Zul-aer Anzeiger
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Nr. 170 — 1931
Fulda, Donnerstag, 23. Juli
Jahrgang
Teileinigung in London.
Hilfe nur für die nächste Zeit. — Die anderen, schwie rigeren Fragen schiebt man auf die „lange Bank"
Eroebnis der Londoner Konferenz.
Die Londoner Konferenz hat uns das gebracht, was wir uns schon vorher sagen konnten: sie hat dem deutschen Volke von neuem gezeigt, daß die Hilfe vom Ausland nur gering sein wird und daß wir uns in der Hauptsache auf eigene Kraft einstellen müssen. Amerika und England haben ja ohne Zweifel viel guten Willen gezeigt, um Deutschland in seiner Not in irgendeiner Form zu unterstützen. Aber Frankreich, das von Anfang an , verärgert zu den Londoner Verhandlungen ging, hat nichts getan, um die amerikanisch-englischen Bemühungen zu fördern. Im Gegenteil, die französischen Staatsmänner haben an ihrem alten Plan festgehalten, man solle Deutschland eine langfristige Anleihe geben, wenn es ge- % wissermaßen zum zweitenmal das Versailler Diktat unter- M schreibt. Als die Franzosen sahen, daß sie diesen Plan nicht auf die Tagesordnung der Londoner Konferenz ■ bringen konnten, zeigten sie sich völlig interesselos.
So hat man auf der Londoner Konferenz, um den Schwierigkeiten mit Frankreich auszuweichen, sich entschließen müssen, die Pläne für eine langfristige Anleihe fallen zu lassen und sich nur mit der Frage beschäftigt, was geschehen kann, um Deutschland sofort und für die n ä ch st e Zeit zu helfen.
Man hat sich d a h i n g e e i n i g t, daß die 5 Milliarden Auslandskredite, die noch in Deutschland liegen, nicht zurückgezogen werden sollen und daß die Reichs- bank ihren sogenannten Rediskontkredit bei den ausländischen Staatsbanken verlängert bekommt. Und vielleicht kann der Kanzler auch noch einen kleinen kurzfristigen Kredit mit nach Hause bringen. Alle anderen Fragen^ die man jetzt vorsichtig umgangen hat, sollen auf die Tages- cl'Hueu^ K on fe r enz im Herb st kommen. In der Zwischenzeit sollen unsere ausländischen Gläubiger eine Kommissionvonbekannten Bankiers nach Deutschland senden, damit sie an Ort und Stelle studieren können, wie es um die deutschen Finanzen steht.
Bei allen diesen Beschlüssen hat sich Frankreich a b - s e l t s gehalten. Es hat erklärt, es habe nur wenige Kredite nach Deutschland gegeben, infolgedessen brauche sich Pans an dem sogenannten Stillhaltekonsortium nicht der französischen Staats- !"ânnerhat schließlich dazu geführt, daß sich am Kon- ferenztisch eine Art Gemeinschaftsarbeit zwischen Eng- e r l ka und Deutschland herausgcbildet & 5? "ber diese Entwicklung in der Zukunft auf Frank- reich irgendeinen Eindruck macht, so daß es sich zu einer anbeTOI Witir enWieit. ist „h- als frÄ Man vor Illusionen warnen, und wir werden uns darauf ernnchten müssen, daß die französische Hart- uvd Unversöhnlichkeit uns auch weiterhin den - Weg^iiach oben verzerren will.
, Ergebnis der Londoner Konferenz kann man «prüden, daß man sagt: Wir müssen uns unjeren ..staßnahmen so einstellen, als ob wir von London keine Hilfe bekommen hätten.
Die Zusammensetzung der nach Berlin zu entsendeudeu Rnanz-Sachoerstandigen-Kommiffiou.
London, 23. Juli. (Eigene Funkmeldung.)
Der Ausschuß der Finanzsachverständigen, dessen Entsendung nach Berlin vorgeschlagen wurde, dürfte, wie der diplomatische Korrespondent des „Daily Telegraph" wissen will, aus folgenden drei hervorragenden Finanzsachverständigen bestehen: Robert Kindersley, Direktor der Bank von England, Mstr. Sprague, amerikanischer Ratgeber der Bank von England, und Dr. Wallenberg (der schwedische Hauptsachverständige). Es sei zu erwarten, daß der Besuch dieser drei Herren in Berlin unmittelbar auf den Besuch Macdonalds und Hendersons folgen werde.
Italien für Hilfeleistung.
Die italienische Abordnung ist bisher noch sehr wenig in den Vordergrund getreten. Ihr Führer Grandi hielt eine sehr versöhnliche und sachliche Rede, in der er im großen und ganzen mit dem englischen Gesichtspunkten hinsichtlich der Notwendigkeit einer Hilfeleistung für Deutschland übereinstimmte.
Von italienischer Seite wird offen zugegeben, daß die augenblicklich zur Verhandlung stehenden Einzelpunkte das italienische Interesse nicht unmittelbar berühren.
Die Besprechungen Brüning-Laval.
Zu den Besprechungen, die zwischen Brüning und Laval während der Reise nach London stattgefunden haben, verlautet jetzt, daß die Franzosen besonders auch an den hohen sozialen Ausgaben des deutschen Haushalts Anstoß nehmen, wobei sie anscheinend für die Wirkungen der deutschen Arbeitslosigkeit
wenig Verständnis ausbringen. Sie vertreten auch jetzt noch den Standpunkt, daß der deutsche Haushalt, als Ganzes gesehen, zu hoch für die heutigen Verhältnisse Deutschlands f<' dem Vorkriegshaushalt nicht im richtigen Verhältnis stehe.
ei und mit
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Stimmen zum Programm
der Opposition.
Was England sagt.
Das Telegramm, das die Führer der nationalen Opposition an die deutsche Delegation in London gerichtet haben, wird von dem großen englischen Blatt „Times" sehr eingehend besprochen. Das Blatt sagt u. a., diese laute Demonstration drücke nur die tief gefühlte Unzufriedenheit aus, die auch Millionen andere nüchtern denkende und gute Bürger hegten. Es sei wirklich an der Zeit, mit offenen Augen die Sorgen Deutschlands zu untersuchen und dann zu urteilen, was an ihnen wahr und was unbegründet sei. Die Meinung über die Abrüstung und die Revision der Verträge, die von den extremen Elementen so ungeschliffen zum Ausdruck gebracht würde, beschränke sich nicht etwa nur aus diesen Teil der Bevölkerung allein.
Das Pariser Echo.
Das Telegramm hat in Frankreich einen sehr starken Eindruck gemacht. Kein Morgenblatt verzichtet auf den wort
getreuen Abdruck ves Telegramms und der Unterschriften. Zahlreiche Zeitungen fügen Kommentare hinzu Im „Echo de Paris" liest man: „Wetten mir, daß der Kanzler nicht böse darüber war, das Telegramm seinen amerikanischen und englischen Kollegen unterbreiten zu können." Der „Malin" stellt fest: „Wie man sieht, hat die Opposition der nationalen Reaktion begonnen. Man mutz sich jedoch fragen, ob dieser Angriff eine ernste Bedrohung oder nur ein einfaches Ein- schüchterungsmanöver bedeutet."
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Die Zukunst bei den Bankiers.
Amerikanische Bankiers hinter dem neuen Hoover-Vorschlag.
In den höchsten Regierungskreisen verlautet, daß die Newyorker Großbankiers mit der Verlängerung der kurzfristigen Kredite an Deutschland einverstanden seien, falls die Geldgeber der anderen Länder eine gleiche Aktion unternehmen. Die Bankiers der Vereinigten Staaten stellen sich damit hinter den neuen Vorschlag des Präsidenten Hoover.
Stimson über den Gang der Londoner Verhandlungen.
über den Fortgang der Verhandlungen in London äußerte sich der amerikanische Staatssekretär Stimson u. a. wie folgt: Alle strittigen Fragen seien fortgelassen worden. Die sogenannten neuen Hoover-Vorschläge feien nichts weiter als eine Darlegung des Standpunktes Hoovers ohne besondere Bezugnahme aus die Ergebnisse tn der Konferenz, über langfristige Kredite werde jetzt nicht mehr verhandelt. Das könne später geschehen. Bet der Konferenz handele es sich um eine Gruppe von Ministern am runden Verhandlungstisch, die die zeitweiligen finanziellen Bedürfnisse Deutschlands erwäge. Im Grunde genommen handele es sich um eine Aufgabe für den Bankier und es sei vielleicht nur ein Zufall, daß Staatsmänner zusammenberufen worden seien, wahrscheinlich nur deswegen, weil sie im Augenblick verfügbar gewesen seien. Die Zukunft müsse am besten den Bankiers überlassen werden
Über die Beteiligung Stimsons an der Aussprache wird bekannt, daß er heute den dritten Punkt der amerikanischen Vorschläge zur Aussprache stellte, nämlich die Einsetzung eines internationalen Ausschusses, der den finanziellen Aufbau Deutschlands nachprüsen und bestimmen soll, wieviel „neues Geld" von Deutschland gebraucht wird. Anscheinend deckt sich der von amerikanischer Seite vorgeschlagene Ausschuß mit dem Plan und Vorschlag Brünings, Bankiers nach Deutschland zu berufen, um eine engere Fühlungnahme zwischen Deutschland und den anderen Ländern sicherzüstellen.
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Wochenende in Huberiusstock?
Wie aus gutunterrichteter Quelle verlautet, ist der Besuch des englischen Premierministers Macdonald und des Außenministers Henderson in Berlin keineswegs aufgegeben. Man spricht davon, daß beide mit der deutschen Delegation nach Beendigung der Londoner Konferenz nach Berlin kommen würden, um den verschobenen Besuch nachzuholen. Natürlich werden sich solche Pläne erst verwirklichen lassen, wenn das Ergebnis der Londoner Konferenz feststeht.
Dr. Curtius hat auch Staatssekretär Stimson nach Berlin eingeladen. Es wird in deutschen Kreisen für außerordentlich wünschenswert gehalten, daß Stimson sich persönlich ein Bild über die Verhältnisse in Deutschland macht.
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Kreditverlängerung und
Stillhaltekonsoriium.
Internationale Finanzkommission in Berlin.
der sieben Mächte hat nach der amt- âen gewissen Fortschritt ergeben. Der ag Dokument zugrunde, das von den ausgestellt war. Das Dokument betont, Sha der finanziellen Kraft Deutsch -
W ?^den müsse, und daß dazu eine allgemeine Zusammenarbeit notwendig sei. Das Dokument macht dann d r e i V 0 r s ch l ä g e:
L die Verlängerung des bekannten 100-Millionen- Dollar-Redlskontkredits, der am 16 Fuli bereits einmal verlängert wurde
2. die Bildung eines St i l l h a l t'ek 0 ns0 r t i ums M 9 Nutung in Deutschland vorhandener Kredite,
3. die Zubilligung eines neuen kurzfristigen Kredits an Deutschland.
heutigeKonferenz hat sich über die Verlängerung Rediskontkredits von 100 Millionen über den August hinaus geeinigt. Weiter hat man sich im all- ^geinelnen, abgesehen von einigen noch verbliebenen techni- Lschen Schwierigkeiten, darauf geeinigt, daß die Regicrun- L" den Notenbanken die Bildung eines Stillhaltckonsor- » Rettung der deutschen Kredite empfehlen. Auf
£ J* Anregung hin ist ausdrücklich beschlossen «liefen cin 0 w 11 e e der Zentralbanken in ""Zester Frist zusammentreten soll, um die weiteren "be* das Stillhaltekonsortium zu beschließen, sckun^» Kanzler Brüning hat der Konferenz den Vor- Finan»^?^ ^m'ne Kommission von internationalen I Leuten nach Berlin gesandt wird.
die Èrfn^ Aufgabe dieser Kommission bezeichnet, L der Londoner Beschlüsse in Berlin an Ort und
drüber zu berichten, ob die Maß- itgan ausreichen oder nicht. "
Frankreichs wahres Gesicht
Das große französische
„Abrüstungsprogramm".
Beibehaltung der Rüstungsverbotc von Versailles.
Das große „A b r ü st u n g s p r 0 g r a m m" der französischen Regierung, das vom Pölkerbundsekretariat veröffentlicht worden ist, hat wie eine ungeheure Sensation gewirkt. Es legt — und gerade in diesem Augenblick während der Londoner Verhandlungen und wahrend des Besuches des amerikanischen Staatssekretärs Stimson in Europa — in einer unerwarteten, um nicht zu sagen brutalen Offenheit, die Grundsätze der französischen Rüstungspolitik und, darüber hinausgehend, die Richtlinien und Ziele der französischen Außenpolitik ans diesem Gebiet dar. Die Haltung der französischen Regierung auf der kommenden Abrüstungskonferenz wird in der Note in allen Einzelheiten festgelegt. Aus dem Inhalt der Note, die von dem französischen Außenminister " u b unterzeichnet ist, geht hervor, daß die französische Regierung in einer programmatischen Form folgende Bedingungen als unerläßlich für die Voraussetzung einer allgemeinen Abrüstung ansiehr '
f b Jeder Staat muß genügend bewaffnet vlcivcn, um sich noch vor dem Eingreifen des Völkerbundes gegen einen unprovozierten Angriff schützen zu können.
Die Rüstungen dürfen nicht unter die für die nationale Sicherheit notwendige Grenze herabgesetzt werden. Keine einheitliche allgemeine Abrüstung.
Keine Gleich st ellung der Rüstungen aller Staaten.
4. Schärfste Einhaltung des Teiles V des Versailler Vertrages, der für vier Staaten (Deutschland, Österreich, Ungarn, Bulgarien jD. Red.j) ein bestimmtes Rüstungs- verbot feslsctzt.
5. Alle Beschlüsse der Abrüstungskonferenz müssen auf ver uneingeschränkten Anerkennung der internationalen Vertrage aufgebaut sein.
6. Die Abrüstungskonferenz muß ein politisches System für d-e Sicherheit schaffen. indem sich die Staaten
gegenseitig sofortige und wirksame Unterstützung garan» tieren.
Der französische Abrüstungsstandpunkt ist in dieser überspitzten und unverschleierten Form bisher noch kein einziges Mal weder im Abrüstungsausschuß noch in der Vollversammlung des Völkerbundes zum Ausdruck gelangt.
Die offene Androhung Frankreichs, im Falle einer Änderung der Entwaffnungsbestimmungcn des Versailler Vertrages zu neuen Rüstungen zu schreiten, und die schroffe Ablehnung jeder weiteren Verminderung des gegenwärtigen französischen Rüstungsstandcs werden überall als ein außerordentlich ernster Schlag gegen den gesamten Abrüstungsgedanken und als eine Gefährdung der kommenden Abrüstungskonferenz aufaefaßt
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Spiel mii der Abrüstung.
Washington ist verstimmt.
Die französische Abrüstungsnote bat in Washington wie eine Bombe eingeschlagen. Die amtlichen Stellen geben unumwunden zu, daß die Note den schwersten Schlag gegen Hoovers A b r ü st u n g s p 0 l i t i k bedeute. Die kaum verhüllte französische Forderung, daß der Versailler Vertrag durch militärische Garantien Amerikas und Englands geschützt werden solle, wird in Washington mit einem Achsel-
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Auf der Ministerkonserenz in London wurde eine Teileinigung erzielt über die Deutschland zu gewährende finanzielle Hilse.
* Reichskanzler Brüning schlug in London vor, daß eine internationale Fmanzkomnnssion zur Prüfung der finanziellen Lage Deutschlands nach Berlin kommen soll.
»es Luftschiffes „Graf Zeppelin« soll am