Lul-an /lnzeiger
Erscheint jeden werktag.Bezugspreks: monatlich o oo RM. Bel Liefecungsbehinöerungen durch T^ere Gewalten", Streiks, Aussperrungen, Sahnsperre usw. erwachsen dem Bezieher keine Ansprüche. Verlag ZrieSrich Chrenklau, Zulda, Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungsver» leger. Postscheckkonto: Krankftirt a. M. Nr. 16009
Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zul-a- und Haunetal * Zulöaer Kreisblatt
Redaktion und Geschäftsstelle: Königstraße 42 ♦ Zernsprech-Hnschluß Nr. 989
Nachdruck der mit * versehenen Artikel nur mit LN»ü»uaagade.Zuldaer finzeiger'grstattet.
Mizeigenprels: §ür Behörden, Geaossenjihaf- ten,Banken usw.betrâgt dle ttleinzell« OJO OIL, für auswärtige Auftraggeber 0.25 Hit, für die Reklamezelle 0.90 Mk. u. alle anderen 0.15 Mk^ Reklamezeile 0.60 Mark ♦ Bel Rechaungsstel» lung hat Zahlung innerhalb 8 Tagen zu erfoU gtn ♦ Tag» und plahyoi^ihrlsteU «uveâludüch.
^r. 210 — 1931
Fulda, Mittwoch, 9. September
8. Jahrgang
Arbeit und Brot für 100 000 Arbeitslose.
Selbstversorgung für Erwerbslose.
Die Kleinsiedlungspläne der Reichsregierung.
Das Reichskabinett hat mit der Beratung über die Durchführung der seit längerer Zeit geplanten Kleinsiedlung begonnen. Der Zweck dieses Planes ist in erster Linie, die Wohlfahrtserwerbslosen an- Medeln. Dabei geht die Regierung von dem Gedanken aus daß einerseits die „produktive" Erwerbslofenunter- itüöuns zu große, zurzeit nicht vorhandene Geldmittel er- iordern würde, und daß andererseits das Problem der Arbeitslosigkeit nicht durch bloße Unterstützung gelöst werden kann. Die rein landwirtschaftliche Siedlung kommt Anfalls für eine Massensiedlung nicht in Frage. Für Men Zweck allein ist die Kleinsiedlung in der ^ftcn Umgebung der Städte mehr geeignet.
Der Siedler als Selbstversorger.
Der Kleinsiedler soll allmählich zum Selbstversorger werden und dadurch der öffentlichen Unterstützung nicht mehr zur Last fallen.
Man rechnet bei dem Wegfall der Unterstützung mit einer Ersparnis von 70 Millionen Mark und hofft, noch bis zum nächsten Frühjahr 100 000 Erwerbslose ansiedeln zu können-
Es ist geplant, dem Kleinsiedler zwei bis vier Morgen Land zur Verfügung zu stellen. Die in einfachster Form hergestellten Gebäude werden mit Hilfe von Arbeitslosen errichtet. Während der Bauzeit erhält der Arbeitslose die festgesetzte Unterstützung, freie Fahrt von und zu dem Arbeitsplatz und eine zusätzliche Naluralverpflegung. Das Bauholz wird aus den staatlichen Forsten genommen.
Es wird damit gerechnet, daß allein in der Nähe von Berlin 50 000 Morgen städtischen oder staatlichen Landbesitzes kostenlos zur Verfügung gestellt werden, die nicht Eigentum der Kleinsiedler werden, sondern Pachtland bleiben.
Die Finanzierungsfrage.
Die Finanzierungsfrage dürfte keine Schwierigkeiten machen, da ein Landerwerb nicht vorgesehen ist.
Bei einem Ban von 100 000 Häusern ist ein Kostenaufwand von 200 Millionen Mark zu erwarten, die aus dem Hauszinssteuerertrag zur Verfügung gestellt werden sollen.
Ein sReichSkommissar.
Die Durchführung der Kleinsiedlung macht die Schaffung einer Zentrale notwendig. Es ist dafür die Einrichtung eines Reichskommissars für Kleinsiedlungswesen vorgesehen, der unmittelbar dem Reichskanzler unterstehen soll, der aber keinerlei Beamtenplan- stellen für sich und seinen Mitarbeiterstab erhält. Es ist weiter an die Bildung eines Beirats gedacht, in dem neben dem Reichsarböitsministerium, dem Ernährungs- Ministerium, dem Reichsfinanzministerium auch das betreffende Land vertreten ist, damit Reibungen zwischen den einzelnen Ressorts und Dienststellen vermieden werden. Ser Reichskommissar soll zum Erwerb oder zur Pachtung »on Siedlungsland autorisiert werden. Zur Durchführung i bedient sich der Reichskommissar der ö r t l i ch e n Siedlung s t r ä g e r, die seiner Aussicht unterstehen.
Die Bedenken.
11 Allerdings stehen dem Plan manche Bedenken gegen- I In unterrichteten Kreisen macht man geltend, daß I leine Durchführung auch nur für 100 000 Familien auf 1 Mauer mindestens eines Jahres keine Ersparnis, son- zusätzliche Ausgaben verursachen würde.
■ Westens im Herbst 1932 könnten die Siedlerstellen Er- I Wisse abwerfen, die als ein Ausgleich zu der bisherigen
1 Miièlosenunterstützung bewertet werden könnten. Eine 1 jjWe große Schwierigkeit werde die Auswahl de r | Weit § losen, die in ihrer großen Masse ohnehin ■ Mssremd sein dürsten, aber ausgerechnet auf die schwre- M landwirtschaftliche Arbeit, Gartenarbeit, angesetzt I müßten, machen. Hinzukommt, daß gerade der I Mten b a u zurzeit wohl der unrentabelste Zwerg der Achen Landwirtschaft ist und die allgemeinen wirtschaft- I A Voraussetzungen für die Herstellung seiner Renta- I gegenwärtig fehlen. Eine Rentabilität der Sredler- I über die Deckung des eigenen Lebensmittelbedarfs I Mus wurde also kaum erreichbar sein — es sei denn, I â IO die allgemeinen wirtschaftlichen Voraussetzungen I ““eiten.
I aller Bedenken darf dennoch der Plan des I Uchsfinanzministeriums als ein gesundes Projekt ange- I j ™ werden, da er tatsächlich das übel der Arbeitslosigkeit I ct|,ct seiner Grundwurzeln anzupacken geeignet ist.
I Arbeit auf der Scholle.
I nur finanziell, nicht nur wirtschaftlich, auch nicht I ^Merungspolitisch ist die Arbeitslosenfrage das I 2^°blem unserer Tage. Finanz, Wirtschaft, Bevo ke I - das alles sind Zusammenfassungen, sind I gÄ von sehr realer, aber drohend massiver, über dem I einzelnen Menschen schwebender Wucht, dre
I sj y. säst zur Bedeutungslosigkeit herunterdruckt. E I dM'Nne Deutschland, der um sein Dasein rmgt, vermag 1 C ?ur in engen Grenzen sozial zu sein, sozml zu I in M'- also für den einzelnen, den Menschen ein I «oÄ' Für ihn sollte aber möglichst viel geschehen ui ■ vloh^r Seite aus betrachtet ist eben das Arbertslos n ■ ern vor allem ein sozial-ethisches. Denn Arbeit
ist ein Gebot sozial-ethischer Art — und statt dessen find wir so weit, daß aus unverschuldeter Arbeitsnot Millionen das Arbeiten verlernen. Daß sie sich daran gewöhnen, nichts zu tun, und nur den Anspruch erheben, erhalten zu werden durch die Arbeit der anderen, die noch Beschäftigung haben.
Wieder soll — mit anderen Mitteln als durch die 40ftünbige Arbeitswoche — ein Versuch gemacht werden, einen Teil von jenen Arbeitslosen zu einer produktiven Arbeit zurückzuführen. Kleinsiedlungen am Rande der größeren Städte sollen geschaffen werden. Kleinsiedlungen von ein paar Morgen Land und einem Haus drauf, Stellen, die mit Gemüse, Kartoffeln, Obst zwecks Selbstverbrauch bepflanzt werden sollen und zur Haltung von Geflügel, Schweinen, Ziegen genügen. Also ist nicht etwa eine landwirtschaftliche Siedlung zu schaffen beabsichtigt, die dem Siedler und seiner Familie ein wirtschaftliches Fort- und Aufwärtskommen bringen soll, sondern hier soll in der Hauptsache nur der Eigenverbrauch einer Familie durch eigene Arbeit wenigstens zum Teil gedeckt werden, ohne daß dabei die für den „Siedler" sonst notwendigen landwirtschaftlichen Betriebskenntnisse vorausgesetzt zu werden brauchen oder vorausgesetzt werden können. Es sollen, wenn man sich so ausdrücken darf, „vergrößerte Schrebergärten" geschaffen werden. Jedermann kennt diese Laubenkolonien des Großstädters, die den nun einmal in vielen, vielen Tausenden untilgbar vorhandenen „Drang zur Scholle" befriedigen müssen.
Jene, die am längsten der Arbeit entwöhnt sind, die Krisenunterstützten und Wohlfahrtserwerbslosen, sollen hier zur Arbeit aus der Scholle zurückgeführt werden. Die eine Frage: Woher das passende Land dazu nehmen? ist schneller gelöst als die finanzielle Seite. Denn die Ausbreitung gerade der Großstädte ist durch die Lage der Bauwirtschaft ins Stocken geraten, ebenso wie ihre Bevölkerungszahl. Außerdem soll ja von innen her „ausgesiedelt", recht viele Tausende hinausgeschafft werden. Die Städte selbst besitzen Güter genug in ihrer Nähe, Güter leider, deren Rentabilität heute sehr problematisch geworden ist. Die Landfrage wäre also wohl eine recht geringe Sorge.
Anders ist's mit der finanziellen Seite, über die man bisher nur Andeutungen hört. Aus dem Ertrag der Hauszinssteuer, deren gründlicher Umbau von der Reichsregierung schon deswegen geplant ist, um dem völlig stagnierenden, von den dunkelsten Unsicherheiten überschatteten Realkreditmarkt zu helfen, sollen die Mittel hergenommen werden für die Verwirklichung dieses Kleinsiedlungsplanes. Ein gewisser Ausgleich wird ja all
Für eine Rüstungspause.
Die „Sicherheit.
Die große Rede des italienischen Außenministers G r a n d i vor dem Völkerbund, in der er im Namen seiner Regierung den Mächten eine Rüstungspause während der Abrüstungsverhandlungen vorschlägt, richtet sich ausgesprochen zunächst gegen Frankreich. Nach dem wiederholten Hinweis darauf, daß der Völkerbundpakt den Völkern die Verpflichtung zur Abrüstung auferlegt, erörtert Grandi das Problem der S i ch e r h e i t. Dreses wird ja von Frankreich immer in den Vordergrund geschoben, das seine Sicherheit, oder wenigstens das, was es dafür ausgibt, als Maßstab für den Grad feiner möglichen Abrüstung hinstellt. Jede Abrüstung, so folgert es, muffe an dem Punkt halt machen, an dem die Sicherheit des Landes gefährdet wird, und da sich Frankreich stets von Deutschland angeblich stark bedroht fühlen muß, konstruiert es für sich statt der Abrüstung die Notwendigkeit einer Auf rüstung. Demgegenüber erklärt Grandi mit Recht, daß die S i ch e r h e i t der Staaten lediglich von einer allgemeinen Herabsetzung der Rüstungen abhängt, und daß das Problem der Sicherheit überhaupt nur so lange besteht, als die Tür für ein fortgesetztes Wettrüsten offengelaffen wird. Der Einwand Frankreichs also, mit dem es sich gegen die von ihm übernommene Verpflichtung der Abrüstung wehrt, wird hier von Italien entkräftet. Dieses stellt sich damit auf die Seite Deutschlands, das schon lange auf diesen Standpunkt steht, allerdings nicht, um uns damit zu helfen, sondern im eigenen Interesse, da es die ständigen Flottenrüstungen Frankreichs als letzten Endes gegen sich gerichtet bewerten muß. Ob durch diese Stellungnahme Italiens Frankreich von seiner Meinung abge- bracht werden wird, erscheint allerdings mehr als zweifelhaft. Bleibt es aber auf feinen bisherigen Standpunkt, so muß auch Deutschland im Hinblick auf seine Sicherheit, die wohl vor allem durch das waffenstarrende Frankreich und das kriegslüsterne Polen bedroht ist, eine entsprechende Rüstung zugestanden werden, denn was dem einen recht ist, ist dem andern billig, und da ja besonders Frankreich stets so auf die „Heiligkeit der Verträge" pocht, so wird es das, was es selbst unter der „Abrüstung", zu der es sich verpflichtet hat, versteht, auch den anderen Vertragspartnern zugestehen müssen. Man sieht schon aus dieser Folgerung, daß Grandi recht hat, wenn er die mißverstandene Sicherheit im französischen Sinne als die Grundlage des Wettrüstens bezeichnet, und jede Art von Aufrüstung umaekehrt wieder als den Grund dafür, daß es nicht zu einer wirklichen Sicherheit kommen kann.
mählich dadurch geschaffen, daß bei erfolgreicher Ansiedlung die Wohlfahrtsrente in Wegfall kommt, — und die macht für 100 000 Erwerbslose allein schon etwa 70 Millionen Mark aus. Für die Ansetzung einer gleichen Anzahl Siedler glaubt man 200 Millionen Mark aufwenden zu müssen. Natürlich soll die Durchführung des Planes unter möglichst geringem Kostenaufwand, möglichst einfach erfolgen, will man zur Pflichtarbeit von Arbeitslosen, vielleicht zum Arbeitsdienst usw. greifen, — und damit soll der Arbeitslose die Möglichkeit zum Pacht- und schließlich zum völligen Erwerb einer solchen Stelle erhalten.
Im Reichskabinett ist dieser sehr ausführliche Plan, der vom Reichsfinanzministerium ausgearbeitei wurde, bereits besprochen worden und man scheint dort geneigt zu sein, ihn bald zu Ende zu bringen. Glückt feine Ausführung, die vorerst bis zum nächsten Frühjahr die Ansetzung von 100 000 Kleinsiedlern vorsieht, so ist das gewiß nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber die Finanznot verbietet jede echte, besonders aber jede falsche „Großzügigkeit". Es ist nun einmal heute unser Schicksal, langsam und auf Krücken vorwärtszukommen und mit diesen Krücken vorher genau den Boden zu untersuchen, auf den wir unsere schwachgewordenen Füße seu»" »vollen.
4195000 Arbeitslose.
Langsames Ansteigen der Arbeitslosigkeit.
Nach dem Bericht der Reichsanstalt für die Zeit vom 16. bis 31. August hat sich das An st eigen der Arbeitslosigkeit, das Mitte Juli eingesetzt hatte, seit Mitte August etwas langsamer fortgesetzt als in der ersten Hälfte des Monats. Am 31. August waren bei den Arbeitsämtern rund 4195 000 Arbeitslose gemeldet: die Zunahme gegenüber dem vorhergehenden Stichtag belief sich aus rund 91 000 und blieb damit hinter der Zunahme in der ersten Hälfte des Monats .(rund 114 000) zurück.
Die Zahl der Unterstützungsempfänger in der Arbeitslosenversicherung und Krifenfürsorge ist zahlenmäßig stärker, um rund 96000 gestiegen, während im vorhergehenden Berichts- abschnitt beide Unterstützungseinrichtungen zusammen einen Zugang um rund 49 000 Unterstützungsempfänger zu verzeichnen hatten. Diese stärkere Zunahme ist mit der Feststellung einer allgemeinen Verlangsamung vereinbar, da ein Ansteigen der Arbeitslosenzahl infolge der Wartezeit sich in der Versicherung später auswirkt. Am 31. August wurden nach den vorläufigen Zählungen der Arbeitsämter in der Arbeitslosenversicherung rund 1281 000 (am 15. August rund 1225 000), in der Krifenfürsorge rund 1095 000 (am 15. August rund 1055 000) Hauptunterstützungsempfänger betreut.
Im Völkerbund selbst hat der Vorschlag der italienischen Regierung großes Aufsehen erregt. Man mißt diesem Vorschlag allgemein eine große politische Bedeutung bei, da nunmehr die europäischen Großmächte, insbesondere auch Frankreich, gezwungen werden, zu diesem Vorschlag Stellung zu nehmen. Ausgefallen ist ferner die von Grandi stark betonte Feststellung, daß die Abrüstungskonferenz am 2. Februar nächsten Jahres zusammentreten wird. Man sieht darin einen ausdrücklichen Hinweis der italienischen Regierung, sich jeden Vertagungsversuchen zu widersetzen. Hervorgehoben wird ferner die ausdrückliche Bereitschaftserklärung der italienischen Regierung, in die Verhandlungen über die endgültige Regelung des Reparationsproblems einzutreten, und der ausdrückliche Hinweis auf die moralischen Rückwirkungen des Abrüstungs- und Reparationsproblems. Wie verlautet, ist von englischer Seite der Vorschlag auf Abschluß eines Abkommens über die Einstellung der Rüstungen bis zum Abschluß der Abrüstungskonferenz mit großem Beifall ausgenommen worden, so daß mit dem sofortigen Beitritt der englischen Regierung und anderer Regierungen gerechnet wird.
*
Mstungssiillstand währender Abrüstungsverhandiungen
Ein italienischer Vorschlag an die Mächte.
Der italienische Außenminister Grandi hat in einer großen politischen Rede vor der Vollversammlung des Völkerbundes im Auftrage der italienischen Regierung folgenden Vorschlag an sämtliche Mächte gerichtet:
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Die Reichsregierung plant die Ansiedlung von 100 000 Er- werbslosen in Kleinsiedlungen.
* Eine allgemeine Rüstungspause während der Abrüstungsverhandlungen schlug der italienische Außenminister im Namen seiner Regierung dem Völkerbund vor. *
* Zn einer Sondersitzung des englischen Parlaments wurde zu dem Steuer- und Sparprogramm der neuen Regierung Stellung genommen.
• Die Arbeitslosigkeit ist weiter langsam gestiegen. Am 31. August wurde» rund 4195 000 Arbeitslose gezählt.