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Tageblatt für Rhön un- Vogelsberg
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Nr. 165 — 1931
Fulda, Freitag, 17. Zuli
8. Jahrgang
Zwei-Milliarden -Kredit für Deutschland?
Vor schicksalsschweren Konferenzen in Paris und London.
London, 17. Juli. (Eigene Funkmeldung.) Der französische Vorschlag finanziellen Beistandes für Deutschland, den der französische Ministerpräsident Laval heute zu veröffentlichen gedenke, soll — wie ein französischer Korrespondent aus Paris meldet — darauf hinauslaufen, daß die Bank von Frankreich, von England und die Bundesreservebank Deutschland einen kurzfristigen Kredit von 2 Milliarden Mark gewähren würden, der allenfalls durch eine A n l e i h e in gleicher Höhe ersetzt werden solle, die Amerika, Frankreich, England, Italien und Belgien garantieren würden. Diese Anleihe solle in 10 Jahren zurückgezahlt werden. Als Gegenleistung sür diesen Beistand würden von Deutschland weitgehendefinanzielleGarantien verlangt werden.
Atempause.
So vordringlich uns auch im Augenblick die Sorgen des Tages, die Unruhe und die Geldkalamitäten im eigenen Hause beschäftigen, so dürfen wir darüber nicht vergessen, daß der jetzige Zustand nur ein Übergang sein kann, eine A t e m p a u s e, in der es sich entscheiden muß, ob ein Weg ins Freie aus unserer Drangsal geschaffen werden kann. Die innenwirtschaftlichen Maßnahmen, die wir in heldenhafter Selbsthilfe auf uns nehmen, können nur die Grundlage bilden, auf der weiter gebaut werden muß. Wir können unsere Golddecke zwar recken und strecken, aber sie so aus eigenem ausdehnen, daß sie für uns ausreicht, können wir nicht. Dazu sind wir schon zu. ausgepreßt und ausgepumpt. Durchgreifende Hilfe kann unserer Wirtschaft nur von außen kommen, von Ländern, die von ihrem Überfluß an Gold uns abgeben, ohne uns politisch vergewaltigen zu wollen, aus der rein wirtschaftlichen Erwägung heraus, daß ein Zusammenbruch Deutschlands die Katastrophe ganz Europas bedeuten würde. Aber nicht allein mit Anleihen wird uns geholfen werden müssen, sondern vor allem auch dadurch, daß mit der Aussaugung Deutschlands durch die Tributpolitik von Versailles ein Ende gemacht wird. Ihren Wahnsinn in voller Klarheit zu zeigen und auf ihre Abstellung im wirtschaftlichen und politischen Interesse der ganzen Welt zu dringen, wird die Hauptaufgabe unserer Unterhändler sein müssen bei den Zusammenkünften und Konferenzen, die in den nächsten Tagen kommen werden.
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Europakonferenz in London.
England lädt für Montag ein.
Das englische Austenamt gab folgende Erklärung heraus: „Die englische Regierung ist der Ansicht, daß es jetzt notwendig ist, die M i n i st e r k 0 u f e r e n z unmittelbar einzuberufen, die vorgesehen war, als die Einladungen zur Tagung des Sachverständigenausschusses ergingen. Es ist wünschenswert, daß die Minister- konferenz sich am M 0 n t a g , d e n 2 0. I u l i, um 18 Uhr in London versammelt. Der Sachverständigenausschust wird, wie vorgesehen, am Freitag zusammentreten und sich zur Verfügung der Minister am Montag haltem"
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Schatzamtssekretür Mellon soll an der Londoner Konferenz Teilnehmen.
Die französische Agentur Havas meldet aus Washington, Präsident Hoover habe den Schatzamtssekretär Mellon beauftragt, an der am Montag in London beginnenden Minister- konferenz teilzunehmen.
Brüning geht nach Pare.
Zu Vorverhandlungen mit Frankreich.
Die deutsche Regierung hat sich entschieden, die Einladung der englischen Regierung nach London anzunehmen und vorher eine Aussprache mit dem französischen Ministerpräsidenten, dem Austenminister sowie dem französischen Finanzminister in Paris herbeizuführen.
Die französische Regierung hat offenbar diese vorherige Konferenz zwischen Deutschland und Frankreich in Paris als Vorbedingung für ihre Teilnahme an der von England veranlaßten Londoner Konferenz aufgestellt. Die Bedeutung dieser neuen Regelung der Ministerbesuche liegt in folgendem: Die französische Regierung will, bevor es zu einer Konferenz der Minister in London kommt, an der auch Italien beteiligt sein wird, mit dem Reichskanzler und dem Außenminister über die Bedingungen unterhandeln, die Frankreich für die Teilnahme an der Kredithilfe für Deutschland auf- gestellt hat.
Die Reichsrcgierung besteht daraus, daß die eigentliche Konferenz nicht in Paris, sondern in London ab- gehalten wird.
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Nach dem amtlichen Bericht über die Pariser Besprechung zwischen den Ministern Frankreichs, Amerikas und Englands haben sich die Minister mit der durch die verschärfte deutsche Krise entstandenen Lage beschäftigt, und Maßnahmen ins Äuge stefaßt, die für die Behebung der Krise in Frage kommen. Beim Verlassen des Innenministeriums erklärte Ministerpräsident Laval, daß der für August ins Auge gefaßte Besuch der deutschen Minister wahrscheinlich e r h e b l i ch früher S'r f 0 l g e n werde.
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Ueber der Vorgeschichte der Einberufung einer Ministerkon- lerenz nach London weiß ein Londoner Korrespondent des „Daily Telegraph" aus Paris folgende Einzelheiten zu berich
ten: Ministerpräsident Laval hatte sich dem britischen Vorschlag, am Montag eine internationale Konferenz in London abzuhalten, widersetzt. Während der Nacht zum Donnerstag aber erhielt Henderson aus London beunruhigende Meldungen über Folgen, die eine Verschlimmerung der deutschen Krisis auf die ausländischen Märkte haben könnte. Um Mitternacht teilte Henderson dem Ministerpräsidenten Laval telephonisch mit, daß Macdonald sich außer Stande gesehen habe, die Einladung zur Londoner Konferenz auszuschließen und auf eigene Verantwortlichkeit gehandelt habe. Gestern vormittag folgte dann eine zweistündige Konferenz im Arbeitszimmer Lavals im Innenministerium. Der Ministerpräsident erklärte sich grundsätzlich mit einer internationalen Konferenz einverstanden, aber nur unter der Bedingung, daß die deutschen Minister erst nach Paris kämen, und daß mit ihnen eine grundsätzliche Vereinbarung über den Plan finanziellen Beistandes, den die französische Regierung entworfen habe, verfolgt werde. Somit wird zunächst eine Vorkonferenz zwischen den französischen und den deutschen Ministern in Paris abgehalten werden.
„Hilfe" unter^politischen Erpressungen?
Die französische Morgenpresse über die internationale Finanzhilfe an Deutschland.
Verschiedene Pariser Morgenblätter wollen in der Lage sein, über den französischen Finanzhilfs-Plan zu berichten, die Frankreich Deutschland vorzuschlagen beabsichtigt.
„Petit Paristen" will sogar berichten können, daß dieser Plan nach Genehmigung durch den gestrigen Ministerrat und nach vorheriger Vereinbarung mit den britischen und amerikanischen Unterhändlern bereits Berlin mitgeteilt worden sei. Der Plan sehe, wie das Blatt ausführt, eine finanzielle Hilfeleistung für Deutschland in Form von weitgehenden Krediten
Gold und Aberglaube.
Geldknappheit trotz GoldsüUe.
Ein schwedischcrForscher über die deutschen Finanzmaßnahmen.
In einem Artikel, überschrieben: „Gold und Aberglaube", wendet der bekannte schwedische Volkswirtschaftler Professor Cassel seine Theorie von der G 0 l d v e r k n a p - Pung auf die deutsche Finanzkrisc an. Diese sei, so führt Castel aus, das beste Beispiel für die Folge der plumpen Versuche, durch die Gesetzgebung eine so empfindliche Sache, wie
die Regulierung des Goldwertes,
anzugreifen. „Dadurch, daß man für die Deutsche Netchsban? eine Mindestreserve in Gold und gewissen ausländischen Wechseln in Höhe von 40 Prozent des Notenumlaufes sest- stellte. Hat man eine entsprechende Menge Gold immobilisiert. Als im Juni besonders große Ansprüche auf ausländische Valuten entstanden, konnte die Reichsbank anfangs diesè Ansprüche mit Hilse von ausländischen Valuten und Goldabgaben befriedigen. Als aber die Ansprüche gegen Ende des Monats unter dem Druck von
Frankreichs unvernünftiger Verzögerung
der Anerkennung des Hoover-Planes weiterhin stiegen, sank die Golddeckung der Reichsbank aus 40 Prozent. Die ganze Welt zitterte vor dieser Ziffer. Ein vernünftiger Mensch könnte diese Angst ziemlich unnötig finden, da die Deutsche Reichsbank an diesem Tage einen Goldvorrat (einschließlich ausländischer Wechsel) von nicht weniger als 17 21 Millionen Mark besaß. Aber diese Reserve durfte nicht angewandt werden. Die Südseewilden hätten kaum eine abergläubischere Hochachtung vor dem, was man nicht berühren darf, zeigen dürfen als die hochzivilisierte westländische Welt vor
einer gesetzlich festgelegtcn Goldreserve.
Wenn eine Zentralbank sich dieser Grenze nähert, wird man von Unruhe ergriffen. Die ausländischen Kredite werden zurückgezogen und die Ansprüche an ausländischen Zahlungs mitteln steigen enorm. Die gesetzlich festgelegte Grenze ist also die direkte
Ursache zu einer Panik,
die das Gold aus dem Lande treibt. Im vorliegenden Fall hatte die Gesetzgebung zwar die Möglichkeit gelassen, die 40-Prozent-Grenze zu unterschreiten. Ein solcher Schritt wäre jedoch als etwas Ungewöhnliches und Unruhe Erweckendes angesehen worden, daß die Reichsbank so lange wie möglich davon Abstand nahm. Den letzten Meldungen zufolge hat die Reichsregierung beschlossen,
die Deckungsgrenze von 40 auf 30 Prozent herabzusetzen.
Diese Maßnahme ist sehr geeignet. Aber es wäre bester gewesen, wenn man noch gründlicher zu Werke gegangen wäre." Cassel betont zum Schluß, daß es zur Wiederherstellung der Weltwirtschaft zuallererst nötig sei, in allen Ländern die Gesetzesbestimmung über die Mindestgolddcckung abzuschaffen. Die Golddeckung sei nur Aberglaube.
der Zentralbanken und einer größeren internationalen Anleihe vor. Hiermit käme auch eine finanzielle Kontrolle in Frage. Als Gegenleistung sei eine Art politischen Waffenstillstandes in Aussicht genommen, während dessen Dauer Deutschland sich verpflichten würde, keine Probleme aufzuwerfen, die die Atmosphäre Europas stören könnten (!). Andererseits würden die Deutschen eine ähnliche Versicherung seitens der Gläubiger erhalten.
„Echo de Paris" schreibt, es handele sich zunächst um eine finanzielle Hilfeleistung der Banken von Frankreich und England und der Federal-Refervebank in Höhe eines Kredites von 500 Millionen Dollar (andere Zeitungen nennen ebenfalls diese Summe). Hinsichtlich des politischen Teiles sehe der französische Plan eine Verpflichtung Deutschlands vor, sein Militärbudget nicht zu erhöhen und ferner gewissermaßen ein politisches Moratorium auf die Dauer von 10 Jahren, in denen der Status quo streng eingehalten werden müsse.
Während „Echo de Paris" erklärt, daß durch den französischem Plan die deutsch-österreichische Zollunions-Angelegenheit nicht berührt zu sein scheint, erklärt „Oeuvre", daß ausdrücklich bestimmt werde, Deutschland müsse auf den Bau des Panzerschiffes B und auf die deutsch-österreichische Zollunion verzichten.
Der englische Minlsierbesuch in Berlin aufoeschoven.
Der Besuch des englischen Ministerpräsidenten Macdonald und des Außenministers Henderson in Berlin, der für Freitag vorgesehen war, ist mit Rücksicht auf die Ministerkonferenz, die am Montag nachmittag in London zusammentreten soll, bis auf weiteres verschoben worden.
Die Börfennoiierungen.
Eine Ergänzung der Notverordnung über die Veröffentlichungen von Kursen.
Da die Fastung des § 1 der Notverordnung über die Veröffentlichung von Kursen zu Zweifeln Anlaß gibt, wird eine Ergänzung der Notverordnung veröffentlicht werden, nach der Angaben über Preise anerkannter ausländischer Börsen und Märkte zugelasten sind. Demnach können amtlich festgcstelltc Kurse, und zwar nur solche anerkannter ausländischer Börsen, veröffentlicht werden, nicht aber Kurse, die im freien Verkehr dieser Börsen oder in den privaten Börsen, die es bekanntlich in der verschiedensten Form im Ausland gibt, zustande kommen.
Die Verordnung will verhindern die Veröffentlichung von Kursen sogenannter Schwarzbörsen und von Kursen, die sich vorbörslich und nachbörslich bilden. Es steht demnach nichts im Wege, sowohl unter amtlicher Aufsicht festgesetzte Kurse von Börsen und Märkten wie auch solche Kurse und Preise zu veröffentlichen, die sich innerhalb der B ö r s e n st un d e n anerkannter Börsen und Märkte aebildet haben.
Keine Zinserhöhung bei der Deutschen Nentenbank-Kreditanstalt.
Sie Deutsche Rentenbank-Krcditanstalt tLandwirtschaftlich- Zentralbank) hat sich, um der Landwirtschaft von sich aus jede nur irgendmögliche Erleichterung zu gewähren, entschlossen, bis aus weiteres von einer Anpassung ihrer Zinsbcdtngungen an den stark erhöhten Reichsbankdiskontsatz abzuschen. Die Zinssätze, die die DRK. den mit ihr in Geschäftsverkehr stehenden Banken zurzeit berechnet, bleiben daher unverändert, soweit diese Banken sich verpflichten, diese Vergünstigung «nein- geschränkt dem nächsten Kreditnehmer zugute kommen zu lassen, ^er höchste Zinssatz für den Landwirt beträgt also bei den kurzfristigen Betriebs- und Saisonkrediten wie bisher 8% Prozent.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Reichskanzler Brüning und Reichsaußenminister Curtius werden sich nach Paris zu Verhandlungen für dre Londoner Europakonferenz begeben.
* Der englische Ministerbesuch in Berlin ist ausgeschoben worden.
* Die englische Regierung hat für Montag zu einer großen Ministerkonferenz nach London eingeladen.
* Zu schweren Ausschreitungen kam es in Gelsenkirchen uud in Groß-Gerau.