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Nr. 175 1931

Fulda, Mittwoch, 29. Zuli

8» Jahrgang

Schöne Worte und gute Ratschläge der Engländer.

Vertrauen für Deutschland, aber vorläufig keine Hilfe.

Dr. Brüning und Macdonald sprechen.

Bei dem Esten, das Montag abend zu Ehren der englischen Minister in der Reichskanzlei stattfand, brachte zunächst

Reichskanzler Dr. Brüning

einen Toast auf Reichspräsident von Hindenburg und Seine Majestät den König von England aus.

Eure Exzellenzen, meine Herren! Im Namen der Reichs- regterung heiße ich Sie, Herr Ministerpräsident, und Sie, Herr Henderson, tn der Reichshaupistadt aus das herzlichste will­kommen. Das deutsche Volk hat ein lebhaftes und dankbares Gefühl für die Bedeutung dieses ersten Besuches ver führenden englischen Staatsmänner in Deutschland Mir ist es eine be­sondere Freude, die liebenswürdige Gastfreundschaft erwidern zu können, die Sie Herrn Eurlius und mir vor nichl langer Zeit in Chequers und auch letzl in London haben zuteil werden lassen. Ich hoffe ausrtchilg, daß Sie sich bei uns während des leider nur allzu kurz bemessenen Aufenthaltes wohl fühlen und daß die Tage für Sie eine Entspannung bedeuten werden in­mitten der schweren Arbeit, in der Sie sich befinden

Sie kommen nach Deutschland in einer sorgenvollen Zeit. Ich habe bei unseren wiederholten Begegnungen im Laufe der letzten Zeit Gelegenheit gehabt, Ihnen die Lage in Deutschland und die schweren Probleme, die uns gegenwärtig beschäftigen, ausführlich zu schildern.

Deutschland setzt alle seine Kräfte daran, der Krise Herr zu werden. Es muß aber darauf rechnen, daß das Ausland, das mit Zurückziehung kurzfristiger Kredite die Krise auf die Spitze getrieben hat, an diesem Ziel mitarbeitet.

Wir erkennen dankbar an, was Ihre Regierung durch die vorbehaltlose und herzliche Annahme des Hoover-Planes, sowie durch ihre Bemühungen um das Zustandekommen und das Ergebnis der Londoner Konferenz bereits für uns ge­tan har. Wir wissen, daß auch England »chwere Zeiten durch­macht. Der Grund hierfür liegt nicht zuletzt in der gegen­wärtigen finanziellen Krise Deutschlands, bte heute internatio­nale Bedeutung gewonnen hat. Ich bin daher auch überzeugt davon, daß eine wirkliche und gründliche Sanierung der wirt­schaftlichen Verhältnisse Europas nur durch lovale Zusammen­arbeit aller Nationen und durch gegenseitige Hilfe möglich sein wird.

Der Grundstein für die Zusammenarbeit ist in London gelegt worden. Die weitere Aufbauarbeit muß nunmehr be­ginnen. Ihr heutiger Besuch ist ein Beweis dafür, daß es auch Ihr Wunsch ist, die glücklich begonnene Arbeit fort­zusetzen.

Macdonald in Berlin.

Möge sie der Welt den wahren Frieden bringen! Ich er-, hebe mein Glas auf das Wohl Eurer Exzellenzen, auf eine glückliche Zukunft Großbritanniens und auf die englisch- deutsche Freundschaft!

Ministerpräsident Macdonald

dankte für die freundlichen Worte, die der Reichskanzler an ihn gerichtet hatte und erklärte: 9

Wir haben uns über Ihren Besuch in London seinerzeit außerordentlich gefreit und rw? ------- ~ -

^brer Gegeneinladung gefolgt, werden für die Stärkung des gu

und mit der gleichen Freude sind gefolgt. Diese gegenseitigen Be

Ul

wir

. - -------------guten Einvernehmens"in der Welt und für feine weitere Ausbreitung eine absolute Notwendigkeit.

Wir sind jedoch nicht nur nach Berlin gekommen, um für Chequers-Besuch einen Gegenbesuch ab,zustatten, sondern auch, um der Welt zu zeigen, daß trotz der Schwierig- ^* gegenwärtigen Lage unser Vertrauen in Deutschland fortbcstcht. Deutschland macht fermere Zeiten w'r sind voller Mitgefühl für den schweren Kamps, en dieses Land int jetzigen Augenblick durchzuführen hat, hon« mn Sie mich gleich eins hinzufügen: und wir sind Bewunderung für Deutschland, und wenn auch seine k ierlgkeiten noch nicht überwunden sind, so sind wir doch 1 irUen Überzeugung, daß. wenn Deutschland in seinen An­

strengungen fortfährt, und wenn es seine intellektuellen, mora­lischen und wirtschaftlichen Kräfte anfpannt, um wieder auf die Füße zu kommen und sich davor hütet, sich der Verzweiflung hinzugeben, die anderen Böller ihm Hilfe leisten werden und das deutsche Volk nicht untergehen lassen. Ein freies und sich selbst achtendes Deutschland ist für die Gemeinschaft der Zivili­sation unentbehrlich.

Keine Nation, die sich selbst achtet, kann aufhören zu existieren, ohne daß für alle anderen Glieder der internationalen Gemeinschaft sich daraus das s ch w e r st e U n g l ü ck ergibt. Es wäre undenkbar, daß einem Lande, das sich in der Kunst, in der Wissenschaft, tm Geisteswtssen so ausgezeichnet hat wie Deutschland, das den Körper und den Geist gleicherweise fest in der Gewalt hat, das in einer langen und wechselvollen Geschichte seine Qualitäten erwiesen hat, vöndenandcrenVölkern dieHilfein der Rotverweigertwürde.

Die Ergebnisse der Londoner Konferenz sind nicht sensationell gewesen.

Es hat sich darum gehandelt, die Stellung zu halten, während die Vorbereitungen für eine gründlichere Behandlung der Schwierigkeiten getroffen wurden. Das, worüber man sich in London geeinigt hat, ist zum großen Teil bereits durchgeführl worden.

Das Wichtigste aber ist, daß die Nationen, die auf der Lon­doner Konferenz vertreten waren, sich auf Zusammenarbeit zur Hilfe für Deutschland haben einigen können.

Obwohl der Genius und das Verantwortungsgefühl des Bankiers sich von _ber Politik fernzubalten bat. so müssen trotz­

Man spricht uns Mut zu.

Der englische Ministerbesuch in der Reichshauptstadt hat uns trotz aller wohlgesetzten Reden der Staatsminister nichts anderes gezeigt, als was wir schon wußten: daß Deutschland in seiner überaus schweren Lage allein steht und. ganz auf sich selbst angewiesen ist. Das hat Herr Macdonald, der englische Ministerpräsident sogar ziemlich deutlich gesagt und zwar so:Wenn Deutschland in seinen Anstrengungen fortfährt, und wenn es seine in­tellektuellen, moralischen und wirtschaftlichen Kräfte an­spannt, um wieder auf die Füße zu kommen, dann sind wir (die Engländer) der festen Überzeugung, daß die an­deren Völker Deutschland Hilfe leisten werden." Anders gesagt: das Ausland will erst mal abwarten, was wir selbst fertig bringen, und erst, wenn wir wieder einiger­maßen feststehen, dann will man uns helfen. Bis es so weit ist, spricht man uns Mut und Vertrauen zu, aber die Taschen bleiben geschlossen; in England, in Amerika und in Frankreich.

Macdonald hat uns in seiner Rede auf dem Fest­esten mit den deutschen Ministern noch den guten Rat ge­geben, uns mit Paris freundlich zu stellen. Er hat aber leider nicht gesagt, wie wir das angesichts der fran­zösischen Stimmung machen sollen. Denn das weiß ja jetzt alle Welt und weiß auch Herr Macdonald, zu welchem Preis die Franzosen ihre Taschen für uns öffnen wollen. Und damit es noch einmal alle Welt erfährt, hat die Pa­ri s e r Presse es zu dem englischen Besuch in Berlin wie"»crholt: Deutschland soll verzichten, auf den An­schluß Österreichs, auf die Revision des Versailler Ver­trages, auf die Forderung nach Abrüstung der anderen. Und während man in Berlin freundliche Trinksprüche aus­tauschte, hat der französische Kriegsminister M a g i n 0 t sogar gedroht, Frankreich werde seine R ü st ungen v e r st ä r k e n , wenn der Völkerbund Deutschland die Fesseln der Entwaffnung lockern sollte. Wie angesichts solcher Auffassungen in Paris der gute Rat des englischen Ministerpräsidenten Früchte tragen soll, das ist vorerst ein Geheimnis.

*

Macdonald bei Hindenburg.

Feierliche Audienz.

Der englische Ministerpräsident Macdonald und Außenminister Henderson wurden in feierlicher Audienz vom Reichspräsidenten v. Hindenburg emp­fangen. Eine große Menschenmenge hatte sich vor dem Präsidcntenpalais eingesunden, um Gelegenheit zu haben, die englischen Gäste zu sehen. Die Unterredung dauerte * etwa eine halbe Stunde.

In der Reichskanzlei fanden wiederholt zwischen Reichskanzler Brüning, Reichsaußenminister Cur­tius, Macdonald und Henderson Besprechun­gen statt, die nach dem Wortlaut der amtlichen Mitteilung eine Fortsetzung des Chequers -Gespräch darstellten.

Macdonalds Reiseeindrücke.

Der englische Ministerpräsident Macdonald empfing zusammen mit dem Außenminister Henderson die deutsche Presse, die überaus zahlreich erschienen war. Macdonald sprach sich sehr erfreut über den ihm zuteil gewordenen Empfang und über das Ergebnis seines Besuches in Berlin aus. Er sönne im Augenblick nichi viel Einzelheiten mit* teilen. Er und Henderson hätten sich mit den deutschen Ministern sehr gut verständigen können und den Kontakt fort­gesetzt, der in Chequers ausgenommen worden sei. Er habe in Berlin, soweit es möglich sei, sich einen

Überblick über die Lage verschafft, die in London bereits besprochen worden sei und wie sie sich seit der Londoner Konferenz ergeben habe. Er sei sich darüber klar, daß noch große Schwierigkeiten be­stünden und noch zu überwinden seien. Er sei aber überzeugt, daß die Kräfte der Deutschen Nation und seine wirtschaftliche

dem, wenn die Banken und Kreditinstituttonen ihre große Funktion in der Zukunft richtig ausüben wollen, zukünftige Generationen alle ihre Anstrengungen darauf richten den inter­nationalen Wohlstand zu erhöhen. Alle finanziellen Hilfs­quellen müssen dazu verwandt werden, das Gewebe der natio­nalen Zivilisation zu stärken und zusammenzuhallen

Als Vorbereitung dazu muß ein Gefühl gegenseitigen Vertrauens geschaffen werden.

Das Vertrauensgefühl von Nation zu Nation muß wieder­hergestellt werden. Seit Abschluß der Londoner Konferenz ist manches Wichtige geschehen.

Zuallererst möchte ich in diesem Zusammenhang die Hilfe­leistung Frankreichs anerkennen und möchte dem Wunsche Ausdruck geben, datz die Besprechungen zwischen Ihnen und den französischen Staatsmännern fortgesetzt werden mögen unter Teilnahme anderer Nationen, wenn dies nötig sein sollte.

Wir müssen die Vergangenheit vergessen, da die Zukunft von einer Politik abhängt, die nur von Männern geführt werden kann, die guten Willens und die von einem Geist der Zusammenarbeit beseelt sind, der es ihnen ermöglicht, die

Beunruhigung und den Argwohn zu unterdrücken.

die, wenn sie bestehen blieben, die schlimmsten Folgen hätten und schließlich zum Kriege führen müßten.

Es ist unsere gemeinsame Aufgabe: den Idealismus, der kn der jungen Generation steckt, dazu zu verwenden, datz er sich den größten internationalen Aufgaben der Verständigung und der Zusammenarbeit zwischen den großen Völkern der Welt »uwendet.

und industrielle Stärke ohne weiteres in der Lage sein werden,

die Schwierigkeiten zu überwinden.

Er habe die volle Überzeugung, daß jeder einzelne Deutsche baut beitragen würde, der stolzen Nation, der er angehöre, zu helfen und zu dienen. Dann,

wenn die gegenwärtigen Schwierigkeiten über­wunden seien»

werde man auf dem Wege der Zusammenarbeit in Genf und anderwärts weiter fortschreiten bis zur endgültigen Beruhi­gung der internationalen Atmosphäre. Zum Schlüsse sprach sich Macdonald noch sehr erfreut aus über den kürzlichen Empfang, der den englischen Kriegs­schiffen in Kiel zuteil geworden sei und der in der eng­lischen Presse besonders anerkennend vermerkt worden sei.

Anschließend äußerte sich Macdonald zu einigen Fragen. Eine Frage lautete: Der englische Ministerpräsident habe von dem Idealismus der deutschen Jugend gesprochen; ob er, um sich ein Bild über das Wesen dieses Idealismus in der deutschen Jugend zu machen, nicht auch mit ihren Führern Fühlung nehmen wolle. Darauf erklärte Macdonald, er habe

Macdonald nach seinem Besuche bei Hindenburg.

Der englische Ministerpräsident Macdonald (links) stattete dem Reichspräsidenten einen Besuch ab, dem auch der englische Außenminister Henderson (Mitte) und der eng­lische Botschafter in Berlin, Sir Horace Rumbold (rechts) beiwohnte.

nicht von dem Idealismus der deutschen Jugend, sondern von dem

Idealismus der gegenwärtigen jungen Generation überhaupt gesprochen und fei allerdings überzeugt, daß es schlimm sei wenn dieser Idealismus durch Furcht oder Feind­seligkeit in falsche Richtung gelenkt werden würde.

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Der englische Ministerpräsident wurde vom Reichspräsi­denten in feierlicher Audienz empfangen.

* Eine neue Notverordnung über die Wiederaufnahme des Zahlungsverkehrs bringt eine nur unwesentliche Erhöhung der Auszahlungsmöglichkeiten für das Ende der Woche.

* Das LuftschiffGraf Zeppelin" hatte in der Nähe von Franz-Joseph-Land eine Begegnung mit dem Eisbrecher Malygin". Eisbrecher und Luftschiff tauschten Post aus.

* Der Kunstmaler Wohlgemuth, der im vorigen Jahre aus dem Reichstagsgebäude die Deutsche Reichsverfassungsurkunde von 1849 gestohlen hatte, wurde zu einem Jahr sieben Monaten Gefängnis verurteilt