Zulöaer Anzeiger
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jjfr. 206 — 1931
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Fulda, Freitag, 4. September
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8. Jahrgang
Die deutsch-österreichische Zollunion totgehetzt
Curtius und Schober erklären in Genf den Verzicht.
„Freie Bahn der allgemeinen europäischen Zollunion!"
In der Erklärung, die der österreichische Außenminister Schober in der Sitzung der Europa-Kommission über die Zurückziehung des Zollunionsplanes abgab, sagte er unter ausdrücklicher Betonung der Übereinstimmung mit der deutschen Negierung, daß die beiden Regierungen beschlossen hätten, den emionsplan nicht weiter zu verfolgen, insbesondere, da dem pa-Ausschutz bereits Pläne allgemeiner europäischer Zoll- mtionen und Markterweiterungen vorlägen. Ferner betonte Schober in seiner Rede, er habe mit Genugtuung feststellen sännen, daß die vorbereitenden Arbeiten des europäischen Siudienkomüees zu der Überzeugung gekommen seien, daß
der Gedanke der Zollunion
geeignet sei, der gegenwärtigen europäisches Wirtschaftskrise abrubelken und dasi ferner bei der Bebandluna des deutsch
Oie Zollunion vor dem Völkerbundrai.
Nach dem französischen Finanzminister gaben noch der italienische Außenminister Grandi und im Namen der tschechoslowakischen Regierung Handelsminister Krofta Erklärungen ab, nach denen sie mit der größten Befrie - d i g u n g Kenntnis von den Auslassungen des deutschen und österreichischen Außenministers genommen haben.
Die Krise der Weltwirtschaft
Die Generalaussprache im Europa-Ausschutz.
Die Generalaussprache im Europa-Ausschuß brachte weitere interessante Erklärungen sowohl über die nunmehr
Der Vertreter Rußlands, Litwinow, habe bereits auf der Maitagung unterstrichen, daß die europäischen Regierungen unbedingt Ma ßnahmen ergreifen müßten, um das friedliche Nebeneinanderbestehen der beiden sozialen politischen Systeme zu erreichen, das der Sowjetunion und der übrigen europäischen Staaten. Das gesamte Vorzugszollsystem sei ohne Zweifel ausgesprochen gegen Rußland gerichtet. Rußland sei als Haupt- getreideausfuhrstaai von der allgemeinen Krise ebenso berührt wie die übrigen landwirtschaftlichen Ausfuhrstaaten. Er müsse auf das schärfste gegen die Hilfe protestieren, die man jetzt aus dem Wege der Vorzugszölle einigen Staaten auf Kosten Rußlands angedeihen lasse. Hierdurch könne nur eine Verschärfung der internationalen Krise und eine Störung der Zusammenarbeit zwischen den Regierungen geschaffen werden. Er wandle sich dagegen, daß alle von einer Regierung er-
W
Der Völkerbundrat tagt.
„erledigte" Zollunion, wie auch über allgemeine Fragen der Weltwirtschaftskrise. I führungen des englischen B
des russischen Außenkommissars Litwinow.
Lord Robert Cecil begrüßte es, daß Dr. Curtius auf die
m Vordergrund standen die Aus- erirerers Lord Robert Cecils und
griffenen wirtschaftlichen Zwangsmaßnahmen gegen einen anderen Staat sofort als Dumping bezeichnet würden. ----lärte zum Schluß, er spreche nicht nur als Ver-
deren Staat s i Litwinow ertli
tretet von 150 Millionen Menschen, sondern als Vertreter eines der beiden in der Welt bestehenden sozialpolitischen Systeme.
Von links nach rechts: Benesch-Tschechoslowakei — bekannt — Curtius- Deutschland — Grandt- Jta — Massigli-Frankreich — Lerronx - Spanien (Vorsitzender) — Sir Eric Drummond -England (Generalsekretär des Völkerbundes) — Lord Cecrl -England.
uw
Italien
«iièrreschischen Zöllunionsplanes die beteiligten" Regierungen stets vom
Gesichtspunkt des allgemeinen europäischen Interesses Msgingen. Die deutsche und die österreichische Regierung tonnten daher mit Vertrauen die Weitcrverfolgung dieser tmne in die Hand der Europakommission zurücklegen.
Österreich könne deshalb in voller Übereinstimmung mit deutschen Regierung erklären, daß cs unter den veränderten »utfchaftlichcn Umständen die Zollunion mit Deutschland weiter verfolgen werde.
Curtius' Erklärung.
Nach den Erklärungen des »ahm auch der deutsch
Rahmen einer gröj sruropakommission beb österreichischen Zollunu
sters ius
'n Rahmen einer größeren, die gegenwärtigen Aufgaben der s-uropalommission behandelnden Rede zur Frage der deutsch- Mrreichifchen Zollunion Stellung. Die Stellen seiner Rede, die R die Zollunion Bezug nehmen und die ebenfalls einen auf das Projekt aussprcchen, lauteten wie folgt:
. »Die Empfehlungen des Wirtschaftsausschusses berühren R eng mit den Gedanken, aus denen vor einigen Monaten
Ihnen allen bekannte Plan der deutschen und der ^erreicht sch e n Regierung hervorging. Mir liegt deshalb »wan einige Bemerkungen dazu zu machen, Bemerkungen, die !^bh ä n g i g von dem in den nächsten Tagen zu erwartenden iMchlen des Ständigen Internationalen Gerichtshofes im Ä^nd, das sich auf die r e ch t l i ch e Seite der Angelegenheit W Die Absicht der deutschen und der österreichischen Re- bei dem Projekt einer Zollunion zwischen ihren W ist von vornherein dahin gegangen, daß dieser Plan der . ^sgangspunkt für weitergchende Wirtschaftsverträge &Re, an denen eine möglichst große Anzahl europäischer Lp leilzunehmen hätte. Seitdem haben sich die Ereignisse M ko daß sich die ursprüngliche Sachlage völlig ver- ^!.hat Wir stehen jetzt hier in der europäischen Studien- D ""Üwn vor Plänen von a l l g e me i n e r e m Charakter.
J sollen an der Verwirklichung dieser Pläne aktiv mit allen btt .1 Erwartung eines fruchtbaren Ergebnisses der Arbeiten im Mvpäischcn Studienkommission hat die deutsche Regierung U^'vernehnien mit der österreichischen Regierung nicht die ursprünglich ins Auge gefaßte Projekt weiter zu
*
-Außerordentlich glücklich formuliert/
sagt Frankreich.
französische Finanzminister Flandin der t,m Anschluß an die Erklärung Dr. Curtius tm Namen «Äâvsiscyen Regierung eine kurze Erklärung ab, in der er die von Schober und Curtis abgegebenen Er- scici! ^" außerordentlich glücklich formuliert diesen?^"«..^amen der sranzösifchen Regierung nehme er von Gr «rungen Kenntnis. „
"»ioâ< ^r, datz die durch den deutsch-österreichlschcn Zvll- !stru s-^.a entstandene Mißstimmung nunmehr endgültig zer- öffne „''.Der Bericht der wirtschaftlichen Sachverständigen cr- Gt Hoffnungen auf eine europäische Zusammenarbeit.
>m Namen von Frankreich erklären, daß die franzö- »tbejf/Jüerung mit allen Mitteln für eine engere Zusainmcn-
"rbej/^brung mit allen
" europäischen Negierungen eintretc.
Rti) 1 ?°" maßgebender österreichischer Seite mitgetetlt »hi das Verfahren vor dem Völkerbundrai tu der ton ,>d»ag stattfindenden Sitzung über den deutsch österrelchl- Misitwn^^^dsplan bereits in allen Einzelheiten geregelt, lischtn der österreichischen und der l s ch c ch o s l o w a - Abordnung hat eine eingehende Fühlungnahme statt- ' on tschechischer Seite werden keinerlei Erklärungen 9tn L m Verden. Man erwartet daher, daß die Verhandlun- ^ Beri^ aus eine kurze Erklärung des Präsidenten und i unerstatters beschränken werden.
Notwendigkeit der Zusammenarbeit als entscheidende Forderung des Tages hingewiesen habe. In den Erklärungen des deutschen und österreichischen Außenministers über den Zollunionsplan sehe er ein sichtliches Zeichen des Versuches, zu einer allgemeinen Verständigung zu gelangen.
Die politische Tragweite der heutigen Krise dränge zu sofortigen Taten.
Haager Gutachten am Sonnabend.
Der Ständige Gerichtshof im Haag wird am Sonnabend, um 10 Uhr morgens, in einer öffentlichen Sitzung das Gutachten über die deutsch - österreichischen Zollabmachungen bekanntgcben.
Die Presse zum Verzicht auf die Zollunion
Die Kritik der Berliner Blätter.
Nachdem sich gestern abend verschiedene Zeitungen schon mit dem Verzicht auf die Zollunion beschäftigt haben, nehmen die heutigen Morgenzeitungen wie folgt Stellung:
Die „Vossische Zeitung" schreibt: Wenn es zutrifft, daß der Vertreter Frankreichs nicht nur einen Verzicht für die Gegenwart, sondern auch ein diesbezügliches feierliches Versprechen für die Zukunft gefordert hat, dann stellt die gleichlautende gestrige Erklärung Schobers und Curtius' ein geschicktes und annehmbares Kompromiß dar.
Der „V ö r s e n k u r i e r" bezeichnet den Zollunionplan als diplomatisch unzulänglich vorbereitet. Es dürfe kein Ende sein. Er sei der Anfang zu Größerem.
Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" spricht von dem traurigen Zusammenbruch der deutschen Zollunions-Politik in Genf. Der Plan wäre bereits im Mai endgültig verloren und der Verzicht darauf unausbleiblich gewesen.
Der „T a g" bezeichnet es als müßig, jetzt darum zu streiten, ob die Zollunions-Politik richtig oder falsch gewesen sei. Es wäre aber eine merkwürdige Auffassung, wenn man Curtius allein als Sündenbock für eine Politik in die Wüste schicke, für die doch das ganze Kabinett verantwortlich sei. Die Lage, die jetzt geschaffen worden sei, sei nur zu meistern, wenn neue Männer neue Wege gehen würden.
Die „Deutsche Zeitung" erklärt, daß es sehr wohl denkbar sei, daß uns unter Stresemann dieser vernichtende Ausgang erspart geblieben wäre. In keinem Lande könnte eine Regierung eine solche Niederlage hinnehmen. Es müsse in Deutschland dafür gesorgt werden, daß die Regierung Brüning nach dieser außenpolitischen Bloßstellung das Feld räume.
In Frankreich ist man halbwegs befriedigt.
Die Erklärungen Dr. Schobers und Dr. Curtius in der Zpll- unionsfrage werden von der Pariser Presse mit Ausnahme der rechtsstehenden Blätter günstig ausgenommen. Die Organe, die an diesen Erklärungen eine allgemeine Entspannung erwarten, sehen die Erklärungen nicht als endgültigen Verzicht an. Um zu einer Liquidierung der Angelegenheit zu gelangen, fordern die linksstehenden Blätter die Verwirklichung des
an. Um zu einer Liquidierung der Angel
fordern die linksstehenden Blätter die . , „
Vriandschen Europaplanes. Hingegen glaubt die Rechtspresse ein Wiederaufleben des deutsch-österreichischen Planes durch politische Mittel verhindern zu können.
Besondere Erwähnung verdient die „Journee Industrielle", deren Chefredakteur, der Abgeordnete Eignoux, der gestern offiziell zum Unterstaatssekretär für Volkswirtschaft ernannt worden ist, sich dagegen wehrt, daß der gestern in Genf errungene diplomatische Erfolg dazu benutzt werde, „den französischen Sparstrumpf zu leeren".
Der offiziöse „Petit Parisien" betont, daß die deutsche und die österreichische Regierung aus freien Stücken den Anschlußplan ad acta gelegt Hätten, und erwartet, daß er nicht wieder Hervorgeholt werde.
„Oeuvre" erklärt, daß es jetzt auf Frankreich ankomme, ob der zoll- und der staatspolitifche Zusammenschluß Deutschlands und Oesterreichs am europäischen Horizont bleiben würde. Man müsse so schnell wie möglich praktische Aufbauarbeit leisten.
„Ere Nouvelle" erklärt, damit der Verzicht auf den Anschluß endgültig sei, gebe es nur Eines, Organisierung der inter- nationalen Zusammenarbeit und der europäischen Einigung. Aber hierzu sei nur Briands Politik geeignet.
„La Republique" und „Volontè" bezeichnen den gestrigen Tag als wertvolle Bestätigung Briand'scher Methoden. — Aehnlich äußert sich „Le Peuple".
Die Coty-Presse, „Figaro" und „Ami du Peuple", machen sich über die Franzosen lustig, die an einen endgültigen Verzicht auf den Anschluß glauben.
„Echo de Paris" schreibt, Curtius und Schober hätten sorgsam ihren gestrigen Schritt und die gegenwärtige europäische Lage in einen ursächlichen Zusammenhang gebracht. Das heiße soviel, daß der Zollunionplan wieder aüftauchcn würde, wenn die gegenwärtige Lage sich ändere. Frankreichs Verhalten könne erst festgelegt werden, wenn das Haager Gutachten vorliegen werde. Wenn die Mehrheit der Haager Schlichter sich tatsächlich in dem Sinne geäußert habe, tote man es in hm letzten Tagen durkbbl'F-n freß, sei es Pflicht der französi-
schen N^ierung, sofort die politische Debatte, die Briand unkluger Weise vor 5 Monaten aufgeschoben habe, anzuschneiden. Angenommen, der Haager Gerichthof erkenne Deutschland und Oesterreich das Recht zu, sich wirtschaftlich zusammenzuschlietzen. sobald die 1922 von Oesterreich aufgenommene Anleihe zurückgezahlt sei, sei es Aufgabe des Völkerbundsrats, der Ausübung dieses Rechtes Hindernisse zu bereiten, und zwar unter Berufung auf Art. 11 des Völkerbundstatuts.
„Quotidien" schreibt, daß die gestrigen Erklärungen eine gewisse Beruhigung herbeiführen würden. Doch benötige Frankreich noch nachdrücklicher Versicherungen. Lavals und Briands wesentliche Aufgaben bei ihrem Berliner Aufenthalt wären es, diese Versicherungen zu erhalten. Curtius und Schober hätten einen gewissen politischen Mut bewiesen. Das genüge als Garantie aber nicht.
Curtius und Schober
Börsenerösfnung und Geldnot.
Starkes Angebot auf allen Märkten.
Nach 54tägiger Unterbrechung haben die deutschen Börsen wieder ihre Pforten geöffnet. Die Wiedereröffnung der Berliner Börse vollzog sich in großer Ruhe, zumal jeglicher Vorbörsenverkehr verboten war und keine Kurse ausgerufen werden durften. Schon vor Beginn der offiziellen Notierung hörte man, daß teilweise recht erhebliches Angebot, namentlich in Aktien, vorliegen sollte. Die Festsetzung der einzelnen Kurse nahm viel Zeit in Anspruch. So bedurfte es z. B. eines Zeitraumes von 25 Minuten, bis der Kurs von I. G. Farben, wo ein Angebot von mehreren Millionen Vorgelegen haben soll, zustande kam. Dieser Kurs lag mit 93 rund 25 Prozent unter dem Kurs vom 11. Juli. Ähnlich waren die Kursabschläge auch bei den anderen Industrie- panieren. Für einzelne Papiere wurden nur 10 Prozent des Angebotes abgenommen. Etwas günstiger lagen die Verhältnisse bei Bankwerten, doch mußten auch diese sich Abschläge von 25 Prozent und mehr gefallen lassen. Am Nentenmarkt herrschte außerordentlich starker Andrang. Die Neigung zur Schwäche blieb auch bei den Werten, die später zur Notierung kamen, bestehen.
Allgemein scheint man auch in Börsenkreisen vom ersten Börscntage etwas enttäuscht zu sein. Man hätte die Eröffnung der Börse ruhig noch etwas hinausschieben können. Es ist immerhin noch gut, daß man die Börse nicht schon vor drei Wochen aufgemacht hat
Der erste Börscntag im Reiche.
Die Börse in den anderen deutschen Großstädten verNef ähnlich wie in Berlin. An den Börsen in Leipzig, Dies- den und Bremen überwog das Angebot. Die Kurse wurden den Berliner Notierungen angeglichen. Auch an der Frankfurter Börse betrugen die Kursrückgänge durchweg 10 bis 25 Prozent bei den Aktien; für festverzinsliche Werte waren Kursabschläge von 10 bis 15 Prozent fast die Regel. Das Psandbriesgeschäft verlief wider Erwarten ziem- lich glatt. Überall mußten sehr viele Kurse gestrichen werden. Abweichend von der Berliner Tendenz verlief die Börse in Hamburg. Hier war von einem größeren Verkaufsdrang nichts zu bemerken.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Vor dem Europa-Ausschuß in Genf gaben der Reichsaußon- minister und der österreichische Außenminister Erklärungen ab, daß sie den Plan einer deutsch-österreichischen Zollunion nicht weiter verfolgen werden.
* Die deutschen Börsen wurden nach siltägiger Unterbrechung wieder geöffnet.
* Durch eine schwere Explosion bei den AEK.-Werken in Berlin-Treptow wurden vier Personen schwer, acht leicht verletzt.
* In Chile haben sich Meuternde Matrosen in den Besitz der Flotte gesetzt.