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Zulöaer Anzeiger

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Tageblatt für Rhön unö Vogelsberg

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Nr. 252 1930

Fulda, Dienstag, 28. Oktober

7. Jahrgang

Der Ueberfall auf dieBaden".

Sadenkapitä» bestreitet jede Schuld.

Ohne Grund beschossen.

Bei der Beschießung des deutschen DampfersBaden" im Hafen von Rio de Janeiro durch die brasilianischen Aufständischen und nunmehrigen Gewalthaber sind, wie bekannt, 26 Menschen zu Tode gekommen, während weitere Leute verletzt wurden. Der Kapitän des Schiffes, Rolin, soll mittlerweile verhaftet worden sein, während das Lchiff zu Reparaturarbeiten vor Anker liegt. Nun ist bei der Hamburg-Amerika-Linie in Hamburg ein auch vom Hapagvertreter in Rio de Janeiro unterzeichnetes Tele­gramm folgenden Wortlauts eingclanfen:Baden aus­lausend, alle Kriegssahrzeuge und Forts mit Senken der Flagge grüßend, mit besonderer Aussahrterlaubnis des Hafenkapitäns versehen, vor Passieren des Forts Santa Cruz Pseifensignal gebend, wurde, nachdem bereits Insel Cotunduba passiert hatte, beschossen. Granatvolltreffer Hintermast über Bord. 26 Tote und 43 Berwundete. Namen deutscher Passagiere bereits abgesandt. Zwecks provisorischer Reparatur und Ablegen, Verklarung ist Ver­bleiben bis Montag mittag erforderlich."

Da Kapitän Rolin somit alle eigene Verschuldung an dem Vorfall bestreitet, wird die Sache um so rätselhafter. Nach Angabe der deutschen Gesandtschaft in Rio befindet sich unGr den Opfern aus derBaden" ein Reichsdeutscher, nämlich der Heizer Willi Müller. Ferner wurden drei reèchsdentsche Passagiere verletzt, Georg Pohle, Otto D a m b e k und Paul H ö h n sowie von der Be­satzung des Dampfers der Matrose H. Osterkamp, der Heizer Hans Beversdorff und der Maschinenân- wärter Willi A h r b e r g. Weiter sind acht Reichsdeutsche seriell worden. Ihre Namen sind noch nicht bekannt- gegeben.

Man vermutet in Hamburger Schiffahrtskreisen, daß die Revolutionäre, die das Fort Capacabana besetzt hatten, glaubten, daß der DampferBaden" Angehörige der früheren Regierung an Bord hätte. Bei der Hapag nimmt man an, daß dem Kapitän Rolin die Ausfahrt aus dem Hafen nicht verboten worden sei; denn wenn er dieses Verbot gekannt hätte, würde er als erfahrener und ver­antwortungsvoller Schiffsführer es vorsätzlich nicht miß­achtet haben. Die politischen Wirren in Brasilien zwingen die europäischen Reedereien, die mit Brasilien verkehren, zu äußerster Vorsicht. Schon ehe die Beschießung des HapagdampfersBaden" sich ereignete, teilten mehrere, darunter auch deutsche Reedereien, mit, daß sie ihre Ab­fahrten aufschieben müßten. So erklärt die Hamburg- Süd, daß alle ihre Abfahrten nach südbrasilianischen Häfen einstweilen nicht stattfinden würden.

Deutschland fordert Schadenersatz.

Wie man von zuständiger Stelle erfahrt, hat die deutsche Gesandtschaft in Rio de Janeiro sofort nach Be- kanntwerden der Beschießung des Hapagdampfers Baden" eine Untersuchung cingeleitet und zu diesem Zweck eine deutsche Kommission an Bord des Dampfers geschickt. Zugleich hat sie sich mit den zuständigen brasi­lianischen Stellen in Verbindung gesetzt. Die brasilia­nischen Behörden haben zugesichert, zur Aufklärung des

Die Regierung feiert keine Feste.

Dringende Aufforderung.

Bei der großen wirtschaftlichen Not, mit der weite Kreise des deutschen Volkes zu kämpfen haben, muß jedes Über­maß an Feiern und Vergnügungen vermieden werden. Aus diesem Grunde haben die Reichs- und die preu­ßische Regierung beschlossen, Einladungen gesell­schaftlicher Art nur beim Vorliegen besonderer Anlasse Jvlge zu leisten und ihre gesellschaftlichen Veranstaltungen aus das Mindestmaß dessen einzuschränken, was mit pslicht- gemäßer Repräsentation vereinbar ist. Der Rerch»- p r â s i d e n t hat diesen Beschluß ausdrücklich gutgcherßen. Die Reichsregierung und die preußische Staatsregierung richten angesichts des Ernstes der Zeit an alle Krelsedic dringende Aufforderung, auch ihrerseits gesellschaftliche Veranstaltungen einzuschränken und insbesondere von öffentlichen Festlichkeiten möglichst abzusehen.

Der Kampf um das Weizenbrot.

Da^ Handwerk gegen neue Zwangswirtschaft.

. Die Ausschüsse für Sozialpolitik und Wirtschaftspolitik beim Deutschen Handwerks- und Gewerbekam - e r t a g und beim Reichsverband des deutschen Handwerks traten in Hannover unter starker Beteiligung ?us. dem ganzen Reichsgebiet zu einer Aussprache über das ^cgiernngsprogramrn vom 30. September 1930 zusammen. Zu beabsichtigten zwangsweisen

Beimischung von Karwfscl- und Roggenmehl

wurde ein Antrag desGermania"-Zentralverbandes deutscher -vackerinnnungen und des Deutschen Müllerbundes einstimmig angenommen, in dem es u. a. heißn

Die von dem Reichssachverband des Bäckerhandwerks unterbreiteten Vorschläge, die bereits Gegenstand von Verhand­lungen zwischen dem ReichKernährungsminister Dr. Schiele und den,Germaiua "-Verband gebildet haben, werden als gc- Ngneie Maßnahmen zur Milderung der gegenwärtigen

Notlage der deutschen Landwirtschaft

ungesehen. Dem Neichsernährungsntinisier wird dringend nbegetegt, diese Maßnahmen, die die beteiligten Gewerbe, ge- "uln aus ihre Enahruuüeu. Vorschlägen, trotzdem sie den Be­

Falles alles Notwendige einzuleitcn und schuldige Per- sonen zur Rechenschaft zu ziehen. Die Gesandtschaft ist angewiesen worden, auf Grund des sestzustellenden Sach Verhalts angemessene Genugtuung und vollen Schaden­ersatz zu fordern.

Wie die Generaldirektion der Hapag-Hamburg be­kanntgibt, haben sich an Bord derBaden" auch fünfzehn dänische Passagiere dritter Klasse befunden, von denen aber niemand im geringsten verwundet worden ist. Die Verwundeten oder Toten seien ausschließlich Deutsche und Spanier.

Kommodore Rolin, der Kapitän der beschossenenVaden".

Die Veröffentlichung der Totenliste derBaden".

Wie aus Rio de Janeiro gemeldet wird, hat der Hapag-Vertreter die Liste der bei der Beschießung der Baden" zu beklagenden Toten bekanntgegeben. Von den 27 Toten der Liste sind die Mehrzahl junge Leute, viele davon unter 20 Jahren, mit spanischen Rainen. 37 Per­sonen wurden in Krankenhäuser verbracht.

Abfahrt derVaden" aus Rio.

Kapitän Rolin nicht verhaftet.

Nach den Informationen, die an Berliner zuständiger Stelle vorliegen, bestätigen sich die aus Amerika stammen­den Meldungen von der Verhaftung des Kapitäns deS Hapag-DampfersBaden" in Rio nicht. Das Schiff fährt noch am Montag abend unter Führung seines Kapitäns von Rio wieder ab.

Gegenrevolution in Brasilien?

Neue Unruhen in Rio.de Janeiro.

In Rio de Janeiro sind neue Unruhen ausgc- brochen. Es kam zu heftigen Zusammenstößen zwischen der Militärpolizei und dem aufsässigen Pöbel. Die Geschäfte und Banken würben sofort geschlossen. Gerüchte besagen, daß die Anhänger Prestes eine Gegen­revolution in der Bundeshauptstadt zu entfachen versuchen.

rufSangehörigen nicht unerhebliche Opfer auferlegen, zu ergreifen. Die gemachten Vorschläge können sofort er­folgreich durchgeführt werden, während andere Maß- ncihmen längere Übergangszeiten notwendig machen.

Jede zwangsweise Beimischung von Kartoffel- und Roggen- mehl oder eins von beiden zum Weizenmehl ist energisch ab- zulehncn als gegen die berechtigten Forderungen der Äcrbrau- cherschaft nach einwandfreiem und preiswertem Gebäck ver­stoßend.

Das G e s a nl t h a n d w c r k würde die zunächst betroffenen Handwerkszweige in einem durch einen Beimischungszwang aufgezwungenen Existenzkampf gegen eine solche

neue Zwangswirtschaft tatkräftig unterstützen weil ein solcher Kampf auch im Interesse der deutschen Verbraucherschasi liegt.

Kritik am Sanierungsprogramm.

In Berlin fand der 6. Gewerkschaftstag der Deutschen Wasser straßengewerkschaft statt. In der Eröffnungs­rede gedachte Gewerkschastsvorsitzender Brune der Opfer der Bergwerkskatastrophen. Dann sprach der Vorsitzende des Gesamtverbandes Deutscher Verkehrs- und Siaaisbediensteter, Oskar R ü inmele, zum ThemaUntergang oder Aufstieg". Seine Ausführungen fanden in einer Entschließung Ausdruck, in der es u. a. heißt: Der Sanierungsplan der Reichs­regierung sei zu einseitig auf die Belastung der Beamten, Angestellten und Arbeiter abgestellt.

Neichstagung der Postbeamten.

Der Reichsverband Deutscher Post- und Telegraphen­beamten veranstaltete im Rahmen seines 19. Verbands­tages in Berlin eine Kundgebung, an der auch Vertreter des Reichspostministeriums und des Verwaltungsrales der Reichspost teilnahmen. Nach Begrüßungsansprachen sprach Verbandssekretär Jahn über die Stellungnahme des Reichs- verband-cs zu den Tagesfragcn. Er erklärte u. a., die deutsche Beamtenschaft stimme mit dem Reichskanzler darin überein, daß die Beamten zu ihrem Teil an der Gesundung der Reichs­finanzen mithelfen müßten, jedoch müßten im übrigen alle zahlungsfähigen Volkskreise herangezogen werden. Der Redner gab der Hoffnung Ausdruck, daß es der Reichsregierung ge« linsten möge, eine allgemeine Preissenkung zu erzielen.

Der Kams um den Preisabbau.

Ich bitte ergebenst, mit Nachdruck daraus hinzu­weisen, daß die Ermäßigung der Produktionspreise . . . restlos zur Auswirkung kommt" das liest man in einem Schreiben, das soeben der geschäftsführende Reichswirt­schaftsminister den Länderregierungen zugehen läßt und in dem eine solcheAuswirkung" des Preisab­baues bei der Kohle verlangt wird. Man kann ein derartiges Verlangen ohne weiteres verallgemeinern angesichts der Tatsache, daß schon eine ganze Reihe von Produzentenkartellen, namentlich in der Schwerindustrie, ihre Preise herabgesetzt haben, man andererseits aber aus den breiten Massen der Konsumenten immer wieder den lauten, mehr oder minder berechtigten Rus hört:W i r merken bloßnichisdavon!"

Mit der Kohlenpreisermäßigung auch die Braun­kohlenindustrie hat sich ja dem Vorgehen der Steinkohlen- syndikate angeschlossen wird nun aber ein Kostenfaktor berührt, der vom größten bis zum kleinsten Betrieb, bet der Produktion ebenso im Riesenunternehmen wie im Handwerk, eine ganz wesentliche Rolle spielt. Zudem besteht hier insofern eine recht günstige Lage, als der Kohlengroß- und -kleinhandel teils fest organisiert, teils preisgebunden" ist, also auch damit die Möglichkeit für ein Eingreifen der Behörden beiunwirtschaftlichen Preisbindungen" gemäß der Julinotverordnung ohne weiteres gegeben erscheint. Natürlich sind die Landes­behörden die hierfür geeigneten Instanzen. und das Reichswirtschaftsministerinm verweist diese Behörden auch ausdrücklich auf die Rechte, die ihnen durch jene Not­verordnung eingeräumt sind, auf die Waffen, die ihnen damit im Kampf für den Preisabbau in die Hand gegeben sind durch die Möglichkeit, mittels einer bis zum Konsu- menlen hinunter durchgedrückten Kohlenpreissenkung auch die Erzeugungskosten zu vermindern.

Es soll aber nicht gleich mit der zulässigen Schärfe vorgegangen werden, sondern die Länderregierungen sind angewiesen, es bei den Kohlenhandelsorganisationen erst noch einmal sozusagen mit Güte zu versuchen, mit dem Ziel aber, nicht bloß die Kohlenpreisermäßigung beim Produzenten sich voll bis zum Konsumenten hin aus­wirken zu lassen. Sondern darüber hinaus müßte geprüft werden, ob die bisherigen Handelsspannen ab Produzenten bis zum Verkauf an den Konsumenten nicht auch reformbedürftig seien. Sind doch gerade in letzter Zeit gegen gewisse mitteldeutsche Braunkohlen- svndikate nicht gegen die Produzenten, sondern gegen die angeschlossenen Handelsgesellschaften heftige Vor­würfe über eine viel zu große Dehnung dieser Handels­spannen gemacht worden, so daß vor kurzem erst das Reichswirtschaftministerium durch den Reichswirtschafts- ral gebeten wurde, diese Dinge einmal recht genau zu untersuchen; was aus mannigfachen Gründen auch recht notwendig sein dürfte, und zwar besonders deshalb, weil hier der ausländische Einfluß eine leider nur allzu große Rolle spielt! Die Landesregierungen sollten also dem Ersuchen des Reichswirtschaftsministeriums auch schon deswegen recht ausführlich Folge leisten, weil sich dann doch eine Preisermäßigung beim Haus­brand die bisher abgelehni ist bis in die letzten Könsumcntenkreise fühlbar machen, diese also dochetwas vom Preisabbau merken" würden.

Das dürfte sogar noch weit mehr geschehen, wenn es gelingen sollte, dem weiteren in jenem Schreiben aus­gedrückten Wunsche des Reichswirtschaftsministers nach möglichsterAuswirkung" des Kohlenpreisabbaues Rech­nung zu tragen: bei den Tarifen der P erfol­gn ngsbetriebe der Kommunen. Also bei den Preisen für Gas, Wasser, Elektrizität und demzufolge auch bei den Verkehrsbetrieben. Oft genug sind hier die Preisverteuerunyenbegründet" worden mit einer Her­aufsetzung des Kohlenpreises nun könnte sich die Sache doch auch einmal in umgekehrter Richtung abspielen! Ge­rade bei der Gaserzeugung z. B. ist doch die Kohle das eigentliche Rohprodukt, sollte mithin eine Kohlenpreis­ermäßigung auch das Endprodukt verbilligen. Sollte es wenigstens tun aber es ist sehr fraglich, ob es geschehen wird! Angesichts der miserablen Finanzlage vieler Städte würden sich die Verwaltungen nicht wenig freuen, wenn sie die Kohlenpreisermäßigungauffangen" und den Mehrerlös in die eigenen, ach! so leeren Taschen leiten würden. Auch hierfür dürfte es ja anGründen" kaum fehlen. Wobei übrigens auch erwähnt werden mag, daß derartige Versorgungsbetriebe ja keineswegs nur in Händen der Kommunen sind, sondern daß bei den größten von ihnen gerade die Länder das entscheidende Wort zu sprechen haben, daneben noch Provinzen, Kommunalver- bände usw. Das gilt besonders für große Teile der Elektrizitätsversorgung, wo vielfach außer bei den Kom­munen ein Lieferungsmonopol besteht, namentlich für die Bedürfnisse der kleinen und mittleren Städte und des flachen Landes. In Ostpreußen z. B. sind zahlreiche Ab-

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Die Reichsregierung und die preußische Regierung erklären in Uebereinstimmung mit dem Reichspräsidenten, im kommenden Winter sich in Anbetracht der Notzeit von allen nicht unbe­dingt erforderlichen Festlichkeiten fernhalten zu wollen.

* Der Reichspräsident hat für die Hinterbliebenen der Opfer der Bergwerkskatastrophe im Saargebiet 10 000 Mark gespendet.

* Die Spitzenorganisationen des Handwerks faßten eine Entschlreßung, Die sich scharf gegen den von der Regierung ge­forderten Veimischungszwang von Kartoffel- und Roagenmebl zum Weizengebäck wendet.

, * Kapitän Rolin, der Kommandant des in Rio de Janeiro beschossenen Dampfers Katzen", bestreitet jede Schuld und er­klärt, mit voller Ausreiseerlaubnis ausgesahren zu sein.