$uldaer Mzeiger
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Nr. 201 — 1931
Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zulöa- und Haunetal -Zul-aer Kreisblatt
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Fulda, Samstag, 29. August
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8. Jahrgang
Auf dem Wege nach Genf
Hattet den Dieb!
Daß Deutschla«d die Verhandlungen Rußlands mit Pole« einerseits und mit Frankreich andererseits über eine» Nichtangriffspakt mit einigem Mißtrauen betrachtet, ist wohl erklärlich, würde doch damit eine Garantierung der polnischen Ostgrenze durch Rußland gegeben werden, die es Polen ermöglichen würde, feine ganze Aufmerksamkeit und Kraft auf die deutsch« Grenze zu konzentrieren. Daß diese Grenzbemühungen Polens nach Westen hin unter französischem Einfluß stehen und mit schweren Schädigungen für Deutschland verbunden sind, beweisen ja zur Genüge fast täglich die Vorfälle an der deutsch-polnischen Grenze. Deutschland hat nie ein Hehl daraus gemacht, daß es die unnatürliche Ziehung seiner Ostgrenze durch das Diktat von Versailles nicht anerkennen könne und daß es auf legalem Wege eine Änderung dieses unhaltbaren Zustandes anstrebt. Weil es dabei nur sein Recht, nicht seine Macht in die Waagschale zu werfen hat, muß es doppelt und dreifach auf seiner Hut sein und jedes M a ch t g e l ü st, das Polen mit Gewalt durchsetzen möchte, rechtzeitig unterbinden. Diese Tatsache dürfte jedem Einsichtigen und jedem, der guten Willens ist, klar sein. Nicht so anscheinend Frankreich. Die Pariser Zeitung „Temps" hält es für gut, anläßlich einer Besprechung der Paktverhandlungen sich in ganz unerh örten Ausfällen gegen dieReichs- rcgierung zu ergehen. Die Mißstimmung, die ein polnisch- russischer Nichtangriffspakt in Berlin Hervorrufe, zeuge von einer eigentümlichen Geistesverfassung seitens der Reichsregierung, die bei jeder Gelegenheit ihren Friedenswillen bekunde, ohne sich aber dazu entschließen zu können, Sicherheiten ihres ehrlichen Willens zu geben. Die Frage, wie man sie in Deutschland auf- werfe, laute dahin, ob ein polnisch-russischer Nichtangriffspakt in Einklang mit dem Vertrag von Rapallo und dem Berliner Vertrag zu bringen sei. Es sei unglaublich, s« betont daS Blatt, daß eine derartige Frage überhaupt aufgeworfen werden könne, da sie von nicht zu mißdeutenden feindlichen Absichten gegenüber Polen zeuge und sowohl dem Geiste wie auch dem Wortlaut sämtlicher bestehenden Verträge zuwiderlaufe. Die Tatsache, daß Deutschland sich einem polnisch-russischen Abkommen widersetze, das die Sicherheit der polnisch- russischen Grenzen garantieren solle und daß es ein derartiges Abkommen als seinen Interessen zuwiderlaufend betrachte, übertreffe alles, was man bisher über die deutsch-russische Zusammenarbeit vermutet habe. Man müsse sich wirklich fragen, welches 'Vertrauen man noch in die Verhandlungen über die Konsolidierung des Friedens und eine europäische Zusammenarbeit mit Deutschland setzen könne, nachdem die Reichsregierung derartige Auffassungen und Hintergedanken an den Tag lege. Was einen französisch-russischen Nichtangriffspakt anbelange, der in gewissem Sinne ein politisches Gegengewicht gegenüber den deutsch-russischen Perträgen von Rapallo und Berlin darstellen und ein für allemal die Lüge vom französischen Militarismus aus der Welt schaffen werde, so sei ein derartiges Abkommen nur in vollkommener Übereinstimmung mit den französischen Perpflichtungen gegenüber dem Völkerbund unb den Staaten der Kleinen Entente, besonders Polen und Rumänien, denkbar.
Wie durch einen französisch-russischen Pakt die „Lüge ^>m französischen Militarismus" aus der Welt geschafft werden soll, wird das Geheimnis des fran- Mchen Blattes bleiben. Es scheint vielmehr so, daß pWteid) gleich dem verfolgten Dieb, der krampfhaft HaltetdenDieb! ruft, die Aufmerksamkeit von auf die „feindliche Absicht" Deutschlands lenken will. m .Wahrscheinlich wird der Besuch des sowjetrussischen ^ßenkommissars Litwinow in Berlin der französt- lchen Öffentlichkeit weiter Gelegenheit geben, über „die ?/"/!ch-russische Zusammenarbeit" Vermutungen anzu- ltellen. Ma„ scheint in Frankreich außer den Aefürchtun- für den polnischen Freund auch noch Eifersucht gegen- uver deutsch-russischen Beziehungen zu hegen und hofft daß das kreditbedürftige Rußland letzten Endes dem Elchen Frankreich vor dem armen Deutschland den Mug geben wird. Die Genfer Tagung wird hoffentlich den Vertretern Deutschlands, Frankreichs, ^ußlands und Polens Gelegenheit geben, in persönlichen Besprechungen die heikle Frage dieser Nichtangriffspakte Mermaßen zu klären, sonst dürfte durch sie ein weiterer Ma tten auf die beabsichtigte Berliner Reise der fran- âoilschen Minister fallen.
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9er russische Außenkommissar in Verlin.
In Warschau war er Heiserl
in ^” sowjetrussische Außenkommissar Litwinow ist ”ra nach Genf über Berlin hielt sich kurze Zeit in Warschau auf. Der Außen- "mmlssar wurde vom russischen Gesandten und anderen wWedern der Gesandtschaft am Zuge begrüßt, den er des halbstündigen Aufenthaltes nicht verlieft mit Presse gegenüber lehnte Litwinow jede ^klarilng diek-â^ Bemerkung ab, daß ihm ein H a l s l e i den L ^'biete. In Berlin hatte Litwinow eine längere vor Mung mit Außenminister Dr. Curtius, in der 6utn^.m bas Vorgehen in den Verhandlungen der "wpakommission in Genf erörtert wurde.
Um die Garantie der polnischen Grenzen.
Die russische» Bedingungen für den polnischen Patt.
Der Rat der Volkskommissare der Sowjetunion nahm einen Bericht des stellvertretenden Autzenkommifsars Krestinski über die polnisch-russischen Beziehungen entgegen und billigte in vollem Umfange das Verhalten des Außenkommissars in dieser Frage. Auch die Stellungnahme Litwinows gegenüber Frankreich wurde vom Rat gebilligt. Wie verlautet, hält die Sowjet- regierung nach wie vor für etwaige Verhandlungen über einen Nichtangriffspakt mit P o l e n an folgenden Voraussetzungen fest: 1. Der Pakt wird nur mit Polen ohne Einschluß irgendwelcher anderen Länder abgeschlossen. 2. Die Sowjetregierung garantiert k e i n e r l e i G r e n z e n. 3. Die Sowjetregierung behält sich alle Schritte gegenüber Bessarabien vor. 4. Die Sowjetregierung erkennt keinerlei Ansprüche Polens in bezug auf Danzig an. 5. Die Sowjetregierung verlangt, daß im Falle eines Krieges zwischen der Sowjetunion und einem der polnischen Verbündeten Polen strenge Neutralität bewahrt.
Da anscheinend Rußland auf eine Garantierung der polnischen Grenzen nicht eingehen will, dürfte das Interesse Polens an dem Abschluß des Paktes bald erlahmen.
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Litwinow über die rnfsifch-polnifchen Verhandlungen.
Der russische Außenkommissar Litwinow äußerte sich in Berlin über die angeblichen russisch-polnischen Verhandlunaen bezüglich eines
Nichtangriffspaktes.
Litwinow wiederholte die bekannte Darlegung über den russischen Vorschlag von 1926 und den Abbruch der Verhandlungen darüber mit Polen im Jahre 1927. Er betonte ausdrücklich, daß seitdem keinerlei russisch-polnische Verhandlungen über einen Nichtangriffspakt geführt wurden und auch augenblicklich nicht geführt werden. Das Dokument, daS der polnische Gesandte in Moskau vor einigen Tagen überreichte, habe aufs neue die negative Einstellung der polnischen Regierung zu dem ruffischen Vo ' ' ...... “ '
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Das Dokument se sondern dessen Ä
vaoe aurs neue die negative Einstellung der polnischen Regierung zu dem russischen Vorschlag bestätigt. Patek habe auch bei Überreichung nicht den Vorschlag gemacht, die Verhandlungen zu erneuern, sondern er habe erklärt, er wünsche die Ergebnisse der Verhandlungen von 1926/27 zusammenzufaffen. Das Dokument fei im übrigen nicht Litwinow persönlich, sondern dessen Vertreter Karachan übergeben worden, und tags zuvor habe Patek Litwinow einen Besuch gemacht, um sich für seinen Urlaub zu verabschieden, ohne überhaupt das Dokument zu erwähnen.
Litwinow fügte hinzu, daß die Beziehungen zwischen Polen und der Sowjetunion auch niemals Gegenstand der Verhandlungen zwischen der Sowjetunion und dritten Staaten (Frankreich) waren.
Zum Schluß feiner Darlegunae kommiffar auf den sowjetrussische griffspakt hin, der ja demnächst in Völkerbundes zur ~ '
Auf eine Ans
Zungen wies der russische Außen- ,!n wirtschaftlichen Richtan- ja demnächst in der Europakommtssion des . Sprache kommen werde.
Auf eine Anfrage über den russisch-französischen Pakt erklärte Litwinow noch, die Verhandlungen mit Frankreich feien keinen Augenblick auf Schwierigkeiten gestoßen. Die Wiederherstellung eines gewissen Vertrauens zwischen der französischen Wirtschaft und Sowjetrußland würde die Folge sein und damit ein erheblicher Handelsverkehr.
Auf die Frage, ob der Abschluß deS russisch-französischen Paktes irgendwelche Einwirkungen auf Rußlands Verhältnis z« Deutschland haben werde, antwortete Litwinow durchaus verneinend.
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Sie wollen die Friedensverträge „festigen".
Zaleski über die polnischen RichtangriffsverhandlunKen.
Paris, 29. Aug. (Eigene Funkmeldung.)
Der Kolonialminister, gab gestern zu Ehren des polnischen Außenministers Zaleski auf der Kolonialausstellung ein Essen, an dem auch Ministerpräsident Laval und andere Regierungs- Mitglieder teilnahmen. Der polnische Außenminister ging in einer während dieses Essens gehaltenen Ansprache auch auf die französisch-russischen bzw. polnisch-rustischen Nichtangriffspaktverhandlungen ein und erklärte, daß er die Erregung nicht verstehe, die durch diese Verhandlungen in gewisten Ländern hervorgerufen worden sei. Die Ziele Polens und Frankreichs seien klar, sie seien nur auf die Festigung der Friedensverträge gerichtet. Ministerpräsident Laval beantwortete die Ansprache, indem er der Sympathie Frankreichs für Polen Ausdruck gab.
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Die östsragen vor dem Völkerbundrat.
Danzig, Oberschlcsien und Polen.
In der Völkerbundratstagung im September werden zwei Deutschland interessierende O st f r a g e n zur Verhandluna ae- langen. Einmal
die Danziger Frage:
Der Völkerbundkommissar war in der vorigen Völkerbundrats- tngung bekanntlich aufgesordert worden, einen Bericht über die Lage zwischen Polen und Danzig zu geben. Dieser Bericht des Koinmtssars dürfte inzwischen in Genf eingetroften sein. Der Danziger Senat hat seit der vorigen Völkerbundratstagung energische Maßnahmen ergriffen, um die Ruhe und Ordnung ausrechtzuerhallen, so daß es zu einem größeren polnisch-Danzigcr Zwischenfall nicht gekommen ist. Die zweite im Völkerbundrat zur Verhandlung stehende Frage betrifft
Oberschlcsien.
Auf der vorigen Völkerbundratstagung ist bekanntlich bk Rote Polens über diese Angelegenheit und der Bericht des japanischen Berichterstatters zu spät bekanntgeworden und auf Antrag des deutschen Reichsaußenministers auf die diesmalige Tagung vertagt worden. Inzwischen ist ein neuer Bericht der deutschen Minderheiten in Genf eingetroffen, in dem festgestellt wird, daß die polnische Regierung ihren Verpflichtungen nicht nachgekommen ist, und das Vertrauen zu der polnischen Staatèmaschine in der deutschen Minderheit noch nicht vorhanden sei. Der gegenwärtige vorliegende japanische Bericht ist für Deutschland bekanntlich in keiner Weise annehmbar. Die Memelfrage ist diesmal nicht auf das Programm der Ratstagung gesetzt worden.
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Der englische Außenminister kommt nicht nach Genf.
Lord Robert Cecil englischer Hauptvertreter.
Der neue englische Außenminister Lord Reading hat dem Generalsekretär des Völkerbundes telegraphisch mitgeteilt, daß er wegen dringender Aufgaben und infolge des bevorstehenden Zusammentritts des Parlaments die englische Abordnung nicht nach Genf führen könne. Die englische Regierung werde im Völkerbundrat, im Europaausschuß und in der Vollversammlung des Völkerbundes durch Lord Robert Cecil vertreten werden.
Hoffnung auf Amerika?
Zur ReichskanzlererNârung über die Zukunft der Reparationen.
Der Washingtoner Korrespondent der „Times" meldet, daß die Erklärung des Reichskanzlers Dr. Brüning, die Zukunft der Reparationen hänge von den Vereinigten Staaten ab, und die deutsche Regierung erwarte keine entscheidende Wendung vor Zusammentritt des amerikanischen Bundesparlaments im Dezember, dem stellvertretenden Staatssekretär Castle zur Äußerung vor- -elegt worden sei. Dieser habe betont, daß die Erklärung vielleicht eine Hoffnung ausdrücke, daß aber Dr. Brüning sicher keinen Grund habe, sich hoffnungsvoll zu äußern. Er glaube, daß die Aussichten für irgend etwas derartiges, wie es von Dr. Brüning angebeutet sei, gleich null seien.
Der stellvertretende Staatssekretär habe die Gelegenheit wahrgenommen, um ausdrücklich die Vermutungen zu entkräften, daß die Reparationen und Kriegsschulden irgendeine Rolle auf der Abrüstungskonferenz in Genf spielen würden. Bezüglich der Verschiebung dieser Konferenz mit Rücksicht auf die politische Lage in England bemerkte er, es habe sich nichts ereignet, was die amerikanische Auffassung ändern könnte, daß die Konferenz zur vorgesehenen Zeit stattfinden werde.
Die Washingtoner Kommemare der Morgenblätter deuten diese Erklärung dahin, daß die Regierung der Vereinigten Staaten nicht geneigt sei, irgendwelche bedeutenden Schritte in der Kriegsschulden- und Reparationsfrage vor der Februarkonferenz vorzuschlagen Die Regierung beabsichtige keinen Tausch zwischen einer Revision der Schulden auf amerikanischer Seite und der Abrüstung seitens Europas. Die Erklärung Castles wird daher sowohl als Antwort auf gewisse a m e r t k a n i sch e Wünsche wie auch auf deutsche Erwar- tungen angesehen.
England bekommt Geld
von Amerika und Krankreich.
300 Millionen Dollar.
Der englisch-französische und englisch-amerikanische Kredit ist nunmehr bewilligt. Die Anleiheverhandlungen sind abgeschlossen: England erhält von Frankreich die Summe von fünf Milliarden Frank (825 Millionen Mark) -um Zinsfuß von 4^ Prozent. Der Abschluß der Anleihe amtlich mitgeteilt worden.
Ein entsprechendes Abkommen über eine Anleihe von 200 Millionen Dollar (840 Millionen Mark) zum gleichen Zinsfuß ist in Newyorl ebenfalls zum Abschluß gekommen.
Das Abkommen wurde mit den Vertretern des Britischen Schatzamtes und der Bank von England abgeschlossen. ______________
Bauernfluchi nach Gowjetrußland.
Polnische Grenzwache schießt und tötet Flüchtlinge.
AuS dem Wilnagebiet werden neue Massenüberschreitungen polnischer Bauern über die Landesgrenze nach Sowjetrußland gemeldet.
Man führt diese Massenabwanderung auf die kommunistische Werbetätigkeit aus dem flachen Lande zurück In der Nähe des hart an der russischen Grenze gelegenen Gutes Jsabelin versuchten etwa 40 Bauern die Grenze zu überschreiten. Die polnische Grenzwache eröffnete ein Gewehrfeuer und tölelezwei der Flüchtlinge. Dem Rest gelang es, über die Grenze nach Sow,etrutzlanb zu entkommen
Auch an anderen Grenzabschnitten wurden die Überschreitungen versucht, wobei einige Personen getötet wo^en sind Das Innenministerium hat einen Untersuchungsausschuß in das ostpolnische Grenzgebiet entsandt, um die Ursachen der Bauernslucht nach Rußland zu ermitteln, die trotz der strengen Überwachung der Grenzen immer größere Formen annimmt
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Der russische Außenkommissar Litwinow hatte auf feinet Reise von Moskau nach Genf in Berlin Besprechungen mit dem Rcichsauhcnminister.
* Eine große kommunistische Aktion gegen die Arbeitslosig» keit soll in ganz Europa am 1. Oktober stattsinden.
• Eine Überschwemmungskatastrophe im Kaukasus forderte zahlreiche Todesopfer.