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Zul-aer Anzeiger

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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg

Zulöa- und Haunetal * Zulöaer Kreisblatt

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Nr. 176 1930

Fulda, Mittwoch, 30. Juli

7. Jahrgang

Zentrum und Sozialdemokratie.

Zentrumstagung in Berlin.

Beratung organisatorischer Fragen.

Unter dem Vorsitz des Abgeordneten Dr. Kaas traten in Berlin die Funktionäre der Zentrumspartei, die Landesvcr- bandsvorsitzenden und Vertreter der Zentrumspreffe zu einer Atzung zusammen um organisatorische Fragen des Wahl- kampfcs zu beraten. An den Verhandlungen nahmen mehrere ZenlrumSabgeordnete des Reichstages und des Landtages teil. Auch Reichskanzler Dr. Brüning erschien in der Versammlung und hielt eine Ansprache über Sinn und Zweck des Wahl­kampfes. Die Vertreter der einzelnen Gruppen hielten Sonderberatungen ab.

*

Schwenkung des preußischen Zentrums?

Preußenkoalition gefährdet.

Nach dem Rücktritt des Kabinetts Müller von der Nèichsregierung und dem damit zufamnrenfallendeu Übergang der Sozialdemokratie in die Opposition gegen das neue Kabinett Brüning wurde von einigen Seiten entschieden die Forderung erhoben, nunmehr müßten auch die Dinge in P r e u ß e n sich ändern, wo das Zusammen­regieren von Zentrum und Sozialdemokratie ohne sichtbar werdende Störung weiterging. Nunmehr spielte sich bei einer Berliner Wahlsitzung des Parteivor­standes der Zentrumspartei ein Vorgang ab, der fast eine Trennung des Zentrums von der Gemeinschaft mit der Sozialdemokratie auch in Preußen anzukündigen scheint.

Der Erste Vorsitzende der Zentrumspartei, Prälat Kaas, streifte in einer EinleitnngSrcdc Über die politische Lage und den bevorstehenden Wahlkampf die Partcium Gruppierungen der letzten Zeit, empfahl aber zunächst Zu­rückhaltung. Abgeordneter Dr. Heß, der Führer der preußische» Zentrumsfraktivn, gab chic Erkläruu^ nd, bah ks für die Zentrumsfraktion im Preußischen Land­tag unmöglich sein würde, mit der Sozialdemokratie weiter zusammenzuarbeiten, wenn diese ihre Haltung den, Zentrum und insbesondere dem Reichskanzler gegen über nicht ändere. Wenn mit der jctrigeu Kampf- weife der Sozialdemokraten nicht Schluß gemacht werde, sei ein weiteres Zusammenarbeiten dadurch nicht möglich. Die Schuld werde auf die Sozialdemokraten allein zurück fallen.

Weiter sprach noch Reichskanzler Dr. Brüning. Er ging auf die Finanzpolitik der letzten Jahre ein und be­tonte dabei, daß die Anwendung des Artikels 48 keine dik­tatorische Maßnahme sei, sondern vielmehr ein Mittel zur Erziehung des deutschen Volkes zu staatspolitischem Denken.

Die nächste Parteivorstandssitzung ist für den 18. August vorgesehen. Auf dieser sollen dann die Kandidaten­listen, insbesondere für den Reichswahlvorschlag, auf- gestellt werden.

Der Nanadaflug des Lustriesen R. 100.

M er feine» deulsche» Angenossen Renreffen?

Der englische Luftsahrtminister hat an den Direktor der englischen Luftfahrtgesellschaft Commander Comore ein Telegramm gerichtet, in dem es heißt:Der Flug der ,R 100- ist der erste Flug, den ein Luftschiff nach einem bon den großen überseeischen Dominien errichteten 'Anker­mast ausführt. Ich hoffe zuversichtlich, daß dieser Flug den Auftakt zu einer dauernden Entwicklung aus dem Ge- diete der britischen Reichsverbindungen barfteUt *

Die Wetterberichte

lauteten außerordentlich günstig.R 100* ist mit Funk- Mangs- und Sendegerät ausgerüstet. Die Wellenlänge hält man jedoch geheim, um Störunaen durch andere eta« honen ,u Verbindern.

An Hubcrtssield bei Montreal ist von der kanadischen Legierung ein Ankermast errichtet worden. Die Mitglieder des kanadischen Kabinetts werden sich zum Empfang bei der Landung einfinden.R 100 wird ungefähr drei Wochen in Kanada bleiben und dort eine Anzahl Flüge unternehmen.

Im Wettbewerb mit demGraf Zeppelin".

. Das englische LuftschiffR 100" ist größer als das deutsche LuftschiffGraf Zeppelin'; es ist das größte Luftschiff, das bisher gebaut worden ist. Dr. Eckener hat sich über die Konstruktion dieses Luftriesen sehr lobend ausgesprochen Auf seinen vielen Probeflügen hat sich «R 100" sehr gut bewährt, wenn das Luftschiff bei seinen hingen auch wiederholt beschädigt worden ist und immer wieder ausgebesseri werben mußte. Der jetzt unter­nommene Flug nach Kanada war schon seit langem ge- plant, wurde aber immer wieder hinausgeschoben.

Standortmeldung des R. 100.

Nach einer Meldung des englischen Luftfahrtininiste- ^ums gab bQ5 Luftschiff R. 100 gestern abend 21 Uhr seine Position mit 35,40 Grad Nord und 17,30 Grad West an. ^herrscht gutes klares Wetter. Bei mäßigem nördlichem §ÄM^ ÄÄ-^ Peab an bet Küste von Ealway (Irland).

Aus der Wahlbewegung.

Ein Wahlaufruf des Hansabundes.

Der veröffentlichte Aufruf schließt mit den Worten:Nur d i e Parteien werden die Mehrheit der Wähler hinter sich ver­einigen können, die in unzweifelhafter und eindeutiger Form in diesem Wahlkampf sich zu einer Politik verpflichten, die der wesentlichen Ursache der deutschen Wirtschaftsnot: der über- steigerung der öffentlichen Ansprüche an die Wirtschaft und dem Mißverhältnis zwischen Staat und Wirtschaft, zu Leibe gehen.'

Mittel stand und Reichstagswahl.

Die Vertreter einer Reihe von mittelständischen Spitzenorganisationen waren auf Einladung des Reichs­verbandes des deutschen Handwerks zu einer Aussprache wegen der bevorstehenden Reichstagswahlen zusammen­gekommen. Übereinstimmend wurde beschlossen, durch einen gemeinsamen Aufruf vor allen Dingen die Wahl­müdigkeit des Bürgertums zu bekämpfen. Des weiteren einigten sich die Organisationen auf ein Rundschreiben an die bürgerlichen Parteien, in welchem sie unter dem Vorbehalt eines selbständigen parlamenta­rischen Vorgehens jedwede Wahlunterstützung von der Zusage abhängig machen, daß die Belange der deutschen Mittelschicht in ausreichendem Maße beachtet werden und daß der Artikel 164 der Reichsverfassung eine bessere Berücksichtigung finden soll als bisher. In letzterem Sinne soll auch ein gemeinsamer Wahlaufruf an die gewerblichen und geistigen Schichten des Mittel­standes erfolgen.

Erkelenz verläßt die Demokratische Partei.

Der bisherige demokratische Reichètagsabgeordnete Erkelenz hat seinen Austritt aus der Demokratischen Partei erklärt und gleichzeitig sein Amt als stellvertreten­der Vorsitzender des Parteiausschusies niedergelegt- Erkelenz ist der Sozlatdemotratiscyen Parte« beigetrete». Er begründet seinen Schritt in einem längeren Schreiben an den Parteiführer Koch-Weser.

Der deutschnationale Spitzenkandidat in

Hessen-Nassau.

Kassel, 29. Juli.

Für die Deutschnationale Volkspartei wird im Wahlkreise Heßen-Nassau mit Zustimmung Dr. Hugenbergs der bisherige deutschnationale Landtagsabgeordnete Lothar Steuer in Kassel als Spitzenkandidat nominiert. An zweiter Stelle wird der Gutsbesitzer Richard Wegmann auf dem Hofgut Röhrigshof im Kreise Schlüchtern auf die Kandidatenliste gesetzt. Wegmann gehört dem kurhessischen Kommunallandlag als Mitglied der Hessischen Arbeitsgemeinschaft an. Für Den Fall, daß der Landtagsabgeordnete Steuer in den Reichstag ernziehen sollte, wird Buchhändler August Sonnenschein-Marburg in den preu­ßischen Landtag einrücken.

Zwischenfälle beim Europarundflug.

Vom Internationalen Europarundflug trafen in Tempelhof der deutsche Flieger Krüger aus E 8 und der Pole Bajan auf P 2, der am Montag in Pommern eine Notlandung vornehmen mußte, ein.

Dem deutschen Teilnehmer Aichele auf E 9 zerbrach in der Gegend von Schievelbcin in Pommern in der Luft der Propeller, so daß er zur Notlandung gezwungen war ^ie Maschine D 8 liegt in Königsberg mit Motor­schaden. Dort hatte der Wettbewerber Stein aus ^ eben­falls Propellerschaden. Die polnische Maschine 0 7 mußte bei Wien notlanden. Nachts startete aus Warschau ein Flugzeug mit Monteuren und Ersatz- tciicn nach Danzig, um dem bei Rummelsburg notgelan- beten polnischen Flugzeug P 2 Wmu bringen infolge Nebels verflog sich der Führer, schließlich konnte er fest­stellen, daß er sich über See befand. Er flog darauf bie Aüste entlang und (anbete schließlich bei Elbing, von wo er nach Danzig flog. Tie Monteure mit den Ersatzteilen sind mit einem Auto nach Rummelsburo beiörbert wor­den, so daß das Flugzeug ? 2 seinen Flug fortsetzen konnte.

... bis an Die Memel"!

Gewiß haben wir Deutschen jetzt, in den nächsten Tagen und kommenden Wochen mehr als genug mit unseren eigenen Angelegenheiten zu tun. Aber s 0 schlecht geht es uns denn nun doch nicht, daß gewisse Nachbar­staaten und seien sie noch so klein! nun so einfach glauben dürfen, sie könnten mit uns machen, was sie wollen. Mituns', denn auch das M e m e l l a n d gehört zum Besitz unseres Herzens, die Memelländer sind Menschen von deutschem Blut, sind deutschen Wesens und deutscher Kultur. Und wenn das Memelland uns auch durch die Grenzziehungen des Versailler Vertrages ge­nommen ist, der aus dem Memelland einen Freistaat nach dem Muster von Danzig machte, wenn auch der Völker­bund dem Gewaltstreich Litauens, der Besetzung dieses Freistaates unter Duldung der zuschauenden französischen Truppen und Behörden hinterher seine Genehmigung gab. Deswegen kann man in Deutschland nicht ebenso still­schweigend mit ansehen, wenn Litauen jetzt dem Memel­land die letzten Reste der Selbständigkeit teils einfach fort­nimmt, teils unterhöhlt, einer Selbständigkeit, die durch das Memelsta 1 ut und damit unter Garantie desVölkerbundes festgelegt wurde, trotzdem sie seit den sieben Jahren ihres Bestehens immer der Gegenstand offener und versteckter Angriffe der litauischen Regierung in Kowno und ihres Gouverneurs in Memel gewesen ist.

Ziel dabei ist nicht bloß die vollständige Einordnung des Memellandes in den Litauischen Staat, sondern die Ausdehnung desgroßlitauischen Gedankens' auf die Bevölkerung, auf die Memelländer, die davon aber nicht das geringste wissen wollen. Dem aus Kowno entsandten Gouverneur stehen im Memelland der in seiner weitaus überragenden Mehrheit aus deutschen Vertretern zu­sammengesetzte Landtag und das Landesdirektorium gegenüber. Die Selbstverwaltung, deren deutscher Charakter in unzähligen Fällen durch einfache Gewalrmaß- nahmen des Gouverneurs bzw. der Kownoer Regierung durchbrochen wurde, besteht nach der gesetzgeberischen Seite darin, daß große Teile des früheren deutschen Rechts noch gelten und daß litauische Gesetze im Memelland nur mit Genehmigung des Landtages in Kraft treten. Natür­lich hat dieser auch das Recht der Gesetzgebung und der Verwaltungsüberwachung. Alles ist durch das Memelstatut sehr schön und genau bestimmt, nur kümmert man sich in Kowno nicht sehr darum! Jetzt will man dort reinen Tisch für sich machen und man nennt daS dannDurchführung des Memelstatuts'!

Die litauische Zentralregierung beabsichtigt, eine Reihe von Gesetzen zu erlassen, die ganz einseitig die Be­ziehungen Litauens zum Memellandregeln'. Neben dem rein verwaltungspolitischen Verhältnis soll auch die gesetzgeberische Befugnis des Landtags, die bisherige gerichtliche Selbständigkeit, das Steuer- und Finanzrecht, die Stellung des Gouverneurs usw. in einer Art neu fest- gelcgt werden, die von dieser Selbständigkeit des Memel­landes kaum noch den Namen übrigläßt. Hinzu kommt außerdem noch diesmal aber wirklich dem Memelstatut entsprechend, daß die Bewohner dieses Gebietes von jetzt ab auch im litauischen Heer mit seinen 21325 Mann dienstpflichtig werden müssen.

Erfreulicherweise denkt man im Memelland nicht daran, die Flinte so ohne weiteres ins Korn zu werfen und sich dem litauischen Diktat zu fügen, das die Schaffung einer so ziemlich alle Dinge des öffentlichen, wirtschaft­lichen und kulturellen Lebens umfassenden obersten Auf- sichts- und Entscheidungsinstanz beabsichtigt. Zwar arbeitet der großlitauische Gouverneur mit allen Mitteln der Presseknebelung, aber schon hat der Memeler Landtag eine besondere Kommission zur Wahrung der Selbständig- keitsrechte eingesetzt, die ja nun bald allerhand zu tun haben wird. Zunächst dürfte eine Beschwerde an den Völkerbund losgehen, der im September seine Vertreter an die Gestade des Genfer Sees entsendet. Dort sind freilich Beschwerden nationaler Minderheiten ein ziemlich unbeliebter Verhandlungsgegenstand. Aber der verstorbene deutsche Außenminister Dr. Stresemann hat sich manches Ma! um diese Mißvergnügtheit eines hohen Völkerbundrales ober gar der Genfer Vollversamm­lung recht wenig gekümmert und Dr. Curtius wird sicher in den Spuren seines Vorgängers bei dem Kampf deutscher Minderheiten wandeln.

Der Liliputstaat an der deutschen Nordostgrenze die Stadt Berlin allein schon hat fast dreimal soviel Ein­wohner als ganz Litauen ist wirtschaftlich so gut wie völlig auf Deutschland angewiesen. Mit Polen, das sich ja des Wilnagebiets auf die gleicherechtliche' Art bemächtigt hat wie Litauen des Memellandes, lebt die Kownoer Regierung auch jetzt noch in starker Feind­schaft. Wird nun auch der Völkerbund, der das Memel­statut bei seinen Akten eingetragen hat, sich von Litauen auf der Nase herumtanzen lassen?

Kleine Zeitung für rtlige Leser.

* In einer Zentrumsversammlung zu Berlin erklärte der Führer des preußischen Zentrums, D. Heß, wenn die Sozial­demokratie in der jetzigen Kampfesweise gegen das Reichs- kabinett Brüning beharre, werde das fernere Zusammen­arbeiten des Zentrums mit ihr in Preußen unmöglich.

* Zwischen Amerika und Rußland ist ein scharfer Zwist ent­brannt wegen des gegenseitigen Handelsverkehrs. Amerika droht, die russische Einfuhr zu verbieten.

* Durch das Arbeitsbeschafsungsprogramm der Reichsbahn sollen etwa 180 000 Leute mehr als bisher in den letzten Mona­ten des Jahres Beschäftigung finden.

* Durch eine Explosion wurde die geuermerlelörperkbrit Lippold in Elberfeld ein Raub der Flammen.