Zulöaer Anzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zul-a- un- Haunetal -Zul-aer Kreisblatt
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Nr. 142 — 1931
Fulda, Samstag, 20. Juni
8. Jahrgang
Chequers-Berlin.
Der englische Gegenbesuch.
Französische Einladung an Deutschland?
Die Ankündigung von dem baldigen Besuch des englischen Premierministers Macdonald und des englischen Außenministers Henderson hat in Berliner politischen Kreisen große Befriedigung hervorgerufen. Man freut sich, daß der englische Gegenbesuch nicht auf die lange Bank geschoben ist und hält auch das Dalum des Besuches, der vom 17. bis 20. Juli stallfinden soll, für sehr gut gewählt, da am 21. Juli der amerikanische Staatssekretär des Äußern Stims 0 n in Berlin erwartet wird und man so Gelegenheit hat, mit den englischen Ministern nochmals über alle einschlägigen Fragen der Tributrevision Rücksprache zu nehmen, bevor man mit dem Vertreter Amerikas einen Gedankenaustausch darüber hat.
Ein genaues Programm für den Besuch der englischen Minister in Berlin ist bisher noch nicht aufgestellt. Man will zunächst die Rückkehr des englischen Botschafters in Berlin, Sir Storace Rumbold, abwarten, der sich gegenwärtig in London aufhält, da man annimmt, daß der Botschafter besondere Wünsche Macdonalds und Hendersons den zuständigen Berliner Stellen persönlich überbringen wird. Besondere Schwierigkeiten scheint die Unterbringung der englischen Minister in Berlin zu machen, da man den Wochenendcharakter des englischen Besuches gern betonen möchte, geeignete Räume aber hierfür im Augenblick nicht zur Verfügung hat. Der deutsche Reichskanzler verfügt nicht über einen Wochenendsitz wie der englische Premierminister. Die Räume, die bisher bei offiziellen Besuchen fremden Staatsmännern in Berlin zur Verfügung gestellt wurden, vor allem das Prinz-Albrecht-Palais, das im Negierungsviertel Berlins liegt, eignen sich nach Ansicht der zuständigen Stellen nicht als Unterkunft für den englischen Besuch. Man will versuchen, die englischen Minister in einer Villa im Grunewald unterzubringen, es sollen bereits Angebote bei den zuständigen Stellen in Berlin vorliegen. Die Besitzer Haven sich bereit erklärt, die englischen Minister während ihres Aufenthalts in Berlin aufzunehmen.
Aus Parts kommt neuerdings die allerdings schon einmal von Berlin dementierte Nachricht, daß die Absicht bestehen soll, ähnlich wie zwischen Deutschland und Eng
Deutschlands neues Heer.
Seeckt fordert Wehrfreiheit.
Im Rahmen einer von Der Studentenschaft Der M ü n - chener Universität veranstalteten wehrpolitischen Vorlrags reihe sprach Generaloberst von S e e ck t über das Thema: „Das Ringen um Die deutsche Sicherheit." Seeckt stellte einleitend test, daß in unserer Wehrlosigkeit der Anfang all unsere, Roi nach innen und außen begründet liege Ohne Macht könne sich auch Die Wirtschaft nicht entwickeln Der Friede bleibe ein Ideal und damit eine Unmöglichkeit Ein Blick aus die anderen Staaten beweise, daß überall gerüstet werde. Frankreich verstehe unter Dem von ihm geschaffenen Schlagwort Der „Sicherheit" daß es mit Sicherheit seine politischen Ziele oer folgen könne Es sei unverständlich, wie man auf eine
Verständigung mit Frankreich in der Rüstungsfrage hoffen könne Polen rüste mit dem bestimmten Zweck, seine Grenzen zu erweitern Deutschland befinde sich unbewaffnei inmitten Dieser Mächte. Für gewisse Fragen werde es auch in Zukunft nur eine kriegerische Lösung geben und das Ver trauen aus Verträge setze voraus, daß Die beiden Vertragspari ner gleichberechtigt seien und mit den gleichen Mitteln arbeiten könnten Rüstung an sich gefährde noch nicht den Frieden. Die größte Friedensbedrohung liege darin, daß der eine gerüstet sei und der andere nicht Aus der Abrüstungskonferenz müßte in erster Linie gefragt werden, ob Die Mächte Deutschland als einen ebenbürtigen Parmer anerkennen. Werde diese Bedingung nicht erfüllt, dann habe
Deutschland die Hände frei
und Dann müsse eben ausgerüstet werden. Wie das neue Heer aussehen solle, Darüber bestehe kein Zweifel. In irgendeiner Form würde Die allgemeine Wehrpflicht wieder emgefuhn werden. Es gebe keinen Ersatz für die allgemeine Wehrpflicht. Es handle sich Darum, ein zunächst vielleicht kleines, aber möglichst vermendungsfähiges Heer und daneben vielleicht noch eine milizartige Einrichtung zu schaffen. Diese Frage müßte in Genf zur Sprache gebracht werden. Es sei klar, daß wir die Tributzahlungen aus Die Dauer nicht leisten könnten Vielleicht komme eine Verständigung mit unseren Gegnern über eine Herabsetzung oder einen Aufschub Der Zahlungen zustande Aber wir würden bald am Ende unserer Kräfte sein Der Redner stellte weiter die Frage, ob man sicher sei, daß Frankreich nicht wieder
das Rheinland und das Ruhrgebiet
besetze. Frankreich werde es sich >edoch überlegen, ob es wieder mit der Reitpeitsche ins Ruhrgebiet hinemspazieren könne. Die anderen Staaten müßten auch überlegen, daß ein ungerüstetes Deutschland kein genügender Wall gegen den Bolschewismus ser Das Ziel der polnischen Politik sei Danzig und dann Ostpreußen. Auch hierfür müßten wir gerüstet sein Deutschland wolle leben, aber es wolle sich auch wehren können.
Spiel mit der Abrüstung.
Der französische Marineminister über daS deutsche Panzerschiff.
Nach Paul-Boncour nahm Martnenlinister Dumoni in Der Kammer das Wort. Er führte aus, Deutschland habe nicht nur einen Panzerkreuzer von Stapel gelassen und die Kredite für den Bau eines zweiten bewilligt, sondern es habe einen Bauplan für den Ersatz alter Schiffe ausgestellt, Darunter acht Panzerkreuzer und acht leichte Kreuzer, die in der Zeit von 1931 bis 1935 aebam werden sollen. Im Namen des Veriraacs von
land einen Gedankenaustausch auch zwischen Deutschland und Frankreich herbeizuführen. Die Anregung zu diesem Gedankenaustausch soll von Paris ausgegangen sein und, wie es heißt, soll die Reichsregierung durchaus geneigt sein, einer Einladung nach Paris, falls sie tatsächlich erfolgen sollte, auch Folge zu leisten. Das linksstehende Blatt „Oeuvre" betont in einem vielbeachteten Artikel, es wäre zu begrüßen, wenn man die Chequers-Methode auch auf die deutsch-französischen Beziehungen in Anwendung bringen könnte. Die zuständigen Berliner Stellen werden jedenfalls nicht umhin können, bald zu diesen Gerüchten Stellung zu nehmen, die, wenn sie sich bewahrheiten sollten, von großer Wichtigkeit für die weiteren Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich sein dürsten.
Im Zeichen der Revision.
Die bevor st ehenden Besuche der Engländer und Amerikaner in Berlin.
Nach den bisherigen Dispositionen werden Macdonald und Henderson London voraussichtlich am 16. Juli verlassen und im 17. Juli in Berlin eintreffen. Sie werden dann in Berlin oom 17. bis 19. Juli einschließlich als Gäste der Reichsregie- rung weilen.
Der amerikanische Schatzsekretär Mellon dürfte sich von London aus direkt an die Riviera begeben. Mellon wird also voraussichtlich keine Unterredung mit den Berliner Stellen haben. Der amerikanische Staatssekretär Stimson wird in Berlin voraussichtlich erst am 21. Juli, also nach dem Besuche Macdonalds und Hendersons, eintreffen, nachdem er vorher Paris und Rom besucht hat.
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Macoonaid fliegt nach Verlin.
London. Der englische Ministerpräsident Macdonald wird die Reise nach Berlin am 17. Juli mit dem Flugzeug auSführen, gutes Wetter vorausgesetzt. Macdonald habe die Absicht, bei gutem Wetter auch auf dem Luftwege nach L»n- don zurückzufliegen. Es wird damit gerechnet, daß er am Montag, den 20. Juli, Berlin wieder verläßt.
Versailles protestiere er gegen diese Ziffern, die um 25 Prozent höher seien als Die im Vertrag vorgesebenen. Das französische Programm fei nur ein Programm der Ersatzbauten. Der neue Panzerkreuzer müsse gleichzeitig gegen Torpedos und Luftbomben geschützt fei; er müsse infolgedessen ungefähr 23 006 Tonnen groß sein. Die „Deutschland" habe einen sehr großen Aktionsradius. Sie könne einen Kaperkrieg führen, zwar nicht im Mittelmeer, aber doch im Dreieck Brest—Dakar—Martinique. Um ein solches Schiff zu zerstören, brauche man ein sehr starkes Fahrzeug mit größerem Aktionsradius. Es gebe einen deutschen Kreuzer, Der Frankreich schaden könne. Frankreich brauche ein Kriegsschiff, um dieser Drohung zu begegnen. Die französische Sicherheit werde so besser garantiert sein.
Slapellauf eines französischen Kreuzers.
Auf der Werft zu Bordeaur ist ein neuer leichter Kreuzer von Stapel gelassen worden. Er gehört zu einer Klasse von sechs Einheiten, die mit drei 13,8 Zentimeterqeschüüen ausge- rüstet sind und ein Wasserflugzeug führen. Das Schiff läuft 15 Knoten.
2100 amerikanische Heeresflugzeuge.
Einer Reutermeldung zufolge hat das amerikanische Kriegsministerium seit dem 1. Januar 1921 nicht weniger als 427 neue Militärflugzeuge angekauft. Dadurch werde am Ende d. I. die Armee über 1100 und die Marine über 1000 Flugzeuge verfügen, womit Amerika zahlenmäßig an die erste Stelle unter den Luftmächten rückt.
Politische Rundschau
Deutsches Reich
10-Stunden-Woche und Arbeitsdienst.
Die Spltzenverbände der Gewerkschaften und der Arbeitgeber sind für Montag vom Reichsarbeilsnnniste riun. zu besonderen Besprechungen eingeladen worden ES soll erörtert werden, in welchen Industriezweigen gegebenenfalls die 4üftünbige Arbeitswoche durchzuführen ist Die Einladung der Arbeitgeber- und Arbeitnehmer verbände siebt mit der Notverordnung im Zusammen hang, nach der die Reichsregierung mit Zustimmung des Reichstages für einzelne Gewerbezweigc die tOftünbige Arbeitswoche durchführen kann
Protest gegen einen amerikanischen Hetzfilm.
Die amerikanische Firma United Arlists, die auch in Deutschland eine Filiale unterhält, bat die Auswertung des berüchtigten, in Amerika hergestclltcn deutschseind- lichen HetzfilmS „Engel der Hölle" übernommen ^er Reichsverband deutscher Lichtjpte > - l h e a t e r b e s i tz e r hat bet der Firma United Artists die sofortige Zurückziehung des Films vom gesamten Weltmarkt verlangt. Sollte der Film trotzdem vorgeführ, werden, so werden die deutschen Lichtspieltheaterbesitzer sofort Gegenmaßnahmen treffen.
Noch keine Lösung in Österreich.
Ender gibt seinen Auftrag zurück.
Nach Fühlungnahme mit den Parteien hat Dr. Ender dem Bundespräsidenten erklärt, daß er die Bildung eines neuen Kabinetts nicht übernehmen könne.
Im Laufe des Tages erschienen im Parlament auch die Vertreter der Banken und der in Wien anwesenden Finanzleute. Sie legten Den Parteien nahe, im Hinblick aus die finanzielle Lage die Beseitigung der innenpolitischen Krise tunlichst zu beschleunigen. Einen gewissen Hinweis über die Richtung,^ in der die Verhandlungen fortgeführt werden, gibt die Berufung des früheren christlichsozialen Abgeordneten des Nationalrates, Präsident Dr. Gürtler, zum Bundespräsidenten.
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Seipels Rückkehr.
Erbtckdetdas neue österreichische Kabinett.
Bundespräsident Miklas hat den ehemaligen Bundeskanzler Dr. Ignaz Seipel mit der Kabinettsbildung be
traut. Dr. Seipel hat vte Betrauung angenommen und die Verhandlungen mit den Parteien ausgenommen.
Dr. Seipel war bis zum 3. April 1929 Bundeskanzler, pausierte dann und gehörte dem Kabinett Vaugoin (September bis Anfang Dezember 1930) als Außenminister an.
Gesnndheilliche Ho gen der T-Hullasten.
Eine Enlschließung des Deutschen ArzlcmgeS.
De. Teutsche Ärzieiag nahm auf seiner Tagung in Köln wlgenoe Enlschließung an:
„Die deutsch! Ärzteschaft stelli mit ernster Sorge vor Der ganzen Wcl fest vaß der Gesundheitszustand des deutschen Volkes durch Die Wirtschaftskrise, die Ardeitstosimei, und die drückenden Sribmlastcn immer mehr bedrohi ist Viele .'< ilio- neu oer werktätigen Bevölkerung, ihrer Frauen und ihrer Kinder sind durch die Unmöglichkeit. Arbeit zu finden, aus ein Mindestmaß von Lebensmöglichkeiten herabgedrücki, durch das die Ernährung, Kleidung, Wohnung und Hugicuc lc-den muffen. Der seelische Notstand der arbeitslosen Massen und das fortschreitende Hcrabdrückcn Der allgemeinen Lebenshaltung müssen zu schweren Erschütterungen oct Lebenskraft des deutschen Volkes führen Es droht eine Notzeit, Die irre sie Gcwlv ren für Leben und Gesundheit der gesamten Bevölkerung mit sich bringen muss, besonders wenn etwa hereinbrcchcnde Epidemien dieses erschöpfte Volk befallen, die auch an den Landes- grenzen nicht haltmachen würde. Die Deutsche Ärzteschaft erhebt ihre warnende Stimme Dagegen, daß das deutsche Voll wiederum dem Hunger und seinen eutseulichcn Folgen audge- tiefert wird Es muß eine Solidarität der Menschheit gegenüber Hunger und Krankheit geben. An diese wollen mir in öieicr Stunde glauben und hoffen, daß durch Erleichterung der Tributlafteu DaS deutsche Boll wieder Lcbcnsmöglichkeitcn erhält, damit es nicht Der Verzweiflung in die Arme getrieben wird.
Eine weitere Entschließung des Ärztetages wurde zur Retorm der Krankenversicherung gesatzl.
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Kampf gegen unmenschliche Kriegführung.
Der 50. Deutsche Ärztetag nahm eine Entschließung zur FragaHes passiven Luftschutzes an, m Der ö a. ^ÈillSenn der Krieg der Zukunft Ideen verwirklichett sollte, Difr-CnTtiie Vernichtung der Völker zum Ziele haben können, grauen, Kinder, Greise und Gebrechliche rückslchtsloshtTi-- gemordet werden, so wird er in seinen Folgen zu einer vLMen VerMchMrrg der Zivilisation führen und chaotische ZustMoe kn verganzen Welt auslösen. o
Der Deutsche Ärztetag fordert daher angesichts der beLm- siehenden Abrüstungskonferenz, daß die Reichsregierung düicks internationale Bercinbarungctt die Verwendung von Giftgasen und krankheitserregenden Bakterie» unmöglich macht. __.
Angesichts der von vielen Ländern getroffenen Vorbereitungen für die Anwendung der genannten Verfahren hält er es für unbedingt erforderlich, schon jetzt Garantien dafür zu fordern, daß auch die Vorbereitung derartiger unmenschlicher Methoden ausgcschaltct wird.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Der „Schrencnzcppclm" hat seine „Blitzsahrt" von Hannover nach Hamburg glücklich durchgeführt.
* Zn Ostpreußen wurden sieben, in Polen sechs Personen durch Blitzschläge getötet.
* Ab 1. Juli findet wieder ein Einzelverkauf von Konsum- zigaretten in Deutschland statt.
* Dr. Seipel ist mit der Kabinettsbildung in Oesterreich beauftragt worden.
* Professor Piccard hielt in Brüssel in Anwesenheit des belgischen Königspaares und des Diplomatischen Korps einen Vortrag über die Ergebnisse seines Stratospharenfluges.