Kil-aer Anzeiger
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Nr. 188 — 1931
Fulda, Freitag, 14. August
8. Jahrgang
Innerer Aufbau.
Das Sanierungsprogramm.
Die vereinigten Neichsratsausschüssi für Volkswirtschaft, innere Verwaltung, Haushalt und Rechnungswesen, Steuer- und Zollwesen, Rechtspflege und Durchführung des Friedensvertrages traten zu einet nichtöffentlichen Sitzung zusammen. Reichskanzlei Brüning, der den Vorsitz führte, gab zunächst einen Bericht über die finanz- und wirtschaftspolitischen Maßnahmen der Reichsregierung. An der Sitzung, zu der die Vertreter der Länder fast vollzählig erschienen waren, nahmen auch die Reichsminister Dietrich und Schielt sowie der preußische Finanzminister Höpker-Aschoff teil An die Mitteilungen des Reichskanzlers schloß sich eint Aussprache, die ebenfalls streng vertraulichen Charakter trug.
Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß dir Rede des Kanzlers die Verhandlungen der Regierung mit den Ländern über das Sanierungsprogramm eingeleitet hat, bei dem die Finanzen in Reich Ländern und Gemeinden im Vordergrund stehen. Außerdem wird der Kanzler wohl aus die nächsten Maßnahmen des Kabinetts, die sich mit den Banken beschäftigen werden, hingewiesen haben. Das „Große Programm der nationalen Selbsthilfe" dürfte noch nicht so weit herangereift sein, daß es bereits Gegenstand der Ausführungen des Kanzlers hätte sein können. Wie in politischen Kreisen verlautet, ist dieser Plan noch nicht über Erwägungen und Vorschläge hinausgekommen. Man denkt u. a. an weitere Sparmaßnahmen, an Verwaltungsreform, an Abbau der öffentlichen Ausgaben, an einen Abbau der Hauszinssteuer, eine Erhöhung der Umsatzsteuer bei gleichzeitiger Herabsetzung von Einkommens- und Gewerbesteuer. Irgendwelche festen Programmpunkte sollen sich aber noch nicht herauskristallisiert haben.
Zu dem Agnierungsprogramm der Reichsregierung soll auch das Streben nach einem politischen „Burgfrieden" gehören, d. h. es sollen Versuche im Gange sein, eine gewisse Annäherung an Oppositionsparteien zu erreichen. Der Satz aus der Verfassungsansprache des Reichskanzlers über die „Zusammenfassung aller ausbaufähigen und eingliederungsbereiten Kräfte" und parteioffiziöse Presseäußerungen scheinen der Grund zu einer solchen Annahme zu sein, die aber noch durch keinerlei Tatsachen erhärtet worden sind.
Reichstag und Hoover-plan.
Die Ratifizierung durch Vie Parlamente.
Der in London unterzeichnete Vertrag über die formale Inkraftsetzung des Hoover-Planes bedarf der Ratifizierung durch den Reichstag. Die Reichsregierung wird den Vertrag als Gesetzentwurf dem Reichstag bei seinem Wiederzusammentritt im Herbst vorlegen. An eine frühere Einberufung des Reichstages wird dabei nicht gedacht. Auch in den übrigen Ländern, die den Vertrag ratifizieren müssen, wird ein früherer Zusammentritt der gesetzgebenden Körperschaften aus diesem Grunde nicht in Erwägung gezogen. Das gilt z. B. von dem amerikanischen Kongreß, der programmgemäß erst im Dezember zu seiner neuen Tagung zusammentritt.
Die Berliner Kommunistenmorde.
Tie Beisetzungsfeierlichkeiten der erschossenen Polizeioffiziere.
Die gerichtliche Obduktion der beiden bei den Unruhen am 9. August auf dem Bülowplatz erschossenen Polizeioffiziere hat ergeben, daß beide von hinten erschossen worden sind. Hauptmann Anlauf hat zwei Schüsse erhalten, den einen in den Kopf links oberhalb des linken Ohrs, den zweiten in die rechte Gesäßhälfte. Hauptmann Lenk hat einen Schutz in das rechte Schulterblatt erhalten. Die Kugel bat die Lunge zerrissen, die Luftröhre durchbohrt und ist links dicht neben der Achsel ausgetreten.
In Weißensee wurden sieben Personen verhaftet, die im Verdacht stehen, an den Bedrohungen des Polizeioberleutnanls Becker durch Zettel und Aufschriften beteiligt zu sein. Die Fest- genommenen sind Angehörige des Kampsbundes gegen den Faschismus.
Anläßlich der Beisetzung der am Bülowplatz erschossenen Polizeihauptleute Anlauf und Lenk wird am Montag, den 17. August, nachmittags um 14.30 Uhr, eine Feier in der Turnhalle in der Karlstratze stattfinden. Anschließend an die Ansprachen eines katholischen und eines evangelischen Geistlichen wird Innenminister Severing eine kurze Gedächtnisrede halten. Daraus folgt ein Durchmarsch des Trauerzuges durch die Stadt, der an der Wohnung der beiden erschossenen Offiziere
^iaor, der an der Wohnung der beiden erschossenen Offiziere vorbeiführen wird. Dort wird der Trauerzug e eine Minute in stillem Gedenken verharren. Dann erfolgt auf dem Friedhof Weißensee um 15 Uhr die Beisetzung. Die Leiche von Polizeihauptmann Lenk wird nach seiner Heimat, Stargard Pommern, übergesührt werden, wo am Dienstag,' den 18. August, nachmittags 14 hr, die BUeerdigung erfolgt.
42 Kommunisten des Hochverrats verdächtig.
Von der Kommunistischen Partei Deutschlands, Bezirksleitung Groß-Thüringen, ist in der Zeit vom 9 bis 15. August
° er Jugendherberge in Finsterbergen ein Kursus zur Aus- vltdung von Funktionären abgchalten worden. Da der Verdacht nahelag, daß die entfaltete Tätigkeit wie bei den Kursen, die in der letzten Zeit im Kinderheim in Elgersburg abge- hlltten worden sind, den Strafgesetzen zuwiderUef, wurde von größeren Kommando der Thüringer Polizeidirektion bestehend aus Kriminal- und Schutzpolizeibeamien, eine »urchsuchuna des Gebäudes und der darin befindlichen Per
Geeintes Bauerntum»
Der Parteitag des Deutschen Landvolks.
Die Christlichnationale Bauern- und Landvolkpartei trat im Reichstag zu ihrem Parteitag zusammen, der von Vertretern der Wahlkreisorganisaiionen und den Mitgliedern der Reichstagsfraktion besucht war. Vorher fanden unter Vorsitz des Reichstagsabgeordneten Hepp vorbereitende Besprechungen über organisatorische Fragen der Partei statt.
Zum Parteivorsitzenden wurde Rittergutsbesitzer Wolfgang von Hauenstein gewählt, der bisher dem
Der neue Vorsitzende ver Landvolkpartei
Rittergutsbesitzer Wolfgang V. Hauenstein.
Borstand der Partei angehvrte, als Nachfolger Ernst Höfers, dem der Reichstagsabgeordnete Hepp als stellvertretender Parteiführer eine vom Parteitag stehend ent- gegengenommene Gedenkrede hielt, in der er die große Bedeutung Höfers für das deutsche Bauerntum und seine hervorragenden Eigenschaften als Politiker und Mensch besonders würdigte.
ü. Hauenstein nahm die Wahl an, mit dem Versprechen, die Landvolkbewegung im Sinne und Geiste Höfers zu führen. In seiner Programmrede zeigte er
die Entwicklung ver letzten 12 Jahre,
die, ausgehend von der Unterwerfung unter Versailles und von völliger Einseitigkeit der Innen- und Außenpolitik, zur Aufzehrung der Substanz führte. Das geeinte Bauern- t u m stelle einen politischen Machtfaktor dar, dessen christlich- nationale Grundeinstellung ihn zum
Kern ver politischen Rechten
mache. Das Landvolk könne nicht einer Reichsregierung folgen, die sich in Abhängigkeit von der letztgen Preußenpolitik befindet. Die programmatischen Erklärungen wurden einstimmig gebilligt. In einer lebhaften Aussprache, an der sich u a. der Gründer der Landvolkbewegung, Staatsminister Baum-Weimar und Minister a. D. v Keudell beteiligten, wurde der unbeirrbare Wille zum Auf- und Ausbau der berufsständischen politischen Landvolkbewegung bekundet. Der Parteitag war trotz der Erntezeit aus allen Wahlkreisen. in denen das Landvolk auftritt, stark besucht.
sonen vorgenommen, die wesentliches Material zu Tage forderte. Der Lehrer und die Teilnehmer. insgesamt 42 Personen, wurden bei der zuständigen Staatsanwaltschaft in Gotha wegen dringenden Verdachtes der Vorbereitung des Hochverrats zur Anzeige gebracht. Auch wurde die Fortsetzung der Schulung untersagt.
Unterirdische Kommuniftenarbeit.
In Recklinghausen wurde bei etwa 200 Kommu- niften, die bei Aufhebung einer Versammlung festgenommen wurden, hochbelastendes Material sichergestellt, das planmäßige Vorbereitung eines Bürgerkrieges deutlich erkennen läßt.
Es wurden Riesentransparente beschlagnahmt, die die Worte aufweisen: Setzt Euch in den Besitz von Waffen! Der Arbeiter, der es nicht versteht, verdient es, sein Sktavenleben weitcrzuführcn.
Die beschlagnahmten Plakate enthalten die Aufforderung: „Vorwärts im Sinne unseres großen Führers Lenin." Es wurde festgestellt, daß auch an die Funktionäre die Aufforde- runa erging, sich in den Besitz von Waffen zu setzen. In Recklinghausen wurden außerdem große Mengen Dolchmesser, Pistolen und andere Waffen sichergestellt.
Lavals Berliner Besuch.
Die Einladung der französischen Minister nach Berlin.
Der deutsche Botschafter von Hoesch stattete dem französischen Ministerpräsidenten einen Besuch ab, um ihm die offizielle ^wladung der Reichsregierung zu dem Berliner Besuch der französischen Minister zu überreichen.
Man glaubt in gut unterrichteten Kreisen zu wissen, daß Ministerpräsident Laval den deutschen Botschafter davon in Kenntnis gesetzt hat, daß er sich ganz den von der Reichsregierung zum Ausdrllck gebrachten Wünschen hinsichtlich des Zeitpunktes des Besuches anschließen wird.
Die „Liberw" bte diese Mitteilung aus zuverlässiger Quelle erfahren haben will, fügt den Ausführungen hinzu, daß nur Ministerpräsident Laval und Außenminister Briand der Einladung Folge leisten werden Da man in Berlin im Augenblick nicht über Finanzsragon sprechen werde, erübrige sich die Anwesenheit Flandins.
Hinter der Fassade.
Irgend jemandem in der Welt irgend etwas .vormachen", können wir Deutsche nicht. Denn alle Welt weiß oder ahnt zum mindesten, wie es uns geht. Wir wollen aber auch der Welt nichts mehr vormachenl Es ist nicht deutsche Art, Potemkinsche Dörfer zu bauen, Fassaden anzustreichen, um den Blick davon abzulenkeu, wie zerfallen und bröckelig die Häuserfronten tatsächlich schon sind. Daß dies der Fall ist, kann man uns wirklich nicht als Schande anrechnen; denn dieselbe Welt hat alles getan, um uns Deutsche an einer gründlichen Reparaturarbeit zu verhindern, und sieht jetzt tatenlos zu, wie wir uns abmühen müssen, um das Haus vor dem Einsturz zu bewahren.
Oder vielmehr: das Ausland sieht in der Regel überhaupt nicht, wie es in Deutschland nun wirklich bestellt ist. Wenn in den Großstädten die riesigen Rundfahrtautos überall die Ausländer in Massen durch die Straßen befördern, dann werden dabei die Elendsquartiere, ja selbst der Anblick der abbröckelnden Häuserfassaden vermieden. Auch wenn fremde Staatsmänner, Wirtschaftler, Finanzgrößen kommen, dann müssen sie glauben, was ihnen die deutschen Staatsmänner, Wirtschaftler, Finanzgrößen mitteilen. Wissen aber selbst diese alles über die Menschen, die im Schatten des Lebens stehen! Ein eiliger Besuch, ein paar Stunden der Konferenz oder Besichtigung, — zu mehr kommt es selten Aber selbst Berlin, das doch von solchen Besuchern als Reichshauptstadl bevorzugt wird, bleibt ihnen unbekannt jenseits des Regierungs- und Bankenviertels.
Denn es gibt nicht bloß das Berlin der Prachtstraße Unter den Linden und des Kurfürstendamms. Abseits davon fängt — das deutsche Volk an in seinem Leben und in seinen Nöten, in seiner Sehnsucht und seiner Verzweiflung. Kaum ein einziger Ausländer weiß, wie es in den kleinen und mittleren Städten oder gar auf dem flachen Lande wirklich aussieht. Dort gebt der Ausländer nicht hin, daran fährt er im D-Zug vorbei. Das alles und noch einiges andere hat der „größte" Oberbürgermeister Deutschlands, Dr Sahm, Berlins neues Stadt- oberhaupt, seinem Newyorker Kollegen Walker offen gesagt „Die Seifenblasen zerplatzten," äußerte er melancholisch, aber leider nur allzu zutreffend Die „Amerikanisierung" Deutschlands war ein Traum, — und nicht einmal ein schöner Zerplatzt ist das Projekteinachen und uns allen — nicht bloß für die Städte, groß wie klein — blieb nur der Alltag, die Sorge um das Heute und Morgen Und als einziges Hilfs- und Rettungsnuttel: Brutalste Sparsamkeit
Der Newyorker Bürgermeister — man kennt in Amerika nicht den Unterschied zwischen „Ober-" und gewöhnlichem Bürgermeister — ist als Mensch von Temperament besannt, der in typischer amerikanischer Unbekümmertheit um Form und Etikette gern hinter die Fassaden sieht. Offizielle Feierlichkeiten sind für ihn nur sozusagen ein notwendiges Übel Und für „Studienreisen" in der wohlbekannten Art, wenn „Einrichtungen besichtigt" werden, ist er gar nicht zu haben. Wenn nur alle Ausländer von Wichtigkeit und Bedeutung, die nach Deutschland kommen, so dächten und handelten wie er! Dann wüßte man draußen besser und genauer, wie es bei uns wirklich aus- siehi Dann würden Urteile vermieden werden, die nur von den paar flüchtigen Blicken auf die „Fassaden" oder, wie Dr. Sahm in einem guten Bild und Vergleich sagte, auf die „geschmackvoll ausgestatteten und mit Waren aller Art gefüllten Schaufenster" der „Firma" veranlaßt werden, die den Namen Deutschland führt. Die Ernte auf den deutschen Feldern läßt nur den etwas schärfer Blickenden sehen, welche Not und Verzweiflung sich hinter den ,gol* denen Ähren" ausbreitet. Aber von den Fenstern des Schnellzuges aus ahnt der Ausländer nichts davon
Und „drinnen im Laden ist es leer von Waren und Käufern" die besten Maschinen und die geschicktesten Arbeiter sind da. — aber sie müssen „feiern" „Feiern" müssen, — das ist für Millionen Deutscher etwas, das mit irgendwelchem Feiern nicht das geringste zu tun bat, das Gegenteil des Feiertages ist. Wir wollen nicht „feiern", sondern wir wollen arbeiten, und hinter den Fassaden das wieder aufbauen, was schon fast ruinenhaft geworden ist. Es spricht oder schreibt sich schnell hin: Das deutsche Volk mu6 seinen Lebensstandard noch weiter heruntersetzen, um sich wieder emporarbeiten zu können Aber dies kurze Wort umschließt millionenfaches Elend. Man bat alle möglichen und unmöglichen „Lösungen" zur Hand, bildet Kommissionen, die „den wirtschaftlichen und finanziellen Zustand" Deutschlands untersuchen sollen, und übersieht dabei — den Menschen, dem die Wirtschaft dienen, Lebens- und Daseinserhöknmg bringen soll Man spricht von „Systemen" und vergißt darüber, daß sie nicht für sich selbst da sein dürfen, sondern ihre Zweckbestimmung haben: für die Menschen da zu sein, da sein zu sollen Sonst bleibt es „Fassade", bleibt ein .Potemkinsches Dorf", hinter dessen täuschenden Mauern das Nichts ist.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Der Reichspräsident traf zu einem Erholungsurlaub in Dietramszell ein.
* Der Reichskanzler berichtete vor den vereinigten Ausschüssen des Reichsrats über die Maßnahmen der Reichsregierung.
* Die Christlich-nationale Bauern- und Landvolkpartei trat zu ihrem Parteitag zusammen.
* Zn Lyon wurden durch Einsturz eines Miethauses 30 Personen verschüttet