Zul-aer Anzeiger
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Nr. 45 — 1931
Fulda, Montag, 23. Februar
8. Jahrgang
Das Grubenunglück bei Aachen.
30 Todesopfer. — Keine Schlagwetter-, sondern Kohlenstaubexplosion.
Nothberg in Trauer.
Das schwere Grubenunglück auf der Grube „Eschweiler Reserve" in Nothberg hat nach den letzten Nachrichten 3 0 T 0 d e s - opfer gefordert. Die Explosion ereignete sich auf der 600= Meter-Sohle in der dritten Vauabteilung, wahrscheinlich im Revier 12, Flöz Fornegel. Dem Umstand, daß der Ungtticksherd begrenzt blieb, ist es zu verdanken, daß das schwere Unglück nicht noch größere Ausmaße angenommen hat. Immerhin wurde die Katastrophe durch Zubruchgehen eines Stapels vergrößert.
"Die Nachricht von dem Unglück verbreitete sich in dem ganzen Nothberger Revier mit Windeseile und rief unter der Bevölkerung, der noch immer
das furchtbare Unglück in Alsdorf
in frischer Erinnerung ist, größte Aufregung hervor. Die Bergstraße, die zilm Schacht der Grube führt, war schwarz von Menschen. Sie drängten sich vor dem Zechentor und warteten auf Nachrichten über den Umfang und die Ursache des Unglücks. Die Grubenverwaltung hatte sofort alle Maßnahmen ergriffen, um den Unglücklichen unter Tage schnellstens Hilfe zukommen zu lassen. Die Rettungsarbeiten gestalteten sich außerordentlich schwierig, da sich an der Unglücksstelle Gasschwaden befanden und die Rettungsmannschaften sich deshalb nur mit allergrößter Vorsicht vorarbeiten konnten. Auf der KsiO-Meter-Sohle bot sich den Rettern ein furchtbares Bild der Zerstörung.
Die Grubenhölzer waren wie Streichhölzer geknickt, die Leichen der Verunglückten zum Teil bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Teilweise wiesen sie schwere Brandwunden auf. Einige der Opfer hatten sich, um sich gegen die giftigen Gase zu schützen, Taschentücher vor den Mund gebunden.
Die Grube, die dem Eschweiler Bergwerksverein gehört, untersteht dem Dürener Bergrcvicr mit dem Sitze in Aachen.
Wie nunmehr seststcht, hat das Unglück aus Grube „Eschweiler Reserve" 30 Tote gefordert. 29 Bergleute haben den Tod im Schacht gefunden, während ein Bergmann den schweren Verletzungen im Eschweiler Kranken Hause erlegen ist. Die Grubenverwaltung versichert aus das bestimmteste, daß mit weiteren Toten im Schacht nid1 mehr zu rechnen ist.
Die Explosion hatte eine solche Gewalt, daß auch nod; in dem nebenan liegenden Revier 11 die dort beschäftigten Bergleute von dem g c w a l t i g e u L u f t d r u ck metc weit geschleudert wurden. Unter ihnen entfiel
Vor der Unglücksgrube.
eine Panik. Eine Gruppe von 29 Mann traf auf der Flucht auf die Nachschwaden der Explosion, wobei bre "cute auf der Strecke liegenblieben und den Tod fanden. Der Begrenzung der Explosion laut der Umstand zugute, daß die Zeche sehr naß ist. Deswegen hatte man schon vor Fahren einmal diese wie die benachbarte Zecke Nord
Gistgas über England.
Wie England den Gasschutz organisiert.
Das englische Rote Kren; organisiert jetzt in Zu- sammenarbeit mit dem Kriegsministerium die Ausbildung seiner Angehörigen, in der Abwehr gegen Gasangriffe. Für diesen Zweck sind in ganz England
besondere Unterstände und Schutzräume
hergerichtet und mit allen notwendigen Mitteln ausgerüstet worden. Sobald die Warnungssignale eines Luftangriffs gegeben werden, haben sich die Personen des Roten Kreuzes, die in der Gasabwehr ausgebildet werden, auf ihre Posten zu begeben und dort die etwaigen
Opfer entsprechend zu behandeln.
Es wurden Gasmasken verteilt, und auch die Frauen- abteilung des Roten Kreuzes wird in ihrem Gebrauch unterrichtet. Die Zentrale des Roten Kreuzes in England läßt erklären, es handele sich hierbei um einen neuen besonderen Dienstzweig freiwilliger Mitarbeit im Falle eines Krieges.
?r^ncm Generalstabsarzt ist ein Handbuch für den Zweck des lÄLSschutzes ausgearbcitet worden. Es meldeten sich im ganzen 'tarw zahlreiche- Freiwillige, um an der Ausbildung 'teilzu--
stern wegen Unwirtschaftlichkeit längere Zeit stiügelegt, da die notwendigen Pumparbeiten in keinem Verhältnis zur.! Förderergebnis standen.
Wie beim Alsdorfer Unglück werden auch jetzt wieder F alle von besonderer Tragik bekannt. So mußten zwei Bergleute ihr Leben lassen, die seiner zeit auf der Unglücksgrube in Alsdorf gerettet werden konnten. Die Beisetzung der Opfer soll am Dienstag er folgen.
_ Aus Anlaß des Bergwerksunglücks auf der Grube ..Eschweiler Reserve" hat der Reichsarbeitsminister im eigenen Namen und im Namen der Reichsregierung Beileidstelegramme an die Verwaltung sowie den Betriebsrat der Grube und an den Landrat des Landkreises Aachen gerichtet.
Die Grube „Eschweiler Reserve" in Nothberg.
Die Ursache des Unglücks.
E s ch w e i l e r, 22. Februar.
Der Unfallausschuß der Grubensicherheits-Kommission stellte fest, daß das Unglück auf der Grube „Eschweiler-Reserve" im wesentliche» auf eine Kohlenstaub-Explosion zurückzu- sühren ist. Eine etwaige Mitwirkung von Schlagwettern bedarf noch der Klärung.
Trauerfeier am Dienstag.
Die Leichen der Opfer des Eschweiler Grubenunglücks sind jetzt in der Schützenhalle in Eschweiler aufgebahrt. Die Trauerfeier beginnt am Dienstag vormittag um 10.15 Uhr.
Schweres Grubenunglück im Siaaie Oniario.
30 Bergleute in Gefahr.
Das Pulverlager der Hollinger Bergbaugesellschaft unweit Timmings int Staate Ontario ist in die Luft ge flogen. Von dem etwa 25 Kilometer entfernt liegenden Ort Waneiton aus sah man eine gewaltige Stichflamme cmporschießcn. Zur Zeit der Explosion befanden sich 30 Bergleute unter Tage. Man befürchtet, daß sic bei dem Unglück den Tod gefunden haben.
*
Grubenbrand in Schweden.
Auf der Grube Lekomberg bei Ludvika in Mittel schweben entstand, anscheinend infolge Kurzschlusses, ein Brand. Eines der größten Betriebsgebäude, in dem das Sägewerk, die Schwiede und die Reparaturwerkstatt untergebracht waren, brannte nieder. Zwei Transporltunnels wurden zerstört. Durch Sprengung eines Transporttunnels mit Dynamit gelang es, die Hauptgebäude zu retten, die einen Wert von einer Million Kronen haben. Der Brand verursachte zunächst völlige Betriebs- einstellung. Der Schaden wird auf 130 000 Kronen berechnet.
Nie Nomkirche als Kriegsbeute.
Ein neuer Gewaltakt gegen das Deutschtum.
Im l e t t l ä n d i s ch e n Parlament ist ein Gesetz entwurf eingebracht worden, der, falls er angenommen wird, einen groben Rechtsbruch und einen Gewaltakt gegen das Deutschtum darstellt. Es handelt sich hierbei um die Enteignung der deutschen D 0 m k i r ch e und ihre Übergabe an das Kriegsminister! u m. Das entsprechende Grundbuchblatt soll annulliert und die Kirche, in Marienkirche umge tauft, auf einem neuen Grundbuchblatt dem Staat überschrieben werden. Damit soll das 14 000 Deutschen ange stammte Gotteshaus genommen werden. Diese von der lettischen Garnisonsgemeinde eingeleitcte Aktion wird groteskerweise damit begründet, dâß die Domkirche der lettischen Armee âls Kriegsbeute zugefallen sei. Die deutschen Abgeordneten beschlossen, die Regierung nicht mehr z u 'n n t e r st ü tz e n , da der Bauern bund für die Beratung über die Enteignung der Domkirche einftat.
Zug der Zeit.
Gewiß, die ganze Sache ist burlesk! Mit einer „richtiggehenden" Kanone bewaffnet, stellt sich ein Mann aus den Balkon seiner Wohnung im hochfeinen Berliner Westen und schießt in die Gegend. Ziegel splittern, Fenster klirren, bis das Überfallkommando dem nicht ganz ungefährlichen Spuk ein Ende macht, den Mann und seine Kanone von dannen führt. Hinterher erfährt man von seinem Treiben so allerhand, was durchaus nicht burlesk ist, vor allem, daß es ganz allgemein in der Umgebung bekannt war, wie wenig er die Kinder der Nachbarn den guten alten Spruch befolgen ließ: „Spiele nicht mit Schießgewehr!" Man liest davon, daß er als „Firmenschild" unten am Hause und am Eingang zu seiner Wohnung den Hinweis „Schiffsgeschütze" angebracht hatte. Und daß er sein Tun damit erklärte, daß Krupp einen Schießplatz für seine Versuche habe, er aber nicht — und er infolgedessen die Straße für die Ausprobung seiner Kanone hätte benutzen müssen. Vor allem natürlich wollte er die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich und seine Erfindung lenken, weil er vom Reichswehrministerium damit abgewiesen worden sei. Man ist ja hinterher immer sehr schnell mit der „Geistesgestörtheit" zur Hand, und die Tatsache, daß der Kanonenliebhaber im Kriege einmal in einem zusammengeschossenen Unterstand verschüttet war, gibt dann die rasch herbeigeholte Begründung ab. Das ändert aber doch nichts an der Tatsache, daß dieses „armen Irren" Treiben nicht bloß seinen nächsten Verwandten, sondern der ganzen Nachbarschaft bekannt war, — und niemand kam auf die nicht gerade fernliegende Idee, daß aus dem Spiel mit dem „Schießgewehr", mit Pulver und gezogenem Kanonenlauf auch mal Ernst werden konnte, der nur durch einen Zufall noch glimpflich ablief. Das Kanonenrohr war aber wirklich kein Spielzeug, sondern sehr brauchbar, und der „Irre" hat es sich in Suhl herstellen lassen, wo man ja in diesen Dingen einige Erfahrung hat. Sogar die Züge des Rohres wurden ihm gefertigt, ohne daß man sich dabei nur einmal fragte, was hier eigentlich „gespielt" wird. Daß sich in Deutschland irgendeine Privatperson ein schußfertiges Kanonenrohr herstellen lassen kann, ohne daß nun nach den äußeren Umständen gefragt wird, ist immerhin doch eine Erfahrung, die zu denken geben sollte. Daß jedermann bei allen „Gelegenheiten" sofort „seine" Pistole aus der Tasche zieht, wurde leider Gottes heute zu einer Erscheinung, über die man sich trotz aller Verordnungen im allgemeinen gar nicht mehr wundert. Das gehört ja jetzt einfach zu parteipolitischen Auseinandersetzungen und es war fast eine Beseitigung eines lebhaft empfundenen „Mangels", daß nun auch im Wandelgang des Reichstages ein paar Schüsse knallten. Man wäre also versucht, für den Reichstagspräsidenten eine entsprechende Nachahmung des bekannten „Wild-West"-Scherzes zu empfehlen, bei dem der Gastwirt darum bittet, auf den Klavierspieler nicht zu schießen; er tue sein Bestes.
Und doch muß man aus andern, durchaus nicht humoristisch zu nehmenden Gründen einen Augenblick bei dem Vorfall im Reichstag verweilen. Der Mann mit der S ch r e ck s ch u ß p i st 0 l e ist ja kein politisch aufgeregter Jüngling gewesen, sondern ein Greis, der das biblische Alter bereits überschritten hat. Auch er wollte durch sein Tun die Aufmerksamkeit auf sich und seine Forderungen lenken, weil er für die W ü n s ch e d e r K l e i n r e n t n e r bei den zuständigen Reichstagsabgeordneten kein Gehör zu finden glaubte. Kleinrentner — bei diesem Wort wird jeder Spott und jeder Humor bitter. Hub die nüchterne Feststellung, daß auch sie Opfer des Krieges uns des Zusammenbruches sind, genügt nicht ganz, unser Gewissen zu beruhigen. Denn ihnen wurde mehr als nur das Geld genommen. Sie müssen das von Elend und Not erfüllte, nur durch eine karge Barmherzigkeit kaum gemilderte Alter tragen bis zum Grabe hin. Wenn es dann zum Ausbruch der Verzweiflung kommt — und der Vorfall im Reichstag ist ja auch nur ein solcher und keineswegs der einzige dieser Art —, so möchten wir das nickt in Parallele damit stellen, wenn ein parteipolitischer Fanatiker zum Schießeisen greift. Ein Mensch, der um sich herum nur Lebens!um m e r sieht und über dem die Verzweiflung dann einmal zusammenschlägt, ist gewiß nicht entschuldbar, aber ihm, nur ihm, sind seelisch „mildernde ll m ft ä n b e" zuzubilligen. Stärker als er und als wir alle ist das Schicksal, das hinter uns, über uns steht. Und gegen dieses Unerbittliche mit der Pistole an zugehen, liegt vielleicht im „Zuge der Zeit", ist aber doch immer der Punkt, bei dem die „Geistesgestörtheit" einsetzt. Denn es ist zwecklos. Fast symbolisch ist es daher, daß im Reichstag nur eine Schreckschußpistolc knallte, die niemanden verletzte, die also kein „Ziel" für die Kugel hatte. Leider geht es ja sonst nicht so harmlos ab, ist das Ziel oft der Körper eines politisch Andersdenkenden, — und damit doch kein „Ziel". Denn dies, das eigentliche Ziel, steht unverletzbar, unverwundbar, unabwendbar weit dahinter.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Die Deutsche Rcichsbahngesellschast hat den Lohntarisver- trag, soweit er die Höhe der Löhne berifft, zum 1. April dieses Jahres gekündigt.
* Auf Grube Eschweiler Reserve in Nothberg bei Aachen wurden 30 Bergleute getötet und mehrere schwer verletzt.
* Bei einem Zugzusammenstoß bei Leontarion in Griechenland wurden fünfzehn Personen getötet und zahlreiche Passagiere schwer verletzt.
* In Stuttgart ist cs am Sonntag zu blutigen Zusammen- it-ße» Mischen Reichrbanneâcken und Nottonalsozialiste» gekommen.