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Zul-aer Anzeiger

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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zulöa- und Haunetal ^Zulöaer Kreisblatt

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Nr. 173 1930

Fulda, Samstag, 26. Juli

Jahrgang

Neue Schreckensbotschaften aus Italien.

Ein verheerender Wirbelsturm fordert neue Opfer.

3000 Tote im italienischen Lrdbebengebiet.

Der verheerende Wirbelsturm in Norditalien.

Die letzten Meldungen aus dem italienischen Erd- bebengebiet lassen daraus schließen, daß die Zahl der Toten sich auf ungefähr 3000 beläuft. Es ist aber immer noch nicht zu übersehen, ob es bei dieser Zahl bleiben wird^ solange die Trümmer nicht aufgeräumt sind und nicht" sestgestellt worden ist, wie viele Menschen unter den einge­stürzten Häusern begraben sind. In den Krankenhäusern ist inzwischen eine Reihe von Verletzten gestorben.

Am schwersten betroffen wurde ein Gebiet von 180 Quadratkilometern in der Provinz A v e l l i n 0 , das verhältnismäßig dicht bevölkert war, da es sich um eine landwirtschaftlich fruchtbare Gegend handelt. Fast alle Berichte stimmen darin überein, daß die Landbevölkerung besonders gelitten hat, da die leicht gebauten Bauern­häuser den heftigen Stößen weniger Widerstand boten. Auch in den Städten dieses Haupterdbebengebietes und in den angrenzenden Teilen der P r 0 v i n z e n F 0 g g i a und Potenz« sind die Bergungsarbeiten noch lange nicht zu Ende. Aus A q u i l 0 n i a wird zum Beispiel berichtet, daß

zwei Drittel der Bevölkerung, die 4000 Seelen zählte, von den Trümmern begraben wurden. Die Bergungsarbeiten sind äußerst schwierig, besonders dort, wo die Häuser nur noch einen Haufen von Schutt und Holzsplittern darstellen.

Traurige Szenen spielen sich ab. Da sieht man einen Mann und eine Frau die Leichen zweier Kinder auf einer notdürftig gezimmerten Bahre wegtragen: sie haben ihre Kinder selbst ausgegraben. Weiter abseits hat ein jüngerer Mann ebenfalls ohne fremde Hilfe die Leichen seiner beiden Schwestern unter dem Durcheinander von Balken hervorgezogen. Ein Teil des jetzt am schwersten be­troffenen Gebietes wurde schon im Juni 1910 von einem Erdbeben heimgesucht.

Schwierige Bergungsarbeiten.

Ein neuer amtlicher Bericht aus Rom gibt die bisher sestgestellte Zahl der Toten mit 1883 an, fügt aber hinzu, daß weitere Veränderungen möglich seien. Der Unter­staatssekretär des Ministeriums für öffentliche Arbeiten, der das Bergungswerk leitet, hat sämtliche Präfekten der betroffenen Gebiete zu einer Sitzung einberufen und ihnen die notwendigsten Richtlinien für die einheitliche Fort­setzung der Bergungsarbeiten erteilt, wobei er großes Gewicht auf die Wiederherstellung der Telephon- und Te­legraphenlinien und der Beleuchtungsanlagen legt. Der Ministerrat ist für Dienstag einberufen, um über die not­wendigen Hilfsmaßnahmen zu beschließen.

Der neue Erdstoß, der in Ariano verspürt wurde, ver­ursachte den Einsturz eines Hauses. Eine alte Frau wurde dabei erschlagen. Die an sich schon nervöse Bevölkerung wurde von neuem von der Panik ergriffen und flüchtete ins Freie.

Das traurigste Schauspiel bieten Lacedonia und Aquilona. Die Bergungsarbeiten schreiten dort trotz aller Anstrengungen nur langsam fort. Es müssen noch zahlreiche Leichen geborgen werden. In Lacedonia wurden bisher 300, in Aquilona 400 Tote geborgen. Zur Beschleunigung der Arbeiten wird Militär- verstärkung erwartet. In Melfi gelang es nach fast dreitägiger Arbeit, ein junges Mädchen aus den Trümmern zu bergen, doch stürzte gleich darauf die letzte Mauer des Hauses ein und tötete die Gerettete. Unter der Bevölkerung von Melfi tritt allmählich wieder Ruhe ein. Der königliche Zug war bereits 'n den Morgenstunden in Rocchetta cingetrosfen, wo sich die tetbefe^)^ëftelk für das gesamte Rettungswerk befindet. Der z hat sich ohne längeren Aufenthalt in die am meisten be­troffenen Gebiete begeben.

Ueberfüllte Krankenhäuser.

Wiederherstellung des Eisenbahnverkehrs.

Die Krankenhäuser in der Umgebung des Erd­bebengebietes beginnen sich mit Verletzten zu füllen. Der .^ugverkehr ist noch sehr erschwert, da einige Bahnstrecken véftört und mehrere Brücken beschädigt worden stnd Der Personenverkehr wird jedoch nach Möglichkeit aufrccht- erhalten. Man versucht, den Zustrom von Unberufenen in das Erdbebengebiet zu verhindern. Dennoch streben zahlreiche Personen in ihre Heimatorte, um nach ihren Angehörigen zu forschen.

Bisher sind auf dem Ortsfriedhof in Melfl zwanzig Opfer beigesetzt worden.

Beileid der Neichsregierung.

Aus Anlaß des Erdbebenunglücks in Süditalien hat Neichsaußenministcr Dr. Curtius,an den ltallenischen Bo ­schafter ein Beileidsschreiben gerichtet, in dem er dieckm teilnahme der Reichsregierung an dem schweren Unglmt herzlichst zum Ausdruck bringt.

Der Gebäudeschaden im Erdbebengebiet.

Die Baupolizei von Neapel hat 300 Wohnungen wegen Einsturzgefahr räumen lassen. Den betroffenen Familien wurden anderweitig Wohmingen zugewiesen. Stele Kir­chen in Neapel sind von der Baupolizei ebenfalls wegen

Einsturzgefahr gesperrt worden. Die Nachrichten aus Neapel, das vom eigentlichen Erdbebenherd ziemlich weit abliegt, und wo verhältnismäßig geringer Schaden ange­richtet worden ist, zeigen, wie hoch der Eebäudeschaden im eigentlichen Erdbebengebiet fein muß. Eine aus Potenz« gemeldete Statistik ergibt, daß in einer im Erdbebengebiet selbst liegenden Gemeinde von 14 000 Einwohnern, die den verhältnismäßig geringen Verlust von 22 Toten und

Zerstörtes Haus in Neapel.

Zwei Tote und fünf Schwerverletzte wurden aus den Trümmern geborgen.

2M Verwundeten, hat, rpett ihre zum großen Teil land­wirtschaftliche Einwohnerschaft während der Ernte auch nachts auf den Feldern bleibt, 100 Häuser eingestürzt, 600 von Einsturzgefahr bedroht und 2 000 mehr oder minder beschädigt sind. Dem Einsturz nahe sind in dieser Ge­meinde fast alle Kirchen und das Rathaus.

Dank des Königs von Italien an Hindenburg.

Der König von Italien hat an den Reichspräsidenten auf dessen Beileidstelegramm anläßlich der Erdbeben­katastrophe folgendermaßen geantwortet:

Ich danke Eurer Exzellenz aufrichtig für die Teil­nahme, die Sie mir zugleich im Namen des deutschen Volkes ausgesprochen haben. Gleichzeitig bitte ich Sie, den Ausdruck meines schmerzerfüllten Mitgefühls für die Opfer des traurigen Ereignisses entgegenzunehmen, das unlängst Ihre Reise so verhängnisvoll getroffen hat. Viktor Emanuel."

Hindenburgs vank an das Rheinland.

Treue zu Staat und Reich".

Wie der rheinische Qberpräsident bekanntgibt, hat Reichspräsident von Hindenburg anläßlich der Be­endigung seiner Reise durch das besetzt gewesene rheinische Gebiet folgendes Schreiben an den Oberpräsidenten der Rheinprovinz, Dr. Fuchs, gerichtet:

Wieder nach Berlin zurückgekehrt, möchte ich Ihnen persönlich und den Ihnen unterstellten preußischen Be­hörden von ganzem Herzen danken für die große Mühe­waltung, der Sie sich aus Anlaß der Befreiungsseier und meiner Anwesenheit in der Rheinprovinz unterzogen haben. Gleichzeitig bitte ich Sie, der Bevölkerung der Rheinprovinz, die mich allenthalben so herzlich begrüßt hat, meinen aufrichtigen Dank für alle Zeichen freundlicher Gesinnung mitteilen zu wollen. Die festlichen Tage haben leider einen erschütternden Abschluß gefunden. Aber den­noch möchte ich nicht unterlassen, allen denen, die ihre Treue zu Staat und Reich in so freundlicher Weise be­kundeten und mich so herzlich begrüßt haben, zu sagen, wie mich das alles erfreut und meinem alten Herzen wohlge- tan hat."

Das Koblenzer Ltnglück.

Kundgebung des Reichspräsidenten.

Vom Reichspräsidenten von HinVSüburg ist beim Oberbürgermeister von Koblenz, Dr. Russell, folgendes Schreiben eingegangen: m r

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister! Noch stehe ich unter dem Eindruck des großen Unglücks, das die Stadt und die Bevölkerung bon Koblenz betroffen und die erhebende Rheinlandbefreiungsfeier so schmerzlich ab­geschlossen hat. Dennoch drängt es mich, Ihnen selbst, der Stadt Koblenz und allen Bürgern und Bürgerinnen zu danken für die so zahlreiMi Zeichen freundlicher Ge­sinnung, die ich während meiner Anwesenheit tn Koblenz überall fand und die mich hoch erfreut haben. Mögen die schweren Wolken, die über Koblenz wandern, bald wieder besseren Tagen Platz machen uitb mögen Ihrer Stadt und allen, die darin leben, bald wieder glücklichere Zeiten be- schieden sein. Mit diesem Wunsche und mit freundlichen

Der König im Erdbebengebiet.

Der König von Italien hat das Erdbebengebiet be­sucht. Die Fahrt ging durch die Gegend von Lacedonia, Aquilonia und Bisiaccia. Der König suchte in den einzel­nen Orten die Hospitäler auf, sprach den Verletzten Mut zu und tröstete die Hinterbliebenen. Die Bevölkerung be­reitete ihm einen herzlichen Empfang.

Beileid der Neichsregierung.

Aus Anlaß des Erdbebenunglücks in Süditalien hat Reichsaußenminister Dr. Curtius an den italienischen Bot­schafter ein Beileidsschreiben gerichtet, in dem er die An­teilnahme der Reichsregierung an dem schweren Unglück herzlichst zum Ausdruck bringt.

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Erdstöße in Bulgarien.

Nachts wurde das bulgarische Erdbebengebiet durch eine Anzahl von Erdstößen erschüttert. Sechs Häuser wurden beschädigt. Die Erdbebenstöße waren im Zentrum des alten Erdbebengebiets Orschaff Skobelwo am stärksten.

Furchtbarer Wirbelsturm im nördlichen Italien.

über die verheerenden Folgen des Wirbelsturmes treffen aus Norditalien Meldungen ein, nach denen zwischen Montebelluna und Nervosa eine Reihe von Dör­fern schwer mitgenommen wurde. Einige von ihnen, die erst nach dem Kriege wiederaufgebaut morden waren, sind in Trümmerhaufen verwandelt.

Jahrhunderte alte Platanen wurden von dem Wirbel­sturm entwurzelt, Telegraphenstangen wie Strohhalme umgeknickt, Häuser abgedeckt und umgeworfen. Unter der Bevölkerung verbreitete sich eine immer steigende Panik. Besonders gelitten haben die Vorstädte von Nervosa, wo 40 Holzhäuser, die noch vom Kriege übriggeblieben waren, vollständig dem Erdboden gleichgemacht wurden. Eine Seidenspinnerei wurde völlig abgedeckt, die Maschinen wurden vom Wirbelsturm im Nu zum Stillstand gebracht. Im ganzen werden bisher 22 Tote und l 0 0 Ver - letzte gemeldet. Etwa 200 Häuser sind zerstört.

Aus dem Dolomitengebiet werden ebenfalls schwere Stürme gemeldet, die von heftigen Hagelschlägen und Schneefällen gefolgt waren. Die Gebirgsflüsse führen alle Hochwasser, und es besteht Überschwemmungsgefahr. Auch die Etsch ist bedenklich gestiegen.

Grüßen bin ich Ihr ergebener gez. von Hindenburg, Ehrenbürger der Stadt Koblenz."

Zu der Katastrophe sind bei der preußischen Staatsregie, rung von folgenden Stellen Beileidstelegramme eingegangen: Staatspräsident Dr. Schmitt - Karlsruhe, Ministerpräsident Dr. Held-München, Bürgermeister Roß-Hamburg, Minister­präsident Dr. Schieck-Dresden, Koßmann, Mitglied der Regic- rungskommission des Saargebietes, Saarbrücken. Der preußische Ministerpräsident Tr Braun hat namens der preußischen Staatsregierung für diese Bekundung der Anteil­nahme an dem schweren Unglück in Koblenz herzlichen Dank ausgesprochen.

*

Die Verantwortung rot den Vriickeneinflurz

Geheime Untersuchung der Schuldfrage.

Die Bergungsarbeiten an der Unglücksstätte in Koblenz sind bisher noch nicht von einem sichtbaren Er- folg begleitet gewesen. Der Taucher, dem es gelang, zwei Leichen aufzufinden, glaubt eine weitere weibliche Leiche im Wasser treibend gesehen zu haben.

Die Brückenteile sind nun endgültig gehoben und werden einer eingehenden Untersuchung unterzogen. Die Untersuchung, die vorläufig streng geheim und unter Ausschluß der Öffentlichkeit geführt wird, erstreckt sich weniger aus die Feststellung der Schuldfrage, als ins- besondere darauf, ob durch Konstruktionsfehler oder durch andere Mängel an der Brücke das Unglück verursacht werden konnte.

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Der Reichspräsident erließ auf Grund des Artikels 48 der Verfassung eine Notverordnung gegen unbefugtes Waffentra­gen, die Gefängnisstrafen bei Verstößen androht.

* Die letzten Meldungen aus dem italienischen Erdbeben- gebiet lassen darauf schließen, daß die Zahl der Toten sich auf ungefähr 3 000 beläuft.

* Norditalien wurde von einem Wirbelsturm heimgesucht Bisher wurden über 20 Tote und 100 Verletzte gemeldet.

* 3« der Nacht wurde in Kowno der ehemalige litauische Ministerpräsident Woldemaras verhaftet und an einen Ver­bannungsort abgeführt.