Zulöaer Anzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zulöa- und Haunetal »Zulöaer Kreisblatt
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Nr. 300 — 1930
Fulda, Mittwoch, 24. Dezember
7. Jahrgang
Ueber vier Millionen Arbeitslose.
AnWende Zunahme
der EnverösipWett.
Die Arbeitsmarktlage im Reich.
Nach dem Bericht der Reichsanftalt für die Zeit von, !. bis 15. Dezember 1930 hat die Zunahme der Arbeitslosigkeit aus überwiegend jahreszeitlichen Gründen weiter angehalten, jedoch nicht dasselbe Ausmaß erreicht wie in der gleichen Zeit des Vorjahres. Die Zahlen der Haupt- unterstützungsempfänger zeigen vom 30. November bis 15. Dezember eine Zunahme um rund 158 000 auf rund ! 9 IG 000 in der Arbeitslosenversicherung, um rund 37 000 auf rund 603 000 in der K r i s e n s ü r s 0 r g e; dabei ist darauf hinzuweisen, daß die Belastung dieser beiden Unterstützungserurichtungen nur einen Ausschnitt aus dem G e s a m t u m f a n g der Arbeitslosigkeit wiedergibt. Die Zahl der Arbeitslosen (verfügbare Arbeitsuchende nach Abzug der noch in Stellung oder in - kotstaudsarbM Befindlichen) belief sich am 30. November auf rund 3,7 Millionen; bei der Zählung am 15. Dezember ergab sich ein Anwachsen um rund 278 000 auf rund 3 977 000. Die entsprechende Zahl Mitte Dezember des Vorjahres belief sich auf rund 2 362 000.
Ein nicht genau erfaßbarer Teil der Überhöhung der Arbeitslosenziffer gegenüber dem Vorjahre beruht auf der besseren Erfassung der Wohlfahrtser- werbslosen sowie auf dem von der wirtschaftlichen Not erzwungenen Andrang zahlreicher, früher nicht als Arbeitnehmer tätigen Kräfte zum Arbeitsmarkt.
Von den einzelnen Landesarbeitsämtern haben die Bezirke Ost Preußen, Schlesien, Pomme r n, Niedersachsen und Mitteldeutsch
^e^ögiTafai^ Vermögen
In den Vereinigten Staaten von Amerika bis 10. März an melden.
Nach den Angaben des amerikanischen Treuhänders für das beschlagnahmte Eigentum ist von der Deutschen Botschaft in Washington eine Liste zusammengeslettt worden, die in alphabetischer Reihenfolge die Namen derjenigen Interessenten enthält, bei deren Guthaben sich kein Vermerk über die Stellung eines Freigabeantrags findet
Die Frist zur Anmeldung von Freignbcanirügen läuft endgültig am 1(1. März 1931 ab.
Wer bis dahin die Freigabe seines in den Vereinigten Staaten von Amerika beschlagnahmten Eigentums nicht beantragt hat, wird nach dem amerikanischen Gesetz vom 10. Mär? 1928 für aller Rechte daran verlustig angesehen.
Die Liste liegt für alle Interessenten bei der Industrie und .Handelskammer zu Berlin, Berlin NW. 7, Doroiheenstr. ?, und in der Außenhandelsstelle für Berlin, B r a 11 denburg, Pommern und die Grenzmark, Berlin E. 2 Kloucrstr 41, zur Einsichtnahme aus. Die Freigabeanträgc sind bis ipätc’icn^ mm 10. März 1931 anzubringen. Genaue Anschrift des Treu- Händers: The Alien Properm Enstodian, Tower Building. 14^ and K Streets NW.i Washington D. E., U. S A
Ser Kampf um den Präsidenten beginnt
Großer Wahlskandal in der republikanischen Partei der U. S. A.
Peinliche Enthüllungen über eine fragwürdige Kampagne des leitenden Direktors des republikanischen Nauonalkomitecs namens Lucas gegen die Wiederwahl des progessiven republikanischen Senators Norris haben in den Reihen der Anhänger des Senators Borah eine derartige Erbitterung gegen die Parteileitung ausgelöst, daß man in Washington ernsthaft mit der Möglichkeit einer Spaltung der Republika nischen Partei zu rechnen beginnt. Angeblich wollen Die Progressiven der Kandidatur Hoovers für die Präsidentenwahl 1932 durch Aufstellung eines eigenen Kandidaten - vielleicht Borahs - begegnen. Die Erbitterung ist um 10 großer, als -erwiesen zu sein scheint, daß Lucas seine Kampagne durch persönliche Anleihen bei der Parteikasse finanzwrte Die Progressiven wollen Hoover zwingen, zu diesem Skandal öffentlich Stellung zu nehmen.
Vintila Bratianu f.
Im Alter von 61 Jahren.
Der Vorsitzende der Liberalen Partei in Rumänien, V i n - Li la Bratianu, ist plötzlich auf seinem Landgut im Alter von 61 Jahren gestorben.
Vintila Bratianu, der jüngere der Brüder, die das politische Gesicht und Schicksal des Rumänischen Staates entscheidend be- cinslutzt haben, übernahm nach dem Tode des älteren und bedeutenderen, Ionel Bratianu, die Führung der Regierung und zugleich der „Liberalen" Partei. Die Oppositiion der Nationalen Bauernpartei unter Maniu hat das Regime Bratianu gestürzt. Maniu kam ans Ruder und wurde von den Liberalen bekämpft, doch war die Mißstimmung im Lande mit der .Herrschaft der Bratianus zu allgemein, als daß Vintila die Möglichkeit gehabt hätte, in der Opposition eine neue Machtergreifung vorzubereiten. .
Nach der Thronbesteigung Carols, Die von den Bratianus stets bekämpft wurde, hatte sich die Liberale Partei in der Frage der Einstellung zum neuen Herrscher in drei Richtungen gespalten; es ist nicht ausgeschlossen, daß der Tod des sehr eurofratitoen ViNtita Bratianu eine Wiedervereinigung der inner Dem neuen Regime erheblich geschwächten Parte, im Gefolge ha^.
land eine Zunahme in der Zahl der Hauptunterstützungsempfänger erfahren, die zum Teil erheblich über dem Reichsdurchschnitt liegt; die Bezirke W e st f a l e n, Rheinland und Sachsen haben sich in dieser Beziehung nicht unerheblich g ü n st i g e r als der Reichs- durchschnitt entwickelt.
Kann das Weihnachtsgeschäft helfen?
Die Arbeitslosigkeit hat damit einen Stand erreicht, der weit über dem des Vorjahres, der ja auch schon erschreckend hoch war, liegt. Ob das Weihnachtsgeschäft, das ja in der Lagerhaltung aufgeräumt hat, in der nächsten Zeit eine Entlastung des Arveitsmarktes bringen kann, bleibt abzuwarten. An sich würden ja die mehr oder weniger geräumten Lager eine Auffüllung verlangen, damit der Produktion neue Aufträge bringen müssen und dadurch die Möglichkeit der Einstellung von Arbeitskräften. Auch werden
die Sonderverkäufe der nächsten Zeit,
wie Inventurausverkäufe und „Weiße Wochen" weitere intensive Absatzmöglichkeiten bieten. Diese Konjunkturauftriebe werden aber wahrscheinlich, selbst wenn sie eintreten würden, doch einige Zeit bis zu ihrer vollen Auswirkung brauchen. Saisonmäßige Hinderungsgründe einer Arbeitsmarktbelebung dürften auch in den nächsten Wochen noch wirksam werden, so daß es scheint, als ob die Kurve der Erwerbslosigkeit in diesem Winter ihren Höhepunkt noch nicht erreicht hat. Ihr immerhin verlangsamtes Ansteigen bietet aber doch einige Hoffnung, daß sie sich in nicht allzu langer Zeit zum Abstieg wenden wird.
Kellogg über Abrüstung.
In ein bis zwei Jahren Konferenz.
Der frühere amerikanische Staatssekretär Kellogg, der von feiner Europareise zurückgekehrt ist, erklärte nach seiner Ankunft im Newyorker Hafen, daß die Landab- r ü st u 11 g der wichtigste Faktor zur Sicherung des Friedens sei. Die alliierten Mächte seien v e r r r a g l i ch verpflichtet, ihrerseits auch abzurüsten. Er glaube, daß man der Zukunft hoffnungsvoll entgegensehen könne, und er sei überzeugt, daß die Abrüstungskonferenz in einem oder zwei Jahren zusammentreten werde. In Europa bestehe keine Kriegsgefahr, ebensowenig wie der Ausgang der deutschen Wahlen die Möglichkeit eines Konflikts schaffe.
Verschuldung der kleinen Landgemeinden in Preußen.
Bei den 50 702 Gemeinden unter 10 000 Einwohnern, die eine Gesamteinwohnerzahl von über 33 Millionen haben, waren 1928 29 974 verschuldet mit einer Ein Wohnerzahl von 24,1 Millionen. Aus der Tatsache, daß 1928 noch eine große Anzahl von Landgemeinden unverschuldet waren, darf nicht etwa der Schluß gezogen werden, als stünden diese kleinen Gemeinden finanziell viel gün stiger da als die stark verschuldeten, zum Teil unter Zwangsverwaltung stehenden großen Städte. Die kleinen Gemeinden waren durchweg gar nicht so kreditfähig, als daß sie Anleihen oder Kredite hätten aufnchmen können. Weiterhin haben sie außerordentlich sparsam gewirtschaftet. Schließlich muß besonders hervorgehoben werden, daß der kommunalen Schuldenfreiheil eine sehr hohe privatwirtschaftliche Verschuldung gegenübersteht. Sie ist zum Teil mit darauf zurückzuführen, daß die kleinen Gemeinden, die keinen Kredit aufnehmen konnten, zur Erfüllung ihrer zwangsläufigen gesetzlich festgelegteu Aufgaben, gezwun gen waren, die Realsteuerzuschläge übermäßig anzuspannen. Die mangelnde Kreditfähigkeit und die übermäßige Anspannung der Realsteuerzuschläge lassen daher die Schuldenfreiheit bei Tausenden von Landgemeinden im besonderen Lichte erscheinen. Im übrigen ist es zweifelhaft, ob die Schuldenfreiheil Ende 1930 noch in dem Umfange besteht.
Meder Mißbrölchen in Gasiwirtschasten.
Änderung des B r 0 t g e s e tz e s für P r e u ß e n.
Der preußische Minister für Handel und Gewerbe hat zusammen mit dem preußischen Landwirtschaftsminister ungeordnet, daß in Zukunft auch in Gast-, Speise- und Schankwirtschaften Weizenkleingebäck im Stück geivicht bis 50 Gramm angeboten, seugehalten oder verkauft werden darf, wenn gleichzeitig in gleicher Weise auch Roggenbrot, Mischbrot usw. seilgehalten wird.
Des weiteren sind die Regierungspräsidenten ermächtigt worden, auch Ausnahmen von derjenigen Bestimmung der Notverordnung zuzulassen, die vorschreibt, daß anderes als nach den Vorschriften von Paragraph 1 des Brotgesetzes hergestelltes Brot, also Weizen brot usw., nur unmittelbar von einer bei Inkrafttreten der Notverordnung bereits best ehenden gewerblichen Niederlassung aus verkauft werden darf.
Weihnachten 4930.
Wieder, vielleicht mehr noch als sonst, bleibt das „Fröhliche Weihnacht!" ein Wunsch, dem allzuoft nur ein bitteres, hoffnungsloses Achselzucken als Antwort folgt. „Fröhliche Weihnacht!" — Woher soll Freude kommen, wenn die schweren Sorgen des Alltags nicht einfach vergessen werden können in den Tagen des Festes. Und wenn man an die vielen, viel zu vielen denkt, denen die Not es verbietet, das Fest so zu begehen, wie sie es von Kindheit an gewohnt sind und wie sie es selbst nun auch ihren Kindern „bescheren" möchten. Trüb brennen am Weihnachtsbaum die Kerzen. Und gerade weil es ein F e st des Schenkens und des Gebens ist, ein Fest der Kinder und für die Kinder, so ist es besonders niederdrückend, daß so vielen das Schenken versagt, unzähligen Kindern nur ein kärgliches Weihnachten beschieden ist, weil wirtschaftliche Not dem Weihnachtsengel den Weg, den Eintritt versperrt. Anders, dumpfer als früher klingen die Weihnachtsglocken.
Und vergeblich scheint es zu sein, daß sie das Fest des Friedens einläuten, „allen denen, die guten Willens sind". Noch hallt mißtönend der Lärm heftigsten politischen Unfriedens bis hinein in die Tage des Festes. So laut wie seit langem nicht schrillte das unfriedliche Gezänk der Parteien, wurde kaum leiser, je näher wir dem Feste des Friedens kamen. Des „Friedens" — auch hierauf glauben viel zu viele nur mit einem besser wissenden spöttischen oder hoffnungslosen Achselzucken antworten zu sollen. Sind es doch zu wenige, die guten Willens sind. Zu wenige, denen das Weihnachtsfest seinen letzten und t i e f st e n Sinn offenbart. Mit dem Eispanzer des Parleiegoismus angetan stehen sich selbst an diesem deutschesten aller Feste Millionen von Volksgenossen friedlos gegenüber und die Lichter des Christbaums und der Friedenswunsch der Engel vermögen die starre Hülle nicht zu zerstören. Auf taube Ohren stößt das „Friede den Menschen auf Erden". Und blicklosen Auges schauen viele auf den Baum, den der deutsche Wald hergab.
Auch draußen, jenseits der deutschen Grenzen, leuchtet er glücklosen Menschen. Sie dürfen unter ihm nur flüstern von der alten Heimat, von der man sie hinweggerissen hat; nur leise dürfen sie die alten deutschen Weihnachtslieder summen. Noch größere Not liegt über ihnen, Volksnot, Leibesnot, Rechtsnot. Draußen auf den Straßen herrscht der Unterdrücker und lauscht hinein in die Räume, wo Deutsche das deutsche Fest begehen. Kein Friede ist dort, keine Liebe — nur Haß, Verfolgung, brutale Gewalt. Und hoffnungslos blicken die Augen in den Schein der Kerzen.
Ein wahrer Weihnachtsfriede wird ja auch uns Deutschen int Reich seit sechzehn Jahren nicht mehr beschert. Immer tönt in den Klang der Weihnachtsglocken lauter oder leiser, aber nicht überhörbar das Geklirr der Ketten hinein, die uns ange egt sind und die uns heute schmerzhafter drücken als ic Und die Gedanken hinaus zu den fernen Gräbern D ier, die draußen liegen als Opfer des Krieges, gefallen in der Verteidigung der Heimat. Stärker, schmerzvoller wandern am Weihnachtsfeste die Gedanken hinaus au jene, die einst neben uns gestanden haben
Aber gerade sie dürfen von uns verlangen, nicht in Hoffnungslosigkeit zu versinken. Christfest — dazu gehört auch der Tag der Wintersonnenwende. Beides zusammen erst wird zum deutschen Weihnachtsfest. Friedensgruß der Engel und die Hoffnung darauf, daß auch für uns das Dunkel einst einem helleren Lichte wieder weichen wird. Und daß, wie einst über Bethlehem, der weisende Stern die Nacht der Hoff- nungslosigkcit durchstrahlt und uns den Weg zum fernen Zkel zeigt. Aber auch das kann nur geschehen, wenn wir guten Willens sind. Wenn wir unter dem Christbaum von uns tun, was uns Herz und Sinn verhärtet gegen die andern. Wenn wir erkennen, daß es nie auf einem Teil nur, sondern immer auf das ganze Volk an- kommt. Wenn wir nur unser innerstes Wesen sprechen lassen und alles andere einmal zum Schweigen bringen, alle Gedanken und Gefühle des Unfriedens und des Hasses an dem Fest, das wir als ein Fest des Friedens und der Liebe kennengelernt haben als Kinder. Dann werden wir klareren und ungetrübten Auges auf die Kerzen des Christbaumes schauen und ihr Schein wird auch noch hinein- leuchten in den Alltag, wenn die Tagesfron uns wieder umfaßt. Und dieser Schein wird auch die dunkle Hoff- nungslosigkeit vertreiben, wird die Sehnsucht tatkräftig aufstehen lassen, guten Willens daran zu arbeiten, daß uns dereinst wieder ein wirkliches deutsches Weih- nachten, ein Weihnachten der Freiheit beschert ist.
Die katholische Kirche im Radio.
Die Römische Rundfunkgesellschaft teilt mit, daß der ehe- malige Kardinalstaatssekretär Gasparri sich bereit erklär* habe, am Heiligabend eine Weihnachtsansprache zu halten, Die von den italienischen Funkstationen über die ganze Welt verbreitet werden soll. Die Ansprache wird um 20 05 Uhr beginnen und bis 20.15 Uhr dauern.
Meine ^eftatw für »Mae Leser.
. * Das Fluaschisf „Do X", das in Lissabon repariert wird wird am 15. Januar 1931 wieder flugbereit sein und für den Wetterllug nach Amerika die Südroute benutzen.
* Die Zahl der Arbeitslosen im Reich belief sich am 15. De, zember auf fast vier Millionen.
♦ Durch die Grenzpolizei in Neu-Bentschen wurden drei ^eute^lestgenommen, Die der Spionage für Polen beschuldigt