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Zul-aer /lnzeiger

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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg

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Nr. 123 1931

Fulda, Freitag, 29. Mai

8. Jahrgang

Aus der Stratosphäre zurück

Piccards Ballon gelandet.

Die beiden Forscher am Leben.

Nach allen Ungewißheiten, nach allen Besorgnissen, nach allem Rätselraten kam aus I n n s b r u ck die er­lösende Meldung, daß Professor Piccard mit seinem Begleiter am Mittwoch abend aus dem Gurg­ler Ferner wohlbehalten niedergegangen sei. Eine der vielen Expeditionen, die ausgezogen waren, um ihn ru suchen, hat ihn gefunden! Er teilte mit, daß er eine Höhe von 16 000 Metern erreicht habe.

Was war nicht alles vorausgegangen, eh: Diese er­freuliche Nachricht in die Welt hinausdrang! Von ver­schiedenen Seiten kamen Sicktmeldunaen: hier und dort

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Die Fahriins Blaue".

Es gibt ein lautes Heldentum, das seine Taten auf den Markt trägt, um sich feiern zu lassen, und es gibt stille Helden, die, im Banne einer Idee, hinausziehen in die Eiswüsten der Polarländer, um deren Geheimnisse zu ergründen, die sich einschließen in Laboratorien, um mit gefährlichen Bazillenkulturen, mit gefährlichen Strahlen zu arbeiten und dem Krebs und anderen Seuchen auf die Spur zu kommen, die hinaufsteigen in die höchsten ?r> schichten, um den Weltraum zu erforschen.Wissenschaft­liche Erkundung der Stratosphäre" es klingt so einfach, klingt beinahe harmlos. Wir leben ja in einer Zeit, wo man mit Luftschiffen, wo man mit Flugzeugen Unmög­liches möglich gemacht hat warum also sollte gerade ein Freiballonaufstieg in allerdings etwas hohe Höhen so wunderbar sein? Denkt der Laie! Aber bedenkt denn der Laie auch, daß es sich um eine Fahrt ins Ungewisse, ins Unsichere, ins Unerforschte, sozusagenins Blaue hinein", handelte, um eine Fahrt auf Leben und Tod, um eine Fahrt, von der man wohl den Anfang erkennen, aber nicht das Ende voraussagen konnte? Der sie unternahm, diese Fahrt in den Weltenraum, der ProfessorPiecarv, , hat das alles ganz genau gewußt, hat die Gefahren seines ' Unternehmens bestimmt vom ersten Augenblicke an genau erkannt, und doch keinen Augenblick gezögert, zu tun, was er für seine wissenschaftliche Pflicht gehalten, was er in seiner Studierstube ersonnen und errechnet hat.Möglich, daß ich nicht lebend wiederkehre, möglich, daß ich in der verlöteten Gondel meines Ballons ersticke, möglich, daß ich mit zerschmetterten Gliedern auf die Mutter Erde zurückfalle, aber die Wissenschaft ruft, die Wissenschaft fordert, und ich muß ihrem Rufe folgen i ch mutz!" Forscherfanatismus? Vielleicht! Helden­tum aber, Heldentum bestimmt!

Hut ab vor dem Helden Piccard!

Ob er erreicht hat, was er für die Wissenschaft zu erreichen hoffte, das. steht augenblicklich nicht in Frage, das zu prüfen wird immer noch Zeit sein. Aber selbst wenn er gar nichts erreicht hätte, ein Mann, der höchste Bewunde­rung verdient, wird er trotzdem bleiben, weil er gewagt

hat, was vor ihm noch keiner gewagt hatte, weil erein Erster" war und auflange hinaus" vielleichtein Ein­ziger" bleiben wird.Es genügt schon, wenn man nur Großes gewollt hat schon das kühne Beginnen ist rühm­lich," sagt ein römischer Dichter.

Und daß die Welt, die ganze zivilisierte Welt dem kühnen Forscher ihre Bewunderung nicht versagen, daß sie nidji als Tollkühnheit bezeichnen wird, was höchster Forschungseifer war, des darf man gewiß sein. Schon das Bangen, schon die Sorge um sein Schicksal, von der olle Welt beherrscht war, beweisen es zur Genüge. Man darf es ruhig sagen, ohne sich allzusehr der Übertreibung schuldig zu machen: die ganze Welt beteiligte sich im Geiste an der Suche nach dem Forscher und seinem Begleiter. Mit fieberhafter Spannung, Die nicht so R - ner, wi Singst war, verfolgte man jede, auch die kleinste Nachr.chi die über denStratosphärenballon" hinausging in die Welt, und wie von einem Alp befreit atmete alles auf, als die Botschaften, die anfangs Hiobsbotschaften zu sein schienen, sich zu Freudenbotschaften verdichteten, als die Kunde kam: sie leben, sie sind gerettet! . . . Die beiden Helden der Luft" mögen bange Stunden durchlebt haben, aber daß wir alle mit ihnen, daß wir alle um sie bangten, das möge ihnen beweisen, wie sehr wir ihre Tat be­wundern!

Hier wurde er gefunden!

Der Gurgler Ferner in den Ötztaler Alpen, wo der Ballon mit seinen beiden Insassen niedergegangen ist.

THUEN

" BOZEN

Deutschlands gutes Recht

Karte des Irrweges.

wollte man den Ballon entdeckt haben. Andererseits mel­deten Flugzeuge, die aufgestiegen waren, um ihn zu suchen, daß sie keine Spur von ihm wahrgenommen hatten. Cs waren Flugzeuge, die in einer Höhe von 4000 und 4200 Metern in Richtung Venedig undtnRrchtung Mailand geflogen waren. In diesen Höhen war,die Sicht rein. Dann kam plötzlich aus Meran Die Nachricht, daß der Ballon im Schnalser Tal, einem Nachbar­tale des Etschtales, niedergegangen sei. Die gesamte lta- lienische Polizei des in Frage kommenden Gebretes wurde sofort zur Suche nach dem Ballon aufgeboten. Aber dre Suche war vergeblich, und immer unsicherer wurden Die Nachrichten. Dann aber kam die sichere Meldung, datz der Ballon

auf dem Gurgler Ferner (Gletscher) gelandet oder vielmehr gestrandet sei in einer Höhe von 3000 Metern. Bald wußte man auch, daß Professor Piccard und sein Begleiter entgegen allen Erwartun­gen am Leben geblieben und ohne jede Verletzung aus die Me zurückgekehrt sind. Die ungeheure Spannung ha te sich in ebenso glücklicher wie staunenerregender Werse gelöst.

Piccard berichtet.

Prof. Piccard erzählte, daß seine Fahrt eine herrliche Alpensahrt gewesen fei. Im allgemernen habe er den Ballon stets in der Gewalt gehabt. Der Auftrieb des Ballons sei tagsüber so groß gewesen, daß er, Piccard, rrst in der Nacht zur Landung habe schreiten können. ,zur das Landungsmanöver habe er keine besondere Woh gehabt. Er habe ein Eisfeld gesehen und dies noch als den besten Landungsplatz erachtet. Die Landung sei glatt donstatten gegangen. Da cs schon zu spät gewesen sei, um «och zu menschlichen Behausungen zu kommen, hatten er und sein Begleiter die Nacht in der Gondel verbracht. Donnerstag früh hätten sie sich dann orientiert, worauf & in Ri chtun g O b ergurgl abgesttegen seren. Unterwegs seien sie mit der Nettungsexpedition zusam- Mengetroffen und von einem Teile der Expcoltion^teil- uchrner bis zur Ortschaft hinuntcrgcführt worden.

Der Ballon hat auf der Höhenfahrt nicht glitten. Uleine Beschädigungen an den Apparaten sind nicht der Kede wert. Diè Forschungsfahrt hat

reichhaltige Forschungsergebnisse gezeitigt. Professor Piccard erzählt, daß der Mttwoch sur Die Beobachtungen äußerst günstig gewesen sei. ^.cr «oricher bleibt vorläufig in Gurgl. Der Ballon wird ab- »wntiert und dann zu Tal gebracht. Von Innsbruck aus und Hochalpinc Mannschaften der österreichischen Bundes- Sauf Lastautos abgefahren, um bei der Abmontierung ^llflich zn fein. Von anderer Seite wird berichtet, daß âZ^ard sich Don Obergurgl noch einmal zur Landung---- begeben wolle, um nach feinen Instrumenten zu sehen. ba?Äur6- Die Stadt hat anläßlich des Erfolges Piccards âh?U2 festlich geflaggt und an Professor Piccard ein Herz- Glückwunschtelegramm gerichtet.

Die Konferenz von Chequers.

Englische Mahnung an Frankreich.

Die französische Presse legt wegen der Londoner Reise des Reichskanzlers und des Reichsaußenministers eine sichtbare Nervosität an den Tag. Hiergegen wendet sich in einem scheinbar inspirierten Artikel das englische sozialistische RegierungsblattDaily Herald". Die Pariser Presse scheine, so schreibt die Zeitung, es als eine Art Verbrechen zu betrachten, daß die deutschen Minister mit den englischen Ministern über die Reparationen sprechen würden, und es sei nach französischer Meinung offenbar unschicklich, daß die englischen Minister ihnen zuhörten. Dassei natürlichallesUnsinn. Die Deutschen hätten vielleicht klüger gehandelt, wenn sie die Frage der Reparationen und der Kriegsschulden während der Wirtschaftsverhandlungen in Genf aufgerollt hätten. Aber auch dann würde man wohl einen ähnlichen ärger­lichen Protest in Paris erlebt haben.

Brüning und Curtius hätten jedoch aans offenkundig

3m Cittempo.

Die Beratungen des Sanierungsausschusses.

Die Beratungen des Sanierungsausschusscs des Reichskabinetts sind derart beschleunigt worden, daß das Gesamtkabinett sich wahrscheinlich im Lause des Freitags mit den Plänen beschäftigen kann, die in der Notver­ordnung zur Durchführung kommen sollen. Das Kabinett will dann gleichfalls die Notverordnung im Eilteinpo durchbcraten.

über die Pläne, die dem Kabinett vorgelegt werden, verlautet immer noch nichts Bestimmtes. Neuer­dings soll die Absicht, die Beamtengehälter zu kürzen, und zwar gestaffelt, wieder in den Vordergrund gerückt sein. An Stelle der sogenannten Beschäftigungs- steuer soll eine allgemeine

Erhöhung der Einkommensteuer für alle die Personen treten, die nicht zur Arbeitslosen­versicherung herangezogen werden. Im Grunde hat dieser Plan natürlich die gleiche Auswirkung wie die Beschäfti­gungssteuer. Von einer Erhöhung der U m s a tz st e n e r soll man endgültig abgekommen sein. Dagegen wird von einer Erhöhung der Zucker st euer und von einer Er­höhung der Beiträge für die Arbeitslosenversicherung um ein Prozent gesprochen. Zu diesen Plänen kommen dann noch Abstriche am Wehretat von rund 50 Millionen und Abstriche am Bcrsorgungsetat in Höhe von 70 Millionen Mark.

Die Erklärung des Kanzlers gegenüber den Führern der SPD., daß er zur Brotpreissenkung eventuell die Zölle senken werde, wird in der Rechtspresse und in der landwirtschaftlichen Presse vielfach als Preisgabe der landwirtschaftlichen Interessen bezeichnet.

das Recht, die Frage zuerst mit England zu erörtern. Alles, was sie zu sagen hätten, werde höflich angehört und ernst­lich erwogen werden. Dennoch aber müßten dann alle Mächte an den Erörterungen teilnehmen, wenn, was an­scheinend der Fall fei, Deutschland seine Ziele weiter ver­folgen wolle. Eines sei aber sicher, es habe keinen Zweck, ärgerlich zu werden oder sich zu weigern, die Angelegen­heit zu erörtern. Es sei zwar ärgerlich, daß das Haager Abkommen aufgeworfen werden würde, aber keiner der damaligen Unterhändler hätte die Wirkungen des wirtschaftlichen Sturmes" voraussehen können. Indessen, Tatsache bleibe Tatsache. Es sei eben eine Tat­sache, daß Deutschland das Recht habe, den Transfer für einen großen Teil der Reparationen zu kündigen, falls es sich hierzu gezwungen sehen sollte.

Die Ausübung dieses Rechtes werde eine finanzielle Krise beschleunigen, die ernste Folgen in Deutschland, in den Gläubigerländern und in der ganzen Welt haben würde. Es sei offenbar viel besser, die Tatsachen schon vorher ins Auge zu fassen, als zu warten, bis der gefähr­liche Sturm ganz plötzlich ausbreche.

Reue Arbeit durch die Reichsbahn.

Verhandlungen mit der Rcichsregierung.

Es schweben Verhandlungen mit der Reichsregierung über ein zusätzliches Arbeitsbeschafsungsprogramm der Reichsbahn, dessen Verwirklichung sie in ihrem eigenen Interesse und in dem der deutschen Wirtschaft auf das leb­hafteste begrüßen würde. Die Verhandlungen über Art und Umfang etwaiger Aufträge werden noch längere Zeit dauern.

Kongresse und Versammlungen

k. Botanikertagung in Münster. In Münster i. W. sand eine Botanikertagung statt, an der die Deutsche Botanische Gesell­schaft, die Freie Vereinigung für Pflanzengeographie und syste­matische Botanik und die Vereinigung für angewandte Botanik teilnahmen. Aus allen Teilen des Deutschen Reiches und von zahlreichen ausländischen Universitäten hatten sich Teilnehmer eingefunden. Im Mittelpunkte der Beratungen standen fach- wissenschastlichc Vorträge.

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* In Genf ist die Internationale Arbeitskonferenz eröffnet worden, aus der Deutschland durch den ehemaligen Reichs­arbeitsminister Brauns vertreten wird.

* Piccard ist mit seinem Ballon aus dem Gurgler Fernes tn den Oetztaler Alpen gelandet. Er und sein Begleiter be- slnden sich wohlauf.

* Das Reichskabinett hat die Beratungen über die Notver­ordnung fortgesetzt.