rettung der im Wasser treibenden Menschen wurde sofort mit der
Suche nach den Opfern begonnen. Die Wasserliefe beträgt an dieser Stelle etwa sieben bis acht Meter. Bei den Verunglückten handelt es sich vor- wiegend um junge Mädchen im Alter von 16 bis 20 Jahren und um Frauen. Vereinzelt sind auch K i n d e r und erwachkeye Männer unter den Todesopfern. Von den
Leichen, die bisher geborgen worden sind, hielt sich ein Teil fest umklammert und konnte
nur mit Mühe voneinander getrennt
werden. Die Leichen, die zuerst auf den grünen Uferrasen gebettet worden waren, wurden beim Morgengrauen nach der Falkenstein-Kaserne gebracht. Nach den bisherigen Feststellungen sind etwa 25 Personen bei dem Brückeneinsturz verletzt worden, davon mußten sechs mit Schädel-, Knochen- und Beinbrüchen ins Krankenhaus geschafft werden. Von der
Hindenburg aus dem Ehrenbreitstein, von wo der Blick auf die Unglücksstelle am Einfluß der Mosel in den Rhein (auf der Abbildung durch einen Pfeil bezeichnet) geht.
Tiefe Trauer im Rheinland.
Hindenburg bei der Trauerfeier.
. In Koblenz fand im Rathaus eine erhebende Trauerseier statt, an der der Reichspräsident, die anwesenden Reichs- und Staatsminister und die Spitzen der Behörden teilnahmen. Oberbürgermeister Dr. Russell sprach im Namen der Stadtverordnetenversammlung den schwergeprüften Familien das Beileid aus.
Sofort nach den Worten des Oberbürgermeisters er»,, hob sich der Reichspräsident. Auch die Versammlung erhebt sich von den Sitzen und hört stehend an, wie der greife Herr, sichtlich bis ins tiefste bewegt, feine Teilnahme der Stadt und den Hinterbliebenen zum Ausdruck bringt. „Mit tiefer Bewegung," sagte Hindenburg, „stehe ich als Ihr Ehrenbürger heute in Ihrer Mitte, um mein innigstes Mitgefühl auszusprechen für das große Unglück, das in so jäher Weise die gestrige Festesfreude abgeschlossen hat. Ich gedenke mit Wehmut der Verstorbenen und mit war- mer Teilnahme ihrer Hinterbliebenen. Wo etwa materielle Sorge vorliegt, werde ich selbstredend nach besten Kräften auch meinerseits zu helfen suchen. Ich habe gestern Freude mit Ihnen geteilt, heute teile ich ebenso warm den tiefen Schmerz, der Sie und andere Städte und Landesteile so jäh getroffen hat. Gott tröste die armen trauernden Hinterbliebenen in ihrem Leid und er segne die treuen Entschlafenen."
Nach der Trauerfeier verließ der Reichspräsident tief erschüttert Koblenz und kehrte nach Berlin zurück. Die geplante Reise nach Trier und Aachen soll im Herbst nach- geholt werden.
Trauerwimpel statt Festfahnen.
Koblenz, das aus Anlaß des Hindenburg-Besuches in Jubel und Begeisterung entflammt war, ist mit Schmerz und Trauer erfülln Aller Schmuck ist von den Häusern abgenommen und die Fahnen eingezogen oder aus halbmast gesetzt worden. In Der Stadt Trier war in den ersten Morgenstunden bereits die gesamte Bürgerschaft auf den Beinen. Erschüttert nahmen Die Tausende die Nachricht von dem furchtbaren Unglück in Koblenz und der aus diesem Grunde erfolgten Absage des Reichspräsidenten auf. Auch die in Sonderzügen aus dem ganzen Trierer Land eintreffenden Leute nahmen den tragischen Abschluß der Rheinlandbefreiungsfahrt Hindenburgs mit tiefem Bedauern auf. In Trier, das sich bereits zuni festlichen Empfang des Reichsoberhauptes geschmückt hatte, wurden sämtliche Fahnen an den Privathäusern eingezogen, die Flaggen auf den öffentlichen Gebäuden
wehten halbmast.
Die gleiche Enttäuschung und Erschütterung unter der Be- völkerung herrscht auch in Aachen, das ebenfalls alle Vorbereitungen zum würdigen Empfang des Reichspräsidenten getroffen hatte. , , ....... .
Sofort nach Bekanntwerdcn des furchtvaren Unglücks in Koblenz haben die öffentlichen Gebäude in Berlin ihre Flaggen auf halbmast gesetzt.
Sanitätskolonne und der Feuerwehr wurden an 30 Personen mit Erfolg Wiederbelebungsversuche durchgeführt. An der Unfallstelle spielten sich
herzzerreißende Szenen
ab, da zahlreiche Einwohner des Vorortes Lützel nach Ver- mißten suchten und ihre Angehörigen als Todesopfer wteder- erkannten, die in langer Reihe am Rheinuser gebettet lagen. In der Nacht weilten der Oberbürgermeister von Koblenz und der O b e r p r ä s i d e n t der Rheinprovinz an der Unglücksstätte. Am Morgen erschien Ministerpräsident! Braun an der Unglücksstelle, um sich von dem Fortgang bet1 Bergungsarbeiten zu überzeugen.
Oie Llnglücksbrücke.
Bei der eingestürzten Brücke handelt es sich um eine solche, Die über eine etwa 25 Meter breite Hafeneinfahrt von der Mosel in den sogenannten Floßsicherheitshasen führt. Als die Festbeleuchtung gegen 11 Uhr zu Ende war, strömte eine mehrere tausend Köpfe zählende Menschenmenge von dem dem Deutschen Eck gegenüberliegenden Ufer auf diese Brücke zu, die
dem Massenandrang jedoch nicht gewachsen
war. Die Brücke ruhte auf zwei Pontons, auf denen je zwei Pfeiler angebracht waren, über die sich der Bohlenbelag von einem Ufer zum anderen erstreckte. Dadurch, daß die Brücke eine einseitige Belastung erfuhr, senkte sie sich nach Westen; als der Menschenandrang sich noch mehr verstärkte, tmrzte Die Brücke vollends um. Schätzungsweise sind 120 bis 150 Menschen ins Wasser gefallen. Die Brücke, die abseits des Hauptverkehrs lag, hatte
keine Beleuchtung aufzuweisen, so daß allgemein Verwirrung und entsetzliche Panik entstand. Die Hilfeschreie waren weithin in der Nacht zu hören und wurden selbst auf dem gegcnüberltegendeu Ufer des Rheins und der Mosel vernommen.
Bei den Toten von Koblenz.
Ein erschütternder Blick in die Totenkammer.
' Viele Koblenzer pilgerten über die alte Moselbrücke hinüber zum Vorort Lützel, um zu der Unglücksstelle am Sicherheitshafen zu kommen.
In der Turnhalle der Telegraphenkaserne liegen die Opfer alle in langer Reihe, Männer, Frauen, Mädchen, Mütter und in der Mitte sechs Kinder. Draußen werden die Särge angesahren und drinnen weint und fleht eine junge Frau, die ihren kleinen sechsjährigen Jungen zum Vater mitnehmen will. Sie ist i« Amerika verheiratet und wollte den Jungen, der in Koblenz bei den Großeltern gewesen war, wieder zu sich nehmen. Er war mit seinem Großvater zum Feuerwerk gegangen und beide fanden den Tod. Mit leeren Händen kehrt nun die Mutter zum Gatten zurück.
Ein großer kräftiger Mann liegt in der Reihe. Er hat sich noch selbst am Rettungswerk beteiligt. Eine junge Diakonissin liegt neben einer ihrer Schülerinnen und weiter unten in der Reihe eine barmherzige Schwester. Nebeneinander kommen die Angehörigen und Verwandten der Koblenzer Toten in die Halle, um ihre Lieben zum letzten Male zu sehen. Der Bischof von Trier, Dr. Borue- wasser, hat mitgeteilt, daß er voraussichtlich selbst die Einsegnung vornehmen wird.
Hindenburg Hilst.
Der Reichspräsident hat zur Linderung der ersten Not sofort 10 000 Mark zur Verfügung gestellt. Der Reichskanzler hat zugleich im Namen der Reichs- regierung der Stadt Koblenz die aufrichtigste Anteilnahme ausgedrückt. Ebenso hat der preußische M i n i st erst r ä s i d e n t sein und der preußischen Staatsregierung herzlichstes Mitgefühl ausgesprochen.
Oie Untersuchung der Schuldfrage.
Reichsvcrkehrsminister von Guèrard hat aus Anlaß des Brückeneinstnrzes in Koblenz einen Kommissar zur Untersuchung dorthin entsandt. — Am Tage der Beisetzung der Opfer setzen die Reichsbehörden in Preußen hie Flaggen auf halbmast.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Bisher sind 36 Todesopfer des Brückeneinsturzes bei Koblenz geborgen worden.
* Das schwere Erdbeben in Italien hat nach den neuesten Meldungen etwa tausend Menschen das Leben gekostet.
* Die diesjährigen Manöver der Reichswehr finden Mitte September in Obersranken und in Thüringen statt.
* Der seinerzeit von den Deutschen versenkte deutsche Schlachtkreuzer „Hindenburg" wurde in Scapa Flow gehoben.