Soldner Anzeiger
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Nr. 129 — 1931
Fulda, Freitag, 5. Juni
.Jahrgang
Krawalle im Ruhrgebiet.
Schwere Straßenunruhen in Essen.
Zusammen st öße in Duisburg und Mülheim.
In der Nacht zum Donnerstag kam es in E s s e n zu Ausschreitungen kommunistischer Elemente, die mehrfach einen stärkeren Einsatz von Polizeikräften erforderlich machten. In der Nähe des Republikplatzes und an anderen Stellen wurden die Beamten aus den Häusern mit Steinen und Blumentöpfen beworfen. In der Altendorfer Straße warfen die Demonstranten einen Arbeitswagen der Straßenbahn um. Als die Feuerwehr erschien, wurde sie mit Steinen beworfen. Im Segeroth-Viertel wurden zahlreiche Straßenlaternen ausgelöscht und aus Pflastersteinen eine Barrikade gebaut. In der Josephsund Matthiasstraße wurde das Straßenpflaster aufgerissen und ein Drahtseil über die Straße gespannt. Insgesamt sind 40 Personen festgenommen worden.
Auch in Mülheim (Ruhr) kam es im Innern der Stadt zu einem schweren Zusammenstoß zwischen einer Reihe von Personen und der Polizei. Ein Polizeibeamter wurde von der Menge umzingelt, verprügelt und von hinten auf den Kopf gehauen, so daß er zu Boden stürzte und Verletzungen davontrug. Dem Überfallkommando gelang es dann, die Menge auseinanderzutreiben. Vor dem Zusammenstoß mit der Polizei war der städtische W 0 h l - fahrtsdezernent Tommes auf dem Wege zum Rathaus von der Menge beschimpft worden.
In den Straßen Hamborns
kam es im Anschluß an einen Prozeß gegen kommunistische Erwerbslose, die bei Unruhen in das Rathaus gestürmt waren und zu erheblichen Gefängnisstrafen verurteilt wurden, zu ernsten Unruhen. In der Ichillerstraße bauten Demonstranten aus Tonnen der Müllabfuhr und Pflastersteinen Barrikaden, hinter denen sie die Polizei
Die Reise nach England.
London in Erwartung.
Das Programm für die deutschen Gäste.
Dr. Brüning und Dr. Curtius haben in Cuxhaven an Bord der „Hamburg" die Ausreise nach Southampton angetreten. Am Amerika-Pier hatte sich eine stattliche Menschenmenge angesammelt. Als die Minister das Schiff betraten, mußte ein junger Mann, der einen beleidigenden Zuruf ausgestoßen hatte, von der Polizei a b - geführt werden. Dr. Brüning und Dr. Curtius werden auf ihrer Reise begleitet von Oberregierungsrat Dr. Planck von der Reichskanzlei und den Legationsrâtcn von Plessen und Dr. Schmidt vom Auswärtigen Amt. Zum Ab schied in Berlin hatte sich, wie bekannt wird, neben zahlreichen Herren der Reichskanzlei und des Auswärtigen Amtes auch der englische Botschafter Sir Horace Rumbold eingefunden.
Die deutschen Staatsmänner treffen Freitag mittag in Southampton ein, für sechs Uhr ist ihre Ankunft in London vorgesehen. Hier werden sie im Hotel Carlton Wohnung nehmen. Abends nehmen die deutschen Herren an einem Essen im Auswärtigen Amt teil. Am Sonn abend vormittag findet ein Empfang der deutschen Kolonie in London statt. Sonnabend mittag folgt
die Fahrt nach Chequers,
wo die deutsche Abordnung bis Sonntag mittag bleiben wird. Nachmittags fahren der Reichskanzler und der Außenminister nach London zurück, wo am Sonntag abend die deutschen und die englischen Pressevertreter empfangen werden. Am Montag mittag um 12 Uhr findet eine
Audienz beim König
statt. Um 13,30 Uhr gibt die Englisch-deutsche Vereinigung zu Ehren der deutschen Besucher ein Frühstück. Nachmittags sind die deutschen Herren Gäste des Königlichen Instituts für Auswärtige Angelegenheiten. Montag abend findet ein Empfang auf der deutschen Botschaft statt. Die Abordnung reist am Dienstag früh wieder nach Southampton, von wo sie an Bord der „Europa" nach Deutschland fährt. Die Ankunft in Bremerhaven erfolgt am Mittwoch vormittag und in Berlin am Mittwoch nachmittag.
Hoesch bei Briand.
Der deutsche Botschafter in Paris, Dr. von Hoesch, ist vom französischen Außenminister Briand empfangen worden. Wie es heißt, soll dieser Besuch mit der Eng- landreise der deutschen Staatsmänner in Verbinduna stehen.
Amerikas Außenminister kommt nach Deutschland.
Wichtige „Höflichkeitsbesuche".
««Der amerikanische Staatssekretär des Äußeren wird in der zweiten Hälfte des Juni eine Steife rrrf.li uF°^a antreten, deren Dauer auf zwei Monate be- ai m!^ Stimson, der die europäischen Verhältnisse cin- daN'studieren will, fährt zuerst nach Neapel und bereist halten, Frankreich, Deutschland und England, orllarte. er werde offizielle Empfänge zu vermeiden
mit Hohngeschrei, Pfeifen und Stetnwürfen empfingen. Es fielen auch mehrere Schüsse. Nur mit Mühe konnten die Hindernisse entfernt und die Straße von den Demonstranten gesäubert werden. Da auch in den Nebenstraßen Schüsse fielen, mußte die Polizei schließlich das ganze Viertel säubern. Insgesamt sind 30 Personen fest- genommen worden. Die Tumulte haben vier Verletzte gefordert: eine Frau und ein Mädchen erhielten schwere Kopfschüsse, zwei Männer wurden ebenfalls durch Schüsse erheblich verletzt.
Auch in Worms politische Zwischenfälle.
Am Dienstag abend fand in Worms eine Versammlung der Nationalsozialisten statt, in der u. a. auch Prinz August Wilhelm von Preußen ein Referat hielt. Die Versammlung nahm einen ruhigen Verlauf. Erst danach kam es an verschiedenen Stellen der Stadt zu Ansammlungen, die von der Polizei zerstreut werden konnten, wobei aus der Menge mit Steinen auf die P 0 - lizeibeamten geworfen wurde. Hierzu meldet der Polizeibericht: Die Versammlung gab Anlaß zu Ansammlungen am Marktplatz, in der Stephansgasse und am Bahnhof. Nach Schluß der Versammlung mußten starke Polizeistreifen an verschiedenen Stellen der Stadt Ansammlungen zerstreuen, weil aus der Menge auf die Polizeibeamten mit Steinen geworfen wurde. An zwei Stellen gerieten politische Gegner auf der Straße aneinander; die Verletzungen waren geringfügiger Natur.
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Es steht außer Zweifel, daß auch diese Zwischenfälle von kommunistischer Seite veranlaßt worden sind; die Taktik dieser Elemente ist man schon längst gewöhnt.
suchen, aber den Außenministern der von ihm besuchten Länder „Höflichkeitsbesuche" abstatten.
Diese Europareise Stimsons erregt in Washington größtes Aufsehen, obwohl der Staatssekretär selbst die politische Bedeutung seiner Reise herabzumindern versucht. Angesichts des ungeheuren Interesses der Hoover-Regierung an der Abrüstung und der allgemeinen Erhaltung des Londoner Flottenpaktes im besonderen wird Stimson das Schwergewicht seiner Besprechungen mit den europäischen Kollegen zweifellos auf das Abrüstungsproblem legen und er wird sich besonders bemühen, die von einzelnen Mächten angestrebte Vertagung der Abrüstungskonferenz zu verhindern.
Newyorker Finanzkreise sehen die entscheidende Bedeutung der Ministerreise in der Tatsache, daß Stimson
Der amerikanische Außenminister Stimson.
Gelegenheit bekommt, das Problem der internationalen Kriegsverschuld ung mit den beteiligten Regierungen zu erörtern. Die Washingtoner Berichte der hiesigen Blätter unterstreichen zwar, daß Hoover dem Staatssekretär keine Vollmacht geben werde, über die Reparationen und die interalliierten Schulden zu verhandeln. Doch glauben weder Wallstreet noch maßgebende diplomatische Kreise, daß Stimson sich einer Aussprache entziehen könne, da man hier die N e u - aufrollung der Reparationsfrage für die allernächste Zukunft erwartet.
Die Wahlen zur Spanischen Nationalversammlung ausgeschrieben.
Madrid. Die spanische Regierung hat tm Verordnungsblatt die Bestimmungen für die Wahlen zur Nationalver- sammlung veröffentlicht. Sie erklärt sich bereit, ihre Machtbefugnisse nach dem Zusammentritt der Nationalversammlung niederzulegen und über ihre Niabnahmen Reckrenichaft aüzu-
„Bon Herz zu Herzen."
Vor zehn Jahren — man denkt ungern daran, aber es ist doch aus vielen Gründen lehrreich, daran sich zu erinnern — hatte Deutschlands Regierung das Londoner Ultimatum annehmen müssen. Mitte Mai 1921 war Deutschland genötigt worden, sich zur allmählichen Zahlung von 132 Goldmilliarden zu verpflichten; Lloyd George war es, der als englischer Ministerpräsident namens der Entente uns die Wahl ließ: Besetzung deutschen Landes oder Unterschrift. Wir unterschrieben.
Jetzt sind der deutsche Reichskanzler und sein Außenminister in London Gäste der englischen Regierung —, allerdings einer solchen, die der Arbeiterpartei angehört; von dieser war vor zehn Jahren kaum die Rede —, aber heute ist Lloyd George von geringerem politischen Einfluß als vor zehn Jahren die Partei und die Persönlichkeit Macdonalds. Und von den damaligen 132 Milliarden redet schon längst niemand mehr. Aus dem Wölkenkuckucksheim phantastischer Wünsche hat hernach die brutale Wirklichkeit die Lloyd Georges an den Beinen heruntergezogen, bis diese aus einem etwas realeren Boden standen.
Eine gewaltige Last deutscher Wünsche und deutscher Verzweifelung, letzten deutschen Hoffens, hat der Hapagdampfer mit Dr. Brüning und Dr. Curtius zusammen nach England getragen. Und weil es eben d i e letzte H 0 f f n u n g ist, weil diese auch sozusagen allein den inneren Halt dafür abgibt, die neuen schweren Belastungen durch die kommende Notverordnung auf uns nehmen zu sollen —, ist es wohl menschlich zu verstehen, daß aus dieser Verzweifelung und grauer Trostlosigkeit die Hoffnung auf Chequers hier und da in Deutschland allzu üppig emporschießt. Es wäre nicht das erstemal, daß ein deutscher Vertreter hinauszog, hoch beladen mit dem Hoffen, Wünschen und Sehnen des deutschen Volkes —, aber es wäre auch nicht das erstemal, daß er zurückkäme, niedergedrückt von der Erfolglosigkeit seiner Arbeit, zu dem Herzen des Auslands z-u sprechen. Er war nur auf Egoismus, Jnteressenpolitik, ja Haß gestoßen, auf Verständnislosigkeit oder nur geringes Verständnis für die schon anderthalb Jahrzehnte währende deutsche Not.
Das s 0 l it e y 0 r allzu großen H 0 sfuuu gen warnen. Es ist ja keine „Konferenz", die in Chequers stattfindet, sondern nur ein Wochenendgespräch. Ein Gedankenaustausch, von dem aus freilich die Gedanken zu Absichten und Taten führen sollen. Revision des Young-Plans—, das ist nun wirklich zum Problem auch im Ausland geworden, ist nicht nur mehr deutsche Forderung, die draußen von vornherein auf verstopfte Ohren stößt. Gewiß ist es nicht die einzige „politische" oder wirtschaftlichfinanzielle Frage in der Gegenwart, ist für England der Kampf um die Abrüstung nicht weniger wichtig. Aber die deutschen Minister haben doch nicht vor ihrem Besuch in London und Chequers einen Wink bekommen: „Über Thema darf nicht gesprochen werden!" Sondern im Gegenteil rechnet man in England damit, daß über „Thema", also die Revision und den Weg zu ihr gesprochen wird. Zumal Dr. Brüning im Reisekoffer auch die neue Notverordnung mit sich bringt als Beweis dafür,
„Wir haben schon so viel für euch getan,
Daß uns zu tun nun nichts mehr übrig bleibt." wie wir über Gretchen in Goethes „Faust" hinaus wohl sagen dürfen.
Wir wissen, daß bei diesem Wochenendgespräch auf dem Landsitz des englischen Ministerpräsidenten der FranzoseamSchlüssellochhorcht oder über die Parkmauer von Chequers guckt. Er kann ruhig zuhören, zuschauen. Wir haben nichts zu flüstern, nichts zu verstecken. Was in Chequers gesprochen wird, ist „in den Ohren" der Welt. Und daß bei den Unterredungen keine „Beschlüsse gefaßt" werden, weiß sie auch. Was wir tun wollen und wie wir unsere Lage betrachten, soll den Engländern persönlich gesagt werden; ihr Für oder Wider werden wir erfahren. Ihre Ratschläge oder Warnungen werden wir zur Kenntnis nehmen. Und beide Seiten, wir und die anderen, werden die beiden gemeinsame Not, die Wirtschaftskrise, zum Thema der „Unterhaltung" haben. Unter normalen wirtschaftlichen Verhältnissen war Deutschland Großbritanniens bester Kunde!
Es werde sich um eine „unformelle Unterhaltung von Herz zu Herzen handeln" schreibt die amtliche Nachrichten-Agentur der englischen Regierung in dem Augenblick, da die beiden deutschen Minister die Fahrt nach England antraten. Daß sie offen und ohne jeden Rückhalt sprechen werden, ist so selbstverständlich wie es klar ist, daß wir eben nichts mehr zu verheimlichen haben.
Und wenn die deutschen Minister ihre ganze Meinung vom Herzen herunter sagen, dann werden sie es aussprechen müssen, daß die Gegenseite die Durchführung des Young-Plans uns weit über das notwendige Maß hinaus erschwert habe. Wieviel ist denn von der Mahnung der Sachverständigen, die diesen Plan schufen, nun wirklich erfüllt worden, daß er nur bei einem offenen Zusammenarbeiten des Schuldners und der Gläu- biaer durchführbar fei? Unserem Außenhandel baute man
Kleine Zeitung für eilige Leser.
ar ?*' e£tt‘i£.rUn£J®r* ®r“ninfl haben sich in Kuxhaven an Bord der „Deutschland" nach Southampton eingeschifft.
* In mehreren Orten des Ruhrgebietes fanden Unruhen und ernste Zusammenstöße zwischen Kommunisten und Polizeibeamten statt. Mehrere Personen wurden verletzt.
* Der amerikanische Staatssekretär des Aeußern unternimmt “ ^5^Mân Fumhalfte eine Reise nach Cairos, wobei er auch Deutschland einen Besuch abstatten wird.