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Nr. 95 — 1931
Fulda, Freitag, 24. April
Jahrgang
Bor großen Aufgaben.
Sas Reichskabinett an der Arbeit.
Ein reichhaltiges außen- und innenpolitisches Programm.
Das Kabinett ist wieder vollzählig in Berlin versammelt. Der Reichskanzler und der Außenminister sind von ihrem Osterurlaub zuräckgekehrt, und auch der Reichsinnenminister hat seine Amtsgeschäfte wieder ausgenommen. Frisch gestärkt wird die Regierung an die Bewältigung der ihrer harrenden schwierigen Aufgaben herangehen. Welch gewaltiges außenpolitisches Programm, ganz abgesehen von den drängenden innenpolitischen wichtigsten Fragen, die das Kabinett bei seinem Wiederzusammentritt vorfindet, ersieht man durch eine kurze Vorschau auf die bevorstehenden großen politischen Ereignisse. Da ist vom 15. bis zum 23. Mai Genf mit seiner umfangreichen, Deutschland besonders interessierenden Tagesordnung, am 6. und 7. Juni folgt die Ministerzusammenkunft in Chequers und die Besprechung des deutsch-österreichischen Zollabkommens. Dann im Oktober der Wiederzusammentritt des Reichstages und am 1. Februar 1932 der Beginn ^Abrüstungskonferenz in Genf. Zu allen den Fragen, die auf den internationalen Besprechungen und Zusammenkünften verhandelt werden sollen, muß das Kabinett vorbereitend Stellung nehmen, um seine Delegierten mit den nötigen Informationen und Richtlinien zu versehen.
Bis zum Wiederzusammentritt des Reichstages ist auch noch eine gewaltige Menge innenpolitischer Schwierigkeiten zu überwinden. Zu den wichtigsten Gegenständen, die zunächst zu besprechen sind, gehört die Behandlung der agrarzollpolitischen Fragen, die sich an die Ausfüllung des Zollermächtigungsgesetzes anschließen. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß die Erledigung dieser Angelegenheit im Kabinett nicht ohne Schwierigkeiten vor sich gehen wird. Die Forderungen des Reichsernährungs- ministers Schiele stehen denen des Arbeits- Ministers und des Wirtschaftsministers in
Die wahren Gründe
im Kampfe gegen die Zollunion.
Dr. Benesch enthüllt die Pariser Absichten.
Der tschechoslowakische Außenminister, Dr. Benesch, sprach Augcnausschuß des Abgeordnetenhauses über die geplante österreichisch - deutsche Zollunion. Benesch bezeichnete den Dandpunkt des Neichsaußenministers Dr. Curtius, daß der einer Zollunion in Gens ausschließlich nach der juristi- wgeprüft werden solle, als unhaltbar. Da e nahezu dreiviertel der gesamten europäischen Politik aus «michastsfragen bestehe, seien Wirtschaftsseparationen k^°eren Stils in Europa keineswegs unpolitische Angelegen- einzige ernste Begründung für den Zollplan sei der Wiener Regierung, daß Österreich in seiner . #.en Lage auf eine europäische Lösung nicht eu könne. Wirtschaftlich erachtet Benesch den ganzen S undurchführbar Die Beseitigung der Meist- ».^"'"^unasklausel würde einen allgemeinen Wirrwarr in und den Handelskrieg aller gegen alle ir.^bU'en. Ganz abgesehen davon, könne die Tschecho- od!r i ^"^ Kombination beitreten, die nicht in Genf Einvernehmen mit den Hauplinier- N-rli» .e v vereinbart wäre. Denn ohne Einigung zwischen werde in Europa kein Friede sein.
den a„n - ""wn wir also aus Prag, warum die Aktion gegen släni>in..»"^?dlan losgebrochen ist: Man will eben keine Ver- aber ?ne politische Führung — aus Paris. Das hätte >unn^i.ik^^w"d gleich sagen können, noch bevor er mit seinem 'Unpolitischen- Wirtschaftsplan hervörgetreten ist.
SerWhaisstxrrejch nochnicht eingeladen
Zu den Verhandlüngen über das Zollabkommen,
toirh maßgebender Seite des Völkerbundsekretariats s 61 „ tgeteilt, daß eine Einladung der ö st e r r e i ch i - den tschechischen Regierung zur Teilnahme an und ^Mndlungen des V ö l k e r b u n d r a t e s im Mai k° des deutsch. österreichischen Zollab- "Mmenz nock nickt erfolat ist.
Moroni« vor weiteren Gehaltskürzungen
Der Deutsche Beamtenbund an den Reichskanzler.
^ine Möglichkeit vorhanden war, den Reichs- lönn.» Beginn der Kabinettsberatungen sprechen zu ber Oa't- 1 derDeutscheBeamtenbund noch vor MeitfisfA1?^ der Reichsregierung zu Händen des tveaen Dr. Brüning seine Besorgnisse BeGefahr einer neuerlichen Verkürzung der bracht ^"8 eh älter schriftlich zum Ausdruck ge- Schreiben heißt es am Schluß: schawÄI Grund unserer genauen Kenntnis der wirt- rech8“8e der Beamtenschaft, wie aus beamtem gend h5 ""d staatspolitischen Gründen, bitten wir drin- die Weitere Gehaltskürzung, die insbesondere für Phal^ei^^ wit geringen Bezügen von katastro- *e n sein würde, nicht vorzunehmen. ^baüHiÂl® wtten wir die Reichsregierung, uns vor einer sprach» Entscheidung Geleae^tt zu einer Aus-
manchen Punkten gegenüber, und es wird der Geschtcr- lichkeit des Reichskanzlers obliegen, die Differenzen zu überbrücken und einen goldenen Mittelweg bei dem heiklen Thema der Zollerhöhungen zu finden. Bei einer Zusammenkunft des Ernährungsministers mit dem Reichskanzler, die noch vor der Kabinettssitzung stattfand, dürften ausschließlich die zollpolitischen Fragen behandelt worden sein, für deren alsbaldige Erledigung sich die Organisationen der Landwirtschaft und die ihr nahestehenden Parteien in letzter Zeit verstärkt nachdrücklich eingesetzt haben. Außerdem hat Brüning vor der Ministerbesprechnng noch den amerikanischen Bot- s ch a s t e r Sackett empfangen, der von seiner Urlaubsreise nach den Vereinigten Staaten zurückgekehrt ist und wahrscheinlich über den neuesten Stand der finanziellen internationalen Pläne zur Behebung der Wirtschaftskrise berichtet hat. Reichsaußenminister Dr. Curtius hat den Generalsekretär des Völkerbundes, Sir Eric Drummond, empfangen und mit ihm das Arbeitsprogramm der Maitagung des Völkerbundrats eingehend besprochen.
Reichskanzler und Außenminister werden also im Kabinettsrat bereits manches Interessante zu berichten gehabt haben.
Die erste Kabinettssitzung nach den Osterferien.
Das Reichskabinett trat gestern nachmittag unter dem Vorsitz des Reichskanzlers und in Anwesenheit des Reichsbankpräfi« denten zu seiner ersten Sitzung nach der Osterpause zusammen. Die Beratungen galten zunächst der Festlegung des vom Reichsranzler vorgelegten Arbeitsprogramms.
Der Reichsfinanzminister erstattete alsdann einen eingehenden Bericht über die Finanzlage des Reichs, der Länder und» Gemeinden, an den sich der Bericht des Reichsarbeitsministers über die Arbeitslosigkeit und die vom Reichsarbeitsministerium zu erledigenden Aufgaben und der des Reichsverkehrsministers über die Situation der Reichsbahn anschlossen. — Die Verhandlungen werden am Samstag fortgesetzt.
Jedoch hält man es im allgemeinen für sicher, daß Oesterreich und die Tschechoslowakei als Signatarmächte des Genfer Protokolls von 1922 und interessierte Mächte aufgefordert werden, an den Verhandlungen über das deutsch-österreichische Zollabkommen teilzunehmen.
Drummond in Berlin.
Vorbereitung einer Vorkonferenz zur Weltabrüstung.
Der Generalsekretär des Völkerbundes, Sir Eric Drummond, wird außer der Vorbereitung der kommenden Ratstagung auch solche Fragen besprechen, die die Kernfragen der Völkerbundpolitik unmittelbar betreffen. Es ist geplant, zur Vorbereitung der für das Frühjahr 1932 vorgesehenen Abrüstungskonferenz eine Art Vorkonferenz ins Leben zu rufen, der die Vorbereitung der Abrüstungskonferenz obliegen soll. Es wird hierbei Gelegenheit sein, mit Nachdruck die einseitige Propagandatätigkeit zugunsten des von Deutschland abgelehnten Konventionsentwurfs f.ür die Abrüstung seitens gewisser Genfer Amtsstellen zurückzuweisen und endgültig zu unterbinden.
Schließlich dürften während des Besuches des General- ekrerärs des Völkerbundes in Berlin auch Personalfragen bc= prochen werden, die die mangelhafte Vertretung Deutschlands m Genfer Sekretariat und in den Ämtern des Völkerbundes betreffen.
Um Deutschlands Zivilluftfahrt.
Neue deutsche Nole in Genf überreicht.
Die Reichsregierung hat dem Generalsekretär des Völkerbundes eine Note übermittelt, »a der der Antrag auf Abschluß eines internationalen Abkommens über die Zivilluftfahrt näher begründet wird. In der Note wird erneut auf den deutschen Standpunkt hingewiesen, daß die Zivilluftfahrt nicht in ein Abkommen über die Herabsetzung oder Beschränkungen der Rüstungen hineingehöre. Es wäre ein Widerspruch, wenn man die Zivilluftfahrt erfassen, aber das lagernde Material der militärischen Luftfahrt unberücksichtigt lassen wollte.
Politische Rundschau
Deutsches Reich.
1240 Millionen Mindereinnahmen im Reichshaushalt.
Der jetzt veröffentlichte Finanzausweis über die Einnahmen des Reiches gestattet eine genaue Übersicht über die Einnahme-Entwicklung des Reiches für das Etatjahr 1930/31. Gegenüber dem Voranschlag, der Einnahmen in Höhe von 10 265 Millionen Mark vorsah, sind insgesamt 9024 Millionen Mark aufgekommen. Es ergibt sich demnach eine Mindereinnahme von 1240 Millionen Mark.
Chinesischer Staatsbesuch auf der „Emden".
Der Aufenthalt des Kreuzers „Emden" in der chinesischen Hauptstadt Nanking hat einen sehr befriedigenden Verlauf gesunden. Außenminister Wang und andere Mitglieder der Nationalregierung statteten dem Kreuzer Besuche ab. Zahlreiche Generäle, etwa 800 Offiziere, Studenten und Kriegsschüler besuchten das Schiff.
32 Punkte.
Eine alte Erfahrung ist es, daß auf irgendeiner Sitzung, Konferenz oder Tagung praktisch um so weniger erreicht wird, je länger deren Tagesordnung ist. Wenn dieser Erfahrungssatz auch für die kommende Tagung des Völkerbundrates zur Wirklichkeit wird,dann kann man heute in durchaus nicht unberechtigtem Pessimismus sagen, daß die Delegierten an den Gestaden des Genfer Sees zwar sicherlich einen sehr schönen Frühling genießen werden, daß aber das Ergebnis ihrer Konferenzarbeiten erheblich weniger genußreich für die Völker Europas sein mag. Denn in der Tätigkeit von mehr als einem Jahrzehnt hat sich beim Völkerbund in allen Fällen, wo er sich von politischen Verlegenheiten bedrängt sah, sehr schnell als rettendes „Prinzip" die Gewohnheit der — Vertagung herausgebildet. Und die diesjährige Maitagung des Völkerbundrates umfaßt 32 Punkte! Hoffentlich rettet man sich nun nicht allzu oft in und durch die Vertagung.
Manche Punkte der Tagesordnung reizen ja geradezu zum — Ausreißen, zum Sichdrücken vor einer Entscheidung. Man kennt aus monatelanger Diskussion die wichtigsten Punkte, die alle nicht bloß eine, sondern gleich mehrere höchst empfindliche Seiten haben. Vor allem natürlich die A b r ü st u n g s f r a g e, die insofern, wenigstens vom Standpunkte der schwer gerüsteten ehemaligen Ententestaaten aus, etwas von ihrer Kompliziertheit zu verlieren begann, als ja die Fünfmächtekonferenz über die Seerüstung so gut wie abgeschlossen zu sein schien. Im letzten Augenblick kam es zu neuen Differenzen, weil Frankreich „kalte Füße beka m". Es bedarf keiner großen politischen Kombinationsgabe, um zu sehen, daß sich die Pariser Regierung mit dieser Weigerung nun für Genf einen „politischen Hebel" verschafft hat oder, wenn man will, eine politische Handelsware, die Frankreich möglichst teuer verkaufen will, nämlich gegen englische Zugeständnisse bei anderen Punkten der Tagesordnung in Genf. Denn man weiß in Paris ganz genau, welch großes, nicht zuletzt aus finanziellen Gründen hervor gehendes Gewicht England aus das Zustandekommen dc' Fünfmächtevertrages und der durch ibn zu cr-eler Drosselung der kostspieligen Kriegsschiffbauien leg«, allgemein-politische Situation ist also der H.nle Genfer Tagung und vielleicht — schon vorher, ehe nt dortige Konferenz beginnt. Dann würde für jenen PunU der Tagesordnung, der die Abrüstungsfrage umfaß-. — nächst nur die Festlegung des Sitzungsortes für die kom mende Abrüstungskonferenz und die Wahl des Pra'iden en übrigbleiben; denn ob die deutschen Anträge über eine anderweitige Feststellung des Rüstungsstandes 0 'v; Kommission sie vorgeschlagen bat sowie über ein "' nationales Abkommen wegen der Ziv'"n' V ■ r als nur zu längeren Diskussionen vo n r . -n ist nach der ganzen bisherigen Haltaua der näch-c nicht sehr wahrscheinlich und der Rest ist, frei na ecaNet die Vertagung.
Jener allgemein-politische Hintergrund steht natürlich auch hinter dem vielleicht augenfälligsten Punkt der Tagesordnung, nämlich der deutsch-ö st e r r e i ch i s & c r Zollunion, die übrigens aus deutschen Antrag schon auf der am 15. Mai, drei Tage vor der Tagung des Völkerbundrats, beginnenden Konferenz des Europakomitees behandelt werden soll. In diesem Punkt bat ja das französische Kabinett sofort eine großzügige Gegenaktion eingeleitet, bei der mit finanziellen Versprechungen nicht gespart wird. Das braucht Frankreich ja auch nicht zu tun, denn es hat ja die Mittel dazu aus den deutschen Reparationszahlungen. Und seit Ankündigung des unbedingten Widerstandes Frankreichs gegen die deutsch- österreichischen Pläne ist das Pariser Kabinett nicht um einen einzigen Schritt zurückgewichen; ganz im Gegenteil setzte es den Kampf mit sich ständig verstärkender Energie und nicht ohne Erfolg fort.
Auch hinter den Fragen des Minderheiten- rechts und der Minderheitenbehandlung in Polen steht die englisch-französische Spannung; auch hier kann jener politische Hebel wirksam werden, an bessen längerem Arm aber das militärisch und finanziell schwer gerüstete Frankreich steht. Die Verfolgung der Deutschen und die seit der Januartagung ergriffenen oder — nicht ergriffenen Maßnahmen der polnischen Regierung bilden ebenso einen Punkt der Tagesordnung in Genf wie jetzt auch die Mißhandlungen der ukrainischen Minderheiten. Ob sich ihretwegen die Engländer noch so tapfer ins Zeug legen werden wie im vergangenen Jahr — vor der Londoner Seerüstungskonferenz! —, muß jetzt als recht zweifelhaft erscheinen. Denn schließlich handelt es sich ja dabei um Vorkommniffe, von denen das englische Lebens- intercsse nicht berührt wird.
Dem deutschen Außenminister steht diesmal der Vorsitz in der Ratstagung zu. Kaum dürfte er, wie im Januar, auf das Präsidium verzichten, um seine Arbeitskraft stärker der Wahrnehmung bestimmter Forderungen und Wünsche Deutschlands widmen zu können; denn es gibt nur wenige Punkte in der Tagesordnung der nächsten Konferenz, bei denen nicht wichtigste deutsche Interessen in Frage kommen.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Das Reichskabinett trat zu seiner ersten Sitzung nach den Osterferien zusammen.
* Vor einer weiteren Kürzung der Beamtengehälter warnt der Deutsch« Beamteubuud in einem Schreiben an den Reichskanzler.
* 3« Norden Polens hat durch Eisgang verursachtes Hoch- wasier sehr großen Schaden angerrchtet. Mehr als 20 Personen fanden den Tod in den Fluten.