Zulöaer Anzeiger
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Nr. 226 — 1931
Fulda, Montag, 28. September
8. Jahrgang
Die französischen Minister in Berlin.
Die Gäsie.
Die Anwesenheit des französischen Ministerpräsidenten Laval und des Außenministers Briand in Berlin läßt an die Tatsache erinnern, daß seit 53 Jahren, seit den Tagen ^es Berliner Kongresses von 1878, kein amtierender französischer Minister den Boden der Hauptstadt des Deutschen Reiches betreten hat. Freilich möchte man nicht daran erinnern, welch ein gewaltiger Unterschied zwischen dem Damals und dem Heute klafft!
Wenn auch der französische Ministerpräsident heute die politisch viel wichtigere Persönlichkeit darstellt, so ist doch Briand lange Jahre hindurch gerade für die Gestaltung der d e u t s ch - f r a n z ö s i s ch e n Beziehungen als Ministerpräsident und dann als Außenminister von größter Bedeutung für uns Deutsche geworden. Er hat, aus ärmlichen Verhältnissen stammend, die typische Laufbahn des französischen Politikers hinter sich, begann parteipolitisch auf dem Flügel der radikalsten Linken und hat sich aus dieser Vergangenheit trotz starker Entwicklung nach rechts hinüber doch so viel bewahrt, daß er sich dem wilden Chauvinismus etwa eines Clemenceau oder Poincarè verschloß und bemüht war, den Deutschen gegenüber wenigstens in der Form entgegenzukommen. Aber schon Vies hat ja genügt, um seine Kandidatur um das höchste Amt in Frankreich, das des Staatspräsidenten, scheitern zu lassen.
Auch der Ministerpräsident hat sich emporhungern müssen, bis er, gleichfalls politisch links eingestellt, vom Rechtsanwaltsberuf den Sprung in die Politik machte. Briand hat ihn zum Unterstaatssekretär, schließlich zum Justizminister emporgehoben und seitdem tauchte Laval fast immer wieder in den wechselnden Kabinetten aus; allerdings ging seine politische Entwicklung beträchtlich weiter nach rechts als die seines ehemaligen Protektors, den er dafür aber vor einem schon fast unausbleiblichen Sturz bewahrte, als wegen der deutsch-öster- tèichischen Zollunion Briand zum Ziel schärfster Angriffe von der Rechten und der Mitte in der Kammer und im «1 geworden war. Natürlich ist Lavals Stellung durch die drastisch-sichtbaren Erfolge der französischen Politik in den letzten Monaten außerordentlich fest ge- lvorden; diese Erfolge zu sichern ist ja auch Zweck der Reife nach Berlin.
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Was Laval im Koffer Hai.
Ein festes wirtschaftspolitisches Programm.
„ Vor seiner Abreise nach Berlin empfing der fran- ^N Ministerpräsident Laval die französische Presse, um ihr die angekündigte Erklärung über die Berliner âmsterbegegnung abzugeben. Aus dieser Erklärung geht oeutlich hervor, daß die französischen Minister mit einem Wen wirtschaftspolitischen Programm nach Berlin ge- lomnien sind. Laval führte aus:
r^ie Reise, die Außenminister Briand und ich nach ^"unternehmen, soll nicht als eine einfache Geste der Voilichkeit betrachtet werden. Die neue Begegnung, die wir u den deutschen Reichsministern haben, soll zu posi- .^u Ergebnissen führen. Wenn die Beziehungen
Frankreich und Deutschland sich gebessert haben ""^ ^"n eine aktive Politik der Zusammenarbeit unseren beiden großen Völkern eingeleitet ist, so di? Gewißheit, daß cs dann leicht sein wird, das U r anen wieder h e r z u st e l l e n.
Aufgabe müssen die beiden Regierungen ihre V widmen. Das Werk ist heikel und schwierig, es Die Nps^ "icht unmöglich sein es ins Leben zu führen, erleid ,Zungen von London und Paris haben es schon Ünntm ^um es Fragen gibt, die unter den heutigen Ulber, v "'Hl aufgeworfen werden können, so gibt es ä'öiJ in einem Geiste des gegenseitigen Verstehens können.
wilts^uem müssen wir eine Methode festlegen, um die ändern " Etlichen Beziehungen zwischen den beiden da^^ öu regeln. Diese organisierte fortgesetzte und ander Zusammenarbeit der beiden Regierungen, an schâ- .fähigsten Vertreter der hauptsächlichsten Wirt- ^eiitifrtA r..e^ muß zu günstigen und konkreten tief nwhren. Diese Zusammenarbeit wird auch eine ®ie e psychologische Wirkung haben. Bohnen the Meinung der beiden Länder daran zu ge-
Lc Ausdauer in den Bestrebungen der wirt- Zukunu <• Zusammenarbeit festzustellen, heißt, in einer bet 'ch uls sehr nahe erwünsche, eine Atmosphäre die arnb-»^ be$ Vertrauens vorbereiten, ohne welche tonnenR1 Probleme in der Zukunft nicht gelöst werden «ad) B^l- ^ wir, Briand und ich, in diesem Geiste "nserer 9â"^lfen, sind wir sicher, dem tiefen Gefühl zu entsprechen."
Hüning« Gruß an die französischen Gäste.
Eine Erklärung des Reichskanzlers.
^rtreM^ler Dr. Brüning hat dem Berliner
Als Havasagentur folgende Erklärung gegeben: Paris fn(j ^"^ einigen Wochen der Einladung nach bolle »Me, war ich mir bewußt, daß nur vertrauens- ^chbarv^^^beit, insbesondere zwischen den beiden
Deutschland und Frankreich, den 8u w^" Gefahren der schweren Krise begegnen könne, ^^tkriü ^?^rem Maße ist dies heute der Fall. Die ' ln allen Ländern das Gefüge unseres staat
lichen Lebens zu erschüttern droht, verlangt schnelles solidarisches Handeln. So kann diese schwere Zeit sogar zum Gewinn werden, wenn sie diese Erkenntnis der Notwendigkeit gleichberechtigter Zusammenarbeit verstärkt und Wirklichkeit werden läßt. In Paris hatten wir Gelegenheit, in offener, direkter Aussprache mit den beiden französischen Staatsmännern, die uns jetzt die Ehre ihres Besuches erweisen werden, die Grundlagen für eine aufrichtige Verständigung zu suchen. Wir werden in diesen Tagen diesen unmittelbaren Gedankenaustausch fortsetzen, und auf dem bereits Bestehenden aufbauend, neue Wege und praktische Formen der Zusammenarbeit suchen. Deutschland und Frankreich haben sich aus so vielen Gebieten, z. B. der Wirtschaft und der Technik, der Kunst und der Wissenschaft, stets reich ergänzt und beschenkt, und doch haben sie bisher nur so selten versucht, den ihnen nach ihrer Lage, ihrer Struktur und ihrer inneren Verbundenheit vorgezeichneten Weg vollen gegenseitigen Verständnisses zu beschreiten. Viele Jahrzehnte sind vergangen, seitdem ein französischer Minister in offizieller Mission in Berlin weilte. Die heutigen Umstände und der gegenwärtige Rahmen haben nicht den Glanz der damaligen Zeit. Unsere Tage stehen unter dem Zeichen harter Arbeit und nüchterner Abwägung der Realitäten. Aber sie brauchen nicht minder fruchtbar zu sein. Wenn die kommende Aussprache von gegenseitigem Vertrauen getragen wird, so kann sie für unsere beiden Länder neue Z u k u n f t s Möglichkeiten eröffnen. In diesem Sinne begrüßen wir aufs aufrichtigste unsere französischen Gäste in Berlin.
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Die Ankunft in Berlin.
Brüning und Curtius am Bahnhof.
Zur Begrüßung des französischen Ministerpräsidenten und des französischen Außenministers hatten sich auf dem Bahnhof Friedrichstraße Reichskanzler Dr. Brüning und A u ß e u m i n i st e r Dr. Curtius eingefunden. Neben Mitgliedern der französischen Botschaft und einer Abordnung der französischen Kolonie in Berlin waren ferner anwesend Staatssekretär v 0 nBül 0 w vom Auswärtigen Amt, Staatssekretär Pünder von der Reichskanzlei, der Staatssekretär der preußischen Regierung, Weismann, ferner der Chef des Protokolls, Graf Tatten- bach, u. a. Der französische Botschafter in Berlin, Franyois-Poncet, sowie der deutsche Botschafter in Paris, von Hoesch, der zurzeit in Deutschland weilt, waren dem Nordexpreß bis Charlottenburg entgegengefahren.
Nach kurzer Begrüßung begaben sich die Herren durch das sogenannte Fürstenzimmer des Bahnhofs zum Vorplatz, wo eine größere Menge die französischen Gäste mit Zurufen begrüßte. Dann erfolgte die Fahrt im Kraftwagen zum Hotel Adlon. Die Straßen, durch die die Fahrt ging, waren polizeilich stcr gesichert. Dhs Hotel Adlon zeigte die französische Flagge zwischen der deutschen Reichsfahne und. der deutschen Handelsflagge. Auf der gegenüberliegenden französischen Botschaft wehten die französischen Farben.
Die deutschen Minister begleiteten ihre Gäste bis in die Hotelhalle, verabschiedeten sich hier von ihnen und fuhren dann in ihre Wohnungen zurück. Die Menschenmenge strömte dann vor das Hotel und auf den Platz zwischen Wilhelmstraße und Brandenburger Tor. Es wurden Rufe nach Briand und Laval laut. Darauf erschienen beide Minister auf dem Balkon im ersten Stock des Hotels. Auf deutsch und auf französisch ertönte der Ruf: „Es lebe der Friede!" Die französischen Minister dankten mit Handbewegungen und zogen sich bald wieder zurück.
Die vor dem Hotel wartende Menge brachte, während die französischen Minister in ihren Zimmern weilten, ständig Hochrufe ans den Frieden und die deutsch-französische Verständigung ans. Es bildeten sich Sprechchörc, die nach Laval und Briand riefen. Darin mischte sich längeres Händeklatschen; Ministerpräsident Laval zeigte sich wiederholt am offenen Fenster, Briand hinter geschloffenen Fenstern. Schließlich erschienen die beiden französischen Minister für einige Augenblicke wieder auf dem Balkon. Laval dankte der Menge mit dem Taschentuch kurz, Briand grüßte mit Händewinken und klatschte selbst in die Hände.
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„Wir werden handeln!"
Eine Erklärung Lavals.
In der französischen Botschaft ließ Ministerpräsident Laval für die deutsche Presse eine Erklärung abgeben, in der es u. a. folgendermaßen heißt:
„Unser Besuch in Berlin soll ein wichtiges Datum in der Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen be- deuten. Auf dem wirtschaftlichen Gebiet können wir sofort zur Tat schreiten. Wirwerden handeln! Die Unterredungen in Paris und in London werden das glückliche Vorspiel gewesen sein zu Gesprächen, die jetzt eine konkrete Wendung nehmen müssen. Ich habe der deutschen Regierung eine Methode vorgeschlagen. Wir wollen zusammen das Werkzeug schmieden in der Gestalt eines deutsch-französischen Ausschusses, der die Prüfung aller wirtschaftlichen Fragen, für d,e unsere beiden Länder Interesse haben, ermöglichen soll. Unsere heutige Aufgabe mag bescheiden aussehen, aber
wenn wir sie lösen, wenn wir praktische Resultate erzielen, werden wir der Sache der Annäherung am besten gedient haben.
Ich komme nach Deutschland als Präsident der französischen Regierung. Ich komme mit Herrn Aristide Briand als dem guten Arbeiter am Friedenswerk. Unser Zusammentreffen in Berlin mit dem Herrn Reichskanzler, mit dem Minister des Auswärtigen, mit dem deutschen Volk nimmt einen ergreifenden Charakter an. Die Welt ist unruhig; eine noch nie dagewesene wirtschaftliche Krise ist über sie eingebrochen; die Blicke sind auf uns gerichtet. Unsere Verständi - gu n g muß — doch — endlich kommen, denn sie, zuallererst, soll uns das Heil br;”gcn."
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Briand am Grabe Siresemanns.
Im Anschluß an die Empfänge in der französischen Botschaft sprach Laval einige Worte im Rundfunk, in denen er erklärte, er danke herzlich für den freundlichen Empfang. Briand und Poncet fuhren sodann nach dem Luisenstädtischen Friedhof, wo sie a m Grabe Strcse - m a n n s einen großen Kranz mit weißen Chrysanthemen uieberlegten.
Nach verschiedenen offiziellen Antrittsbesuchen fand ein Frühstück beim Reichsaußenminister statt, an das sich die vorgesehenen Ministerbesprechungen anschlossen.
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Der französische Ministerpräsident Laval und Der französische Außenminister Briand nahmen beim Außenminister Curtius an einem Frühstück teil, an dem außer den französischen Gästen und dem Botschafter Poncet der Reichskanzler, Staatssekretär von Bülow, Botschafter von Hoesch und andere deutsche Staatsmänner erschienen waren.
Die für Sonntag vorgesehenen Ministerbcsprechunaen fan- ven beim Reichskanzler statt. Für 20.30 Uhr war ein Essen beim Reichskanzler festgesetzt, an das sich ein Empfang schloß. Bei diesem Essen wurden die offiziellen Reden gehalten.
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Wünsche zum Ministerbesuch.
1% Milliarden Goldmark, die nicht auf Reparationskonto gutgeschrieben wurden.
Die Reichsvereinigung ehemaliger Kriegsgefangener e. V. hat aus Anlaß des Besuches der französischen Minister an den Reichskanzler ein Schreiben gerichtet, in dem es u. a. heißt: Nach dem Waffenstillstand und der Heimschaffung der französischen Kriegsgefangenen aus Deutschland hielt Frankreich über 400 000 kriegsgefangene Deutsche zurück. Es gab sie erst unter dem immer stärker werdenden moralischen Druck der Weltmeinung im Frühjahr 1920 frei. Während dieser Zeit wurden die kriegsgefangenen Deutschen von Frankreich zu den ersten, schwierigsten und gefährlichsten Wiederher stellungsarbeiten im zerstörten Kriegsgebiet verwendet. Diese unter schweren materiellen und seelischen Opfern der kriegsgefangenen Deutschen und ihrer Angehörigen geleistete Mederaufbau- arbeit muß auch offiziell von Frankreich als eine Reparationsleistung anerkannt und ihr Wert Deutschland auf Reparationskonto gutgeschrieben werden. Dieser Wert ist mit 1% Milliarden Goldmark errechnet worden. Bisher ist eine solche Gutschrift nicht erfolgt. Wenn Frankreich und seinen leitenden Staatsmännern wirklich an einer Verständigung mit Deutschland gelegen ist, dann sollte es nicht zögern, die erste Leistung Deutschlands zur Wiederherstellung der Kriegsgebiete in ihrer moralischen und materiellen Bedeutung anzuerkennen. Vielleicht bietet sich auch die Gelegenheit, die französischen Minister darauf aufmerksam zu machen, daß eine Erleichterung der formalen Schwierigkeiten, die immer noch einer wirksamen Betreuung unserer Kameradengräber in Frankreich entgegenstehen und eine Beseitigung des skandalösen Zustandes, in dem sich vielfach die Gräber der in Frankreich verstorbenen deutschen Kriegsgefangenen befinden, dem Ausgleich der Gegensätze zwischen Frankreich und Deutschland dienen würde.
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Katholischer Kriedensgotiesdienst.
Für Frieden und Völkcrversvhnung
Anläßlich des Besuches der französischen Minister in Berlin war auf Anordnung des Berliner Bischofs Dr. Schreiber der Gottesdienst für die französischen Kathottken in der Tominikanerkapelle St. Maria-Viktoria zu einer religiösen Kundgebung für Frieden und Volker- Versöhnung ausgestaltet worden. Im Auftrage des Bischofs, der sich auf einer Firmungsreise befindet, las Generalvikar Domprobst Prälat Dr. Steinmann eme
Kleine Zeitung für eilige Leser.
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* Der französische Ministerpräsident Laval und der französische Außenminister Briand sind zu ihrem Staatsbesuch in Berlin eingetroffen.
* In Hamburg fanden die Wahlen zur Bürgerschaft statt.
• Aus Nicderschlcsien und aus Oberschlesien wird Hochwaf,— gemeldet. Das Waffer hat im Kreise Ratibor und im Kreise Pleß zu lleberschwemmungen geführt.
* „Graf Zeppelin" ist von seiner Süd-Amerikasahrt wohlbehalten zurückgekehrt.