Zul-aer /lnzeiger
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Nr. 185 — 1930
Fulda, Samstag, 9. August
Jahrgang
Deutsche Sieger.
Fliegerisches Können. — Raub deutscher Entdeckungen. Die Erbschaft des „Graf Zeppelin".
Ein schwerer Sieg ist es, aber auch 'in sehr bedeutungsvoller, den die Deutschen im Europarundflug für Sportflugzeuge errungen haben. Als Sieger stehen an den ersten drei Stellen die Deutschen und unter den vierzehn Erstplacierten befinden sich zehn Deutsche. Das ist, rein zahlenmäßig gesehen, schon ein gewaltiger deutscher Sieg, ein Sieg der Männer, der Motoren, der Flugzeuge und des fliegerischen Könnens. Kam es doch auf mehr an, als nur sich durch Motor und Flugzeug in die Lüfte heben und in größtmöglicher Geschwindigkeit dem Ziel zutragen zu lassen; so etwas ist bei dem höhen Stand der Flugtèchnik heute doch nur oder fast nur eine Frage des Materials. Erst nachher im technischen Wettbewerb, als es auf diepersönlicheBeherrschung des Flugzeuges ankam, traten die Deutschen in den Vordergrund, durften Deutsche den Siegeslorbeer pflücken. Aber noch aus einem anderen Grunde ist gerade dieser deutsche Sieg so hoch zu bewerten. Deutschland hat keine militärische Fliegerei, darf sie nicht haben. Alle anderen Mächte sind auch zur Luft schwer gerüstet, verfügen über Tausende von Militärfliegern — und gerade die Militärfliegerei ist die schärf ste Prüfung für fliegerisches Können. Wie das Roß der Reiter, so mutz der Militärflieger sein Flugzeug beherrschen, und die Vorbereitung auf den Ernstfall erheischt hohe Anforderungen an die Geschicklichkeit. Darauf wird aber nicht bloß der Flieger selbst eingestellt, sondern die Tausende von „Kampfflugzeugen" in England, Frankreich, Polen, Italien, kurz, allen europäischen Staaten, bringen auch das beste, das ausgeprobte Material mit für einen Wettbewerb, wie es der Europarundflug verlangt. Trotzdem — schon im Vorjahr siegte ein Deutscher und dieses Jahr war der deutsche Sieg noch weit eindrucksvoller, obwohl uns ja jene Vorbereitunasschule nicht zur Verfügung steht und stehen darf— Obwohl wir in der Herrschaft über die Luft in einem entscheidenden Punkt, im direkten Aufstieg, gehemmt sind. Trotzdem rissen Deutsche den Sieg in der Luft an sich,
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Durch die Kriegsfolgen gehemmt, — das kann man auch über die Ausdehnungs Möglichkeiten der deutschen chemischen Industrie schreiben, die zum Gegenstand eingehender Untersuchungen durch den Enqueteausschuß geworden ist. Der Bericht hierüber verweist auf die schweren Störungen, die diese deutsche Industrie erfahren hat durch die Beschlagnahme deutscher Patente im Ausland. Aber auch hier gilt das „Trotzdem". Man hat von diesem Raub deutscher Entdeckungen nicht die Früchte geerntet, die man erhoffte; nur die chemische Industrie Deutschlands hat an dem gewaltigen Aufschwung, die die chemische Industrie in der Welt genommen hat, einen entsprechenden Anteil bewahren können. Auch heute noch erzeugt sie wie vor dem Kriege über 28 Prozent der chemischen Produkte, die auf dem Weltmarkt erscheinen, während die anderen Staaten, auch England und Amerika, wo man besonders schnell und umfangreich die deutschen Patente verwertete, in ihrem verhältnismäßigen Anteil beim Absatz auf dem Weltmarkt zurückgingen. „Kriegserzeugnis" war ja auch die Schaffung des künstlichen Stickstoffs und hierin ist die deutsche chemische Industrie jetzt stärker noch als früher die absolute Vorherrscherin, obwohl überall das Bestreben sich geltend macht, eigene Stickstoffindustrien zu gründen, um der einheimischen Landwirtschaft diesen für einen modernen Betrieb unentbehrlichen Düngestoff zu verschaffen. Trotzdem, trotz aller sonstigen Hemmnisse geht Deutschlands chemische Industrie auch jetzt, nach dem Kriege, „in der Welt voran".
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Und mit durchaus berechtigter Freude haben wir es erleben dürfen, daß die anderen nicht recht froh werden, wenn sie sich auf diese Weise zu Nutznießern deutschen Wissens und deutscher Leistung machten. Der „Graf Zeppelin" umkreiste die Erde; er fährt nach Amerika hinüber wie der Engländer ins Weekend geht: in sorgenloser Unbekümmertheit. Es klappt " das weiß man. Was aber Graf Zeppelin geschaffen yat, mußten wir auch nach England ausliefern; außerdem durften die wirklichen Erben Graf Zeppelins erst wchs Jahre nach dem Kriegsende wieder daran denken, die Fesseln abzustreifen, die man ihnen in Versailles angelegt hatte. Und nicht einmal für Deutschland konnten sie arbeiten, mußten vielmehr ihrer Hände Werk den Amerikanern überlassen. Es ruht kein Segen auf. jenem Besitz, den sich die sogenannten „Siegerstaaten" aus der Erbschaft des Grafen Zeppelin gewaltsam verschafften. Frankreich verlor ihn mit 50 Mann Besatzung und Italien ließ die ihm überlieferten Zeppeline verrotten und verrosten, ohne daß sie dort je in die Luft emporgeflogen wären. Und Englands Kopie, das neue Riesenluftschiff, ist zwar glücklich bis nach Kanada gefahren, aber die Teilnehmer an diesem Unternehmen, bei dem es auch zu einer schweren Havarie kam, haben erklärt, daß das Luftschiff für einen regelmäßigen Luftverkehr, eigentlich überhaupt als Flugschiff ganz unzureichend sei. Wenn es die Engländer selbst sagen, werden wir Deutsche kaum widersprechen, dürfen aber um so stolzer daraus sein, daß im Flugzeug und im Luftschiff trotz aller Hemmnisse und Einschränkungen, daß auch in einem so wichtigen, vielleicht dem wichtigsten Zweige praktischer Wissenschaft oder wissenschaftlicher Praxis Deutschland Sieger war, ist und hoffentlich auch bleiben wird. Dr. Pr.
König Feissal I. in Berlin.
Mesopotamiens Herrscher zu Besuch.
Rundreise durch Europa.
Der erste wieder arabische Beherrscher des biblischen Landes Mesopotamien, das heute unter dem Namen Irak bekannt ist, ist von London in Berlin eingetrofsen. In London hatten sich bei seinem Abschied der türkische
Riffen Sie, wo das Königreich Irak liegt?
Hier finden Sie die Heimat des Königs aus dem Morgenlande.
Botschafter, der deutsche Geschäftsträger Dr. Dieckhoff unb der britische Oberkommissar in Bagdad, Sir Francis Humphrey, eingefunden. König Feissal sagte, sein Berliner Aufenthalt werde mehrere Tage dauern. Dann ginge er zunächst nach Paris, später nach der Schweiz. Im September gedenke er in die Heimat zurückzukebren.
AnlschlOung und Vollstrelkungsschuß
Verordnung zur Durchführung der Osthilfe.
Zur Durchführung der Osthilfe hat die Reichsregierung eine Verordnung über die Umschuldung und den Vollstreckungsschutz erlassen.
Der vorläufige Geltungsbereich für diese Maßnahme umfaßt den pommerschen Regierungsbezirk Köslin und den Kreis Regenwalde, die Grenzmark Posen-West- Preußen, die brandenburgischen Kreise Arnswalde, Friedeberg in der Neumark, Landsberg an der Warthe, Sternberg-Ost und Züllichau-Schwiebus, die niederschlesischen Kreise Grünberg, Freistadt, Glogau, Guhrau, Steinau, Wohlan, Militsch, Trebnitz, Großwartenberg, Ols, Nams- lau, sowie die rechts der Oder gelegenen Teile der Kreise Ohlau und Brieg, ferner die Kreise Waldenburg, Neurode, Glatz und Habelschwerdt und Oberschlesien. Diese Begrenzung des Anwendungsbereiches beruht darauf, daß mit Hilfe der Notverordnung kein langfristiges Programm, sondern
nur ein Sofortprogramm für die Haupt- katastrophengebiete
erlassen werden konnte und daß daher auch die Finanzierung nur im engeren Rahmen möglich war. Eine Ausdehnung dieses Gebietes, wie sie bereits in der Verordnung des Reichspräsidenten vom 26. Juli 1930 vorgesehen war, bleibt ausdrücklich für den Fall der Verstärkung der Mittel vorbehalten. Die Ausdehnung des Vollstreckungsschutzes insbesondere wird dabei davon abhängen, daß
die zuständigen Landesregierungen die zur Finanzierung der Umschuldung in ihren Gebieten erforderlichen Mittel sicher stellen. Die Verordnung bestimmt weiter, daß Landstellen zur Durchführung der genannten Hilfsmaßnahmen in Königsberg für Ostpreußen, in Köslin für Pommern, in Schneidemühl für die Grenzmark und Brandenburg, in Breslau für Niederschlesien unb in Oppeln für Oberschlesien errichtet werden.
Der Beginn der Tätigkeit der Landstellen wird besonders bekanntgegeben werben. Bis dahin sind Gesuche um Erwirkung des Vollstreckungsschutzes bei dem zuständigen Landrat (Oberbürgermeister) anzubringen. Die Verordnung bringt zunächst die Voraussetzung für ein praktisches Wirksamwerden des Vollstreckungsschutzes und entspricht damit den dringendsten Wünschen der Landwirtschaft des notleidenden Ostens.
Schober und die Heimwehr.
Rückkehr des Major Pabst?
Die Besprechung zwischen Bundeskanzler Dr. Schober und den beiden bevollmächtigten Bundesführern der Heun- wehr hat eine wesentliche Annäherung ergeben. Als wichtigstes Ergebnis verlautet, daß die Aufhebung der Ausweisung des Majors Pabst in allernächster Zeit erfolgen und daß Pabst ohne örtliche Beschränkung seines Aufent- baltes nach Österreich zurückkehren soll.
Die europäische Rundreise des Herrschers geschieht nicht zu Vergnügungs- oder reinen Unterrichtszwecken, wie man wohl früher die Europareisen orientalischer Fürsten vielfach aufzufassen pflegte. Die politischen und wirtschaftlichen Hintergründe gab Feissal selbst zu bei seiner Abfahrt von London, als er seiner Befriedigung darüber Ausdruck gab, daß zwischen England und dem Jrakgebiet in allen wichtigen Fragen eine Einigung erreicht worden sei oder demnächst erreicht werden würde. Er hoffe, daß in Kürze die notwendigen Mittel für eine weitere finanzielle Erschließung seines Landes gefunden werden könnten.
Oie petroleumquetten bei Mofful, der einen Hauptstadt des Iraks, bilden wohl die wichtigste Ursache der Reise. Die Aktienanteile an diesen Ölvorkommen sind hauptsächlich in Händen englischer, amerikanischer und französischer Gesellschaften. Es sind im ganzen drei Millionen Pfund Kapital investiert bei der Jraq Petroleum Compagnie. Sie befinden sich zu je 23% Prozent in den Händen der Anglo Persian, der Royal Dutch- Shell, der New East Development und der Compagnie Franyaise de Petrol, ein Rest bei einem englischen Privatunternehmer. Die Teilhaber sind seit längerer Zeit nicht einig über die Art der Ausbeutung der Quellen. Frankreich drängt auf schnelle Erschließung, um sich bei seinem Petroleumbedarf möglichst unabhängig zu machen, während die englisch-amerikanischen Gesellschaften einer starken Produktion entgegenwirken, um einem Sinken der Weltpreise des Petroleums zugunsten ihrer anderen ähnlichen Unternehmungen vorzubeugen. König Feissal selbst wünscht aus begreiflichen Gründen schnelle Nutzbarmachung der Bodenschätze seines Landes. Mit Hilfe des Iraks selbst haben sich mehrere neue Jnteressencengruppen gebildet. So eine englische unter Führung des Großfinanziers Wynis, eine deutsche Finanzgruppe unter Führung der Friedrich Krupp A.-G., Essen, und Otto Wolff, Köln, eine italienische und eine französisch-schweizerische Gruppe. Mit diesen Verzweigungen der Interessen in den verschiedenen Ländern dürfte für Feissals I. Reiseroute ziemlich deutliche Erklärung gegeben sein.
Statistik des Niedergangs.
Über 2,75 Millionen Arbeitslose.
Weitere Verschärfung der Depression.
Die Zeit vom 16. bis 31. Juli 1930 brachte nach dem Bericht der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung eine fühlbare Abschwächung des Beschäftigungsgrades. Auch in früheren Jahren trat um diese Zeit des Sommers häufig ein gewisser Stillstand ein. Die jetzige Entwicklung bedeutet jedoch unverkennbar eine weitere Verschärfung der Depression, deren tiefster Punkt noch nicht erreicht zu sein scheint.
Die Zahl der HauptunterstüHungsempfänger, die im letzten Berichtsab,chnltt nur unerheblich zugenommen hatte, ist jetzt um rund 28 000 auf über 1 497 000 in der Arbeitslosenversicherung, um rund 23 000 auf 403 000 in der Krisenunterstützuna gestiegen. Damit hat die Belastung der beiden Unterstützungseinrichtungen mit zusammen über 1900 000 Unter- stützten einen Stand erreicht, der
um mehr als eine Million über dem des Vorjahres liegt, während diese Überlagerung Mitte Juli noch 938 000 betrug. Dieser Entwicklung entspricht die Zunahme der Zahl der verfügbaren Arbeitsuchenden, die bei den Arbeitsämtern eingetragen sind. Sie stieg vom 15 bis zum 31. Juli um rund 42 000 und erreichte - nach Abzug berjeniger., die noch in ge- kündigter oder ungekündigter Stellung oder in Notstandsarbeit beschäftigt waren — einen Stand von rund 2 757 000 Arbeitslosen. Von dem Zugang entfällt zwar der größere Teil auf die überwiegend von der Konjunktur abhängigen Berufs- gruppen, doch sind auch die Saisonaußenberufe bereits an ihm beteiligt.
Das allgemeine Bild, das sich aus diesen Zahlen ergibt, wird ergänzt und bestätigt durch Meldungen über weitere Zunahme von Feierschichten und Kurzarbeit, durch dieAnkündigungvonEtttlassungcn und durch Stillegungsantrâge, schließlich durch umfangreiche Aussteuerungen von Arbeitslosen, deren Unterstützungs-i ansprüche erschöpft sind.
Aufstand in Brasilien.
Nach Meldungen aus Buenos Aires ist in der Provinz Rio Grande eine revolutionäre Bewegung ausgebrochen. Die Rcgicrungstruppcn wurden nach einem heftigen Kampf mit den Aufständischen geschlagen. Die Stadt Misericordia ist von Regierungsflugzeugen mit Bomben beworfen worden. Der Aufstand steht mit dem vor einigen Wochen verübten Anschlag aus den Präsidenten des Staates Para, Scnor Peffoa, im Zusammenhang
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Präsident Hoover hat die Gouverneure der durch die Dürre geschädigten Staaten eingeladen, um ein Notprogramm auszuarbeiten.
* Die Verhandlungen zwischen deutschen und finnländischen privaten Kreisen zwecks Ueberernkommens zu den sinnländischen Butter- und Käselieferungen nach Deutschland ist gescheitert.
* In Bayreuth sand die feierliche Beisetzung Siegfried Wagners statt.
* König Feissal L, der Beherrscher des arabischen Landes Irak, ist in Berlin zu mehrtägigem Aufenthalt eingetroffen.