Zulöaer Anzeiger
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Nr. 145 — 1931
Fulda, Mittwoch, 24. Juni
8. Jahrgang
Brüning über Hoovers Plan.
Der Reichskanzler fordert Maßhaltung und Selbstdisziplin. Er setzt sich für deutsch-französische Verständigung ein und wünscht eine Aussprache zwischen deutschen und französischen Staatsmännern.
Berlin, 24. Sunt.
(Eigene Funkmeldung.)
Der Reichskanzler führte gestern abend in einer Rede im Rundfunk über die allgemeine politische Lage unter anderem aus: Das vorgeschlagene Feierjahr bezweckt neben der Wiederherstellung des internationalen Vertrauens auf wirtschaftlichem Gebiet und damit des wirtschaftlichen Wiederaufbaues der Welt gleichzeitig die Befreiung der politischen Beziehungen von störenden Spannungen und die Förderung und Festigung einer aus überzeugter Zusammenarbeit beruhenden friedlichen Weiterentwicklung. Das Gedeihen Europas und der Welt hängt davon ab, daß die, die ein tragisches Geschick im Weltkrieg zu Feinden werden ließ, nun entschlossen und weitsichtig sich zu Entschlüssen aufrassen, welche die beklemmende Rot der Stunde von allen Regierungen fordert. Hierfür soll der amerikanische Vorschlag Raum schassen, wenn er mit demselben hochherzigen Geist ausgenommen wird, mit dem er vom Urheber gemacht worden ist. Die deutsche Regierung ist bereit, mit allen Mitteln an der Erreichung dieses Zieles m i t z u a r b e i t e n, sie hat den aufrichtigen Willen, auch von politischer Seite her zusammen mit allen Regierungen an die Lösung der Fragen heranzugchen, die für die Beruhigung Europas von Bedeutung sind. Ze mehr die wirtschaftliche und soziale Not sich mildert, umso stärker und einmütiger ist die Bereitschaft und Fähigkeit des deutschen Volkes, ein Bollwerk der Ruhe und Ordnung in Europa zu sein. Die Gröhe der Stunde und die daraus sich ergebende Verantwortlichkeit lassen mich die Hoffnung und Erwartung aussprechen, daß alle, die für die öffentliche Meinung von maßgebendem Einfluh sind, sich
welche entscheidende Bedeutung mit diesem Augenblick die Maßhaltung und Selbstdisziplin bei allen Volksgenossen besitzt. Die deutsche Regierung ist sich bemüht, daß bei alldem die zukünftige Gestaltung der
Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich besonders wichtig
ist. Trotz mancher Schwierigkeiten und bewegter Auseinandersetzungen halte ich an der Ueberzeugung fest, dah bei beiderseitigem gutem Willen Mittel und Wege zu finden sind, um das Uebereinstimmende und Gemeinsame in den Interessen beider Länder im Bewußtsein beider Völker so zu verankern, dah es die Gewähr der Dauer in sich trägt. Weil ich überzeugt bin, daß eine wirklich sruchtbare Zusammenarbeit unter den Völkern Europas und die sür den wirtschaftlichen Austausch mit der Neuen Welt notwendige Stabilisierung des europäischen Friedens erst dann gesichert erscheint, wenn zwischen beiden grohen Nachbarvölkern das Vergangene seelisch überwunden wird und
Frankreich vertagt
Ergebnisloser Kabmettsrai in Paris
Etn französischer Kompromißvorschiag
Die für Dienstag vorgesehen gewesene Entscheidung des französischen Ministerrats über Annahme oder Ab lehnung des Hoover-VorschlageS ist auf Mittwoch oertagl worden, da sich der Ministerrat noch nicht einigen konnte Nach einem Vortrag des Finanzministcrs und des Außen - Ministers fanden ausführliche Beratungen statt, die jedoch zu keinem endgültigen Ergebnis führten. In der amtlichen Mitteilung wird nicht gesagt, warum die Entscheidung trotz der gründlichen Vorbereitung durch Sonder- besprechungen und Sachverständtgenkonfcrenzcn nicht getroffen werden konnte.
In journalistischen Kreisen geht das Gerücht, das? sehr ernste Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Kabinetts bestehen. Briand wünscht aus politischen Gründen zweifellos ein Eingehen auf die amerikani- scheu Vorschläge und Sicherung der französischen Interessen auf dem Wege der Verhandlungen, aber es ist besannt, das? die Mehrzahl der Minister gegen die formelle Verletzung des Haager Abkommens Bedenken hat und tn- folgedessen für die Ablehnung des Hovverschen Vorschlages eintritt, soweit er die ungeschützte Jahreszahlung betrifft.
Mittlerweile ist in der Kammer eine ganze Serie von Interpellationen etngebrachi worden, durch die das gesamte ©eiltet der Reparations- und Schuldenzahlungen, ja sogar der Abrüstungen, berührt wird Unter den Interpellanten befinden sich Angehörige aller Parteien von rechts bis links. Die Regierung will anscheinend die Kammeraussprache abwarten, ehe sie dem Präsidenten der Vereinigten Staaten antwortet
Nach Mitteilung des Finanzblattes „Agence Econo migue et Finanetäre" haben Pariser Finanzkreise folgenden Kompromißplan: Deutschland bezahlt in den Jahren 1931 bis 1932: 500 Millionen Goldmark an die BIZ Frankreich verpflichtet sich, diese Summe nicht ab- zurufen Die BIZ stellt sie im Wege der Anleihe der Ncichsregicruna zur Verfügung, und zwar auf ein Jahr Der Fehlbetrag im französischen Haushalt wird diivch Ausgabe von kurzfristigen Schayscheinen gedeckt, so daß keine neuen Steuern notwendig sind.
der Blick sich gemeinsam der Gestaltung der Zukunst zuwendet, ist es das Bestreben der von mir geführten Regierung, alles sachlich Berantwortbare zu tun, um die großmütige Aktion Hoovers ihrem zum Wohle Europas und der Welt notwendigen Er- solge zuzuführen. Zst die Einigung über das Feierjahr zustande gekommen, umso leichter wird es sein, in offener Aussprache den Weg freizumachen für eine großzügige praktische Zusammenarbeit beider Länder. Ich würde es begrüßen, wennsichfüreinesolcheeinleitendeAussprache Gelegenheit fände, wie neulich die Zusammenkunft in Chequcrs für eine Erörterung zwischen Deutschland und England. Die Ausgaben, vor denen Frankreich und Deutschland stehen, sind sür beide Länder zu groß und dringend, als daß es nicht möglich sein sollte, in vertrausvoll zurückhaltendem Meinungs-Austausch einen gemeinsamen Boden für eine aussichtsvolle Znangrissnahme der Lösung dieser Ausgabe zu sinken.
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Die Ansprache, die der Reichskanzler gestern im Rundfunk gehalten hat, ist nicht nur die erste amtliche Kundgebung zu der Initiative Hoovers, sondern seit der Rückkehr aus Chequers überhaupt. Man hat in Berlin den Eindruck, daß es dem Kanzler vor allen Dingen um den außenpolitischen Teil seiner Darlegungen, die Ansprache an Frankreich, zu.tun war, mit der er seiner Ueberzeugung Ausdruck gab, daß die Schwierigkeiten nicht unüberwindbar sind, die seit einiger Zeit zwischen den beiden großen Nachbarvölkern bestehen. In ganz wenigen Worten hat er dabei den Korn des augenblicklichen Problems zwischen Deutschland und Frankreich herausgeschält: die Notwendigkeit, das Vergangene seelisch zu überwinden. Er hat sich zu einer großzügigen praktischen Zusammenarbeit bereiterklärt und ist soweit gegangen, seine ausdrückliche Bereitschaft die Benutzung einer Gelegenheit anzukündigen, wie sie neulich die Zusammenkunft von Chequers für eine Erörterung zwischen Deutschland und England geschaffen hat. — Es bleibt freilich abzuwarten, wie die Ansprache Brünings in Frankreich ausgenommen wird.
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Beginn der Europareise Stimsons für Anfang Juli geplant.
Washington, 24. Juni.
Staatssekretär Stims 0 » erklärte, daß er damit rechne, daß bis Ende dieses Monats die Zusagen der bisher noch unschlüssigen Regierungen eintreffen werden, so daß er Anfang Juli seine Europareise antreten zu können Hosse.
die Entscheidung.
Amerikanischer Schritt gegenüber Frankreich.
Eine Denkschrift Mills'.
Es bestätigt sich, daß Amerika einen besonderen Schritt gegenüber Frankreich unternommen hat. Der Unterstaats- sekretär des Schatzamtes, Mills, Hai dem französischen Handels- attacho eine Denkschrift in der Form von zwei Zahleniabellcn zur Weiterleitung nach Parts übergeben. Eine dieser Tabellen weise den Anteil Frankreichs an dem Plane des Präsidenten Hoover auf, während die andere die Lage darstelle, die sich aus einer Ablehnung von feiten Frankreichs ergeben würde. Man erfahre vorläufig nur, daß das Washingtoner Schatzamt eine eingehende Berechnung ausgestellt habe, die aus die Feststellung hinauslaufe, daß Frankreich im Zusammenhang mit dem Hoover Vorschlag 96 Millionen Dollar auf bringen müsse.
Ferner werde auseinandergcsctzt, daß es im eigensten Interesse Frankreichs liege, die Vorschläge anzunehmen. Wenn Frankreich aus Zahlung des ungeschützten Jahresanteils durch Deutschland bestehen sollte, so werde es auch seine Schulden an Amerika und England zahlen müssen, cs fei denn, daß die fron- zösische Regierung ein besonderes Schuldenmoratorium fordere, was nach der Ansicht führender amerikanischer Persönlichkeiten dem französischen Kredit nur schaden könnte.
In Washingtoner politischen Kreisen verlautet ergänzend, das? Präsident Hoover auf französische Gegenvorschläge gefasst sei, die er jedoch ebenso höflich wie entschieden zurückwciscn werde. Man füge hinzu, das? der Vorschlag bis zum 1. Juli, d. h. also noch im Laufe dieser Woche, angenommen werden müsse.
In französischen politischen Kreisen ist man der Meinung, daß Amerika seinen Druck aus Frankreich verdoppelt und mit einer Denkschrift die Antwort aus etwaige Gegenvorschläge der französischen Regierung gewissermaßen vorweggenommen habe. Im französischen Außenministerium ist man noch nicht in der Lage, sich irgendwie zu der Denkschrift Mills' zu äußern.
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Bezeichnend für die Haltung der Washingtoner Regierung ist ein Leitartikel der „Herold Iribune", in dem es u. a. heißt: Der Versuch der Pariser Regierung, den auf Frankreich entfallenden Anteil der ungeschützten Jahreszahlungen von dem Zahlungsaufschub auszuschließen, wurde voraussichtlich den ganzen Hoover-Plan zum Scheitern bringen, da die öffentliche Meinung Amerikas es selbstverständlich ablehne, die ganze Bürde des Opfers allein zu tragen Die Zerschlagung des Moratoriumsgedankens würde den Zusammenbruch Deutschlands in doppelt bedrohliche Nähe bringen, und Frankreich hätte die Verantwortung für die völlige Zer störung des Reparations- und Friedcnsspstems zu übernehmen Noch schärfer äußert sich Hearst in einem groß ausgemachten Leitartikel in den 18 Zeitungen seines Konzerns. Frankreich sei eine ständige Kriegsdrohung, es benutze gestohlene Gelder, um eine gigantische Kriegsmaschine aufzubauen, um Europa zu unterjochen: Frankreichs großsprecherische Piraten n a t i 0 n sollte vor ein Weltkriegsgericht gestellt und gezwungen werden, Frieden zu halten oder die vernichtenden Folgen seiner Politik zu tragen.
England redet gut zu.
Inzwischen versucht Die englische Presse, Frankreich gut zuzureden In großer Überschrift sagt Der der Regierungspartei nahestehende „Satin Herold" daß der Hoover-Plan in Gefahr sei, weil Frankreich im Wege stehe In Den zuständigen Kreisen Londons habe man wissen lassen, daß die Einstellung Der ungeschützten Zahlungen etn unantastbarer Teil des Hoover-Planes sei und daß Der Plan völlig bedeutungslos würde, wenn man auf Diesen Punkt verzichte. Die ganze Welt blicke deshalb auf Paris. «Daily Herold" forDert von Frank- reich eine schnelle Zusage und hofft, daß die französische Regierung sich von ihren Gegnern nicht beeinflussen lassen werde. Wenn Frankreich sich einverstanden erkläre, so würde die ganze politische Lage in Europa erleichtert werden. Dadurch würde Frankreich tatsächlich erhöhte Friedensbürgschaften erhalten. Frankreich stehe ooj einer großen Entscheidung.
Bemerkenswerterweise richtet auch Die sonst so franzosen- freundliche .Morningpost" einen Appell an Frankreich, seine Internationalen Verpflichtungen nicht aus dem Auge zu lassen. Das Blatt erinnert Frankreich daran, daß der Hoover-Plan Deutschland vor dem Bolschewismus rette
„Financial News" weist im Zusammenhang hiermit aus die französische Politik hin, die stets von ihren Druckmitteln Gebrauch mache. Das Blatt verlangt, daß England und Amerika dieser Methode gegenüber eine feste Haltung ein- nedme.
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Frankreich sucht Verbündete.
Wie amtlich verlautet, hat sich die französische Regierung im Zusammenhang mit der Prüfling des Hoover Vorschlages mit Brüssel und Rom zu einem Meinungsaustausch in Verbindung gesetzt. Es heißt, daß Belgien sich entschlossen habe, sich in seiner Haltung nach derjenigen Frankreichs zu richten. Wie von zuständiger Seite weiter verlautet, wird der deutsche Botschafter von Hösch eine Unterredung mit dem Außenminister Briand haben.
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Henderson am 15. und 16. Juli in Paris.
Der Besuch des englischen Außenministers Henderson tu Paris ist aus den 15. und 16. Juli festgesetzt Er wird von da aus unmittelbar nach Berlin fahren Dieses Programm stellt sicher, daß er zu den Berliner Besprechungen eine frische Kenntnis des französischen Standpunktes zu den verschiedenen zur Erörterung stehenden Fragen mitbringen wird.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Die Rcichsregieruilg will den Wünschen auf Entlastung, die mit Tributersparnissen begründet werden, unter keinen Umständen Rechnung tragen.
* Die Angehörigen der Reichswehr und der Schutzpolizei sollen zum größten Teil von dem durch die neue Notverordnung vorgeschricbencn Gehaltsabbau verschont bleiben.
* Der französische Ministerrat hat die Entscheidung über den Hoover-Vorschlag, die am Dienstag fallen sollte, aus Mittwoch vertagt.
* Die Reichsbahn erklärt, daß eine sofortige praktische Ver- Wendung des Krukenbergschen Propeverwagens (Schieuenzepp) nicht in Frage kommen könne.