Zul-aer Anzeiger
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9fr. 200 — 1931
Fulda, Freitag, 28. August
8. Jahrgang
Am Krankenbett Europas.
Schwere Winterszeit steht nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa bevor. Die Arbeitslosigkeit hat sich gleich einer schweren, schleichenden Seuche über alle Länder ausgedehnt und jetzt selbst das geldreiche Frankreich, das bis vor einem Jahre keine nennenswerte Erwerbslosigkeit hatte, erfaßt. Die traurigen Verhältnisse in Deutschland sind zu bekannt, als daß sie hier noch besonders erwähnt zu werden brauchen, und in E n g l a n d hat jetzt gerade die Arbeitsnot zu 5er Kabinettskrise geführt. Seit mehr als zehn Jahren versucht England mit allen nur möglichen Mitteln, der Arbeitslosigkeit Herr zu werden, und hier ebenso wie bei uns in Deutschland darf man darauf gespannt sein, was Die in Arbeit befindlichen Winternotprogramme für Hilfsmaßnahmen bringen werden. England hat nach der Wen Zählung fast drei Millionen Erwerbslose zu versorgen. Bedenkt man, daß dieses Land nur etwa zwei Drittel der Bevölkerung Deutschlands hat, so wird man an Dem Vergleich mit den etwa vier Millionen Erwerbslosen in Deutschland die Schwierigkeit der Lage Englands erkennen können.
Zwei Wege stehen für Reformen offen: die Beseitigung der Arbeitslosigkeit selbst durch Schaffung ausreichender Arbeitsgelegenheiten und die Linderung der aus der Knappheit der Erwerbsmöglichkeiten entstehenden Nöte durch Arbeitslosenversicherung oder Ärbeitslosenfürsorge. Der erstere Weg ist bei der herrschenden Wirtschaftskrise nur in. beschänktem Maße gangbar und muß durch eine Versorgung der Arbeitslosen ergänzt oder ersetzt werden. Den Versuch, durch außerordentliche öffentliche Arbeiten der zu erwartenden erhöhten Arbeitslosigkeit zu begegnen, macht vor allem Italien, dessen Arbeitslosenzahl gegenwärtig 600 000 beträgt, das ist etwa doppelt so viel wie im Vorjahre. In die neue Liste dieser Notstandsarbeiten sind über 800 Millionen Lire eingesetzt, von denen nicht weniger als 606 Millionen aus die halbstaatlichen Straßenbaugesellschaften entfallen. Produktive Erwerbslosenunter stütz ungen im eigentlichen Sinne sind die vom Ministerium für öffentliche Arbeiten zur Perfügung gestellten 46 Millionen für Regulierungsarbeilen des Po. Zusammen mit den andern geplanten Arbeiten sollen diese Maßnahmen rund 100 000 Menschen Beschäftigung geben, so daß also auch hier nur ein kleiner Teil der italienischen Erwerbslosen Arbeit erhalten wird und noch Hunderttausende auf Unterstützung angewiesen sein werden. Hauptsächlich in den Dienst der sozialen Fürsorge beabsichtigt Polen seine Bevölkerung einzuspannen, da es einen Winter erwartet, in dem kein Staat und keine Regierung in der Lage sein werden, aus eigener Kraft und ohne Inanspruchnahme aller Volksschichten dem wachsenden Elend zu steuern. Daneben will man versuchen, den Arbeitsprozeß gewissermaßen zu strecken, also die Zahl der beschäftigten Arbeiter zu erhöhen. Das soll erreicht werden durch einen planmäßigen Übergang von der Sechstagearbeitswoche zu dem Shstem der Drei -und Vierlagearbeitswoche. Beabsichtigt ist seiner eine Art Notprogramm für die Erwerbslosen, um sie den Winter über vor Hunger zu schützen, was durch Bereitstellung von Naturalien aus Mitteln der staatlichen Erwerbslosenfonds zu erreichen wäre. Schließlich ist eine Ablösung der ledigen Arbeiter durch solche ins Auge gefaßt, die Familien zu versorgen haben.
Auch in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, die auf ihre „Prosperität" bisher 11 'wmer so stolz waren, geht das graue Gespenst der Arbeits- uvt um, und der Erfolg feiner Bekämpfung durch die I amerikanische Negierung wird wesentlich dazu beitragen, s ob Präsident Hoover imstande sein wird, sein großes s Mames Sanierungsprogramm der Weltwirtschaft im ^euen Lande zu fundieren. Die Newyorker Groß- ! Gubers haben jetzt unter Führung Morgans beschlossen,
M der von Hoover eingeleiteten großen Hilfsaktion» kur Die Arbeitslosen zu beteiligen.
„ ön allen Teilen der Erde leidet man unter derselben ilwnkhech aber alle Heilmittel, die vorgeschlagen und r f pwbt werden, müssen doch mehr oder weniger ein i ^>umdoktern an den Symptomen bleiben, ohne daß an das Übel selbst herankommt. Zur Linderung oder I t^stung der zurzeit über der Welt lastenden Wirt- I ^lsdepressiou wird nur eine gemeinsame Aktion aller M^den Völker führen. Auf dem Sozialökonomischen Weltkongreß, der zurzeit in Amsterdam tagt, wurde von wem namhaften Mitglied der amerikanischen Abordnung ^Aufstellung eines W e l t w 0 h l f a h r 1 s p l a n e s ^.j^^siugen, der allgemeines Aufsehen erregte. Zunächst : wusseein fünfjährig es Moratorium für alle ^'egs- und Tributschulden ausgesprochen
Sollte dieses Moratorium die wirtschaftliche Ge- ein» i der Welt zur Folge haben, dann sollten nach Ablauf alle Kriegs- und Tributschulden gänzlich einoâ^ werden. Voraussetzung für die Inkraftsetzung â ' .w'chen Weltwohlfahrtsplanes sei, daß alle Hinder- lw^ . der Weltkrieg und die Friedensverträge für eine Zusammenarbeit der Völker errichtet hätten, hin füglich beseitigt würden. Jeder Versuch, noch wetter- in besiegte und Siegernationen einzuteilen, cha ein Verbrechen an der Menschheit ! werden. Die durch den Weltkrieg an-
Verwüstungen in Höhe von etwa 400 Mil- zia»» Z°ilar dürften nicht nur von einem ein« die an«, d e getragen werden, sondern mußten über gleichmäßig verteilt werden.
I schaff schöner Ausblick auf Sonnentage eines Wirt- I bitterer M" n gsI Einstweilen steht uns noch ein Alsta^ Dinier bevor mit den Forderungen des trüben I ^Wbehrin^ 0011 .ollen Volksgenossen schwere Opfer und ^rungen fordern wird.
Die „Nichtangriffspakte".
Wettrennen um Osteuropa.
Bei den Verhandlungen über den Abschluß eines sogenannten „Nichtangriffspaktes" zwischen Rußland und Polen einerseits und Rußland und Frankreich andererseits, deren Bekanntwerden in letzter Zeit viel Staub aufgewirbelt hat, handelt es sich zweifellos nicht so sehr um eine diplomatische Sicherung Rußlands und Polens vor Kriegsgefahr, sondern es kommt hier wahrscheinlich das Streben nach einer gewissen Vorherrschaft in Osteuropa zum Ausdruck. Polen, dessen Politik trotz aller Bemühungen nach Westen hin deutlich noch immer östlichen Charakter trägt, fühlt sich berufen, bei den osteuropäischen Grenzvölkern eine Art Führeramt zu übernehmen, worin es bekanntlich durch Frankreich stark unterstützt wird. Es möchte der Punkt sein, um den sich die Randstaaten kristallisieren sollen zu einer Art osteuropäischem Staatenbund. Wenn es jetzt, so folgert die polnische Regierung, gelänge, mit Rußland einen Nichtangriffspakt zu schließen, so würde das ein außerordentlicher Erfolg für die polnische Diplomatie sein. Polen könne damit beweisen, daß es die geeignete Macht sei, um die Befriedung Osteuropas zu verwirklichen.
Der Wortlaut des Paktvorschlages, dessen Verhandlung nach russischer Mitteilung vorläufig aufgeschoben sein soll, soll daher so gehalten sein, daß èr zum Ausgangspunkt weitgehender politischer Schritte gemacht werden kann dadurch, daß die baltischen Staaten und Rumänien in nächster Zeit an dem Abkommen teilnehmen können. Rußland hat aus ähnlichen osteuropäischen Bestrebungen heraus schon seit längerer Zeit Verhandlungen über einen Nichtangriffspakt mit Frankreich gepflogen und Polen hoffte anscheinend, ihm in dem Rennen zuvorzukommen. Daß der Weg beider Staaten zur Erreichung ihres Zieles letzten Endes über Paris führt, braucht nicht Wunder zu nehmen, denn die moderne Diplomatie hat ja meist irgendwelche „klingende" Hintergründe, und Paris mit seiner gefüllten Schatzkammer ist ja jetzt der gegebene Ort für einen Schacher zwischen Politik und Wirtschaft, zwischen Macht und Gold. Daß ein enger Zusammenhang zwischen den polnisch-russischen und russisch-französischen Verhandlungen besteht, beweist die Tatsache, daß nach Aufschiebung der ersteren auch die letzteren vorläufig unterbrochen worden sind.
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Rußlands Absage an Polen.
In einer amtlichen Mitteilung erklärt die Moskauer Re- Sung, daß die polnischen Vorschläge zum Abschluß eines tangriffspaktes denen vom Jahre 1926 entsprächen, die abgelehnt wurden.
Die neuen Vorschläge aber enthalten nicht nur die alten Vorschläge, die für die Sowjetregierung unannehmbar waren, sondern darüber hinaus einen neuen Vorschlag, den man nicht
„Do. X" in Newyork.
Hunderttausende erwarteten das deutsche Flugschiff.
„Do. X" ist am Donnerstag nachmittag, 5 Uhr 31 Minuten Berliner Zeit, in Newyork eingetroffen.
Der Hafen von Newyork ist von Hunderttausenden von Menschen belagert, im Bassin Tausende von Fahrzeugen, in der Luft erwarten Geschwader von Flugzeugen die Ankunft des deutschen Flugschiffes „Do. X". Herrliches Wetter begünstigte die Fahrt. Um 17.18 Uhr M. E. Z. wird das Flugschiff sichtbar, umgeben von den begleitenden Marine" und Perkehrsfliegern. Unter dem Ansturm der Presse- und Kameraleute in einem Höllenlärm der begrüßenden Sirenen des Hafens geht die Landung glatt vor sich. Die deutsche Kolonie mit dem gesamten Personal des Konsulats ist rum Empfang erschienen.
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Die letzte Etappe nach Newyork.
Das deutsche Flugboot „Do. X" ist in Norfolk (Virginia zum direkten F bu g e nach Newyork aufgestiegen. Ganz Newyork rüstete sich zum festlichen Empfang des „Do. X". Das deutsche Flugschiff, mit 60 Passagieren aus Norfolk kommend, wurde im Hafen von Hunderttausenden erwartet. Kapitän Hammer hat das Flugschiff den Newyorkern in einem großen Schleifenflug vorgeführt und ist dann au der FreiheitSstatue nieder- gegangen. Der offizielle Empfang durch die städtischen Behörden ist für Freitag vorgesehen.
Vor dem Rückflug nach Deutschland, der in Etappen über Neufundland, die Azoren, Lissabon und Southampton erfolgen soll, ist der Besuch mehrerer amerikanischer Städte geplant.
Das Neueste aus Friedrichshafen.
Do. X II nach Spezia gestartet.
Das Fluaschiff Do. X II ist heute früh, wie aus Friedrichshafen gemeldet wird, von Altenrhein zu seinem lleberfuh- r u n g s f l u g nach Spezia (Golf v. Genua) gestartet. Leiter des Fluges ist Herr v. Mitterwallner, Chefpilot Herr Wagner, der den Do. X Ji und auch den Do. X I eingeflogen hat. Sie De
als Fortschritt betrachten kann. Aus diesem Grunde kann vor- läufig von dem Abschluß eines russisch-polnischen Nichtangriffspaktes keine Rede sein.
Es ist nicht sehr schwierig zu erraten, daß Moskau sich nicht in die polnisch-französische Richtung „einspannen" lassen will.
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Lm „politisches Manöver"
und eine „perfide Antwort".
Die Ablehnung der polnischen Paktvorschläge.
Die Ablehnung der polnischen Vorschläge für den Abschluß eines russisch-polnischen Nichtangriffspaktes hat in Moskau großes Aussehen erregt. Es wird erklärt, die Sowjetregierung habe die polnischen Vorschläge abgelehnt, weil sie mit den Richtlinien der Außenpolitik der Sowjetunion nicht in Einklang zu bringen seien. Außerdem sehe man in der Art der Überreichung eher ein politisches Manöver der polnischen Diplomatie als den ernsten Wunsch Polens nach Abschluß eines Vertrages mit Rußland.
Der russische Botschafter in Paris wird die französische Regierung über die Stellungnahme seiner Regierung zur Frage des Nichtangriffspaktes unterrichten. Auch in Warschau hat der amtliche Moskauer Bericht, daß die polnischen Paktvorschläge vorläufig als ungeeignet abgelehnt würden, große Bestürzung hervorgerufen. Man bezeichnet ist politischen Kreisen den Bescheid Moskaus als eine „perfide Antwort", die erneut den Beweis dafür liefere, wie wenig Moskau an der Erhaltung des Friedens in Osteuropa gelegen sei.
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Eine neue Form des Kellogg-Paktes?
Aus Paris wird berichtet, daß die französisch- sowjetrussischenVerhandlungenvorüber- gehend unterbrochen worden seien. Man hält es für wahrscheinlich, daß die Besprechungen im Oktober wieder ausgenommen würden. Der in Ausarbeitung begriffene Nichtangriffspakt werde angeblich eine neue Form des allgemeinen Briand-Kellogg-Paktes darstellen. Er sei möglich, daß sich die Verhandlungen auch auf den Abschluß eines französisch-sowjetrussischen Ausgleichs- bzw. Schiedsgerichtsvertrages ausdehnen würden.
In Pariser politischen Kreisen mißt man der persönlichen Fühlungnahme mit dem polnischen Außenminister Zaleski große Bedeutung bei und weist darauf hin, daß die französische Abordnung mit Briand an der Spitze in Genf Gelegenheit haben werde, eine Aussprache mit Litwinow und Zaleski herbeizuführen.
Die Agentur Havas meldet aus Bukarest, daß die rumänische Regierung über den Verlauf der französisch-sowjetrussischen und polnisch-sowjetrussischen Paktverhandlungen vollkommen unterrichtet sei. In Bukarester politischen Kreisen unterstreiche man, daß die rumänischen Interessen durch das Bundesverhältnis mit Frankreich und Polen sichergestellt seien.
satzung besteht aus 12 Mann. Außerdem befindet sich die italienische Abnahmekommission an Bord/ Mit Nutzlast ist das Flugschiff 42 Tonnen schwer. Das Wetter ist außerordentlich günstig. Der Flug wird über die Alpen führen.
Die Srafllienfahrt des „Graf Zeppelin".
Nähmaschinentransport über den Ozean.
Der Start des „Graf Zeppelin" zur Brasilienfahrt ist endgültig auf Sonnabend abend 23 Uhr festgesetzt worden. An der Fahrt nimmt u. a. Geheimrat Professor Dr. Lausmann aus Schwäbisch-Gmünd teil, der dem Luftschiffbau schon wertvolle Dienste geleistet hat. Geheimrat Hausmann wurde bekanntlich zu den Vorbereitungen und Beratungen zur Arktisfahrt als Sachverständiger heran- gezogen und unter seiner Leitung wurden die Instrumente für erdmagnetische und luftelektrische Messungen für die Arktisfahrt eingebaut. Auch auf dieser Südamerikafahrl wird Geheimrat Hausmann wissenschaftliche Versuche aus- führen.
Auch Professor Dr. Weikmann, der als Wlssenschaftler die Arktisfahrt mitmachte, wird an der Südamerikafahrl teilnehmen. Schriftsteller Max Geisenheyner, der 1929 an der Weltfahrt des „Graf Zeppelin" teilnahm, wird eben- falls die Fahrt nach Pernambuco mitmachen.
Unter den Frachtstücken, die „Graf Zeppelin am ~9. August mit nach Südamerika nimmt, befindet sich auch das Erzeugnis einer bekannten deutschen Nähmaschinenfabrik mit Bestimmungsort Rio de Janeiro. Es handelt sich bet diesem Frachtstück um eine Nähmaschine neuester Kon- struktion mit Motor, die wohl als erste Nähmaschine den Weg über den Ozean mit Luftschiff zurücklegt.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Die russisch-polnischen und die russisch-französischen Verhandlungen über einen Nichtangriffspakt wurden ausgesetzt.
* Die Einberufung des Preußischen Landtages scheint nach Unterstützung des Antrages durch das Landvolk gesichert zu sein.