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M-aer Anzeiger

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«Hr. 88 1931

Tageblatt für Rhön und Vogelsberg

Zul-a- und Haunetal »Zulöaer Kreisblatt

Redaktion und Geschäftsstelle: Königstraße 42 Zernsprech-Rnschluß Nr. 484 Nachdruck üer mit * versehenen Artikel nur mit Quellenangabe »Zulöaer -lnzeiger"geflattet.

Fulda, Donnerstag, 16. April

Anzeigenpreis: §ür Behörden, Genossenschaf­ten,Banken usw. beträgt die Kleinzeile 0.Z0M., für auswärtige Auftraggeber 0.25 Mk., für die Reklamezeile 0.90 Mk. u. alle anderen 0.15 Mk., Reklamezeile 0.60 Mark Bei Rechnungsstel­lung hat Zahlung innerhalb 8 Tagen zu erfol­gen Tag- und Plahvorschristen unverbindlich.

8. Jahrgang

Die neueste Republik.

Die provisorische republikanische Regierung in Spanien beginnt mit der Arbeit. Ungewiß­heit über die Entwicklung der politischen Lage. Angeblich hat der König nicht abgedankt.

Will er nur eine Beruhigung des spanischen Volkes abwarten?

Ach der sMischen RmlutimsmHt.

IN S P a n i e N ist nach den stürmischen und sich über­stürzenden Ereignissen der Revolutionsnacht sowohl in der ^auptftabt wie in der Provinz völlige Ruhe einge- treten. Nur in Madrid hat der Pöbel das Haus der spani­schen Nationalisten gestürmt und die Möbel aus die Straße geworfen. Ebenso wurden die Standbilder von Isabella II. und Philipp IV. umgestürz 1 und zer­trümmert. Es bleibt abzuwarten, ob diese Ruhe nur eine augenblickliche Erschöpfung ist, oder ob sie als Zeichen zu werten ist, daß sich das Volk mit der neuen politischen Lage abgefunden hat. Die spanische Presse nimmt zu dem Regierungswechsel fast durchweg eine unerwartet freundliche Stellung ein. Insbesondere auch kirch­liche Blätter, die bisher königstreu eingestellt waren, er­klären, es sei die Pflicht aller Spanier, die neue Regierung mit allen Kräften zu unterstützen, weil sie die schwierigen Probleme Spaniens zu lösen habe, wobei ganz bestimmt sehr viele Kräfte ihr nicht beistehen würden, die ihr beim Umsturz geholfen haben.

Die Leitsätze der neuen Republik.

Der Präsident gab in großen Zügen die bekannten Leitsätze der Republik bekannt, wonach die Her­stellung des sozialen Ausgleichs, der Gerechtigkeit, die Be­reinigung der Verantwortlichkeiten des alten Regimes, moderne Verfassung usw. sofort in Angriff genommen werden sollen. Sämtliche Erklärungen der neuen Regie­rung wurden mit tausendstinzmigen Hochrufen von der riesigen Menge beantwortet, die den Platz vor dem Jnnen- mnlsterium füllte.

Rach einer weiteren Regierungserklärung beabsichtigt die provisorische Regierung, zunächst mit allen Machtmitteln zu arbeiten, ist aber entschlossen, ihre Mtlichen Maßnahmen dem Parlament zur nachträg­lichen Genehmigung zu unterbreiten. Alle bis- mgen Beschränkungen der politischen Meinungsfreiheit W der Glaubensfreiheit sollen in Fortfall kommen. Der mvatbesitz mit Ausnahme des Grundbesitzes soll linaugetastek bleiben. Die Regierung behält sich aber vor, m Rotsall die zugestandenen Freiheiten wieder einzu- llhranken oder aufzuheben.

Die neue spanische Regierung hat an alle spaui- e u Flüchtlinge, die sich in Frankreich aufhalten, Kundgebung gerichtet, worin diese aufgefordert wer- oen, sofort zurückzukehren. Wie weiter aus Madrid ver- t*. eneral Berenguer von der provisori-

Äderung gefangcngesetzt. Sämtliche diplomati- Vertretungen des Landes sollen neu besetzt werden.

®on bei spanischen Königsfamtlie verlassen.

8llche Schloß in Madrid, der bisherige Wohnsitz König Alfons XIII. und seiner Familie.

Nnruhen beim Llmsturz.

/Hergang von der Monarchie zur Republik ist in Madrid n^t so ruhig vor sich gegangen wie in aektt?^. Abende Menge hat in Barcelona die Gcfângniffe Feuer an die Türen gelegt, die Wândc ein- A>al n»"^"ud über 600 gewöhnliche Verbrecher befreit. Antwort Feuuengefângnis ereignete sich das gleiche. Als herorhnLnuv?. beruhigenden Reden der neuen Stabb Geld'" -rv schrie die Menge:Wir wollen Waffen und Stellen ganze Nacht über wurden an zahlreichen brannt. Ct etatlt Bilder des Königs und Fahnen ver-

Dramatischer Abschied des Königspaares.

Zeichnet^/? ^r König seine Abschiedserklärung unter- (Uaubc .'faßte.er zu den Ministern gewandt:Ich dieses 'ist gewissenhaft meinem Lande gedient habe, tobe in kit "falls immer meine Absicht gewesen. $e= Spante r »r Augenblick fühle ich mich noch mehr ein Printe hZJ b zuvo r." In feierlichem Sch,neigen 'ns Nebenbcr König seine Minister und begab sich mit ihren^'zuunrer. Dort warteten die spanischen Granden Abschied ^n. Auch diese umarmte der König zum * k n vieler ^D^"^Ee wurde nur durch das S ch l u ch -

1 -tnw elenden unterbrochen. Nach diesem

Abschied kehrte der König wieder in die Kabinettssitzüng zurück.

Die Abfahrt der Königin gestaltete sich zu einer er­schütternden Szene. Die Königin brach in Schluch­zen aus, als sie den Zug bestieg. Nur der zweite Sohn der Königin, der mit seinen beiden Schwestern die Königin begleitete, bewahrte seine Fassung. Er versuchte, die Kö­nigin und die beiden weinenden Schwestern zu trösten.

Die Königliche Familie,

die bereits Spanien verlassen hat sitzend (von links): Jnfant Jaime Königin Viktoria König -Alfons Jnfant Gonzalo, der jüngste Sohn vorn: Jnfant Juan Carlos stehend (von links): Infantin Beatriz Kronprinz Alfons Infantin Maria Christina.

Letzte Nachrichten besagen übrigens, daß König Alfons sich zwar bereit erklärt habe, das Land zu ver­lassen, daß er aber nicht auf seine Rechte verzichtet habe.

Bei der Abfahrt des Königs aus dem Ma­drider Palast bewahrte der König die ihm immer eigene Ruhe. Als die Palastgarde zum letzten Male präsentierte undEs lebe der König!" rief, sprach er wenige Worte: Ich habe zu beweisen, daß ich demokratischer bin als jene Leute, die sich dafür halten. Als ich den Ausgang der Wahlen erfuhr, war es mir klar, daß ich nur das Land verlassen oder eine Gewaltaktion provozieren konnte. Das letztere konnte ich nicht tun, weil ich Spanien zu sehr liebe. Es lebe Spanien!"

Das Programm der republikanischen Regierung.

P a r i s, 16. April.

Der Außenpolitiker desMatin" berichtet aus Madrid, von Stunde zu Stunde gestalte sich das Programm der repu­blikanischen Regierung umfangreicher. Anfänglich wollte die Regierung nur die Aufrechterhaltung der Ordnung, bis die verfassungsgebende Versammlung zusammentrete. Jetzt wolle man durch Dekrete die gesamte Gesetzgebung ändern und Grundsätze zur Anwendung bringen, die noch keiner gesetzgebenden Versammlung unterbreitet worden seien. Das sei umso erstaunlicher, als die Gegner der Monarchie im Lande nicht die absolute Mehrheit hätten. Die unent­wegten Republikaner dürften 3540 Prozent der Bevölke­rung ausmachen. Gewiß würden sich bei den in 2 Wochen stattfindenden Wahlen weit mehr Wähler als Republikaner bekennen. Aber gerade deshalb müsse sich ein unpartei­ischer Beobachter darüber wundern, daß die Regierung schon jetzt soziale und politische Maßnahmen treffe, die den Entschlüssen der künftigen verfassunggebenden Versamm­lung vorgreifen, wie Trennung von Kirche und Staat, Gleichheit und Freiheit der Glaubensbekenntnisse und allerhand andere einschneidende Formen.

Die Regierung kündigt Prozesse an.

Am Schluß der gestrigen Sitzung des Ministerrats über­gab der Minister des Innern der Presse eine Erklärung, in der mitgeteilt wird, daß die Regierung unverzüglich das königliche Palais mit Beschlag belegen werde. Die Wohn­räume würden versiegelt und unter den Schutz der Gen­darmerie gestellt werden. Weiter heißt es in der Erklä­rung, die Regierung habe darüber beraten, wie sie ihrer Verpflichtung gegenüber der Oeffentlichkeit, die Verant­wortung für die nationale Katastrophe und die unter dem früheren Regime ergriffenen Maßnahmen aufzuklären, nachkommen könne.

Zu diesem Zwecke würden die Prozesse eingeleitet wer­den, nämlich erstens zur Feststellung der Verantwortung für die Katastrophe bei Melilla im Jahre 1921; zweitens über die Amtsführung aller derjenigen, die an der ersten Diktatur teilgenommen haben und drittens über die Revi­sion des Prozesses von Jaca, in dem die Hauptleute Galan und Garcia Hernandez verurteilt wurden. Der Minister­

rat beschäftigte sich ferner aufgrund zuverlässiger Infor­mationen mit der Kapitalflucht, die durch die Erklärungen und Ratschläge einer Persönlichkeit der letzten Regierung noch schlimmer geworden sei. Es wurden Beschlüsse zur energischen Bekämpfung der Kapitalflucht gefaßt.

Das spanische Königspaar in Frankreich.

Der Kreuzer, an dessen Bord sich der König von Spanien befindet, ist heute früh um 6 Uhr auf der Reede von Marseille angekommen. Er wird noch heute nach Paris weiterreisen.

Der Zug mit der Königin von Spanien lief um 1.22 Uhr in Bordeaux ein. Die Königin wurde auf der ersten französischen Grenzstation Hendaye von spanischen Aristokraten, die sich dort befanden, begrüßt. Sie soll auch bei ihrer Fahrt durch Spanien in verschiedenen Städten von der Bevölkerung begrüßt worden sein.

Alfons XIII.

Mit Alfons XIII. von Spanien ist das letzte Mitglied des Königsgeschlechtes der Bourbons vom Thron ge­stiegen, ebenso von einer Revolution gestürzt wie Frank­reichs letzter Herrscher aus dem Blute der Bourbons, Karl X., der vor fast genau einem Jahrhundert, in den Julitagen 1830, Thron und Krone verloren hat. Und im Laufe dieses Jahrhunderts ward gleiches Schicksal auch den anderen Gliedern dieses Geschlechts beschieden, die in Italien geherrscht haben, bis sie alle dem über die Halb­insel hinwegstürmenden Einigungsgedanken zum Opfer fielen. Und fast nie und nirgends kämpften sie um Thron und Reich, fast alle, von Karl I. bis Alfons Xin. Wieder ist in Europa ein Thron leer geworden, auf dem über 400 Jahre Männer und Frauen aus dem Geschlecht der Bourbons gesessen haben; es ist jetzt menschlichem Er­messen nach ganz zur Historie geworden, denn daß wie 1875 die Spanische Republik sich wieder in ein Königreich unter seinem alten Herrschergeschlecht zurückverwandelt, ist in unseremZeitalter der Demokratie" recht unwahr­scheinlich geworden. Wenn Alfons XIU. sich jetzt nach England, der Heimat seiner Gemahlin, begibt, dann findet er dort einen anderen ebenfalls gestürzten König der Iberischen Halbinsel vor, Dom Miguel, einst Herrscher in Portugal.

Leicht ist die Krone nicht gewesen, die der König von Spanien zu tragen hatte: er trat eine Erbschaft an, die fast nur Trümmer aufwies. Das Kolonialreich verloren bis auf einen geringen Rest an der gegenüber­liegenden afrikanischen Küste, die Finanzen furchtbar zer­rüttet und das Volk in der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung weit zurück hinter dem Nachbarn. Dazu die innere Durchwühlung, die Parteienherrschaft häufig sehr eigennütziger Politiker, schließlich noch die separatistische Tendenzen des Nordostens, wo derKarlismus" nicht ganz erloschen war, der d'ort aufblühende Industrialismus auch soziale Umschichtungen stärksten Umfanges verursacht bat. Und nebenan lag Frankreich, wo alle Königsfeinde bereitwillig Aufnahme gefunden haben. Um soun­beliebter" war dort Alfons, den man in Paris vor dem Kriege vom Pöbel beschimpfen ließ, weil er als Gast bei einem deutschen Manöver die Uniform seines preußischen Ulanenregiments angelegt hatte. Noch mehr hat man es ihm verdacht, daß er im Weltkriege strikt an einer für Deutschland wohlwollenden Neutralität f e st h i e l t. Und das sollte man bei uns auch dem gestürzten König gegenüber nicht vergessen, weil es vor allem ihm zu verdanken war und obwohl die Heirat mit der englischen Prinzessin Ena von Battenberg eine ähnliche Situation schuf wie in Rumänien.

Verdienstvolles hat für Spanien auch die Diktatur gebracht, die den blutabzapfenden Riffkrieg endgültig be­endigen konnte, die aber dem König den Schein des Ab­solutismus in einer Zeit verlieh, als so viele Herrscher­throne in Europa leer geworden waren. Der König trug letzten Endes die Verantwortung auch für die Innenpoli­tik Primo de Riveras, und die Schicksalsstunde für König Alfons XIII. schlug wohl damals, als er sich von diesem Manne trennte, aber das System aufrechtzuerhalten ver­suchte, das sich vor allem auf das Heer stützte, nicht, wie der Faschismus, sich auch das Volk erobern konnte. Es ging auch wirtschaftlich abwärts mit Spanien, das als Land vorwiegend der Agrarproduktion naturgemäß sehr schwer von der Weltwirtschaftskrise ge­troffen wurde. Die sinkende Währung verursachte Teuerung und Not; eine ausländische Stützungsanleihe ist zu spät gekommen, um auch den Thron zu stützen. Auch das Heer bot keinen sicheren Halt mehr und im Dezember 1930, als ein Militäraufstand mühsam niedergeschlagen war, hat Alfons XIU. den Kurswechsel vollzogen, über dem aber das auch für andere Kronenträger verhängnis­volle WortZu spät" stand. Die Unterlegenen von da­mals sind die Sieger von heute. Und der spanische SchlachtkreuzerFürst Alfons" trägt den gestürzten Alfons nach England. Gestürzt eigentlich durch eine Volks­abstimmung, die gegen ihn entschied und damit die ihm feindlich gesinnten Kräfte losband. Hoffentlich werden nun aber diese Kräfte sich nicht gegeneinander kehren! Denn nun geht die Spanische Republik erst in die eigent­liche Feuerprobe hinein.

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Die deutsche Regierung hat beantragt, die Frage der deutsch-österreichischen Zollunion auf die Tagesordnung der Curopakommifflon zu setzen.

* Der König und die Königin von Spanien haben sich nach Frankreich begeben. Es verlautet, daß König Alfons nicht auf seine Rechte verzichtet habe.