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Zul-aer Anzeiger

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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zulöa- unö Haunetal *Zulöaer Kreisblatt

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Nr. 172 1930

Fulda, Freitag, 25. Juli

Jahrgang

Tausende unter Trümmern

Schreckliche Folgen des italienischen Erdbebens.

' Immer neue Hiobsbotschaften.

Weit größer, als man anfänglich angenommen hatte, ist die Zahl der Todesopfer im italienischen Erdbeben- gebiet und jede Stunde fast bringt neue Unglücks­meldungen. Noch immer läßt sich nicht genau angeben, wieviel Menschenleben die furchtbare Katastrophe ver­nichtet hat, aber es steht bereits fest, daß es mindestens fast 2000 sind. Die vom italienischen Innenministerium veröffentlichte amtliche Totenliste weist 1778 Namen aus, aber private Meldungen versichern, daß die Zahl der Opfer größer und nicht allzu weit von 3000 entfernt sei. Die Zahl der Verwundeten wird amtlich mit 4264 an­gegeben.

In Lacedonia sind die alten Teile der Stadt völlig eingestürzt; nur etwa 50 Häuser blieben verschont. Noch schlimmer ist die Lage in Aquilonia und Villanova, wo kein einziges Haus mehr ohne Lebensgefahr betreten werden kann. In diesen Gemeinden gibt es

keine Familie, die nicht irgendwie betroffen wäre.

In Aquilonia ist u. a. ein junger Akademiker, der nach Hänse gekommen war, um sein bestandenes Doktorexamen zu feiern, mit Vater, Mutter und Tante umgekommen. In der gleichen Stadt hat ein Arzt drei Kinder verloren. Eine Frau, die bereits aus den Trümmern geborgen war, wurde von einem nachstürzendcn Stein erschlagen. Von Melfi sind überhaupt nur der neuere Teil der Stadt und der Bahnhof stehengeblieben. Völlig zerstört wurde

die alte Hohenstaufenburg,

die in der Nähe der Stadt lag. In der Provinz Foggia sind in zahlreichen Gemeinden Häuser und Kirchen ein­gestürzt. Am meisten betroffen sind die Städte an der Grenze der Provinz Avellino So hat AoqLin.ZL Tote und etwa 500 Verwundete, darunter 100 Schwerver- wnndete, zu verzeichnen. Etwa 100 Häuser sind ein­gestürzt. In Cava de Tirreni ist das Franziskaner- kloster eingestürzt. Aus Neapel sind alle verfügbaren Feuerwehrleute und Rettungskommandos in das Haupt- erdbebengebiet entsandt worden.

Das Beileid des Reichspräsidenten.

Reichspräsident von Hindenburg hat dem König von Italien telegraphisch seine und des deutschen Volkes herz­liche Anteilnahme anläßlich der Erdbebenkatastrophe zum Ausdruck gebracht.

Gebete zum heiligen Januarius.

Die Bestattung der Neapeler Opfer erfolgte aus Kosten der Stadt. Vor der Kathedrale der Stadt ver­anstaltete die Bevölkerung eine lebhafte Kundgebung und verlangte die Ausstellung der silbernen Büste des heiligen Januarius, des Schutzheiligen von Neapel. Aus Ver­anlassung des Erzbischofs wurde diesem Wunsche statt- gegeben. Darauf versammelte sich die Bevölkerung vor der Kathedrale und flehte den Schutzheiligen um Ver­hütung neuen Unglücks an. Die Kathedrale ist jeden Tag von Betenden überfüllt.

Erkundungsflugzeuge über dem Erdbebengebiet.

Gemäß den Vorschriften für Naturkatastrophen hat das italienische Luftfahrtministerium das betroffene Ge­biet von Erkundungsflugzeugen überfliegen und photo­graphische Aufnahmen anfertigen lassen. Nach den Be­richten der Flugzeugführer haben im Mittelpunkte des Erdbebengebietes zahlreiche Ortschaften das Erdbeben ver­hältnismäßig gut überstanden. Die Straßen sind über- süllt von Autokolonnen und Verwundetentransporten. An den Kreuzungspunkten kampiert die obdachlose Be- bölkerung

stumm vor Schmerz oder laut jammernd.

Die Kinder, die von der Schwere des Unglücks, das ihre Heimat betroffen hat, noch keine richtige Vorstellung haben, weinen in dem allgemeinen Durcheinander bitter­lich und flehen um Hilfe. Stellenweise sieht man Leute wie wahnsinnig an den eingestürzten Häusern graben in der Hoffnung, die Bergungsarbeiten beschleunigen zu können. Ein aus Villanova gebürtiger Ingenieur, der mit einem Hilfszug eintraf, um bei den Bergungsarbeiten zu helfen, fand unter den Trümmern seines elterlichen Hauses seine tote Mutter. Eine herzzerreißende Szene spielte sich ab, weil man dem Ingenieur kurz zuvor versichert hatte, daß seine Mutter bereits vor dem Erdbeben das Haus verlassen hätte.

Aus den umliegenden Provinzen werden immer neue Hilfskolonnen in das Erdbebengebiet entsandt, die mit Wasser, Lebensmitteln und Radiostationen ausgerüstet sind. Mussolini läßt sich dauernd über die Fort­schritte der Bergungsarbeiten auf dem laufenden halten.

Hilfe für das Cröbebengebiet.

/ 3188 Häuser eingestürzt.

* Das italienische Erdbebengebict ist unter vier Zonen­lommandanten ausgeteilt worden, die dem Ministerium für öffentliche Arbeiten unterstellt sind. Wie nunmehr feststeht, beträgt die Zahl der vollständig eingestürztcu Häuser 3188, während 2757 Häuser Beschädigungen er­litten haben. Mussolini hat an die Präfekten ein Rundschreiben gerichtet, in dem er private Sammlungen für die Erdbebengeschädigten verbietet. Dafür wird der

Mlntsterrat demnächst alle notwendigen Hilfsmaßnahmen beraten. Der König ist in das Erdbebengebiet abgereist. Der Papst hat der schwergeprüften Bevölkerung seinen apostolischen Segen übermitteln lassen.

Der Leiter des Florenzer Observatoriums erklärte, daß es voraussichtlich noch geraume Zeit dauern werde, bis im Erdbebengebiet völlige Ruhe eintritt, da der Um-

Die Hohenstaufenburg bei Melfi, die bei dem Erdbeben vollkommen zerstört wurde.

fang des von den tektonischen Vorgängen betroffenen Ge­bietes sehr groß sei. Die Erdstöße könnten sich innerhalb eines Monats wiederholen, würden aber jedenfalls schwächer sein, da der erste Stoß erfahrungsgemäß fast immer der heftigste sei.

Aus Salerno wird entgegen anderslautenden Nach­richten gemeldet, daß der bekannte Salerner Dom nicht eingestürzt ist.

40 Opfer des Brückeneinsturzes

Erfolgreiche Taucherarbeit in Koblenz.

Die Unglücksbrücke in a r nicht abgesperrt.,

Die Strombauverwaltung hatte bei einer Firma für Schiffshebe-, Taucher- und Sprengarbeiten in Köln Tau­cher für die weitere Suche nach Verunglückten angefordert. Ein Taucher ging daraufhin in dem Eingang zum Sicherheitshafen von der Unsallstelle aus eine Strecke von etwa 70 Metern bafeneinwärts ab.

Nachdem die Arbeiten des Tauchers an der Unglücks­stelle anfänglich ergebnislos waren und zunächst nur einige Kleidungsstücke gefunden wurden, gelang es im Laufe des gestrigen Tages noch, zwei weibliche Leichen zu bergen. Ver-

Die Unglücksstelle bei Koblenz, an der Arbeiten zur Hebung der gesunkenen Brücke im Gange sind.

mißtenanzeigen sind ans allen Teilen des Reiches in Koblenz eingelaufen. Es handelt sich dabei um Per­sonen, von denen man annahm, daß sie sich an dem Un­glückstage in Koblenz befunden haben. Die Zahl der Vermißtenmeldungen beträgt zurzeit 18. Besonders ge­sucht wird ein Einwohner aus Aschaffenburg namens Galland. Er hatte sich unter Zurücklassung seines Ruck­sackes aus dem Gasthause entfernt, um der Beleuchtung beizuwohnen. Zwei Vermißtenmeldungen sind als ernst­haft anzusehen, so daß die Zahl der Toten insgesamt 40 betragen dürfte.

Nicht richtig ist die Meldung, daß der eingestürzte" haben der Mansfeld A.-G. eine Subvention Brückensteg zur Zeit der Katastrophe durch eine Kette ab- ,""" ""° s,.nk"U-^<»»« gesperrt und daß außerdem das Betreten des Steges ver­boten gewesen sei. Der Steg befand sich auf dem Gelände des Wasserbauamtes. Die Erlaubnis zum Betreten und zur Benutzung des Steges leitete sich aus der ständigen Gewohnheit her. Das Betreten war nicht ausdrücklich durch Warnungs- oder Verbotstafeln untersagt. Der Steg wurde täglich von Arbeitern einer Schiffsreparatur­werst auf dem Wege zur und von der Arbeit und von Badegästen und Spaziergängern benutzt.

Vom Schauplatz des Erdbebens.

Die Berichte der Morgenblätter in Rom aus dem Erd­bebengebiet geben ein anschauliches Bild von der eingelei­teten Hilfsaktion, für die die einzelnen Heeresverbände mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln und Menschen­kräften herangezogen worden sind. Nicht weniger als 60 000 lleberlebende müssen im Hauptbebengebiet unter­stützt, verbunden, verpflegt und mit Nahrungsmitteln ver­sorgt werden. Militärambulanzen und Hilfsspitäler wur­den eingerichtet, Medikamente aller Art in großen Men­gen herbeigeschafft.

Den traurigsten Anblick bietet Melfi,

das ganz wie eine völlig zerschossene Stadt hinter einer Kampffront aussieht. Bis jetzt sind 150 Leichen im Dom von Melfi eingesegnet und zur Bestattung freigegeben wor­den. Da der Friedhof von Melfi die Toten nicht fasten kann, mußte ein Zug mit der traurigen Last von 200 Toten nach Potenza geleitet werden. Man fürchtet, daß aus den Trümmern, besonders in den bis jetzt nur schwer zugänglichen Dörfern, noch eine erhebliche Anzahl von weiteren Opfern geborgen werden müssen. Aus allen Ge­meinden wird gemeldet, das die Häuser, soweit sie dem Erdbeben nicht sofort zum Opfer gefallen sind, vielfach von Einsturzgefahr bedroht und damit unbewohnbar sind. Auffallend viele Kirchen mußten wegen Einsturzgefahr ge­schlossen werden. In Neapel hat gestern unter starker Be­teiligung der Bevölkerung und der Behörden die Beerdi­gung der vier Erdbebenopfer Neapels stattgefunden.

Der Krakatau in Tätigkeit.

Lavafontänen bis zu 1000 Metern Höhe.

Die Ausbrüche des Krakatau, des größten Vulkans in Niederländisch-Jndien, haben plötzlich einen höchst ge­fährlichen Charakter angenommen. An einem einzigen Tage wurden 880 Eruptionen vermerkt, die unter donner- artigem Getöse erfolgten. Der Vulkan speit Feuer und glühende Lavamafsen aus, die teilweise eine Höhe von tausend Metern erreichten.

Oie Hilfe der NeichSregierung.

Die Reichsregicrung hat dem Oberbürgermeister von Koblenz 20 000 Mark zur Unterstützung der Hinter­bliebenen der Einsturzkatastrophe überwiesen.

Der Apostolische Nuntius, der brasilianische und der polnische Gesandte sowie die Geschäftsträger Sowjetruß­lands, Dänemarks und Norwegens haben im Aus­wärtigen Amt in Berlin vorgesprochen und das Beileid ihrer Regierungen zum Unglück in Koblenz ausgesprochen. Ferner sind beim Reichspräsidenten Beileidstelegramme des österreichischen Bundespräsidenten und des Reichs­verwesers von Ungarn eingetroffen.

Feierliche Trauergottesdienste. 5

Der Bischof von Trier, Dr. Bornewasser, hat an den Dechanten Rademaker in Koblenz folgendes Telegramm gerichtet:In tiefem Schmerz und mit innigster Anteil­nahme höre ich von dem großen Leid, das zahlreiche Familien der Stadt Koblenz betroffen hat. Ich bitte, auf den Kanzeln meinem teilnehmenden Schmerz Ausdruck zu geben, und wäre Ihnen dankbar, wenn in allen Pfarr­kirchen der Stadt ein feierliches Totenamt für die Ver­unglückten gehalten würde."

Die Beerdigung der Opfer der furchtbaren Katastrophe findet Sonnabend nachmittag statt. In Preußen sollen am Becrdigungstagc auf allen öffentlichen Gebäuden und aus allen Schulgebäuden die Flaggen halbmast gehißt werden.

Weitere Hilfs« und Beileidsbezeugungen.

Der preußische Finanzminister hat namens der preu­ßischen Staatsregierung der Stadtverwaltung in Koblenz einen Betrag von 20 000 Mark zur Milderung der Not der von dem Brückenunglück Betroffenen bzw. deren Hinter­bliebenen durch den Regierungspräsidenten in Koblenz überweisen lassen.

Der sächsische Ministerpräsident Schieck hat dem preu­ßischen Ministerpräsidenten zu dem tragischen Unglück in Koblenz das herzliche Beileid der sächsischen Regierung ausgesprochen.

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Die Reichsregierung spendete für die Hinterbliebenen der Opfer der Koblenzer Katastrophe 20 000 Mark.

* Die Reichsregicrung und die preußische Staatsregierung haben der Mansfeld A.-G. eine Subvention zur Aufrechterhal- . tung des Kupferbergbaus bewilligt. Der Streik der Beleg­schaft ist beendet.

* Der Präsident des Norddeutschen Lloyds, Heineken, ist bei einem Autounfall lebensgefährlich verletzt worden.

* Amtlich wird aus Italien gemeldet, daß bei der Erd­beerenkatastrophe in Süditalicn 1778 Personen den Tod ge­funden haben und 4 264 verletzt worden sind.

* Die Arbcitsmarktlagc hat eine weitere Verschlechterung erfahren. Rund 2 770 000 Arbeitsuchende wurden am 15. gezählt.