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Nr. 29 — 1931
Fulda, Mittwoch, 4. Februar
8. Jahrgang
An den Stätten des Grauens.
Die Opfer der Erdbebenkatastrophe auf Neuseeland: Ueber 100 Tote, 1000 Verletzte, verwüstete Städte.
Das gestern bereits gemeldete schwere Erdbeben, von dem Neuseeland heimgesucht worden ist, hat nach bisher vorliegenden Meldungen zahlreiche Opfer an Menschenleben gefordert und ungeheuren Sachschaden angerichtet. Besonders schwer haben die Städte Napier und H a st i n g s gelitten. Insgesamt werden vorläufig über hundert Tote und etwa tausend Verwundete gemeldet. Da jedoch alle telegraphischen Verbindun gen mit den am meisten betroffenen Städten unterbrochen sind, läßt sich ein Gesamtbild über die Ausmaße des Unglücks jetzt noch nicht gewinnen. Das Beben, das die ganze Küste verändert hat, wurde au ch in Deutschland verzeichnet.
Wie Städte in Trümmer sanken.
Wellington, 4. Februar.
(Eigene Funkmeldung.)
Reuter meldet: Ein Augenzeuge des schweren Erdbebens in Hastings, das 30 km von Napier entfernt liegt, erzählte, daß die ganze Stadt nach den Erdstößen in eine ungeheure Staubwolke eingehüllt war. Die Verwirrung war unbeschreiblich und die Menschen vollkommen gelähmt. Von allen Seiten ertönten Schreie und das Getöse des einstürzendcn Mauerwerks. Ein Hotel stürzte wie ein Kartenhaus zusammen, wobei die Front des Hauses quer über die Straße fiel. An einer anderen Stelle der gleichen Straße wurden sechs Automobile vollkommen ver- Wttet.
Die Bevölkerung in Wellington wartet in angstvoller Span- mg auf nähere Einzelheiten über die Erdbebenkatastrophe in Napier und Umgegend. Infolge der Zerstörung der Telefon- und Lèlègraphenverbinoungen liegen einstweilen nur spärliche Nachrichten vor. Dor dem Zeitungsgebäude harren große Menschenmassen geduldig auf Neuigkeiten. Nach den letzten Nachrichten ist ein römisch-katholisches Seminar ein- gestrirzt; zwei Priester und acht Zöglinge fanden dabei den Tod, mehrere andere wurden verletzt. Bei Wairoa stürzte ein Eisenbahntunnel zusammen. Ein Farmer bei Gisborne berichtet, daß sich auf seinem Landgut zahlreiche Erdrisse gebildet haben, „breit genug, daß ein Schaf hineinfallen kann". Der Meeresboden im Hafen von Napier hat sich um 6 Meter gehoben. Infolgedessen sind sogar kleinere Fahrzeuge nicht mehr imstande, in den inneren Hafen einzulaufen. Die (Lrdbebew- aufzeichnungen in Wellington zeigen, daß das auf den Hauptstoß folgende Beben volle 5 Stunden anhielt, doch waren die späteren Erderschütterungen durchweg leichter. Das Zentrum des Bebens lag wahrscheinlich östlich von Napier, wo sich das Ozeanbett gehoben haben dürfte, wodurch das-Verflachen des Hafens von Napier verursacht worden ist.
, Die bisherigen Verlustziffern.
Die Zahl der ausgesundenen und namentlich festgestellten Toten beträgt ungefähr hundert. Außerdem sind mehrere noch nicht identifizierte und bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte Leichen gesunden worden. Es werden aber noch viele Personen vermißt, jo daß sich die Verlustliste noch erhöhen dürfte.
Die Erdstöße waren hier und dort mit Sturzwellen und Erdrutschen verbunden. Der Hafen von Papier er.it t so viel Bodenveränderungen, daß die Schiffe aus Sicherheitsgründen in See gingen. Das Kanonenboot „Veronica" wurde auf den Strand geschleudert, aber von derselben Welle wieder in den Hafen zurückgerlssen Das allgemeine Entsetzen vergrößerte sich noch dadurch, daß
die Lttankanlagen Feuer singen.
Die Stadt sah aus, als ob sie einem schweren Bombardement ausgesetzt gewesen wäre. Dichte Rauchwolken lagen über den Häusern. Es fehlte an Wasser und Nahrung. Der Kommandant des Kanonenbootes „Veronica landete sofort alle verfügbaren Mannschaften zur Hilfeleistung uns veranlaßte auch die beiden Dampfer „Taranaki und "Northumberland", ihre Mannschaften zu landen. Ferner sandte er sofort drahtlose Hilferufe aus; daraufhin liefen die Kreuzer „Dunedin" und „Diomedes" mit höchster Fahrtgeschwindigkeit von Auckland nach Napier. Sie hatten Arzte, Sanitätspersonal, Krankenschwestern und eine große Menge von Medikamenten und Verbandmittel an Bord.
*
Neuseeland, die große britische Kolonie im südlichen Stillen Ozean, besteht ans zwei durch die Cookstraße getrennten Inseln, der jetzt vom Erdbeben heimgesuchten Nordinsel (Te Ika a Mani) und der Sudinsel (Te Wan Punamu), nebst der kleinen Stewarttnsel Aus der Nordinsel gibt es große Vulkane, und es ist nicht aus- Mchlossen, daß das Erdbeben auf den Ausbruch eines dieser Vulkane znrückzuführen ist. Die Ureinwohner des Landes sind die vielgenannten M a 0 r i, die 311m poly- uesischen Volksstamm gehören. An Intelligenz überragen üe die übrigen Polynesier weit; als Menschenfresici standen sie aber auch den schlimmsten Volksstammen nicht "ach. Sie sind später sämtlich zum Chriftentume uber- getreten; nicht wenige Mori unterscheiden sich kaum nock "an Europäern ^ic von dem Erdbeben besonders schwer ^offene Stadt R a p i e r ist Ausfuhrort für ein reiches "^er- und Weideland und hat etwa 19 000 Einwohner.
In den Ruinenstädten Hastings und Napier.
Ein Zeitungskorrespondent, der nach Napier gelangen konnte, berichtet nähere Einzelheiten von der Katastrophe. Danach ist das berühmte Teaute-Seminar unwiederherstellbar zerstört, aber die historische Holzkirche mitsamt ihrem Turm ist unbeschädigt geblieben.
Die Stadt Hastings bietet einen trostlosen Anblick.
Es ist kaum möglich, auf den Straßen vorwärts zu kommen. Die Straße von Hastings nach Napier ist in einem unbeschreiblichen
Tue Hafenstadt Napier, die von der Katastrophe besonders schwer heimgesucht wurde.
Zustand. An einigen Stellen ist sie vollständig versunken. Die Verwüstungen in Napier sind womöglich noch größer als in Hastings. Die Marinepromenade bildet eine einzige Straße zusammengebrochener Häuser. Ileberall trifft man obdachlose
Ruhiger Reichstagsbeginn.
Wer*omentof
des Reichsparlaments.
Auf Schallplatten werden die Reden sestgehalten.
Vor dem Reichstag: ein paar Polizeiwagen mehr, ein nicht übermäßig verstärktes Schupoaufgebot, am Tiergartenrand keinerlei Ansammlungen — überhaupt ist nach außen hin nur wenig von der politischen Bedeutung - des Tages zu merken, an dem die deutsche Volksvertretung wieder einmal zu,ammen- gekommen ist. Ein Kamps höchstens — um Tribünenplatze.
Im Sitzungssaal des Reichstages: nichts von einer besonderen Erregung ist zu verspüren, als der Prastdent die Klingel ertönen laßt, die erste Sitzung des^ahrev 1931 zu eröffnen. Schweigend wird der Nachruf angehört, den er drei inzwischen verstorbenen Mitgliedern be« Hauses widmet. Und dann erhebt sich der Chor der Unterhaltungen im Saal. Fast ungehört plätschert das Bachlern der Diskussion dahin, kaum hier und da ertönt ein etwas kräftigerer Zwischenruf. Ohne größeren Zwischenfall rollt bie Tagesordnung herunter, wird ein nationalsozialistischer Antrag am genaue Rechnungslegung über die Gelder abgelehnt, die für die Zwecke des Republikschutzes Verwendung landen, geht ein Gesetzentwurf über die Entschädigung der ge werblichen Stellenvermittler an den Ausschuß.
Doch das „Hohe Haus" steht im Zeichen des Ham melsprunges, der Auszählung, da der Präsident bet den Abstimmungen selten sogleich eine klare Mehrheit scststellenkann. Einsprüche nationalsozialistischer Abgeordneter wegen Ausschlusses oder Wortentziehung werden mit Mehrheiten von rund te Stimmen der Mitte und der Sozialdemokraten abgelehnt — und in diesem Stimmenverhältnis kommt nur so etwas wie die politische Situation des Augenblicks zum Durchbruch. Weiter wird die Tagesordnung erledigt und es kommt dann nicht einmal zu der erwarteten großen Gefchäftsordnungsdcbatte über den Beratungsplan der nächsten Sitzung. Auch hier wird alles schiedlich friedlich erledigt, denn man weiß, daß die erste und wohl auch noch die zweite Sitzung des Reichstages nichts als ein Auftakt zu k o in m e n d e n Dingen ist.
Die Verhandlungen wurden auch diesmal wieder Versuchs weise auf S ch a l l p l a t t e n übertragen. Man hatte, um auch eine gute Ausnahme der Zwischenrufe zu ermöglichen, auch an de» Treppen, die zum Rednerpult führen, Mikrophone ausgestellt. Es handelt sich um einen zweiten Versuch der Schallplattenausnahme, der auf Wunsch des Ältestenrates vor- genommen wird. . ....„
Familien. Alle Bankgebäude in Napier sind eingestürzt, das ganze Geschäftsviertel ist eingeäschert. Die Derlagshäuser der beiden Zeitungen mit ihren modernen Maschinen sind zu Ruinen geworden. Im Hafen von Ahuriri, dem Seehafen von Napier, hat das brennende Oel der Tanks so gut wie alles zerstört. Die Tribünen des Rennplatzes wurden in aller Eile in Hilfskrankenhäuser verwandelt. Das neue städtische Theater ist ausgebrannt, ebenso die noch nicht fertiggestellte St. Paul- Kirche. Die Kathedrale ist schwer beschädigt. Die Flüsse stauen sich. Das große Bassin im Hafen von Napier, das unter dem Namen „Iron Pot" bekannt war und wo Fischerboote und kleine Dampfer zu liegen pflegten, ist jetzt trockenes Land, und längs der Wege ziehen sich Spalten in einer Länge bis zu 20 Metern hin. Die genaue Feststellung der Zahl der Todesopfer wird wohl noch längere Zeit beanspruchen.
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ErderMtteritng in Göttingen verspürt.
Das Beben von Neuseeland auch hier ausgezeichnet.
In der Nacht wurden in Göttingen verhältnismäßig starke Erderschütterungen beobachtet. Ein 80-Kilogramm-Vertikal- seismograph schlug während einer Dreiviertelstunde bis zu 8 Millimeter aus. Die vorläufige wissenschaftliche Untersuchung hat ergeben, daß der Erdbebenherd über 13 000 Kilometer von Göttingen entfernt liegt, vermutlich im Stillen Ozean. Die wirkliche Bodenbcwegung betrug in Göttingen bis zu % Millimeteer bi 50 Sekunden für eine Hin- und Herschwankung (Periode).
V ' p ' * )
Erdstöße in Bayern.
Der Seismograph der Funkstelle am Hofer Flughafen verzeichnete einen Erdstoß, der sich in einem längeren Rollen äußerte. Der Stoß verlief in südnördlicher Rich- tung von Wurlitz über Hof (untere Stadt) gegen Gum- bertsreuth, wo er in verschiedenen Häusern wahr-- aenommen wurde.
Sitzungsbericht.
(15. Sitzung.) CB. Berkin, 3. Februar.
Präsident Löbe eröffnet die Sitzung mit einem Nachruf auf die verstorbenen Abgeordneten Hoffmann- Kaiserslautern (Soz.), Dr. David (S03J und Herold (Ztr.). Mit besonders warmen Worten gedenkt er des Ablebens dieses Alterspräsidenten des Reichstages.
Nach Erledigung kleinerer Vorlagen wird ein nationalsozialistischer Antrag, den Reichsinnenminister um eine genaue Ausstellung über die Verwendung der Mittel für Nachrichtendienst und Republikschutz zu ersuchen, gegen die Stimnien der Rechten abgelehnt. Die Reichshaushaltsrechnung für 1929 wird genehmigt.
Es folgt dann die Beratung eines Gesetzentwurfes über die Entschädigung der gewerbsmäßigen Stcüenvermittler.
Gegenüber bem scharfen Einspruch, der von dem deutsch- nationalen Abgeordneten Jäger-Celle gegen den Gesetzentwurf erhoben wird, weil dieser mit einem Federstrich
Tausende von Existenzen vernichten würde,
verweist der Reichs.arbeitsminister Dr. Steger- wald darauf, daß die Einschränkung der gewerbsmäßigen Stellenvermittlung einer Forderung entspreche, die der Reichstag in bem Gesetz für Arbeitslosenversicherung und Arbeits- vermittlung ausgesprochen habe. Entstehende Schäden würden teils durch Barabfi,idung, teils durch die Erlaubnis abgegolten werden, das Gewerbe noch eine bestimmte Zeit fort- zuzühren. Die Vorlage wird dem Sozialpolitischen Ausschuß überwiesen.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Das schwere Erdbeben in Neuseeland hat nach bis jetzt vorliegenden Meldungen über hundert Todesopfer gefordert.
'* Nach fast achtwöchiger Pause hat der Reichstag seine Tätigkeit wieder ausgenommen.
* Am Donnerstag wird der Reichskanzler im Reichstage eine große Rede über die politische Gesamtlage halten.
* Im Ulbrich-Prozeß beantragte der Staatsanwalt gegen Stolpe und Benzinger die Todesstrafe, gegen Luise Neumann neun Jahre Gefängnis.
* Gegeu den Düsseldorfer Massenmörder Kürten ist nunmehr Anklage erhoben worden, die sich auf neun Morde und sieben Ueberfälle erstreckt.