Einzelbild herunterladen
 

Zulöaer Anzeiger

erscheint jeden werktag.Vezugsprels: monatlich 2.20 NM. Bei Lieferungsbehinderungen durch Höhere Gewalten", Streiks, Aussperrungen, Bahnsperre usw. erwachsen dem Bezieher keine Ansprüche. Verlag Zriedrich Chrenklau, Zulda, Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungsver­leger. Postscheckkonto: Krankfurt a.M. Nr. 16009

Tageblatt für Rhön und Vogelsberg-

Zulöa- und Haunetal »Zulöaer Kreisblatt

Reöaktion und Geschäftsstelle: Königstraße 42 Zernsprech-flnschluß Nr. 989

Nachdruck der mit * versehenen Artikel nur mit QuellenangabeZuldaer Fnzeiger'gestattet.

Anzeigenpreis: §ür Behörden, Genostenschaf. ten,Banken usw. beträgt die Kleinzeile O.ZO Mk^ für auswärtige Auftraggeber 0.25 Mk., für du Reklamezeile S.90 Mk. u. alle anderen 0.15 Mk., Reklamezeile 0.60 Mark Bei Rechnungsstel. lung hat Zahlung innerhalb 8 Tagen zu erfol­gen Tag» und Plahvorschristen unverbindlich

Nr. 145 1931

Fulda, Mittwoch, 24. Juni

8. Jahrgang

Brüning über Hoovers Plan.

Der Reichskanzler fordert Maßhaltung und Selbstdisziplin. Er setzt sich für deutsch-französische Ver­ständigung ein und wünscht eine Aussprache zwischen deutschen und französischen Staatsmännern.

Berlin, 24. Sunt.

(Eigene Funkmeldung.)

Der Reichskanzler führte gestern abend in einer Rede im Rundfunk über die allgemeine politische Lage unter anderem aus: Das vorgeschlagene Feierjahr bezweckt neben der Wie­derherstellung des internationalen Vertrauens auf wirtschaft­lichem Gebiet und damit des wirtschaftlichen Wiederaufbaues der Welt gleichzeitig die Befreiung der politischen Beziehungen von störenden Spannungen und die Förderung und Festigung einer aus überzeugter Zusammenarbeit beruhenden friedlichen Weiterentwicklung. Das Gedeihen Europas und der Welt hängt davon ab, daß die, die ein tragisches Geschick im Weltkrieg zu Feinden werden ließ, nun entschlossen und weitsichtig sich zu Entschlüssen aufrassen, welche die beklemmende Rot der Stunde von allen Regierungen fordert. Hierfür soll der amerikanische Vorschlag Raum schassen, wenn er mit demselben hochherzigen Geist ausgenommen wird, mit dem er vom Urheber gemacht worden ist. Die deutsche Regierung ist bereit, mit allen Mitteln an der Erreichung dieses Zieles m i t z u a r b e i t e n, sie hat den aufrichtigen Willen, auch von politischer Seite her zusammen mit allen Regierungen an die Lösung der Fragen heranzugchen, die für die Beruhigung Europas von Bedeutung sind. Ze mehr die wirtschaftliche und soziale Not sich mildert, umso stärker und einmütiger ist die Bereitschaft und Fähigkeit des deutschen Volkes, ein Bollwerk der Ruhe und Ordnung in Europa zu sein. Die Gröhe der Stunde und die daraus sich ergebende Verantwortlichkeit lassen mich die Hoffnung und Erwartung aussprechen, daß alle, die für die öffentliche Meinung von maßgebendem Einfluh sind, sich

welche entscheidende Bedeutung mit diesem Augenblick die Maßhaltung und Selbstdisziplin bei allen Volks­genossen besitzt. Die deutsche Regierung ist sich bemüht, daß bei alldem die zukünftige Gestaltung der

Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich besonders wichtig

ist. Trotz mancher Schwierigkeiten und bewegter Auseinander­setzungen halte ich an der Ueberzeugung fest, dah bei beiderseiti­gem gutem Willen Mittel und Wege zu finden sind, um das Uebereinstimmende und Gemeinsame in den Interessen beider Länder im Bewußtsein beider Völker so zu verankern, dah es die Gewähr der Dauer in sich trägt. Weil ich überzeugt bin, daß eine wirklich sruchtbare Zusammenarbeit unter den Völkern Europas und die sür den wirtschaftlichen Austausch mit der Neuen Welt notwendige Stabilisierung des europäischen Frie­dens erst dann gesichert erscheint, wenn zwischen beiden grohen Nachbarvölkern das Vergangene seelisch überwunden wird und

Frankreich vertagt

Ergebnisloser Kabmettsrai in Paris

Etn französischer Kompromißvorschiag

Die für Dienstag vorgesehen gewesene Entscheidung des französischen Ministerrats über Annahme oder Ab lehnung des Hoover-VorschlageS ist auf Mittwoch oertagl worden, da sich der Ministerrat noch nicht einigen konnte Nach einem Vortrag des Finanzministcrs und des Außen - Ministers fanden ausführliche Beratungen statt, die jedoch zu keinem endgültigen Ergebnis führten. In der amt­lichen Mitteilung wird nicht gesagt, warum die Entschei­dung trotz der gründlichen Vorbereitung durch Sonder- besprechungen und Sachverständtgenkonfcrenzcn nicht ge­troffen werden konnte.

In journalistischen Kreisen geht das Gerücht, das? sehr ernste Meinungsverschiedenheiten inner­halb des Kabinetts bestehen. Briand wünscht aus politi­schen Gründen zweifellos ein Eingehen auf die amerikani- scheu Vorschläge und Sicherung der französischen Inter­essen auf dem Wege der Verhandlungen, aber es ist be­sannt, das? die Mehrzahl der Minister gegen die formelle Verletzung des Haager Abkommens Bedenken hat und tn- folgedessen für die Ablehnung des Hovverschen Vorschlages eintritt, soweit er die ungeschützte Jahreszahlung betrifft.

Mittlerweile ist in der Kammer eine ganze Serie von Interpellationen etngebrachi worden, durch die das gesamte ©eiltet der Reparations- und Schulden­zahlungen, ja sogar der Abrüstungen, berührt wird Unter den Interpellanten befinden sich Angehörige aller Parteien von rechts bis links. Die Regierung will anscheinend die Kammeraussprache abwarten, ehe sie dem Präsidenten der Vereinigten Staaten antwortet

Nach Mitteilung des FinanzblattesAgence Econo migue et Finanetäre" haben Pariser Finanzkreise folgen­den Kompromißplan: Deutschland bezahlt in den Jahren 1931 bis 1932: 500 Millionen Goldmark an die BIZ Frankreich verpflichtet sich, diese Summe nicht ab- zurufen Die BIZ stellt sie im Wege der Anleihe der Ncichsregicruna zur Verfügung, und zwar auf ein Jahr Der Fehlbetrag im französischen Haushalt wird diivch Aus­gabe von kurzfristigen Schayscheinen gedeckt, so daß keine neuen Steuern notwendig sind.

der Blick sich gemeinsam der Gestaltung der Zukunst zuwendet, ist es das Bestreben der von mir geführten Re­gierung, alles sachlich Berantwortbare zu tun, um die großmütige Aktion Hoovers ihrem zum Wohle Europas und der Welt notwendigen Er- solge zuzuführen. Zst die Einigung über das Feierjahr zustande gekommen, umso leichter wird es sein, in offener Aus­sprache den Weg freizumachen für eine großzügige praktische Zu­sammenarbeit beider Länder. Ich würde es begrüßen, wennsichfüreinesolcheeinleitendeAussprache Gelegenheit fände, wie neulich die Zusammen­kunft in Chequcrs für eine Erörterung zwischen Deutsch­land und England. Die Ausgaben, vor denen Frankreich und Deutschland stehen, sind sür beide Länder zu groß und dringend, als daß es nicht möglich sein sollte, in vertrausvoll zurückhalten­dem Meinungs-Austausch einen gemeinsamen Boden für eine aussichtsvolle Znangrissnahme der Lösung dieser Ausgabe zu sinken.

*

Die Ansprache, die der Reichskanzler gestern im Rundfunk gehalten hat, ist nicht nur die erste amtliche Kund­gebung zu der Initiative Hoovers, sondern seit der Rückkehr aus Chequers überhaupt. Man hat in Berlin den Eindruck, daß es dem Kanzler vor allen Dingen um den außenpoliti­schen Teil seiner Darlegungen, die Ansprache an Frankreich, zu.tun war, mit der er seiner Ueberzeugung Ausdruck gab, daß die Schwierigkeiten nicht unüberwindbar sind, die seit einiger Zeit zwischen den beiden großen Nachbar­völkern bestehen. In ganz wenigen Worten hat er dabei den Korn des augenblicklichen Problems zwischen Deutschland und Frankreich herausgeschält: die Notwendigkeit, das Vergangene seelisch zu überwinden. Er hat sich zu einer großzügigen prak­tischen Zusammenarbeit bereiterklärt und ist soweit gegangen, seine ausdrückliche Bereitschaft die Benutzung einer Gelegenheit anzukündigen, wie sie neulich die Zusammenkunft von Chequers für eine Erörterung zwischen Deutschland und England geschaf­fen hat. Es bleibt freilich abzuwarten, wie die Ansprache Brünings in Frankreich ausgenommen wird.

*

Beginn der Europareise Stimsons für Anfang Juli geplant.

Washington, 24. Juni.

Staatssekretär Stims 0 » erklärte, daß er damit rechne, daß bis Ende dieses Monats die Zusagen der bisher noch unschlüssi­gen Regierungen eintreffen werden, so daß er Anfang Juli seine Europareise antreten zu können Hosse.

die Entscheidung.

Amerikanischer Schritt gegenüber Frankreich.

Eine Denkschrift Mills'.

Es bestätigt sich, daß Amerika einen besonderen Schritt gegenüber Frankreich unternommen hat. Der Unterstaats- sekretär des Schatzamtes, Mills, Hai dem französischen Handels- attacho eine Denkschrift in der Form von zwei Zahleniabellcn zur Weiterleitung nach Parts übergeben. Eine dieser Tabellen weise den Anteil Frankreichs an dem Plane des Präsidenten Hoover auf, während die andere die Lage darstelle, die sich aus einer Ablehnung von feiten Frankreichs ergeben würde. Man erfahre vorläufig nur, daß das Washingtoner Schatzamt eine eingehende Berechnung ausgestellt habe, die aus die Feststellung hinauslaufe, daß Frankreich im Zusammenhang mit dem Hoover Vorschlag 96 Millionen Dollar auf bringen müsse.

Ferner werde auseinandergcsctzt, daß es im eigensten Interesse Frankreichs liege, die Vorschläge anzunehmen. Wenn Frank­reich aus Zahlung des ungeschützten Jahresanteils durch Deutschland bestehen sollte, so werde es auch seine Schulden an Amerika und England zahlen müssen, cs fei denn, daß die fron- zösische Regierung ein besonderes Schuldenmoratorium fordere, was nach der Ansicht führender amerikanischer Persönlichkeiten dem französischen Kredit nur schaden könnte.

In Washingtoner politischen Kreisen verlautet er­gänzend, das? Präsident Hoover auf französische Gegen­vorschläge gefasst sei, die er jedoch ebenso höflich wie ent­schieden zurückwciscn werde. Man füge hinzu, das? der Vorschlag bis zum 1. Juli, d. h. also noch im Laufe dieser Woche, angenommen werden müsse.

In französischen politischen Kreisen ist man der Meinung, daß Amerika seinen Druck aus Frankreich verdoppelt und mit einer Denkschrift die Antwort aus etwaige Gegenvorschläge der französischen Regierung gewissermaßen vorweggenommen habe. Im französischen Außenministerium ist man noch nicht in der Lage, sich irgendwie zu der Denkschrift Mills' zu äußern.

*

Bezeichnend für die Haltung der Washingtoner Regie­rung ist ein Leitartikel derHerold Iribune", in dem es u. a. heißt: Der Versuch der Pariser Regierung, den auf Frankreich entfallenden Anteil der ungeschützten Jahres­zahlungen von dem Zahlungsaufschub auszuschließen, wurde voraussichtlich den ganzen Hoover-Plan zum Scheitern bringen, da die öffentliche Mei­nung Amerikas es selbstverständlich ablehne, die ganze Bürde des Opfers allein zu tragen Die Zerschlagung des Moratoriumsgedankens würde den Zusammenbruch Deutschlands in doppelt bedrohliche Nähe bringen, und Frankreich hätte die Verantwortung für die völlige Zer störung des Reparations- und Friedcnsspstems zu überneh­men Noch schärfer äußert sich Hearst in einem groß aus­gemachten Leitartikel in den 18 Zeitungen seines Kon­zerns. Frankreich sei eine ständige Kriegs­drohung, es benutze gestohlene Gelder, um eine gigan­tische Kriegsmaschine aufzubauen, um Europa zu unter­jochen: Frankreichs großsprecherische Pira­ten n a t i 0 n sollte vor ein Weltkriegsgericht gestellt und gezwungen werden, Frieden zu halten oder die vernichten­den Folgen seiner Politik zu tragen.

England redet gut zu.

Inzwischen versucht Die englische Presse, Frankreich gut zu­zureden In großer Überschrift sagt Der der Regierungspartei nahestehendeSatin Herold" daß der Hoover-Plan in Gefahr sei, weil Frankreich im Wege stehe In Den zuständigen Kreisen Londons habe man wissen lassen, daß die Einstellung Der ungeschützten Zahlungen etn unantastbarer Teil des Hoover-Planes sei und daß Der Plan völlig bedeutungslos würde, wenn man auf Diesen Punkt verzichte. Die ganze Welt blicke deshalb auf Paris. «Daily Herold" forDert von Frank- reich eine schnelle Zusage und hofft, daß die französische Re­gierung sich von ihren Gegnern nicht beeinflussen lassen werde. Wenn Frankreich sich einverstanden erkläre, so würde die ganze politische Lage in Europa erleichtert werden. Dadurch würde Frankreich tatsächlich erhöhte Friedensbürgschaften er­halten. Frankreich stehe ooj einer großen Entscheidung.

Bemerkenswerterweise richtet auch Die sonst so franzosen- freundliche .Morningpost" einen Appell an Frankreich, seine Internationalen Verpflichtungen nicht aus dem Auge zu lassen. Das Blatt erinnert Frankreich daran, daß der Hoover-Plan Deutschland vor dem Bolschewismus rette

Financial News" weist im Zusammenhang hiermit aus die französische Politik hin, die stets von ihren Druckmitteln Gebrauch mache. Das Blatt verlangt, daß England und Amerika dieser Methode gegenüber eine feste Haltung ein- nedme.

*

Frankreich sucht Verbündete.

Wie amtlich verlautet, hat sich die französische Regierung im Zusammenhang mit der Prüfling des Hoover Vorschlages mit Brüssel und Rom zu einem Meinungsaustausch in Ver­bindung gesetzt. Es heißt, daß Belgien sich entschlossen habe, sich in seiner Haltung nach derjenigen Frankreichs zu richten. Wie von zuständiger Seite weiter verlautet, wird der deutsche Botschafter von Hösch eine Unterredung mit dem Außen­minister Briand haben.

*

Henderson am 15. und 16. Juli in Paris.

Der Besuch des englischen Außenministers Henderson tu Paris ist aus den 15. und 16. Juli festgesetzt Er wird von da aus unmittelbar nach Berlin fahren Dieses Programm stellt sicher, daß er zu den Berliner Besprechungen eine frische Kennt­nis des französischen Standpunktes zu den verschiedenen zur Erörterung stehenden Fragen mitbringen wird.

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Die Rcichsregieruilg will den Wünschen auf Entlastung, die mit Tributersparnissen begründet werden, unter keinen Umständen Rechnung tragen.

* Die Angehörigen der Reichswehr und der Schutzpolizei sollen zum größten Teil von dem durch die neue Notver­ordnung vorgeschricbencn Gehaltsabbau verschont bleiben.

* Der französische Ministerrat hat die Entscheidung über den Hoover-Vorschlag, die am Dienstag fallen sollte, aus Mittwoch vertagt.

* Die Reichsbahn erklärt, daß eine sofortige praktische Ver- Wendung des Krukenbergschen Propeverwagens (Schieuenzepp) nicht in Frage kommen könne.