Zuldaer Anzeiger
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Wr. 60 — 1931
Fulda, Donnerstag, 12. März
Jahrgang
Am Beobachtungsstand.
-Die Reife der neun deutschen Großindustriellen nach Sowletrußland, die sehr überraschend kam, hatte wieder einmal das ganze Für und Wider in unseren politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Rußland zu einer heftigen Debatte auflodern lassen. Beides drängt sich ja drastisch genug auf. Und selbst wenn man dabei einmal vom Politischen absehen will — worauf freilich sofort der Einwand kommt, Lr, man dies gar nicht tun könne und dürfe — und lediglich das wirtschaftspolitische Verhältnis in den Kreis der Betrachtung zieht, so sprechen hier Für und Wider nicht minder laut. Gewiß sind umfangreiche Bestellungen russischerseits bei der deutschen Industrie erfolgt, aber es hat dabei an großen Schwierigkeiten nicht gefehlt, die eben vor allem aus der so ganz andersgearteten »antikapitalistischen" Wirtschaftsstruktur des heutigen Rußlands mit seinen Außenhandelsmonopolen usw. resultieren. Außerdem hatten wir namentlich in letzter Zeit ganz außerordentlich unter dem Warendumping Rußlands zu leiden, wurden also Güter in Massen nach Deutschland weit unter jedem vernünftigen Gestehungspreis exportiert. Und schließlich verlangen die Russen bei ihren Bestellungen auf deutsche Waren ganz unverhältnismäßig lange Zahlungsfristen, so daß hier sehr große Kredite eingesetzt werden mußten, die vom Reich bzw. den Ländern garantiert wurden. Auf der nntieren Seite ist aber Rußland das g r 0 ß e L 0 ch im europäischen Wirtschaftsleben, eine Art Vakuum, das als Absatzgebiet nur wenig in Frage kommt trotz der 150 Millionen Menschen, die dort wohnen. Und verwunderlich ist es ncht, daß sich um die Gegenwart und die Zukunft selbst dieses wirtschaftlich nicht angenehm zu behandelnden Absatzgebietes die großen Industriestaaten scharf bekämpfen. Ab und zu allerdings schlägt man vor dem russischen Erport die Tür zu, aber liefern möchten sie alle trotz der erwähnten und noch anderer Schwierigkeiten. Das wissen die Russen und handeln entsprechend; und Deutschland ist dabei merkbar nicht bevorzugt worden, obwohl wir nach dem Vertrag von Rapallo und dann nach dem von Berlin glaubten, so etwas erwarten zu dürfen. Wenn die deutschen Industriellen, wie verlautet, in Moskau nach dieser Richtung hin eine stärkere Berücksichtigung für tie nächste Zukunft erreickst haben, also mit größeren Bestellungen für unsere Schwer- und Mroindustrie zu rechnen wäre, so können wir, die wir IM wirtschaftlich von einer sehr mangelhaft gefüllten Md in den Mund leben, damit nur zufrieden sein. Daß Mei aber auch die Reichsregierung durch Kreditbereit- stellung mithelfen muß, kann man sich auf Grund der bisherigen Erfahrungen mit dem Nussengeschäft wohl schon heute denken.
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Natürlich ist das Ergebnis der Moskau-Reise auch unter dem für Deutschland so wichtigen Gesichtspunkt einer möglichen Milderung der Arbeitslosigkeit zu beurteilen. Endlich, mit dem Ende Februar ist ja nun zum erstenmal seit langen, langen Monaten ein toenn auch nur leichtes Sinken der Arbeitslosenziffer erfolgt. Es ist zum Teil ein „saisonbedingtes" Steigen des Beschäftigungsgrad es. Der Bedarf an Verbrauchsgütern ist zwar unstreitig sehr groß, sowohl beim Konsumenten selbst wie beim Handel, aber hier wie dort fehlen die Mittel, um diesen „aufgestauten Bedarf" schnell und umfangreich in das Kanalbett der Bestellungen und Käufe abfließen zu lassen. Immerhin ist ein langsames, allmähliches Tröpfeln und hießen in manchen Gebieten der Wirtschaft zu verspüren. Hoffentlich zeigen später noch die Saisongewerbe also vor allem die wichtigsten unter ihnen, Landwirtschaft und Baugewerbe, was sie in der Aufnahme von Arbeitslosen leisten können! Die 800 000 unbeschäftigten Bauarbeiter fügen allerdings auch, wie furchtbar es in dieser deutschen Schlüsselindustrie seit langem bestellt ist.
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Und die Landwirtschaft? Hier handelt es sich la — leider — nicht nur um große wirtschaftliche, sondern "m vielleicht noch größere politische Schwierigkeiten. Hier soll erst noch ein Programm in die Tat umgesetzt werden, °as selbst in recht beträchtlichen Teilen der Landwirtschaft als unbefriedigend und unzureichend bezeichnet wird. Hinzu kommen die bekannten politischen und parteipolitischen Auseinandersetzungen, die auch die stärkste wirtschaftspolitische Organisation der Landwirtschaft viirchtränken und dort um den maßgebenden Einfluß fingen. Nun aber hat der Bundesvorstand des Neichs- liilidbundes den Beschluß gefaßt, sichvon den Partei- und "'achtpolitischen Kämpfen fernzuhalten; die Voraussetzungon für einen solchen Partei- oder machtpolitischen Auf- warsch seiner Kräfte erachtet der Bund unter den ge- ^venen Verhältnissen für nicht vorbanden und daher iberläßt er die Verantwortung für die Weiterentwicklung °vr Wirtschafts- und der politischen Lage sowie der ent- iprechenden Gesetzgebung ganz der Regierung und den Parteien. Diese N e u t r a l i tä t nach beiden Werten hin wird freilich weder auf der einen noch aus oor anderen Seite Zufriedenheit erwecken und Zustim wung finden. Aber wenn das Osthilfe- und das Agrar- programm erst einmal Gesetz sind, dann steht gerade der ^eichslandbund vor der Aufgabe, als berufsständische ^vrcssenvertretung die Kräfte nicht in der -Parteipolitik, andern auf wirtschaftspolitischem Gebiet einzusetzen, und
r vor allem in jenem Teil des Agrarprogramms, in nun die Linien für die tätige Selbsthilfe der Land- vllchaft uitgebeutet worden sind.
Marine und Parteien.
Panzerkreuzer B taucht aus.
Vorläufige Stimmenthaltung der Sozialdemokraten.
slber die Stellungnahme der Sozialdemokratie zum Wehretal, insbesondere zum Panzerkreuzer B, hat die mit Spannung erwartete Beratung des Marineetats im Haushaltsausschuß noch nicht die abschließende Klärung gebracht. Die vorläufige Stimmenthaltung der sozialdemokratischen Abgeordneten im Ausschuß und die Erklärung, daß noch Verhandlungen mit der Regierung im Gange sind über Zugeständnisse auf steuer- und sozialpolitischem Gebiete, von deren Ausfall die endgültige Stellung der Sozialdemokraten abhängig gemacht wird, brachte keine Überraschung mehr. Man hatte in parlamentarischen Kreisen bereits vorher vermutet, daß die Sozialdemokratie ihre Karten noch nicht aufdecken, sondern sich den Trumpf wahrscheinlich bis zur dritten Lesung des Etats im Reichstag vorbehalten würde. Die Erklärung, die der sozialdemokratische Abgeordnete H ü n l i ch abgab, ging dahin, daß seine Fraktion sich bei der Abstimmung über die angeforderle erste Rate für das Panzerschiff B im Ausschuß zunäch st der Stimme enthalten werde. Die Fraktion verlange, daß die durch das Flottenbauprogramm erwachsende finanzielle Belastung durch eine entsprechende Entlastung der arbeitenden Bevölkerung ausgeglichen werde. Sie werde bestimmte st e u e r p 0 l i t i s ch e Anträge einbringen und erwarte gleichzeitig ein Entgegenkommen bei ihren Forderungen auf sozialpolitischem Gebiete. Erst wenn diese Krägen geklärt seien, könne eine endgültige Stellungnahme der Fraktion zu den angeforderten Schiffbauten erfolgen.
Vorher hatte der Abgeordnete daraus hingewiefen, daß seine Fraktion den bisher angeforderten Raten für das Panzerschiff A die Zustimmung versagt habe und daß für sie sachlich keinerlei Veranlassung vorliege,
zum Panzerschiff B eine andere Stellung einzunehmen.
Der Wehrminister habe im Mai vorigen Jahres betont, daß er weaen der angespannten Haushaltslaqe aus die erste Rate für Mö Panzerschiff E verzichte. Der neue Haushalt sei noch angespannter als der vorjährige. Die Regierung hätte daher nach Ansicht der Sozialdemokraten alle Veranlassung, auch diesmal auf die Inangriffnahme des zweiten Panzer- schiffbaues zu verzichten. Wenn von der Regierung und den bürgerlichen Parteien auf die innenpolitische Gesamtlage hingewiesen worden sei, so verschließe sich die sozialdemokratische Fraktion nicht der Erkenntnis, daß alle an der Aufrechterhaltung des demokratischen Regierungsshstems und der Abwehr des Faschismus interessierten Parteien aus der augenblick liehen Lage gewisse politische Folgerungen zu ziehen hätten Die sozialdemokratische Partei habe aber
entsprechcnde Gegenforderungen
zu stellen. Für die Staatspartei erkläenrte Dr. Külz, daß seine Freunde die angeforderten Mittel bewilligen würden.
Weiße Wochen.
Ganz Mittelemopa eingelchneit.
Schneemengen von unerhörter Üppigkeit.
Die berühmten ältesten Leute erinnern sich nicht, und es ist überhaupt noch nicht dagewesen . . . nâmlich, daß so viel Schnee beisammen war wie in diesem Frühlingsmonat März. Aus allen Ländern Mitteleuropas, aber auch aus Gegenden, die mit Mitteleuropa nichts mehr zu tun haben, kommen jetzt jeden Tag Meldungen über neue gewaltige Schneefälle. Wohin man sich auch wenden mag, überall schneit es, und es gibt augenblicklich in Deutschland sozusagen kein Fleckchen Erde, das nicht mit Schnee bedeckt wäre. Galten vor wenigen Tagen noch Schneehöhen von einem Meter als nichts Besonderes, so sind diese „Höhen" heute kaum noch beachtet, bei einem Meter Schnee fängt der richtige Schnee scheinbar überhaupt erst an.
Schncepflüge, die m. der Schweiz Verwendung finden, um die großen ischneemassen auf den Eisenbahnstrecken zu beseitigen.
ahne damit politische Kompensationen aus anderen Gebieten ,u verbinden. Dir Marine müsse innerhalb der gegebenen Möglichkeiten auf der
größtmöglichen Leistungshöhe erhalten werden.
Die gleiche Forderung stellte auch der Zentrumsabge- ordnete Ersing, der darauf hinwies, daß von den Neubaulosten für die Schiffe etwa drei Viertel auf Gehälter ' n d Löhne entfielen. Ter Bau des zweiten Panzerschiffes müsse auch deshalb in Angriff genommen werden, da größere Arbeiterentlassungen in Wilhelmshaven und Kiel vermieden werden müßten.
Franyois (Wirtschaftspartet) bedauerte, daß die Ersatzbauten der Reichsmarine zum Gegenstand von Partei- oolitischen Auseinandersetzungen gemacht würden, und be- tonte, daß diese Bauten der deutschen Arbeiterschaft nur nützlich seien, da
reiche Arbeitsgelegenheit geschaffen
werde. Hintzmann (Deutsche Volkspartei) stimmte der ersten Banrate für das Panzerschiff B bedingungslos zu. Seine Freunde bedauerten es, daß die Sozialdemokratie Den Bau des Panzerschiffes dazu benutzen wolle, um auf anderen Gebieten Vorteile herauszuschlagen
Döbrich (Landvolk) erklärte die Zustimmung seiner Fraktion zu der Baurate.
Nachdem die Redner der Parteien Stellung genommen hatten, hielt
Reichswehr-minister Dr. Gröner
eine kurze Rede. Er wies darauf hin, daß bei der Landesverteidigung Deutschlands die Ostsee eine besondere strategische Rolle spiele. Diese strategische Rolle der Ostsee sei nach dem Weltkriege durch die unglückliche Grenzziehung im Osten noch gestiegen.
Der Minister erklärte, er werde bei seinen pflichtmäßigen Vorbereitungen für die Landesverteidigung alles tun 'ju Lande und zu Wasser, um
den Schutz Ostpreußens
mit den äußersten Mitteln zu gewährleisten. (Lebhafter Beifall.)
Nachdem er sich aus militärischen und politischen Gründen heraus zum Wiederaufbau unserer Secstreitkräfte in dem durch Versailles gelassenen Rahmen entschlossen habe, stehe und falle er mit dieser einmal in Angriff genommenen Flottenpolitik. Ein Zurück gebe es für ihn nicht.
Admiral Räder,
der Chef der Marineleitung, sagte abschließend, die vom Reichswehrminister betonte überparteiliche Linie werde sowohl vom Ofsizierkorps wie auch von Unteroffizieren und Mannschaften strikt innegehalten. Die Marine sei ein einheitliches zuverlässiges Instrument der Verfassung.
Die Baurate für das Panzerschiff B wurde dann bei Stimmenthaltung der Sozialdemokraten gegen die Stimmen lediglich der Kommunisten mit den Stimmen aller übrigen Parteien bewilligt. Auch alle übrigen Positionen des Marine- etats wurden ohne Abstriche und Änderungen genehmigt.
Und mit dem Schnee hält vielerorts die Kälte wacker Schritt. Nur wenige Stichproben aus der Mitte der zweiten Märzwoche: In der Rhön lagen durchschnittlich 35 Zentimeter Schnee bei 10 Grad Kälte; der Harz meldete bis 115 Zentimeter Schnee und 10 Grad, der Thüringer Wald bis 128 Zentimeter und 12 Grad, das Erzgebirge bis 165 Zentimeter und 11 Grad, das Riefengebirge bis 165 Zentimeter und bis 17 Grad, der Schwarzwald bis 260 Zentimeter und bis 14 Grad, die Bayerischen Alpen bis 255 Zentimeter — das Schneefernerhaus sogar über 5,50 Meter — und teilweise 22 Grad, schließlich die Oesterreichischen Alpen bis 175 Zentimeter und bis 15 Grad!
München im Schnee voran.
Als völlig verschneit präsentierte sich München: es war geradezu in Schnee versunken. Selbst die Autos kamen kaum noch vorwärts, von den Straßenbahnen gar nicht zu reden. S ch n e e p f l ü g e bis an die hundert Stück mußten eingesetzt werden und 5000 Schneeräumer mit 2000 Abfuhrkarren traten an, um den Schnee wegzuschaffen. Alle Eisenbähnzüge liefen mit ganz unvorschrifts- mäßigen Verspätungen ein. Auf dem' flachen Lande in Bauern war es noch viel schlimmer: dort war vielfach auch für die Menschen kein Durchkommen mehr.
Im bayerischen Allgäu war die Schneehöhe gar nicht mehr zu schätzen. Innerhalb kurzer Zeit sind in der Gegend bei Kempten nicht weniger als sechs l a n d w i r t s ch a f t l i ch e A n w e -
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Der Marineetat wurde int Haushaltsausschuh des Reichstages bei Stimmenthaltung der Sozialdemokraten gegen die Stimmen der Kommunisten angenommen.
* Aus ganz Mitteleuropa, vor allem aus fast ganz Deutschland, werden ungewöhnlich große Schneefälle gemeldet.
* In Berlin-Charlottenburg begann ein großer Mafsen- schiebungsprozeh. Unter den Angeklagten befinden sich drei Polizeisekrctärc und ein Waffenmeister der Reichswehr.
* Der Inhalt des französisch-italienischen Flottenabkom- mens ist jetzt veröffentlicht worden.