Zul-aer Anzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
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Nr. 2 — 1931
Fulda, Samstag, 3. Januar
8. Jahrgang
Streikunruhen im Ruhrgebiet.
BersOârfunglnd-aVergarbeiterstagen
Zahlreiche Schachtanlagen bestreikt.
Infolge der auf den Zechen des Ruhrgebietes durch Anschlag ausgesprochenen Kündigung der Belegschaften ch es aus zahlreichen Schachtanlagen des Ruhrgebiets zu Teilstreiks gekommen. Es handelt sich hierbei um Teilausstünde, die aus das Betreiben der örtlichen kommunistischen revolutionären Gewerkschaftsopposition zurück-, gehen dürften.
Von den Teilstreiks werden insbesondere das Ham- borner, Recklinghäuser und Hammer Gebiet betroffen. Wie auf Anfrage von der Bergbaugruppe Hamborn der Vereinigten Stahlwerke mitgeteilt wird, sind auf vier von sechs Schachtanlagen Teilstreiks ausgebrochen. Von insgesamt 5500 Bergleuten sind hier 2500 in den Streik getreten.
Auf etwa zwanzig Zechen, vor allem im nieder- rheinischen und Recklinghäuser Revier, kam es zu schweren Betriebsstörungen und zum Teil auch sogar zur Stilllegung von ganzen Schachtanlagen. Zur Stunde ist die Lage noch unübersichtlich.
Die an den Tarifabmachungen beteiligten Bergarbeiter enthalten sich der Teilnahme an den Streiks, aber trotzdem hat sich die Zahl der Streikenden, die anfänglich etwa zehn Prozent der Belegschaft betrug, im Laufe des Montags etwas vergrößert. Auch die Arbeitslosen wirken tarl an der Bewegung mit, die auf einzelnen Gruben bereits zu Gewalttaten und Terrorakten geführt hat. Arbeitswillige wurden durch Überredung und Störung der Markenausgabe am Beginn der Arbeit gehindert.
Gewerkschaften und Arbeitgeber.
Die Gewerkschaften halten sich vorläufig zurück. Man fürchtet, daß sie schließlich keinen anderen Weg sehen könnten, als sich an die Spitze zu stellen, um sich die Füh runn der Massen nicht aus der Hand nehmen zu lassen.
- Sicherheit für Deutschland!
Reichswehr und Abrüstung
In einer Rundfunkansprache gedachte am Neujahrs- ragc der Reichswehrminister Gröner des zehnjährigen Bestehens der Reichswehr in der im Versailler Vertrag diktierten Form. Der Minister zeichnete in großen Zügen die Entwicklung der jungen deutschen Wehrmacht. Es werde sich Herausstellen müssen, ob die ehemaligen Kriegsgegner die Abrüstungsverpflichtung im Versailler Vertrag auch für sich einhalten wollten oder nicht. Deutschland merbe mit allem Nachdruck die Forderung auf gleiches Maß und gleiche Sicherheit erheben. Dies gelte auch in der Rüstungsfrage. Es gebe kein Land, das der Sicherheit mehr bedürfe als Deutschland mit den beiden offenen Grenzen und der entmilitarisierten Zone.
Über die innnere Entwicklung der Reichswehr sagte Gröner u. a.: „Gebe es einen deutlicheren Beweis für die Notwendigkeit der Überparteilichkeit der Reichswehr als die Entwicklung der letzten Zeit? Gerade angesichts der ungeheuren Zersplitterung im Volk müsse die Reichswehr ein staatsbewußtes Instrument des Ganzen sein. Die Reichswehr sei zu einem berufsfreudigen Instrument der Staatsgewalt geworden. Notwendig sei auch die staatsbürgerliche Erziehung des Soldaten und seine Eingliederung in das Volksganze. Niemand in Deutschland wolle einen Krieg. Es gebe aber nur zwei Möglichkeiten, entweder Verzicht auf die Wehrhaftigkeit und den Verteidigungswillen und damit die Überantwortung des politischen Schicksals an den guten Willen der anderen Nationen oder aber das Herausholen aller gegebenen Möglichkeiten zur Selbstverteidigung des Staates.
Ncujahrserlatz des Chefs der Marineleilung.
Berlin. Der Ches der Marineleitung, Adntiral Raver, hat an die Reichsmarine folgenden Neujahrserlaß gerichtet: In dankbarer Anerkennung der treuen Mitarbeit im ver flossenen Jahre spreche ich allen Angehörigen der Reichsmarine meine besten Wünsche für das neue Jahr aus. Auch für das Notjahr 1931 gelte: In stiller, selbstloser Arbeit weiter vor wärts und aufwärts! gez. Räder, Admiral, Dr. e. h., Chef der Marincleitung.
Revolution in Panama.
Bildung einer vorläufigen Regierung.
In Panama ist eine Revolution ausgebrochen. Der sorgfältig vorbereitete Aufstand begann in Colon, das nach heftigen mehrstündig en Straßen- sümpfen sich jetzt anscheinend in den Händen der Aufständischen befindet, die von Quintero geführt werden. Bisher wurden fünfzehn Tote gemeldet. Der Präsident Arosemena und mehrere Mitglieder der Regierung sind angeblich ins Gefängnis geworfen worden. Die Bereinigten Staaten haben Marrnetruppen nach Colon cnt sandt. . .
Die siegreichen Aufständischen tu Panama haben eine vorläufige Regierung unter ?r. Harmodia Arias eingesetzt. Unter den auf der Reglerungsseite bei den Straßenkämpfen Gefallenen befindet sich Rodolfo Chiari, her jahrelang der eigentliche Poutrsche Führer Panamas war. Die amerikanische Gesandtschaft wird von Truppen toärfftcn bewacht. , ' /
Bon fetten der Arbeitgeber waren genaue Angaben über Umfang und Art des Streiks nicht zu erhalte». Das müßte wohl bald nachgeholt werden, damit Gerüchte »icht die wirklichen Dinge übertreiben und somit Anlaß zu größerer Beunruhigung geben.
Der Verband der Bergbauindustriearbetter Deutschlands fordert unter Hinweis auf die kommunistischen Aktionen seine Mitglieder und die Belegschaften auf, -iitschparolen keine Folge zu leisten und sich den Ver- 'uchen, sie gewaltsam durchzuführen, energisch zu widersetzen.
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Zusammenstöße zwischen Polizei und Streikenden.
Ein Toter.
Aus Moers wird gemeldet: Auf der Zeche Niederrhein in Neukirchen behinderten gestern etwa 500 Streikende die Arbeitswilligen am Einfahren, so daß die Polizei die Menge mit dem Gummiknüppel auseinandertreiben mußte.
Auf der Zeche Rheinpreußen kam es gestern weiteren Nachrichten zufolge beim Einfahren der Nachtschicht zu schweren Streikunruhen, wobei sich ein regelrechtes Feuergefecht zwischen der Polizei und Streikenden entwickelt. Dabei wurde ein Unbe- eiligter durch Schüße getötet, mehrere andere wurden verletzt.
Weitere Verschärfung!
Essen, 3. Januar.
(Eigene Fuukmeldu«g.j
Rach de« bi» jetzt vorliegenden Meldungen hat sich die Streitlage im Bezirk von Moers heute früh noch weiter verschärft. Die Zahl der Mr Frühschicht eingefahrenen Belegsthas- ten hat sich verringert. Ein Gesamtbild der StreiNage i« Ruhrbergban läßt sich noch nicht geben, da die Meldungen der einzelnen Schachtanlagen noch aussichen.
Der Neujahrsempfang beim Reichspräsidenten,
bei Deut vas Berliner Diplomatische Korps Dem Reichs- Oberhaupt in traditioneller Weise die Glückwünsche zum Jahreswechsel aussprach. — 1: der englische Botschafter Sir Horace Rumbold — 2: der französische Botschafter de Margcrie — 3: der amerikanische Botschafter Sackett.
Schlechte Weihnachisbilanz.
Handel und Gewerbe im Dezember 1 93<1.
Anzeichen der Besserung waren im Monat Dezember weder in der Weltwirtschaft noch in der Wirtschaft Deutschlands erkennbar. Nur im deutschen K üblen absatz trat eine kleine, dltrch be;n Preisabbau bedingte, Belebung ein. D-as Weihnachtsgeschäft blieb er heblich hinter dem Vorjahre zurück und entsprach nicht überall den ohnehin gering gestellten Erwartungen. Die A r b e i t s l 0 s e n z a h l erreichte in der Monatsmitte 4 Millionen, so daß der Jahresdurchschnitt auf über 3 Millionen zu veranschlagen ist gegenüber 1,9 Millionen int Vorjahre nnd 1,4 Millionen 1928. Die Handels bilanz blieb im November mit 190 Millionen Mark aktiv. Wenn auch der Export zum Teil ein Notexport ist, so hat er sich doch bei uns wesentlich besser gehalten als der in den konkurrierenden Industrieländern.
Bombenanschlag in HohenzoUern.
Niemand verletzt.
In der Neujahrsnacht ist vor Dem Schlafzimmer des Landwirts und Gemeinderats Johann Acker in Germertingen eine Bombe zur Entladung gebracht worden, die mit Eisenteilen ge füllt und deren Explosion sehr stark war. Zwei Kreuzstücke des Hauses wurden herausgerissen, die Hausbewohner selbst b l i c b c n u n v c r l c tz t. Wie es beißt, handelt es sich um Den Racheakt eines Knechtes des Bauern, dessen Aufenthalt mit Hilfe eines Polizeihundes .ermittelt wurde, und der Rud nach Verübung des Anschlages festgenommen werden konnte.
Neujahrswünsche.
Wirtschaftspolitische Auseinandersetzungen. — Die vornehmste Ausgabe. — Großes Gepäck.
. . . der Alltag hat uns wieder' darf man jetzt mit einer leichten Abänderung des „Fanst'-Wortes sagen, nachdem die letzten Tage des vergangenen Jahres einem gewissen Aufatmen gewidmet werden konnten. Aber auch diese Zeit brachte vielen doch wieder neue Sorgen. Man kann vielleicht ein paar Tage hindurch sich innerlich ab- sperren gegen das, was von draußen her auf uns ein- stürmt, aber so etwas gelingt nur eine kurze Zeit hindurch. Denn der letzte Tag des vergangenen Jahres brachte doch vor allem den Auftakt zu schwerwiegenden wirtschaftspolitischen Auseinandersetzungen. Hunderttausende von Textilarbeitern in Sachsen werden in Verhandlungen über einen neuen Tarifvertrag eintreten müssen; hat sich doch gerade in der Textilindustrie die Wirtschaftskrise besonders stark nach der Richtung hin ausgewirkt, die Gestehungskosten einer überaus scharfen Rationalisierung zu unterziehen. Drängender noch ist die Zuspitzung der Lage im Bergbau. Bisher ist noch niemals die Arbeitnehmerseite zu Lohnoerhandlungen gegangen mit dem Zugeständnis, grundsätzlich in eine Lohnherabsetzung einwilligen zu wollen. Diesmal ist das geschehen, — aber das legt auch dem Schlichter und der Gegenseite die soziale Pflicht auf, dieses Entgegenkommen auch zu werten als eine Einsicht in unabänderbare wirtschaftliche Notwendigkeiten und ebenfalls sich bei den Verhandlungen über den Lohn als natürlich sehr wesentlichen Teil der Gestehungskosten gleichfalls auf das wirtschaftlich unbedingt Notwendige zu beschränken. Eine Austragung der jetzt noch bestehenden Differenzen durch Streik oder Aussperrung vermögen wir zurzeit in Deutschland einfach nicht zu ertragen. In England haben sich auch heute noch nicht die Wunden ganz geschlossen, die der Wirtschaft dreses Landes durch den großen Bergarbeiterstreik des Jahres 1926 geschlagen worden sind. Trotzdem ist es dort auch jetzt wieder zu einem Kamps gekommen, hat die Arbetterregierung Macdonalds trotz außerordentlich eifriger Bemühungen den Ausbruch eines Streikes im Süd waliser Kohlenrevier nicht verhindern können. Auch in England spitzen sich die sozialen Gegensätze zu, und es ist dem jetzt verstorbenenLordMelchett,demFührer der englischen chemischen Industrie, zwar gelungen,Arbeitgeber und Arbeitnehmer an einen gemeinsamen Verhandlungstisch heranzubringen, aber nicht zu einer Vertagung der Streitfragen in der Lohnhöhe und der Arbeitszeit beim Bergbau. Vielleicht gibt für den Ausgang der Auseinandersetzungen im Ruhrbergbau der Schiedsspruch eine Andeutung, der soeben im sächsischen Steinkohlenbergbau erfolgt ist. Die Schlichtungskammer hat einen Lohnabbau von sechs Prozent beschlossen. Das wären 50 Prozent dessen, was heute noch die Arbeitgeber des Ruhrreviers verlangen. Man wird hoffentlich oder vielmehr m a n innß sich einigen können, nicht bloß im Hinblick auf die schwere Wirtschaftskrise, sondern vor allem auf das soziale Schicksal von dreihunderttausend deutschen Menschen und weiteren Hunderttausenden ihrer Angehörigen.
„Auch ich halte es für die vornehmste Aufgabe der Reichsregierung, sich mit ganzer Kraft dafür einzusetzen, daß die sittlichen und sozialen Lebensgrundlagen des deutschen Volkes nicht erschüttert werden,' — diesen Satz in der Ansprache beim Neujahrsempsang des Reichs- Ministeriums sollte man in der kommenden Zeit ganz besonders beachten. Der Reichspräsident hat es in warnenden Worten beklagt, daß die Verschiedenheit der politischen Anschauungen vielfach zu einem Kampfe geführt habe, „der das deutsche Volk zerreißt und dann in der Zeit der Not und Gefahren zu einem einheitlichen Willen unfähig macht'. Aber cs liegt doch schließlich alles nur an einem solchen einigermaßen guten Willen. Hat doch Hindenburg allzu recht damit, wenn er hinzufügt, „in Wirklichkeit sei bei nüchterner Betrachtung das Gegensätzliche und Trennende gar nicht von solcher Bedeutung, daß ein Zusammengehen in den Lebensfragen unseres Vaterlandes, in den Dingen, die unser aller gemeinsames Schicksal bestimmen, gehindert ist'. Schließlich ist es doch die Hauptsache, für die Massen des deutschen Volkes vor allem eine irgendwie gesicherte Lebensgrundlage zu erhalten, bzw. zu schaffen; ist es wichtiger, dafür zu sorgen, daß mir leben, als wie wir politisch unser Dasein gestalten. Und darum möchte man es, nicht bloß als Deutscher, auch wünschen, daß der leitende Gedanke der Ansprache des päpstlichen Nuntius nicht bloß ein Wort bleibe, sondern endlich zur Tat werde, „ohne die volle und aufrichtige Eintracht der Nation sei es nicht möglich, eine wirkliche wirtschaftliche Wiedergesundung der Völker herbeizuführen'.
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Die Probe aufs Exempel wird ja bald gemacht )verben. Beginnen doch die Staatsmänner bereits, ihre Koffer zu packen, um in Genf zur Tagung des Völkerbundes zu erscheinen. Dr. Curtius, der deutsche Außenminister, wird diesmal mit besonders großem Gepäck reifen, beim in seinem Koffer bringt er
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Reichsaußenminifter Dr. Curtius hat den ihm znsteheoden Borfitz in der Ianuartaqung des Genfer Völkerbundes an den englischen Minister Henderson abgegeben, um die deutschen Interessen gegenüber den Polen besser vertreten M können.
* Aw Silvesterabend und am Neujahrstage find in verschie« bette« ©egenheu Deutschlands schmex- Swiefe» KÄMM« ward««.
* D«« MsErLWSMng iw iKit^bargÈey bat tw wiiett Verschärfung iâhr«m.