Zulöaer Anzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
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Nr. 192 — 1930
Fulda, Dienstag, 19. August
7. Jahrgang
Das geplante Keichrtagswahlgeseh.
Das Kabinett berät.
Gegen die Parteigrüppchen.
Für Dienstag ist eine Gesamtsitzung deS Reichskabinetts vorgesehen, das in dieser Sitzung zwei der wichtigsten Fragen für die Entwicklung der inneren Politik behandeln soll, nämlich die kommende Finanzreform und die Änderung des jetzigen Ncichstagswahlrechts. über beide Punkte sollen Gesetzentwürfe vorbereitet werden, die dann dem am 14. September neuzuwählenden Reichstag zur Beschlußfassung zugehen. Über die Dringlichkeit der Finanzreform, die von der Regierung Brüning versprochen wurde, besteht grundsätzlich keine Meinungsverschiedenheit, wenn auch in den Einzelheiten die Ansichten auseinandergehen. Das Wahlproblem ist dagegen wenig geklärt. Dr. Wirth, der zunächst zuständige Reichsminister des Innern, bestätigte soeben wieder in Görlitz, er könne der Forderung nach Heraufsetzung des Wahlalters kaum zustimmen, wenn ihm persönlich auch das Alter von 20 Jahren für den Beginn der aktiven Wahlfähigkeit als zu niedrig erscheine. Die Regierung im ganzen möchte an das Wahlalter nicht tasten, da zu seiner Heraussetzung eine Änderung der Verfassung und somit eine Zweidrittelmehrheit im Reichstage erforderlich ist, zu der die Regierung auch im neuen Reichstag »eine Möglichkeit erblicken kann.
Deswegen will man sich bei den Vorschlägen-in den Grenzen des § 22 der Verfassung halten. § 22 lautet: „Die Abgeordneten werden in allgemeiner, gleicher, unmittelbarer und geheimer Wahl von den über zwanzig Jahre alten Männern und Frauen nach den Grundsätzen der Verhältniswahl gewählt. Der Wahltag muß ein Sonntag oder öffentlicher Ruhetag fein. Das Nähere bestimmt das Reichswahlgesetz."
Reich und Preußen in der Oststelle.
Für ei ne einheitliche Politik.
Die verschiedenen in der Osthilfeverordnung vorgesehenen Maßnahmen werden zwar einheitlich von der O st st e l l e durchgefühn, sie berühren aber das Arbeitsgebiet einer ganzen Reihe, von Ressorts nicht nur des Reiches, sondern auch Preußens. Wie die Landwirtschaftliche Wochenschau erfährt, haben die Reichsregierung und die preußische Staatsregierung, um ein reibungsloses Arbeiten sicherzustellen, ein Abkommen abgeschlossen, das den Erlaß einer Dienstanweisung an die Oststelle vorsieht. Diese Dienstanweisung ist vom Reichskanzler im Einvernehmen mit dem preußischen Ministerpräsidenten zu verfassen und soll insbesondere folgende Bestimmungen enthalten: a) Die Oststelle wird durch die vom Reich und von Preußen benannten Minister gemeinsam vertreten. Dementsprechend ist im Schriftverkehr Doppelunterschrifi erforderlich, vorbehaltlich der Regelung zu b. b) Fragen, über die innerhalb der Oststelle eine Einigung nicht zu erzielen ist, entscheidet der Reichskanzler nach Benehmen mit dem preußischen Ministerpräsidenten. Die Bestimmung der Verordnung vom 26. Juli 1930, derzufolge Durchführungsbestimmungen im Einvernehmen mit der zuständigen Landesregierung zu erlassen sind, wird hierdurch nicht berührt, c) Vorschriften über die bei der Umschuldung und Betriebssicherung erforderliche Prüfung und Überwachung der landwirtschaftlichen Betriebe.
Die durch dieses Abkommen vereinbarten Ausführungsbestimmungen sind bereits erlassen. Darin wird in § 3 festgesetzt, daß die Oststelle die vorgesetzte Behörde der Land stellen ist und deren Verfahren regelt.
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Die Gouverneurdiktatur in Memel.
Deutsche Mehrheit wird von Litauern regiert.
Der Memelländische Landtag, der am 26. August zu- lammentritt, wird ohne Zweifel dem Direktorium Reis- gys das Mißtrauen aussprechen, nicht nur, weil die Mitglieder des neuen Direktoriums ihrer Vorbildung nach gar nicht in der Lage sind, hohe Verwaltungspostcn zu beneiden, sondern weil die Einsetzung einer «in litauischen Landesregierung durch den litauischen Gouverneur eine Herausforderung der deutschen Mehrheit des Memelländischen Landtages und eine Mißachtung der memelländischen Autonomie darstellt.
Die Stimmung im Memelgebiet über den neuesten Vorstoß des litauischen Gouverneurs gegen die Autonomie ist außerordentlich erregt. Allgemein wird daraus hingewiesen, daß die Einsetzung des Ministeriums ^^Ü5? cin Versuch ist, die Autonomie auszuschalten. Die Mitglieder der neuen Landesregierung dienen dem Gouverneur lediglich als Strohmänner, hinter denen er seine Entdeutschungspläne um so ungestörter durchzufuhren hofft.
Türkisch-persische Annäherung.
300 getötete Kurden machen einen guten Eindruck.
Die in Angora eingegangenen Berichte, wonach persische Streitkräfte an der Verfolgung der aufständischen Kurden nunmehr aktiven Anteil nahmen, haben in der Türkei einen sehr guten Eindruck gemacht. Nach diesen Persischen Berichten sind im Verlauf von heftigen Kämpfen 300 aufständische Kurden getötet worden. Die persischen Truppen selbst haben vierzig Tote verloren.
462 Wahlkreise.
Der vom Reichsinnenministerium ausgearbeitete Entwurf enthält daher in der Hauptsache nur eine Änderung der Wahlkreiseinteilung. Gegenwärtig gibt es 35 Wahlkreise. Die kleinsten Wahlkreise (Mecklenburg, Pfalz) haben eine Wohnbevölkerung von rund einer Million, die größten (Ostpreußen, Westfalen-Nord, Westfalen-Süd, Oberbayern-Schwaben, Franken, Württemberg) eine Wohnbevölkerung von mehr als zweieinhalb Millionen. Der jetzige Entwurf schlägt die Bildung von 162 Wahlkreisen vor mit einer durchschnittlichen Bevölkerungszahl von 300 000. Das bedeutet Wahlkreise mit rund 250 000 Wahlberechtigten und etwa 200 000 Wählern, die also enger als bisher zu den Kandidaten in Beziehung gesetzt werden.
Keine Neichsliste mehr.
In Zukunft soll die sogenannte Reichsliste, der die Reststimmen in den Wahlkreisen zugeteilt wurden, verschwinden. Durch die Zusammenzählung der in den einzelnen Wahlkreisen nicht ausreichenden Stimmen für die Reichsliste wurde es ermöglicht, daß Kandidaten im Reichstag Mandate erlangten, die nirgendwo direkt gewählt waren. Das widerspricht der Verfassungsbestimmung. Bei der letzten Wahl im Mai 1928 wurden so 75 Mandate geschaffen, die lediglich vom Vorstand einer Partei verteilt waren. Nach den Neuwahlen soll das also wegfallen und die Reststimmen lediglich in den Wahlkreisen verrechnet werden. Man hofft dadurch der Zersplitterung in kleinste Parteigruppen entgegenzuwirken, die durch die Retchsliste in den Stand gesetzt werden, ihren über das ganze Reich ganz vereinzelt auftretenden Anhängern ein Mandat zu verschaffen.
firantentaffen argen Aokverordnung.
Regierungsvertreter verlassen die Tagung.
Auf der in Dresden eröffneten 34. Tagung des Hauptoerbandes der Deutschen Krankenkassen machte sich starke Kritik an der jüngst durch die Notverordnung der Reichs- regierung eingeführten Änderung der Krankenversicherung geltend. Mit großer Mehrheit wurde schließlich nach Befürwortung durch den Vorsitzenden Lehmann folgende Entschließung angenommen:
„Der 34. Deutsche Krankenkassentag erhebt entschieden Protest gegen die Notverordnung des Reichspräsidenten, durch die nicht nur völlig ungerechte und untragbare Verschlechterungen der Leistungen der Krankenversicherung, fondern auch einschneidende Beschränkungen der Selbstverwaltung vorgenommen werden.
Die Notwendigkeit und Berechtigung, einen solchen Abbau der Krankenversicherung durchzuführen, kann der Krankenkasscntag nicht anerkennen. Insbesondere muß er aber auch aufs schärfste die Begründung dieser Maßnahme ablehnen, die unter völliger Nichtachtung der Interessen der Versicherten rein finanzpolitische Zwecke verfolgt. Der Krankenkassentag gibt daher seiner Hoffnung Ausdruck, daß der kommende Reichstag diese unsachliche Gesetzgebung wieder beseitigt und an ihre Stelle eine Reform der Krankenversicherung im Sinne einer Fortentwicklung derjenigen sozialpolitischen Grundsätze setzen möge, zu denen sich die Nürnberger Tagung des Hauptverbandes bekannt hat."
Ministerialdirektor Grieser, der den Reichsarbeits- minister Stegerwald und die Reichsregierung auf dem Krankenkassentag des Hauptverbandes Deutscher Krankenkassen vertritt, hat die Tagung nach dem Referat des Vorsitzenden des Hauptverbandes, Hellmut Lehmann, verlassen und folgendes Telegramm an ihn gerichtet:
„Nachdem Herr Lehmann politische Angriffe auf den Reichskanzler und aus den Reichsarbeitsminister Stegerwald gerichtet hat, bin ich gezwungen, die Tagung zu verlassen, da mit dieser der Rahmen der den Krankenkassen - vereinigungen durch Gesetz gezogenen Grenzen überschritten wurde."
Vorsitzender Lehmann hatte das Referat erstattet und dabei heftig die Reichsregierung und den Reichsarbeitsminister Stegerwald angegriffen, denen er für den Schritt nach rückwärts die volle Verantwortung zuschob.
Eine von kommunistischer Seite eingebrachte Resolution, die Notverordnung nicht durchzuführen, weil sie ungesetzlich sei, wurde abgelehnt.
Gewerkschaften und Zechenverband.
Gegen Verkoppelung von Lohnabbau und Preissenkung.
Die Kündigung des Lohnabkommens im Ruhrbergbau zum 30. September ist entsprechend dem Beschluß des Zechen- verbandes den Gewerkschaften zugegaugen. Die ersten Verhandlungen über den neuen Abschluß eines Lohntarifvcrtragcs zwischen den Tariskontrahenten sind aus den 25. August an- 0^ Von feiten der Bergarbciterverbände, des Freigewerk- lchaftlichen Bergbauarbeiterverbandes wie des Gewerkvereins Christlicher Bergarbeiter, wird betont, daß entsprechend den auf den kürzlichen Tagungen der beiden Gewerkschaftsrichtungen in Breslau und Aachen abgegebenen Erklärungen und entsprechend neuerlichen Entschließungen von Revierkonferenzen ein Lohnabbau oder eine Verkoppelung von Lohnabbau und Preissenkung im Ruhrbergbau entschieden abgelehnt werde.
Hochbetrieb.
Je mehr wir uns dem 14. September, dem Tag der R e i ch s t a g s w a h l e n nähern, eine um so größere Betriebsamkeit zieht bei den Parteien ein. Es gilt, einen genauen Feldzugsplan für die Wahlschlacht aufzustellen, die Werbeversammlungen vorzubereiten, zugkräftige Flugblätter in die Wählermaflen zu werfen und was es an wichtiger Kleinarbeit mehr gibt. Die Parteisekretäre, bezahlte und ehrenamtliche, sind jetzt die meistbeschäftigten Leute, an ihre Arbeitsfähigkeit werden die höchsten Anforderungen gestellt. Wie bei einem Armeestab vor und während der Schlacht werden von den Parteibureaus von allen, die sich in den Dienst ihrer Partei gestellt haben, Gefechtsanweisungen verlangt, Redner angefordert, Unterredungen gewünscht; kurzum: es herrscht dort Hochbetrieb.
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Die schwierigste Frage ist die der Kandidaten- a u f st e l l u n g. Das gilt auch für die Listenwahl. Verspricht man sich doch auch heute noch von dem Klang und Ansehen der die Liste führenden Persönlichkeiten eine besondere Zugkraft für die Partei. Eine solche Listenaufstellung wird nicht immer ohne inneren Kampf vollzogen. Denn die Ansichten über die Bedeutung der präsentierten Kandidaten gehen auch oft unter Parteifreunden auseinander. Für diese Wahl ist bei den meisten Parteien diese Klippe glücklich umschifft. Nach und nach formt sich das Gruppenbild derer, die dazu ausersehen sind, auf den Sesseln der Abgeordneten Platz zu nehmen. Man hat dieses Mal bei allen Parteien eine Verbeugung vor der Jugend gemacht. Man will den Reichstag verjüngen, will die Jugend mehr aktiv an der politischen Leitung teilnehmen lassen.
Diese politische Aktivierung der Jugend geschieht allerdings auch nicht ganz ohne selbstsüchtigen Hintergrund der Parteien. Man denkt hierbei an die S t i m - men der W ä h l e r , die am 14. September zum erstenmal vor die Wahlurne treten. Man ist natürlich bemüht, viele dieser neuen Stimmen für sich zu gewinnen, sich mit ihnen zu kräftigen und so als starke und ausschlaggebende Fraktion im Wallotbau den politisch-parlamentarischen Kampf aufzunehmen. Die Jugend wird ja nun bald zeigen können, welchen politischen Anschauungen sie huldigt. Sie wird das ziemlich geschlossen tun, denn für sie hat das Wählen noch den lockenden Reiz der Neuheit. Vielleicht ist es auch das letztemal, daß Zwanzigjährige zur Wahlurne schreiten dürfen, denn es sind starke Bestrebungen im Gange, das Wahlalter zu erhöhen. Man hält es vielfach für nicht angängig, daß man erst mit 21 Jahren großjährig, also selbständig wird, aber schon mit 20 Jahren das höchste Recht des Staatsbürgers, das Wählen, ausüben darf. Es ist nicht ausgeschlossen, daß diese Frage bei der Wahlreform, die der neue Reichstag in Anariff nehmen wird, eine Rolle spielen wird.
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Hochbetrieb wird nun in den nächsten Wochen an Wahlversammlungen herrschen, und es wäre zu wünschen, daß die politischen Gegner sich nicht durch „schlagende" Beweise von der allgemeinen Richtigkeit der von ihnen vertretenen Politik überzeugten. Die Verordnung des Reichspräsidenten, die die Mitnahme jeglicher Waffen zu den Wahlversammlungen verbietet, war darauf gerichtet, daß der Wahlkampf nur geistig geführt werden sollte. Der Münchener Polizeibehörde hat diese Maßnahme aber noch nicht genügt. Sie hat jetzt auch verfügt, daß bei Wahlversammlungen keine Getränke mehr verabreicht werden dürfen, um zu verhüten, daß das B i e r - glasalspolitischesWurfgeschoß benutzt wird, wie es in Bayern schon häufig vorgekommen sein soll. Auch die Aschbecher sind in München politisch verfemt worden und dürfen bei Wahlversammlungen nicht mehr aufgestellt werden. Es wird nicht lange dauern, dann werden auch andere Polizeiorgane diese Verbotsidee aufgreifen, denn nur der Geist, der Geist soll siegen. Es ist aber auch kein Vergnügen, wenn der Kopf mit dem Bierglas Bekanntschaft macht, es sei denn, daß es kößliches Naß enthält, das man wohlig in sich hineinschlürfen kann.
Bautätigkeit des Reiches und der Gemeinden.
Berlin. Von verschiedenen Seiten wurde die Befürchtung geäußert, daß Gemeinden mit Rücksicht auf die Bautätigkeit des Reiches ihre eigene Bautätigkeil entsprechend einschränken würden und daß dadurch die Zusätzlichkeit der Maßnahme des Reiches gefährdet werden könnte. Der Reichsarbeitsminister hat deshalb die Länder ersucht, dieser Frage ihre größte Auf- merksamkeit zu widmen, und erklärt, daß, falls gegen den Grundsatz der Zusätzlichkeit im Einzelfalle verstoßen würde, sämtliche für die betreffende Gemeinde oder den betreffenden Bezirk gewährten Reichsdarlehen zurückgezogen würden.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Amtlich wird bekanntgegeben, daß alle Gerüchte über Einmischung des Reichspräsidenten in den Wahlkampf unwahr sind.
* Der 34. Deutsche Krankenkassentag in Dresden faßte nach Begründung durch seinen Vorsitzenden eine Entschließung gegen die Notverordnung, soweit sie die Krankenversicherung betrifft. Der Vertreter der Reichsregierung verließ wegen der Ausführungen des Vorsitzenden die Tagung.
* Unglücksfälle im Beruf und bei sportlicher Tätigkeit haben zahlreiche Todesopfer gefordert.
* Das Unwetter der letzten Tage hat besonders im Gebiet der Unterelbe schwere Schäden an der Getreide- und Obsternte angerichtet.