Iulöaer Anzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
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Fulda, Dienstag, 14. April
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8. Jahrgang
Vor dem Ende der spanischen Monarchie?
Die Folgen der spanischen Gemeindewahlen: Republikaner fordern die Abdankung des Königs. — Unruhe in den Straßen Madrids. Die Polizei greift nur teilweise ein. — Verletzte bei einer Schießerei. — Vor schwerwiegenden Entscheidungen. Was werden Kabinett und König tun?
König Alfons' Thron in Gefahr.
Der Ausfall der spanischen Gemeindewahlen mat^ einen republikanischen Aufschwung, der ziemlich überraschend kam. Das spanische Volk ist ja seiner poli- rischen Grundeinstellung nach durchaus monarchisch gesinnt, und wenn es bei den jetzigen Wahlen eine republikanische Gesinnung zur Schau trägt, so geht man wohl nicht fehl in der Annahme, daß dies mehr einen Rückschlag aegen die Überspitzung der Diktatur Primo de Riveras bedeutet, als eine feindselige Einstellung gegen das Königshaus selbst und seine Regierung. Die in nächster Zeit stattfindenden Wahlen zu einer Nationalversammlung werden darüber weitere Aufklärung geben.
Die spanische Negierung ist jedenfalls über den Ausgang der Wahlen einigermaßen bestürzt und man rechnet sogar mit einem bevorstehenden Wechsel des Kabinetts.
Die Hauptsitze der republikanischen Mehrheiten sind die Provinzial Hauptstädte und die Landeshauptstadt Madrid. Aber auch zahlreiche kleinere Städte haben republikanische Mehrheiten gewählt. Mehrheiten zugunsten der Monarchie wurden vor allem auf dem Lande in den Dörfern erzielt.
Die Folgerungen, die die spanische Regierung jetzt ans der neugeschaffenen politischen Lage ziehen und die Haltung, die sie einnehmen wird, wird von ungeheurer Bedeutung für die Zukunft des Landes sein.
Es kommen sogar ernste Besorgnisse um das S ch i ck- salder Monarchie zum Ausdruck, so z. B. aus englischen Regierungskreisen. Hier hat man König Alfons in seinem Kampf gegen die Republikaner bisher immer unterstützt, die, wie man sagt, starken Rückhalt bei Frankreich haben. Diese Zusammenhänge sind auch für den '«eiteren Verlaus der Mittelmeerverhandlungen nicht ohne Interesse.
Das Stimmenverhältnis in Spanien.
Das Stimmenverhältnis zwischen den beiden Koalitionen stellt sich in den 49 spanischen Hauptstädten, einschließlich Madrid Md Barcelona, auf 595 gewählte monarchistische Kandidaten gegen 972 Kandidaten der republikanisch-sozialistischen Koalition.
Die spanischen Republikaner fordern die Republik.
Verschiedene republikanische und sozialistische Persönlichkeiten in Madrid hielten gestern nachmittag in der Wohnung Alcala Zamoras eine Versammlung ab. Nach Schluß derselben wurde eineErklärung veröffentlicht, in der es heißt: Die Abstimmung in der spanischen Hauptstadt und m den städtischen Hauptzentren hat die Bedeutung emes für die Monarchie ungünstigen, für die Republik gün=
Plebiszits. Sie trägt gleichzeitig die Merkmale eines «chuldspruchs gegen den höchsten Träger der Regierungs- gewalt. Wir fordern sämtliche zivilen und militärischen ^nstuutionen des Staates auf, die Entscheidung des Volkes zu respektieren. Wenn die Machthaber nicht dem Wunsche k b?5 nachkommen sollten, würden wir vor der Nation und der internationalen öffentlichen Meinung die Verant- wortung für das, was unvermeidlich eintreten wird, ab-
3m Namen Spaniens, das wir vertreten, da wir ,/^^rheit besitzen, erklären wir öffentlich, daß wir /tW vorgehen werden, um dem Wunsche der Nation urq Lrti^tung der Republik in Spanien Genugtuung zu ,v®Mc Erklärung ist unterzeichnet von Alcala Za- M Fernando del Los Rio, Casares, Miguel Maura, 80, Caballero, Albornoz, Berroux und Azana.
Die Polizei schießt in Madrid.
in ^M}"?^ aus Madrid berichtet, herrschte gestern abend außergewöhnliche Erregung. In ^" manifestierten zahlreiche Personen unter Vor- unh < einer republikanischen Fahne rot-gold-violett rickt ^m Gesang der Marseillaise. Eine falsche Nach-
A^e der König abgereist sein sollte, hatte große nickt ^n^ ausgelöst. Die Polizei versuchte zunächst sammli,» Demonstranten zu zerstreuen. Erst als die An- kräste ein Äsende ging, schritten starke Polizei- forbeVnL^ Massen, nachdem sie die Volksmenge aufge- ausein^^n, sich zu zerstreuen. Die Demonstranten liefen Auch ?och sind mehrere Personen verwundet. — denen " trcia fanden Kundgebungen statt, bei e Menge rief, der König möge abreisen.
Tritt der König zurück?
. London, 14. April.
sandten L^J,1^™ Morgenstunden aus Madrid abge- baff bei ^utertelegramm besagt: Allgemein glaubt man, len der Smx?3 öurücktreten wird. In einigen Tei- nen EpN^,,^ 'm^ die Polizisten angewiesen worden, kei- si^ Mit hp^m?ö0F der Waffe zu machen. Sie verbrüdern Grinds die Hochrufe auf die Republik ben, bet hpw ^er "ur ein Zusammenstoß gemeldet wor- chen Qejf™ ®or dem Verlagsgebäude einer republikani- ichwer^ und^m^ch Schüsse der'Polizei zwei junge Leute sorgen« m»v ^??*" IßW verletzt wurden. Um 2 Uhr Egender Mcnsth ^^ Straßen noch voll tanzender und
Der Kampf um die Krone.
Wenn Mephistopheles im Urtext von Goethes „Faust" den lustigen Trinkbrüdern in Auerbachs Keller erzählt, er und sein Begleiter kämen „aus Spanien, wo nachts so viele Lieder gesungen werden, als Sterne am Himmel
König Alfons XIII von Spanien.
stehen," so ist ja das ebenso au Schwindel wie es eine Täuschung ist, wenn man sich aus Bizets „Carmen" eben ein Bild von Spanien macht. Die politischen Lieder jedenfalls, die man heute in diesem Lande „singt", sind sehr wenig poetisch, mögen aber vor allem den dortigen Trägern des monarchischen Gedankens recht nuerfreulich in die Ohren klingen, vor allem natürlich dem König Alfons XIII. selbst. Denn das erste Ergebnis auf dem Wege, der dieses Land aus der Diktatur des Generals Primo de Rivera und seiner Nachfolger herausführev soll. die Wahlen zunächst einmal für die Kommunen, haben einen Sieg des Republikanismus besonders in den Provinzialhauptstädtcn gebracht, und wie weit dieses Resultat noch durch die Wahlergebnisse in den kleineren Landgemeinden unterstrichen oder korrigiert wird, ändert doch nur wenig an dem Charakteristi- schen dieser ersten Volksbefragung, der dann die Wahlen zu den Provinzialvertretungen und schließlich zum Parlament selbst folgen — sollen.
Eine Art politischer Generalprobe also waren diese Kommunalwahlen und bei ihnen standen sich hauptsächlich, meist sogar nur die Monarchisten und Republikaner einander gegenüber. Für und gegen die Monarchie — das war auch die Parole bei der Wahlpropaganda und sogar die Regierung selbst hat dafür gesorgt, daß die Volksbefragung, der „Volksentscheid" möglichst umfaffenb gestaltet wurde. Denn jeder, der ohne triftigen Grund sich der Stimme hätte enthalten wollen, wurde von der Regierung schon vor der Wahl darauf aufmerksam gemacht, daß den Gesetzen gemäß die Wahlpflicht besteht und Wahlversäumnis eine Sonderbesteuerung nach sich zieht. Und wer als Beamter seiner Wahlpflicht nicht nachkommt, wird durch Veröffentlichung feines Namens und — Gehaltsabzüge neben sonstigen Schwierigkeiten in seinem Fortkommen bestraft! Daher mußte dies zu einer Abstimmung führen, deren Ergebnis nicht durch die sonst übliche Wahlenthaltung unklar oder zweideutig gemacht werden könnte. Man darf wohl daran erinnern, daß die Beschränkung der Rechte, die dein künftigen Parlament auferlegt werden sollte, von den spanischen Parteien der Linken und der Mitte durch Proklamierung der Wahlcnthaltung beantwortet und — vorläufig jedenfalls — verhindert worden ist. Außerdem fand der König niemanden, der bei dieser Einschränkung der Rechte und der Entscheidung des später zu wühlenden Parlamentes das Amt des, Ministerpräsidenten übernehmen wollte. Hierin wenigstens mußte Alfons XIII. nachgeben, ferner auch noch darin, daß die Wahlpropaganda und die Kommunalwahlen selbst in aller Freiheit vor sich gehen sollten.
Seit dem Staatsstreich Primo de Riveras im Jahre 1923 waren die spanischen Wahlen die ersten, die überhaupt stattgefunden haben. Und darum erschienen ihre Ergebnisse noch schärfer als Volksurteil über die Frage: Monarchie oder Republik, über 100000 Gemeinde- und Stadträte waren zu wählen; davon wurden aber schon vor dem Wahltag über 12 000 Kandidaten überall dort als gewählt erklärt, wo Gegenkandidaten nicht aufgestellt worden waren. Zu neun Zehnteln waren dies allerdings Anhänger des Monarchismus, des Königs und seiner Regierung, die gegenwärtig noch von Romanows, einem Vertreter der gemäßigt konstitutionellen Mitte, geleitet wird. Aber die Linke war auch dadurch in großer Stärke beim Wahlkampf aufgetreten und in die Wahl gegangen, als die Sozialisten und die „Bürgerlichen" Republikaner nicht getrennt marschierten, sondern ein enges Wahlbündnis miteinander geschlossen hat. Und schließlich erfuhren die Anstrengungen des antimonarchistischen Blocks noch dadurch eine erhebliche Förderung, daß die
großen Blätter Spaniens fast durchweg mit den republikanischen, zum mindesten mit dem konstitutionellen Gedanken sympathisieren und sich vor den Wahlen im Kampf . gegen den Halb-Absolutismus der Krone auch kaum noch Schranken setzen ließen.
Ob nun diese ersten Wahlen politische Folgen schwerwiegender, für den König und das Königtum verhängnisvoller Art haben werden, kann man im Augenblick wohl kaum übersehen und ist auch nicht sehr wahrscheinlich trotz des großen Sieges des Republikanismus. Ganz so wacklig, wie man dies jetzt namentlich in den französischen Zeitungen liest, ist der Thron Alfons Xin. doch nicht; aber Frankreich im allgemeinen und Paris im besonderen war und ist ja das Zufluchtsland der zahlreichen aus Spanien herübergekommenen politischen Flüchtlinge und da ist bei den Pariser Zeitungen die künftige Republik als Wunsch „der Vater des Gedankens". Ist es doch erst vor kurzem wieder der Krone gelungen, einen überaus gefährlichen Aufstand so restlos und in einer Art niederzuschlagen, die für sie die „Revolutionstechnik" auf der Gegenseite nicht gerade sehr ruhmvoll war. Was aber endgültig zu Ende sein dürfte, ist jener Halb-Absolutismus, den die Diktatur Primos schuf und — allerdings schon stark erschüttert — hinterlassen hat. Wie der heftig entbrannte Kampf auf jetzt konstitutionell-parlamentarischem Boden enden wird, vermag der Außenstehende auch heute noch nach dem Ergebnis dieser Wahl, kaum zu sagen. Das eine steht jedenfalls fest: im spanischen Volk hat sich im Laufe der letzten Jahre eine tiefe Wandlung nach der demokratisch-republikanischen Seite hin vollzogen und König Alfons muß um seine Krone kämpfen. Aber die innenpolitische Entwicklung Spaniens hat sich ja schon immer in so seltsamen Kreuz- und Quersprüngen vollzogen, daß Überraschungen alles andere als ausgeschlossen sind.
in Portugal.
Meuternde
Kanonenboote vor Madeira.
Während man in Spanien mit den Wahl zetteln den Kampf um Verfassung und Regrerung aus.lcht, gebraucht man im benachbarten Portugal icharsere Waffen. Die Aufstandsbewegung dort nimmt immer bedrohlichere Formen an. Zuverlässigen Berichten von der portugiesischen Grenze zufolge haben verschiedene -bro- vinzregimenter, darunter auch Fliegertruppen, g e in c n tert. Regierungstreue Truppen sind überall zuMnmen- qezoqen. In Oporto haben regierungsfeindliche Kundgebungen stattgefunden. Truppen patroullieren in bin Straßen aller größeren Städte. Der bekannte flieget Aragao hat einer Reihe von größeren Städten Besuche abgestattet, um gegen die Regierung zu werden. Bei e ieser Gelegenheit erhielt der Kommandant des Flugplatzes in Amadora vom Kriegsministerium den Befehl, Aragao zu verhaften. Anstatt dem Befehl nachzukommen, 1 m 1 0 ß er sich Aragao aus seinem Weiterfluge a-n.
Die Aufständischen in Madeira haben in ihrem Nachrichtenblati die Bildung eiries K a binetts bekanntgegeben. Sie haben das vor Maden a liegende Kanonenboot „Jbo" aufgeforderl, sich der revolutionären Bewegung anzuschließen, ohne jedoch bisher eine Antwort zu erhalten. Meldungen, daß das vor den Azoren liegende Kanonenboot „Tamao" zu den Aufständischen übergegangen sei. entsprechen angeblich nicht den Tatsachen. , . .
Für den Fall einer Blockade der Insel durch dre Regierungstruppen soll beabsichtigt sein, die britische Bevölkerung abzutransportieren. Der britische Konsul soll von den Aufständischen gebeten worden sein, zwischen ihnen und der Regierung in Lissabon zu verhandeln.
Madeira vor einer Blockade.
Portugiesische Kriegsschiffe nach den Azoren unterwegs.
Der portugiesische Kreuzer „Vasco da Gama" und das Kanonenboot „Limpopo" haben Lissabon mit dem Auftrag, nach den Azoren zu gehen, verlaffen. Vor der Ausreise hielt der Präsident von Portugal, Carmona, eine Ansprache an die Besatznugen. Die Regierung hat beschlossen, weitere Truppen zu einer Strafexpedition nach Madeira und den Azoren zu entsenden. Sic hat den Dampfer „Nyassa" für Truppentransporte bcrritgestellt.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Die Lage in Spanien ist aufs äußerste gespannt. Die Republikaner fordern den König zur Abdankung auf.
* Der erste Tag des Kürten-Prozeffes brachte eine ausführliche Schilderung der Verbrechertaten des Angeklagten.
* Die Prüfung der juristischen Grundlagen des deutsch-österreichischen Zollabkommens durch den Völkerbundrat fordert ein Antrag des englischen Außenministers Henderson.
* Zn Breslau begann ein phantastischer Betrugsprozeß, bei dem es sich um eine angebliche Millisnenerbschaft von 200 Millionen Mark handelt. Angeklagt find zwölf Personen.