Zul-aer Anzeiger
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Fulda. Donnerstag, 2. April
8. Jahrgang
Bewegung in der Nationalsozialistischen Partei.
Die Regierungskrise in Thüringen: Innenminister Frick zurückgetreten. Kommunistisches Volksbegehren auf Auslösung des Thüringischen Landtags zugelassen. — Hitler und Goebbels sprachen in Weimar. Losung: „Wer nicht gehorcht, wird aus der Partei hinausbefördert". — Neuer Berliner S.A.-Führer.
Die ausschlaggebende Haltung der Deutschen Volkspartei.
Der Thüringische Landtag nahm nach stürmischer Aussprache die sozialdemokratischen Mißtrauensanträge gegen die nationalsozialistischen Rcgierungsmitglieder Minister Dr. Frick und Staatsrat Marschler mit sieben Stimmen Mehrheit an. Für die Anträge stimmten Kommunisten, Sozialdemokraten, Staatspartei und Deutsche Volkspartei, die 29 Stimmen vereinigen konnten, während Deutschnationale. Wirtschaftspartei, Landvolkpariei und Nationalsozialisten mit 22 Stimmen dagegen stimmten. Zwei Abgeordnete fehlten.
stürmische Debatten.
Das I n t e r e s s e der Bevölkerung an des Land lagssitzung war außerordentlich groß. Bereits stundenlang vor veni Beginn der Sitzung versammelten sich vor dem Par- lamentsgebäude große Menschenmassen, die Einlaß in den Sitzungssaal begehrten Der starke Andrang des Publikums zwang Die Polizei, vom Gummiknüppel Gebrauch zu machen, um den Ansturm zu bewältigen Den meisten Imer- essieilen konnte ledoch kein Einlaß gewährt werden Im Land- lagsgebäude herrschte ein aufgeregtes Kommen und Gehen. Die auswärtige Presse war stark vertreten Bon den Begründungen, Die Die einzelnen Parteien in der Verhandlung ihrem Aandpunki gaben, ist von besonderem Interesse
Die Rede des volksparteilichen Abgeordneten
i Dr. Witzmann, denn von der Stellungnahme dieser Partei hing : im wesentlichen der Ausgang Der Abstimmung ab, hatte doch I «ms) Der Zwist zwischen ihr und den Nationalsozialisten den ' Naß zur Krise gegeben Dr Witzmann kennzeichnete unter .««geheurer Spannung im Hause
die Regierungsmaßnahmen des Ministers Dr. Frick
m »olksparteilichen Standpunkt aus Die Volkspartei hätte mm stärker die Überzeugung gewonnen, daß die Staats- Wste durch Minister Dr Frick nicht unparteiisch a e -
IÄte durch Minister Dr Frick nicht unparteiisch ..
Mrt wurden. Die Volkspartei bestreitet nicht, daß die Mitton Gutes geleistci habe: ausgeglichener Haushalt, Ver- Mungsvereinsachung, Ermächtigungsgesetz Aber alles dies W Eine Tat der Gesamtregierung, nicht einzelner Par- ”, am allerwenigsten der Nationalsozialistischen Partei -ik Regierung sei von der Volkspartei mitgemachi worden in der »Öffnung, d ' "
d» vofsmlng, daß die Nationalsozialisten durch die große Verantwortung, die sie bekommen hätten, zu besonnener Ko- iiiitionoarbeit gebracht werden würde, was leider nicht ge= Wien sei
Wir feiern, so schloß Witzmann, heute Bismarcks Geburts M Wir sehen in ihm den Vertreter nationaler Realpolitik, «us dem Grundgedanken nationaler Realpolitik ist unsere Wrung auch zu dem eingebrachten Mißtrauensantrag geboren, werden ihm zustimmen.
Der Fraktionsführer der Nationalsozialisten, Sauckel, führte aus: Er betonte, den Nationalsozialisten Mge es allein um die Zusammenhaltung der gegenwärtigen ,,^drung. Die bürgerlichen Parteien müßten sich darüber im sein, daß vom heutigen Tage die Tolerierung eines »aometts durch die Nationalsozialisten nicht mehr in »9c. k o m m e. Die Bildung einer neuen Regierung durch ^^"üaldemokraten sähe die Nationalsozialisten in schärfster
Am Geburtstage Bismarcks zerreiße die Deutsche Volks Partei die nationale Front in Thüringen.
Bns!'»^ rbe der Name Deutsche Volksparlei, hinter der das "' he, verschwinden. Die Volkspartei sei eine
N»» .Tlue oer nc U n-ckt mehr steh. Partei ohne Volk V,
nm «Jie VE Von nün an gelte, wie Abgeordneter Sauckel wie i™ m-er Stimme betonte, der Volkspartei in Thüringen ^tinmifj^ grundsätzliche verachtungsvolle Kampf der w.JW’bem Sauckel dem Minister Frick für sein Wirken als euÄJ*»«« hatte, schloß er: „Wir kommen wieder, über eichen marschiert das deutsche Volk."
Oer Rücktritt.
„ , ^"^ den Abstimmungen im Thüringischen Landtag ^ Präsident von Thümmel bekannt, daß das deutsch Ivili? "-"." ^ Negierungsmitglied, Staatsrat Kien, frei f 0 P ^"cn Rücktritt erklärt habe. Die national dgz "'^tischen Negierungsmitglieder sind, da ihnen -vertrauen vom Landtag entzogen ist, zurückgetreten. die s?m ^' ^dril wird der Landtag zusammentreten, um die V?k âuzungswahlen vorzuuehmeu, insofern •teubith nni3^ der Parteien über die Regierungs ung bis dahin zu einem Ergebnis gekommen sind. "Volksbegehren auf Auflösung des Thüringischen Landtags" zugelassen.
über looo Stimmberechtigte den Antrag der Nlöhmn s ^büringen, wegen des Volksbegehrens auf haben $ Thüringischen Landtages unterzeichnet ^nnenmini« ^ kiner Bekanntgabe des thüringischen Mfuna Ä"ms die Voraussetzungen für die Zuteil iäuft * Volksbegehrens erfüllt. Die Abstlmmungs- haben h p”^ 19, ^pril bis 2. Mai 1931. In dieser Zeit ^ftsseit ^^^^ndebehörden während der üblichen Ge- ^Mna i» stimmberechtigten Gelegenheit zur Ein- rftaietu„ A„ J’1 iften zu geben. Landeüwahlleiter ist Ober- » Das b».. rofessor Dr. Müller-Weimar. ^-»»»il«^^ Innenministerium hat dem Antrag der ■ !’uMb« hl« « Partei aus Zulassung des Volksbegehrens zur
8 066 Landtags stattgegeben.
Die Reden Hitlers und Goebbels' in Weimar.
Weimar, 2. April.
• (Eigene Funkmeldung.)
Als Antwort auf die vom Landtage beschlossene Annahme der Mißtrauensanträge veranstalteten die Nationalsozialisten am Mittwoch abend eine stark besuchte Versammlung.
Der Führer der Reichspartei, Adolf Hitler, führte aus: Die Nationalsozialisten rüsten zum neuen Angriff. Er werde jetzt erst recht dafür sorgen, daß die Partei eins werde im Wil
len und im Gehorsam. Alles werde hinausbefördert, was sich nicht geschwind der vorgeschriebenen Marschroute anschließe. Schwierigkeiten gebe es für ihn nicht. Weder äußerlich in Form von Notverordnungen noch innerlich in Form von Parteizwistig- keiten. Die Partei werde sich nicht auf das Glatteis locken lassen und eine unüberlegte Handlung in Form einer Ueber- tretung der Notverordnung begehen. Keine der bestehenden Parteien sei überhaupt mehr fähig, die deutsche Aufgabe zu lösen. Es werde eine gigantische Propaganda aufgezogen werden, durch die auch die Gegner eines Tages zur Erkenntnis kommen würden. Der 1. April, so behauptete Hitler, werde der schwärzeste Tag in der Geschichte der Deutschen Volkspartei, ihr
Der Alpdruck des Anschlusses.
Frankreich
wütet noch immer gegen das Zollabkommen.
Warum eigentlich das deutsch-österreichische Zollabkommen so große Aufregung besonders in Frankreich hervorruft, kann man nicht gut begreifen. Handelt es sich doch dabei schließlich um weiter nichts, als um einen vorläufigen tastenden Versuch, eine wirtschaftliche Angleichung zwischen den beiden Ländern zu schaffen, einen Vorvertrag mit dem in weiter Ferne liegenden Ziel einer Neuordnung der europäischen Wirtschaft. Die besonnene Rede des deutschen Reichsaußenministers vor dem Neichsrat, in der er auf diese Tatsache hinwies und den rein wirtschaftlichen Charakter der Abmachungen hervorhob, hat denn auch im allgemeinen einen be ruhigenden Eindruck auf das Ausland, besonders auf England gemacht. Nur die französische öffentliche Meinung sucht noch das Gesicht zu wahren, und da sie es aufgeben muß, an dem fachlichen Inhalt des Vertrages etwas auszusetzen, schiebt sie ihre Beschiverden auf das Formale ab und vermutet hinter der „Heimlichkeit" des Zustandekommens allerhand Gefahren für Frankreich und für Europa. Man setzt sich in französischen politischen Kreisen weiter für einen sehr energischen französisch-englischen und, weNn möglich , italienischen Schritt ein. Frankreich habe nicht die Absicht, die Angelegenheit auf die lange Bank zu schieben oder sich mit dilatorischen Andeutungen zufrieden zu geben. Es werde dies unverzüglich beweisen, sowie es die treffenden Maßnahmen in Einklang mit denjenigen der anderen interessierten Mächte gebracht habe.
Es sei jedoch ein Irrtum, wenn man glaube, daß Frankreich nur daran liege, das deutsch-österreichische Abkommen zu verhindern, um aus Prestigegründen die Vaterschaft einer europäischen Beivegung zu beweisen. Die Gründe, die Frankreich dazu bewegten, gegen alles an- zukämpfen, was einem Anschluß ähnele, seien ganz anderer Natur. Deutschland zeige nur zu deutlich, daß sein einziges Ziel die Wiederherstellung eines Mitteleuropa sei. Der Beweis liege in seiner Revistonspropa- ganda und auch in dem Anschluß Österreichs, der sich selbst vom wirtschaftlichen Standpunkte aus für keines der beiden Länder rechtfertigen lasse.
Sterbetag sowohl in Thüringen als auch im Reiche werden.
Der Tag werde die Partei erschüttern.
Als Diskussionsredner sprach dann Dr. E o e b b e l s. Er erklärte, die Blättermeldungen, daß er in Gegensätze parteipolitischer und persönlicher Art zur Parteiführung geraten sei, seien unrichtig. Seine heutige Anwesenheit inmitten der Parteifreunde sei der beste Beweis, daß diese Blättermeldungen falsch seien. Er werde nach wie vor weiter für die Partei wirken. Aus der Asphaltwüste Berlins wolle er, so drückte sich Goebbels aus, wieder ein deutsches Berlin machen. Der Ausheilungs- prozeß, der eben begonnen habe, werde aber nicht so schnell vor sich gehen.
Zum Schluß sprach der ehemalige Fliegerhauptmann Goering. Er erklärte u. a., für die Nationalsozialisten sei ihr Gewissen und ihr Führer ein und dasselbe. Sowie es sich um die Wahrnehmung der nationalen Belange handele, sei Adolf Hitler für die Partei unfehlbar wie der Papst für die Katholiken.
Zum Schluß der Versammlung nahm Hitler von der aufmarschierenden S.A.-Abteilung ein Treuegelöbnis ab.
Oberleutnant Schulz SA.-Führer inSerlin
Hitler setzt Stennes ab.
Tm Völkischen Beobachter erläßt der Chef des Stabes, Röhm, folgende Verfügung: „Der Gruppenführer Ost, Hauptmann Stennes, ist ab 1. April 1931 seiner Dienststellung enthoben und gilt bis auf weiteres als beurlaubt. Hauptmann Stennes hat zu wiederholren Malen eine Einstellung bekundet, die den Richtlinien der obersten SA.-Führung zuwiderläuft, und zuletzt in einer Besprechung mit den Standardenführern Auslassungen gemacht, die geeignet sind, die B e w e g u n g zu gefährden. Mit der kommissarischen Führung der Gruppe Ost wird Oberleutnant Schulz-Stettin beauftragt."
Zu seiner Amtsenthebung erklärt Hauptmann a. D. Stennes: „Mir ist auf parteiamtlichem Wege nichts von dem bekanntgemacht worden, was die Presse in bezug auf mich veröffentlichte. Es würde nationalsozialistischem Brauch widersprechen, wollte ich auf solche Veröffentlichungen reagieren. Solche Art der Bekanntmachung würde nicht nur unvornehm, sondern auch ein Wortbruch Adolf Hitlers sein. Ihm das zuzu- trauen muß ich ablehnen "
Von der Kanzlei Adolf Hitlers wird dazu erklärt, daß Hauptmann Stennes durch einen eingeschriebenen Eilbrief benachrichtigt worden sei, der rechtzeitig in München abgegangen wäre.
Französische Kammer und Senat vertagt.
Paris schweigt.
überraschend wurde nach endgültiger Erledigung deS Haushalts sowohl die Französische Kammer wie der Senat bis zum 5. Mai vertagt.
Zu einer Aussprache über die deutsch-österreichische Zollunion ist es nicht gekommen.
Während der Debatte sah sich Ministerpräsident Laval nicht weniger als fünfmal gezwungen, die Vertrauensfrage aufzuwerfen, wöbet er mit 325 gegen 65 Stimmen die Mehrheit erhielt.
Kleine Zeichen der Wirsschaflsbefferung.
Geht es wieder aufwärts?
Die kleinen Anzeichen auf Überwindung des Tiefstandes, die sich insbesondere in einer Belebung der Börsentätigkeit zeigten, finden in der Gesamtwirtschaftslage des Monats März nur eine geringe Stütze. Insbesondere war im Bergbau, in der Eisen- und Ma- schinenindlistrie sowie auf dem B a u m a r k i noch keine Belebung festzustellen. Dagegen machten sich in der Automobilindustrie, in einzelnen Zweigen der chemischen und der Textilindustrie sowie in der Schuh- waren- und Margarineindustrie Anzeichen einer lebhafteren Auftragstätigkeit geltend, die nicht nur saisonmäßig bedingt zu sein scheinen.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Der nationalsozialistische Gruppenführer Ost, Stennes, wurde seiner Dienststelle enthoben. An seine Stelle tritt Oberleutnant Schulz.
* Der thüringische Minister Frick ist nach Annahme des Miß- traüensantrages im Landtag zurückgetreten.
* Zn der nordlitauischen Stadt Plungjany wurden durch ein Eroßfeuer 1000 Gebäude in Asche gelegt.