Zul-aer Anzeiger
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Nr. 136 — 1931
Fulda, Samstag, 13. Juni
8. Jahrgang
Kampf um das
Brüning bei Hindenburg.
Für und gegen Reichstagseinberufung.
Der Besuch des Reichskanzlers tm Ferienaufenthalt des Reichspräsidenten galt ursprünglich der Ausgabe, Hindenburg über die Verhandlungen in London zu unterrichten. Aber Brüning hat inzwischen in Berlin noch andere Neuigkeiten in die Hände bekommen, die für den Reichspräsidenten in Neudeck nicht weniger wichtig sind.
Brüning wird Hindenburg mitteilen können, daß infolge der Erregung über die Notverordnung die Neigung bei den Parteien zur Einberufung des Reichstages sehr stark gewachsen ist. Nur das Zentrum, die Partei des Kanzlers, und vielleicht auch die Christlichsozialen stehen heute noch auf der Seite des Kabinetts,
die Sozialdemokratie
hat vorsichtigerweise ihre Entscheidung noch einmal auf den Dienstag der nächsten Woche vertagt, die anderen Regierungsparteien dagegen, die Deutsche Polkspartei, die Bayerische Volkspartei und das Landvolk sind für Einberufung, und da auch die Wirtschaftspartei auf dem gleichen Standpunkt steht, muß der Kanzler mit der Möglichkeit .rechnen, daß in der nächsten Woche im Ältestenrat des Reichstages
eine Mehrheit die Einberufung beschließt.
Brüning hat dem Reichspräsidenten ferner mitteilen müssen, daß die Partei des Neichsaußenministers Dr. Curtius sich offen gegen das Kabinett gestellt und vom Kanzler gefordert, daß er
eine neue Regierung,
aber ohne Curtius, Dietrich und Wirth bilde, vorausgesetzt, daß der Reichspräsident Brüning mit der Neubildung betraut. Aus den Kreisen des Kanzlers verlautet, daß Brüning diesen Vorschlag der Volkspartei glatt a b g e l e h n t hat und daß er fest entschlossen sei, den Zusammentritt des Reichstages mit seinem Rücktritt
auf keinen Fall
den Auftrag zur Neubildung zu übernehmen. — Was Hindenburg zu diesen Dingen gesagt hat, ist nicht bekannt. Vielleicht hat er Brüning wie schon einmal die Vollmacht gegeben, mit der Auflösungsordre in der roten Mappe vor den Reichstag zu treten und das Parlament vor das Entweder-Oder zu stellen. So hatte sich die Lage tm letzten Jahr entwickelt. Jedenfalls scheint festzustehen, daß Brüning unter keinen Umständen die Notverordnung dem Reichstag vorlegen will, zweifelhaft ist, ob er, wie be- hauvtet wird, auch jede Abänderung ablehnt. Nachdem nun
die Christlichen Gewerkschaften,
aus denen Herr Brüning kommt, sich sehr nachdrücklich für die Abänderung ausgesprochen haben, dürfte auch Brüning sich nicht allzu sehr gegen diese Wünsche stemmen. Ob es ihm durch Verhandlungen über Abänderungen der Notverordnung noch gelingt, die K r i s e z u m e i st e r n und die Regierungsparteien wieder zusammenzuzwingen, ist sehr fraglich.
Die Stellungnahme der Deutschen Volkspartei gegen das Kabinett hat die Lage auf das schärfste zugespitzt.
Welche Beweggründe
stecken hinter dieser Aktion? Die Linke behauptet, die Volkspartei wolle unter dem Deckmantel eines Brünings Kabinetts eine Regierung mit der Unterstützung der Rechtsopposition schaffen. Als Nachfolger von Dr. Curtius wird der Botschafter in London, Dr. Neurath, genannt, und als Nachfolger von Dietrich der Essener Oberbürgermeister Dr. Bracht, ein Zentrumsmann.
Die Rechte
erklärt jedoch, die Volkspartei solle sich ja nicht einbilden, daß ein so umgebildetes Kabinett Brüning die Unterstützung der Rechtsopposition fände. In deutschnationalen Kreisen vertritt man die Auffassung, daß das Ende dieser Krise eine Änderung tm Kabinett sein werde, und zwar in der Richtung, daß das
Justizministerium und das Wirtschaftsmtnisterium, beide bekanntlich zurzeit ohne Minister, mit Persönlichkeiten besetzt sind, die der Deutschen Volkspartei genehm sind. Reichsbankpräsidenl Dr. Luther, der selbst der Volkspartei angehörl, ist aufs eifrigste bemüht, seine Parteifreunde davon abzubringen, auf der Einberufung des Reichstages zu bestehen. Ob er auch gegen die Kabinettsumbildung ist, ist in der Öffentlichkeit nicht bekannt.
Die Auffassung auf der Rechten.
Von deutschnattonaler Seite wird erklär::
Daß die Rechte durch die Auswechselung einiger Persönlichkeiten tm Reichskabinett veranlaßt werden könnte, die Regierung Brüning zu tolerieren, wird wohl selbst der größte Optimismus nicht anzunehmen wagen. Die Deutschnationalen haben sich eindeutig genug dahin ausgesprochen. daß nur die Ersetzung des letzigen Kabinetts durch etn Kabinen, das mit der E r s ü l l u n g s p 0 l i l i k nicht belastet ist, und eine gleichzeitige Umgestaltung der Verhält-
s s e in Preußen für sie die Voraussetzung zur Ausgabe der Oppositionsstellung geben könnten.
GPO.-Entscherduug erst nächste Woche.
Die sozialdemokratische Reichstagssraktion bat einen Beschluß gefaßt, in dem sie eine Änderung der Notverordnung verlangt. Sie will abwarten ob die von ihr gewünschten Änderungen in Verhandlungen mit dem Kabinett erreicht werden wnnen und will sich am nächsten Dienstag noch einmal mit ser «rage der Reichslagseinberufung besassen.
Reichskabinett.
Die Volkspartei beharrt.
Der Reichspartciausschuß der Deutschen Volks- Partei, nach dem Parteitag die höchste Parteiinstanz, hat sich mit dem Vorgehen der Fraktion bezüglich Reichstagseinberufung und Kabinettsumbildung befaßt. Der Parteiausschuß hat die bekannte Stellungnahme der Fraktion, also Einberufung der Reichstages oder Umbildung des Kabinetts, gebilligt.
Auch die Landvolkpartei für Kabinettsumbildung.
Die Landvolkpartei gibt eine Äußerung an die Öffentlichkeit, in der sie deutlich erklärt, daß sie für den Rücktritt des Außenministers und des Reichssinanzministers ist. Aber ihre letzte Entscheidung will die Partei davon abhängig machen, wle sich Deutschnationale und Nationalsozialisten zu der Umbildung verhalten, «ebenfalls gebt aus der Äußerung hervor, daß die Landvolkpartei für Einberufung des Reichstages stimmen wird.
Abänderungsforderungen des Gewerkschasts- rmges zur Notverordnung.
Der Gewerkschaftsring hat an die Netchsregierung eine Eingabe gerichtet, in der die freiheitlich-nationalen Gewerkschaften, wie der „Gewerkschaftliche Pressedienst" mitteilt, die restlose Heranziehung der Landwirtschaft zur Krisensteuer und die besondere Belastung derhoben Pensionen fordern. Die N01 der Zeit erfordere, daß alle Kreise des Volkes zur Behebung der Krise herangezogen würden.
Der Gewerkschaftsring verlangt weiter: Gleichstellung der Löhnsteuerpflichtigen mit den veranlagten Einkommensteuerpflichtillen in der Krisemtxuer. Bcbördenanaestellte und
Kommunistenkrawalle.
MMutzr» rr»; Reiche.
Zusammenrottungen und Zusammenstöße.
In verschiedenen Teilen des Reiches ist es wieder zu Zusammenstößen zwischen Kommunisten und Polizei gekommen. Es wurden viele Verhaftungen vorgenommen, und zahlreiche Personen, darunter auch Polizeibeamte, erlitten Verletzungen.
In Elberfeld kam es zu Straßentumulten in der Umgebung des. Rathauses. An einigen Stellen wurde das Pflaster aufgerissen; zahlreiche Straßenlaternen wurden zertrümmert. Auch hier wurden viele Verhaftungen vorgenommew
In Mannheim
fanden in der westlichen Unterstadt neue Zusammenrottungen statt. Etwa 1500 Menschen versammelten sich in dem Unruheviertel der Vorlage und nahmen gegen die Polizei eine drohende Haltung ein. Starke Polizeiauf- gebote mußten mehrfach eingesetzt werden, um Die Ansammlungen in den Straßen mit dem Gummiknüppel zu zerstreuen. Zehn Personen wurden verhaftet.
In Leipzig
sammelten sich Kommunisten in großer Zahi in der Umgebung des Zoologischen Gartens, wo die Nationalsozra- liste« eine Versammlung Derauftaltei hatten Die Polizei mußte verschiedene Personen feftnebmen; auch wurden einige Straßen abgeriegelr, und Die Passanten nach Waffen durchsuch!.
In Hamburg veranstalteten die Kommunisten eine Kundgebung gegen die Nowerordnung, zu der sich etwa 5000 Personen eingefunden hatten. Während Die Versammlung ruhig verlief, kam es in der Nach: auf dem Zeughausmarkt zu einem schweren Zusammenstoß zwischen der Polizei und einem etwa 300 Mann starken Demonstrationszuge. Die Polizei- beamten, die den Zug auslösen loollien, stießen auf heftigen
Politische Rundschau
Deutsches Reich.
Kein Zusammenschluß zwischen Wirtschaftspartck und Staatspartei.
Die Pressestelle der Wirtschaftspartei teilt mit: Durch die Presse gehen Meldungen über angebliche Zusammenschlußverhandlungen zwischen der Staatspartei und der Wirtschaftspartei. In einigen dieser Meldungen wird berichtet, daß die Führer der beiden genannten Parteien über einen Zusammenschluß beider Parteien bereits beraten hätten. Diese Meldungen entsprechen nicht den Tatsachen. Weder haben Führer der Wirtschaftspartei mit anderen Parteien über einen Zusammenschluß verhandelt, noch haben zwischen der Staatspartei und der Wirtschaftspartei solche Verhandlungen stattgefunden.
Nordamerika.
Das amerikanische Sparprogramm.
Im Rahmen des Sparprogramms der amerikanischen Regierung ist der beabsichtigte Ankauf von 135 Wasserflugzeugen für die Marinestationen Cocosolo und Pearl- Harbour vorläufig unterblieben. Die Ersparnisse betragen 1 Millionen Dollar. Der amerikanische Marinehaushalt ist bei anderen Posten um insgesamt 1 Million Dollar gekürzt worden.
-arbeiter sollen von der Gehaltskürzung befreit und so behandelt werden, wie die Angestellten und Arbeiter in der Privatwirtschaft.
Als unerläßlich wird betrachtet: Erhöhung und Ausbau der Erbschaftssteuer und dafür Beibehaltung der Lohnsteuerrückerstattung, Streichung der Verdoppelung der Zuckersteuer, unverzüglicher Abbau der Zollsätze, damit Herbeiführung erhöhter Zolleinnahmen, Zwang zu Neueinstellungen bei Arbeitszeitverkürzung sowie jedwedes Verbo: von Arbeitszeitverlängerung über 48 Stunden hinaus, Beibehaltung des Nachtbackverbots.
Abgelehni werden: Die starke Bedrückung der arbeitslosen Beimarbeiter, der Ausschluß aller Jugendlichen bis zum 21. ebensjahr aus der Arbeitslosenvergcherung, die Erstattungspflicht für gewährte Krisenunterstützung, die allgemeine Kürzung Der Unterstützungssätze, die sich zwischen sechs und vierzehn Prozent bewegt, starke Verlängerung bzw. Verdoppelung der Wartezeiten und die Verschärfung der Anrechnung von Renten und Abfindungen auf die Unterstützung.
Brüning gegen Abänderungen.
Nach der Rückkehr des Reichskanzlers aus N e u d e ck werden in der Reichskanzlei Besprechungen mit den Parteien fortgesetzt werden. Für Sonnabend sind Unterredungen mit den Wortführern der Staatspartei, der Wirtschaftspartei und des Christlich-Sozialen Volksdienstes vorgesehen. Ob der Kanzler auch noch in Verhandlungen mit den Oppositionsparteien eintritt, steht zurzeit noch nicht fest. Sicher ist nur, daß er für den gegenwärtigen Zeitpunkt Abänderungen in der Notverordnung a b l e h n t und daß er zu den äußersten Konsequenzen entschlossen ist, falls die Regierung durch Einberufung des Reichstages unter politischem Druck in der Frage der Notverordnung gesetzt werden sollte.
Widerstand und mußten schließlich, als sie tätlich an- gegiisfeu wurden, von der Schußwaffe Gebrauch machen. Dav^r wurden sechs Personen verletzt, davon zwei so schwer, daß sie in ein Krankenhaus gebracht werden mussten.
In Bremen
hatten Die Nationalsozialisten auf einem großen freien Platz eine Protestkundgebung gegen „Mord und Terror" Veranstalter. Der Platz wurde von etwa 3000 Kommu- niften umlagert, Die von Der Polizei in Die umliegenden Straßen zurückgedrängt wurden. Es kam wiederholt zu Zusamnieustößen, wobei zablrerche Personen festgenommen wurden Drei Polizeibeamre wurden durch Steinwürfe verletz!, während Die Zab! Der verwunderen Kommunisten iitcbi feststeh:. Auch von den Dächern herab wurden Steine auf die Polizisten und aus die Nationalsozra- listen geworfen.
Auch in Kiel
ist es in den letzten Tagen mehreremal zu Krawallen zwischen Kommunisten, Nationalsozialisten und Polizei gekommen. Vor dem Arbeitsamt und aus dem Kieler Wochenmarkl sind Nationalsozialisten von Kommunisten i" Boden geschlagen und zum Teil schwer verletzt worden. Die Polizei nahm mehrere Verhaftungen vor.
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In Kassel haben die vorgestrigen Zusammenstöße in der Altstadt ein neues Opfer gefordert. Der Metzgergeselle Domini- kowski wurde angeschossen und so schwer verletzt, daß er kurze Zeit daraus verstarb. Die Polizei hatte ein außerordentlich großes Aufgebot gestellt, um das unruhige Altstadtviertel zum Teil vollständig abzuriegeln, und nahm im Laufe der Nacht 50 Verhaftungen vor. Unter den Verhafteten befindet sich einer der kommunistischen Führer, der geschossen haben soll. Der Polizeipräsident hat die Bevölkerung Kassels aufgefordert, den gefährdeten Stadtteil nach Möglichkeit zu meiden, um sich nicht bei einer etwaigen Wiederholung der Unruhen schwerster Gefahr auszusetzen.
Verdorbene russische Voller in London.
Wiederausfuhr nach Deutschland.
Nachdem die meisten großen Warenhäuser sowie Lebensmittelgeschäfte einen offiziellen Boykott russischer Butter durchgeführt haben, nicht zuletzt dank einer Erklärung des „Daily Expreß", die die Anwesenheit eines asiatischen Insekts in der Butter feststellt, kann die russische Handelsorganisattion ihre Ware nicht mehr loswerden. Aus diesem Grunde sollen zunächst 400 Tonnen nach Deutschland zurückverschifft werden, da man hofft, dort einen geeigneten Markt für sie zu finden.
Wie wir erfahren, ist Reichskanzler Dr. Brüning heute früh von seinem Besuch beim Reichspräsidenten in Neudeck wieder in Berlin eingetrosfen.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Reichskanzler Dr. Brüning hat dem Reichspräsidenten in Neudeck Vortrag über die politische Lage gehalten.
*. 3« mehreren Städten des Reiches kam es wieder zu kom- munlstljchcn Straßenunruhen. Zahlreiche Personen wurden verhaftet, mehrere fanden den Tod.
* An der Berliner Börse verloren die Kurse von ihrem n'edrrgen Stand noch wertere Prozente. Das Publikum schritt zu „Angstverkaufen".