Zulöaer Anzeiger
Erscheint jeden werkLag.Vezugsprels: monatlich o 20 sm. Bei Lieferungsbehinderungen durch höhere Gewalten", Streiks, Aussperrungen, Bahnsperre usw. erwachsen dem Bezieher keine Ansprüche. Verlag Friedrich Chrenklau, Fulda, Mitglied des Vereins deutscher Zeitungsverleger. Postscheckkonto: Frankfurt a. M. Nr. 16009
Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zul-a- und Haunetal*Zulöaer Kreisblatt Redaktion unö Geschäftsstelle: Königstraße 42 ❖ Zernsprech-Rnschluß Hr,9$9 Nachdruck der mit * versehenen Artikel nur mit Quellenangabe ,§ulâaer Anzeiger'gestattet.
Nr. 83 — 1931
Fulda, Freitag, 10. April
Anzeigenpreis: Für Behörden, Genossenschaften,Banken usw. beträgt die Kleinzeile 0.Z0M., für auswärtige Kustraggeber 0.25 Mk., für die Reklamezeile 0.90 Mk. u. alle anderen 0.15 Mk., Reklamezeile 0.60 Mark ❖ Bei Rechnungsstellung hat Zahlung innerhalb 8 Tagen zu erfolgen ❖ Tag- und Platzvorschriften unverbindlich.
Jahrgang
Agrarblock gegen Zollunion.
Frankreichs Gegenstoß.
Zurückweisung französischer Anmaßung.
Der vielumstrittene Termin für den Besuch der deul- schen^Minister in London steht also jetzt fest. Vom 5. bis MM 9. Juni soll er erfolgen, also nach der Genfer Ratstagung. Ein großer Teil der Vermutungen über beabsichtigte englische Stimmungsmache für Genf bei den deutschen Gästen ist dadurch hinfällig geworden, ^ie offiziöse Mitteilung über den Zweck der Zusammenkunft besagt, daß geplant ist „eine intime freundschaftliche Aussprache über alle wichtigen Fragen, welche die beiden Länder berühren". Weniger wäre mehr! Das Programm ist z u umfassend, als daß bei seiner Durch- sührilng innerhalb von vier bis fünf Tagen etwas Greifbares herauskommen könnte. Das scheint auch gar nicht beabsichtigt zu sein, sondern es soll anscheinend nur die berühmte „Atmosphäre" geschaffen werden für die Behandlung der einzelnen politischen Probleme. Einer der Gründe, und wahrscheinlich nicht der geringste, der Henderson zu der Einladung veranlaßt hat, scheint der Wunsch gewesen zu sein, der englischen Arbeiterregierung, die aus innen politischem Gebiete in der letzten Zeit einige Nackenschläge erlitten hat, in der Außen Politik einen Erfolg zu verschaffen, durch den die Fehlschläge vertuscht werden. Es ist allerdings stets ein Fehler, und noch nie etwas Gutes dabei herausgekommen, wenn der Außenpolitik die Gesetze ihres Handelns von der Innenpolitik vorgeschrieben werden. Der Primat der Außenpolitik gilt heute noch ebenso wie früher, und Verstöße dagegen haben sich noch immer gerächt. Von solch innenpolitischen Erwägungen scheint übrigens auch Briand nicht frei gewesen zu sein bei seinen unerhörten Quertreibereien, durch die er die deutsch-englische Zusammenkunft zu verhindern versuchte. Er kandidiert ernsthaft, wie versichert wird, für den Posten des Unzösischen Staatspräsidenten, dessen Neuwahl demnächst erfolgt. Er mußte hierzu wohl etwas für seinen „guten Ruf" tun, ein „schneidige s" Vorgehen erschien hierzu angebracht und wie gerufen stellte sich als Objekt Deutschland dar mit seinem Zollabkommen und seinem englischen Besuch.
Bei dieser ganzen Chequers - Affäre muß ja ganz besonders darauf hingewiesen werden, daß
Von Friedrichshafen zum Nil
„Graf Zeppelin" über dem Mittelmeer.
Das Luftschiff „Graf Zeppelin", das am Donnerstag morgen Friedrichshafen verlassen hat, ist kurz vor 9,30 Uhr französischer Zeit über Vienne (Südsrankreich) gesichtet worden und erschien 10.20 Uhr über Montèlimar an der Rhone, '-as Luftschiss, das Kurs nach Süden nahm, erreichte um Uhr mittags französischer Zeit die westlichen Vororte von Marseille und nahm dann Richtung auf das Mittelländische Meer.
Frankreich verbot das Photographieren.
Wie noch zum Start des „Graf Zeppelin" zur Aegqpten- sahrt bekannt wird, mußten kurz vor der Ausfahrt aus Friedrichshafen sämtliche Photoapparate aus dem Luftschiff entfernt werden, weil Frankreich die Erlaubnis zur Ueberfliegung fran- Sösischen Gebiets an ein Photographierverbot geknüpft hatte.
Bor einem neuen Startversuch Prof. Piccards?
Prof. Piccard aus Belgien, dessen Luftballonfahrt in die Stratosphäre im vorigen Jahre mißglückt ist, weilt wieder in A u gsburg und will, wie es heißt, die jetzige ^chonwetterlage zu einem neuen Startversuche ausnutzen, -re Ballonhülle wird zur Füllung vorbereitet.
m^rssessor Piccard, der wieder in Augsburg weilt, hat seine .«reitungen zu einem neuerlichen Start in den Weltraum Setroffen, daß der Ausstieg bei günstigem Wetter ohne erfolgen kann. Der Gelehrte, dessen beide Mitarbeiter ^ingefunden haben, will lediglich die Meldung der pergchen Landeswetterwarte abwarten und, falls diese gün
Deutschenausweisungen aus Litauen.
Das Schiedsgericht wird entscheiden.
l^.Avulich wird mitgeteilt: Die litauische Regierung hat in auâ^. ^" ^"i Reichsdeutsche aus dem litauischen Staatsgebiet tz^.,Mviesen. Diese Ausweisungen waren nach Aussassung der aien™11 Regierung unzulässig Nachdem die litauische 9ic« avgelehm hat, die Ausweisungen zurückzunehmen, deutsche Geschäftsträger in Kowno der litauischen Re- ?"K Rote überreicht, in welcher der litauischen wird, daß die deutsche Regierung die Aus- inhrty^ dem im deutsch-litauischen Handels- und schiss- ^vertrage vorgesehenen Schiedsgericht unterbreiten werde.
dnllschesKanonenboot mLhina beschossen h^nesische Regierungstruppen gegen Meuterer entsendet.
Janâ°.k,,^'"lche Kanonenboot „Gnat" wurde auf dem r u von meuternden chinesischen Regie- sind vo» ^Wen beschossen. Regierungstreue Truppen drücken11 ^lschcmg abgegangen, um die Meuteret 31t unter«
es nachgerade an der Zeit ist, daß es sich Deutschland ganz energisch verbitten muß, daß Frankreich sich immer noch als der Zensor aufspielt für alle politischen Maßnahmen, die Deutschland trifft. Wenn Frankreich glaubt, daß seine Minister allein das Recht haben, die englischen Kollegen zu besuchen, so dürfte es jetzt durch die Stimmen der englischen öffentlichen Meinung darin eine derbe Zurechtweisung erfahren haben. Ganz außerordentlich scharf wendet sich z. B. der der englischen Regierung nahestehende „Dailh Herald" gegen die Kommentare zu dem bevorstehenden Besuch. Sie seien taktlos und zeugten von schlechten Manieren. Es gehe wirklich zu weit, wenn die französische Presse die Einladung Hendersons an die deutschen Staatsmänner als unpassend bezeichne und wenn sie von einem Recht Frankreichs spräche, sich durch den Besuch der deutschen Herren beleidigt zu fühlen. Wenn Paris dauernd daraus bestehe, daß die englischen Beziehungen zu Frankreich viel intimer sein sollten als zu irgendeinem anderen Land, so würden hierdurch die Ziele der englischen Politik zunichte gemacht. Nach dem Besuch Hendersons in Paris und Rom, so heißt es in einem anderen Blatt, sei es vollkommen natürlich, daß Brüning und Curtius nach London kämen. Niemand sei in einer besseren Lage zu einer etwaigen Vermittlung zwischen Deutschland und Frankreich als Henderson, und man könne als ganz sicher annehmen, daß Henderson seinen Einfluß nur dazu benutzen werde, um alte Wunden zu heilen.
Wir werden ja sehen, was aus diesem Wochenendgespräch herauskommen wird. Wahrscheinlich nicht so viel, wie man am Anfang gemunkelt hat, hoffentlich aber genug, um Deutschlands Stellung in der Weltvolitik zu stärken gegenüber den anmaßenden Gelüsten Frankreichs.
Vorläufig bereitet Frankreich jedenfalls einen Gegenstoß gegen die deutsch-österreichische Zollunion vor. Der Ministerpräsident Laval hatte mit dem Außenminister P r i a n d eine sehr lange Unterredung. In gut unterrichteten Kreisen glaubt man zu wissen, daß man beschlossen habe, in Zukunft mehrere interministerielle Besprechungen abzuhalten, um zu versuchen, in Mitteleuropa inen starken landwirtschaftlichen Block zu bilden, der un= rbhängig von Deutschland bestehen könne.
stig ausfällt, in der Nacht zum Sonnabend, den 11. April, zwischen vier und fünf Uhr aufsteigen. Der Start erfolgt auf dem Gelände der Augsburger Ballonfabrik Riedinger.
Der voraussichtliche Flugweg
wird rhoneabwärts über Marseille— Korsira—Rom- Neapel—Sizilien—Kreta—Alexandrien nach Kairo, bei der Rückfahrt über Palästina und Cypern entweder über Konstantinopel— Schwarzes Meer oder Griechenland— Adria—Triest oder Italien—Rhonetal führen.
Beginn des Deutschen Raturschutztages.
Der Reichspräsident an der Spitze des Ehrenausschusses.
Im ehemaligen Herrenhause in Berlin begannen die Verhandlungen des Deutschen Naturschutztages, die bis zum 12. April dauern sollen. An der Spitze des Ehrenausschupe!.' der Tagung steht der Reichspräsident von H i nd e n - b u r g., Aus ganz Deutschland und auch aus dem Auslande sind Männer unb Frauen, die den Gedanken des Juituriamyco pflegen, zu der Tagung gekommen. Der Vorsitzende des 'r cut- schen Ausschusses für Naturschutz
Staatsrat von Reuter-München, begrüßte die Versammlung. Dann sprach Professor Doktor Schwenk el, Hauptkonservator am Württemberglschen Landesamt für Namrdcnkmalspflcge, über das Verhältnis der Kulturlandschaft jur Urlandschast. Über
Reklame in der Landschaft sprach Dr. Lindner, Geschäftsführer des Deutschen Bundes Heimatschutz. Von mehreren Rednern wurden dann Einzel- fragen des deutschen Naturschutzes behandelt.
Komödie der Wirrungen.
Natürlich ist's für jeden, der sich als eingeladen fühlt und fühlen darf, immer eine recht peinliche Situation; wenn er nun plötzlich wieder „ausgeladen" wird, bei der abgesagten Mai-Entrevue zwischen den Leitern der englischen und deutschen Politik ist das Peinliche dieser Geschehnisse ja noch um vieles größer, weil es sich dabei um die Vertreter großer Völker handelt, außerdem aber wir Deutsche die Empfindung haben, daß die „Ausladung" durch Druck und Drohung eines Dritten erfolgt ist. Frankreichs nämlich, genauer gesagt: unseres besonderen Freundes Briand, der ja in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Träger der „Versöhnungs- und Verständigungspolitik" ist, war und sein wird, — unb daher mag er es gar nicht leiden, wenn Deutschland außerhalb der „Briand-Kreise" sich mit einem anderen Lande zu verständigen sucht! Deswegen ist er wegen der Zollunion mit Deutschland und Österreich unzufrieden, noch mehr aber jetzt mit England, weil der sonst so folgsame Macdonald einmal ein Extratänzchen wagte und sich dazu Frau Germania als Partnerin wählte. Da winkte Briand wie König Franz in Schillers „Handschuh" mit dem Finger, und schon gab es kurz vor der Unterzeichnung des Londoner Marineabkommens durch Frankreich plötzlich die allergrößten Schwierigkeiten, was nun wieder Herrn Henderson, dem englischen Außenminister, außerordentlich unangenehm war. Das Marineabkommen mit seinen Hemmnissen für einen allzu schnellen Bau kostspieliger Linienschiffsriesen ist nämlich für Englands Regierung eine überaus ernsthafte finanzielle Frage neben der politischen Seite. Und in der Bank von Frankreich liegen sehr viel mehr „goldene Kugeln" als in den Kellern der Bank von England, die einst das „goldene Herz der Welt" gewesen ist.
Briand und seine Pariser Presse verfuhr überhaupt etwas „h e m d ä r m l i g", und zwar nicht bloß uns gegenüber, die er überhaupt nicht in Chequers sehen will. Auch den englischen Staatsmännern ließ er etliche Grobheiten sagen, dem Außenminister Englands im besonderen, — und Herr Henderson steckte das alles gehorsam ein. Man kann freilich auch deutscherseits den Londoner Diplomaten nicht verhehlen, daß sie sich nicht gerade sehr „diplomatisch" bei dieser ganzen Geschichte benommen haben. Denn sehr undiplomatisch war es wohl denn doch, über das Ei zu kakeln, ehe es gelegt war, — wenn man allerdings auch heute noch nicht weiß, wie gerade zu Ostern, also in einer Zeit politischer Arbeitsruhe, es überhaupt möglich wurde, daß die „Times" über die Geschäfte der geplanten Einladung loskakeln konnte! Ein kräftiger Ton in dem Geschrei, das nun in Frankreich losging, dürste für uns die Feststellung sein, daß England „trotz" der Zollunion an der Einladung zunächst grundsätzlich nichts änderte; aber auch dieser Ton ist jetzt verstummt, da eben eine deutsche Verständigung mit England „zwischen Fisch und Braten" in Chequers gerade auch über diese Frage erreicht werden konnte, ehe sie offiziell in Genf auf der Tagung des Völkerbundrates verhandelt mirb. Hernach hat es ja wenig Zweck, wenn man sich in der — vorläufig für den Juni festgesetzten — Besprechung mit den englischen Ministern nicht lediglich über die wirtschaftliche Seite der Zollunion unterhalten will, soweit Englands Erportinteressen davon berührt werden. In Paris rühmt man sich ganz offen des Erfolges, verhindert zu haben, daß ohne französische Aufsicht eine Behandlung der Zollunion durch Deutsche und Engländer allein stattfindet, bevor man in Genf besammen ist.
Wir Deutsche haben aus dieser Komödie der Wirrungen als Ergebnis eins zu entnehmen: der V 0 r v e r t r a g m i t O st e r r e i ch ist, auch wenn jetzt in Paris nicht mehr laut davon gesprochen wird, nach wie vor der Drehpunkt der jetzigen Außenpolitik Briands, das Ziel seiner politischen und — besseren — diplomatischen Gegenanstrengungen. Er ist nicht um ein Haar von der Linie abgewichen, die er in seiner Rede vor dem französischen Senat über die deutsch-österreichischen Vereinbarungen mit groben Worten gezogen hat: die Durchführung dieses Vorvertrages unter allen Umständen aus „politischen" Gründen zu verhindern. Und von dieser Linie wird er sich nach Genf und in Genf führen lassen. Diese Gründe sind aber nicht etwa bloß der „drohende Anschluß" Österreichs an Deutschland, der durch die Zollunion vorbereitet würde, sondern . . ., doch lassen wir hierüber eine englische Zeitungsstimme sprechen, die in ihrem fast naiven Augenauf- schlâg den eigentlicher: Grund der Gegenaktion Briands berührt: „Nach Ansicht der englischen Minister sollte Deutschland mit der gleichen Höflichkeit und Achtung behandelt werden wie die anderen Großmächte; französische Staatsmänner haben so oft Gelegenheit zu privatem Meinungsaustausch mit britischen Staatsmännern, daß sie den führenden Persönlichkeiten anderer Länder das gleiche Recht schwerlich streitig machen können." Auf den „diplomatischen Korrespondenten" des Londoner „Daily Telegraph", wo dieses Srftauner und diese Forderung einer deutschen Gleichberechtigung ausgedrückt wird, darf man wohl, da cs ja schwer ist keine Satire zu schreiben, wenigstens die sarkastische Berliner Redensart anwenden: „Mensch, hast du 'ne Ahnung!"
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Zn Berlin wurde der Deutsche Naturschutztag eröffnet. An der Spitze des Ehrenausschusses steht der Reichspräsident.
* Die Abnahme der Erwerbslosigkeit erstreckt sich nach dem Bericht der Reichsanstalt nicht nur auf die Saisonberufe.
* Frankreich beabsichtigt als Gegengewicht gegen die dcutjch- österretchlsche Zollunion in Mitteleuropa einen starken landwirtschaftlichen Block ohne Deutschland zu bilden.
* Ein schweres Unwetter an der Küste von Korea hat 125 Todesopfer gefordert.