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Ärlöaer /lnzeiger

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«r. 248 1931

Fulda, Freitag, 23. Oktober

8. Jahrgang

Staatsbesuche hüben und drüben

FmKreilhs

Damoklesschwert und Knüppel.

Warnungen an Laval und Hoover.

Mit Freudenschüssen, Parade, großen Auszügen und Rathausreden begrüßte Newyork den französischen Ministerpräsidenten Laval bei feiner Ankunst auf ameri­kanischem Boden. Diese Feierlichkeiten gehen über das Maß des sonst bei politischen Empfängen Üblichen hinaus md zeigen, daß man dem Ministerbesuch ganz besondere Bedeutung beimißt. Der Besuch wird nur kurz sein, und es ist fraglich, ob das Resultat dem großen Aufwand ent­sprechen wird. Schon sind bittere Tropfen in den Becher der Freude gefallen, denn der Beschluß der New- yorker Großbanken, die Verzinsung des franzö - sischenKapitalsin Amerika nicht zu erhöhen, scheint das kürzliche Abkommen zwischen der Bank von Frank­reich und der Federal Refervebank ernstlich in Frage zu stellen. Der Untergouverneur der Bank von Frankreich soll diese Erhöhung zur Vorbedingung für die Be­lassung der 200 Millionen Dollar in Amerika gemacht haben. In Kreisen der Bank von Frankreich nimmt man anscheinend an, daß es den französischen Unterhändlern doch noch gelingen werde, eine Erhöhung d e s Zins­fußes durchzudrücken. Sollte dies jedoch nicht der Fall sein, so erscheint es nicht ausgeschlossen, daß die Bank von Frankreich ihr Geld aus Amerika z u r ü ck z i e h t, was natürlich zur Folge haben würde, daß auch die übrigen Pariser Großbanken ihre Guthaben vollständig löschen würden. Gewisse französische Kreise führen als Grund für das Ultimatum an die amerikanischen Banken an, daß es das Damoklesschwert sei, das über dem Haupt des Präsidenten Hoover bei seinen Besprechungen mit Laval schwebe. Laval strebe nach dem Weltfrieden, aber im französischen Sinne, und der Franc fei der Knüppel, mit dem er die französische Übersetzung des WortesSicherheit* in den Kops des amerikanischen Präsidenten hineinpauken wolle.

Aber nicht nur in bezug auf das Verhältnis Ame­rika-Frankreich werden Stimmen von Pessimisten laut, sondern auch ein Erfolg für die Behebung der W el t= Wirtschaftskrise wird mit einigem Zweifel be­trachtet. Der bekannte schwedische Polkswirtschaftler und Währungsfachmann Professor Gustav Cassel wendet sich in einem Artikel mit einer Warnung an Lavalund Hoover. Er schreibt u. a.:

Haben Laval und Hoover verstanden, was es gilt? Haben sie sich so sehr von Kriegstraditionen und wirtschaftlichen Zwangsvorstellungen freimachen können, daß sie radikal mit der Politik zu brechen vermögen, die die Weltwirtschaft an den Rand des Abgrundes geführt hat?" . Cassel stellt fest, daß die T r i b u t s o r d e r u n g e n ohne di.e geringste Rücksicht auf Deutschlands Zahlungs­schwierigkeiten festgesetzt worden sind. Trotz der Kata­strophe, die jetzt über die Welt hereingebrochen sei, habe man sich noch nicht die Frage borgelegt, ob es für Deutsch­land möglich sei, auch nur einen kleinen Bruchteil der Reparationen zu zahlen. Man befürchte, daß Deutsch­land durch wirtschaftliches Aufblühen wieder erstarken könne, und fordere die Tribute, um es an> Boden zu halten. Deutschland sei nicht imstande gewesen, auch nur einen Pfennig der Reparationen selbst zu zahlen; die deutsche Auslandsverschuldung sei um 18,2 Milliarden Mark ge= Wn. Jetzt könne Deutschland nichts mehr borgen; im Gegenteil: das Ausland entziehe ihm die kurzfristigen «redite. Nun frage man sich, was denn eigentlich ge- Men solle, wenn das Moratorium ablaufe. 7 i« für Deutschland unmöglich, in nächster Zukunft jD^kvelche Zahlungen aufzubringen. Frankreich komme k^och nicht nach Washington mit einem Programm, in diese Tatsache berücksichtigt werde. Es gebe kein An- dafür, daß sich die Staatsmänner, die sich jetzt in Wüngton treffen wollten, über die Gefahr ein - l 9 e r Gold Verteilung klar seien. Eine Her- o. '^g der Kriegsschulden fei in Wirklichkeit kein Opfer. ^ Washington werde man jedoch über unwesentliche sprechen und weiter so handeln wie bisher; man ^ auf alle Weise Gold aneignen, das Preisniveau drucken und die letzten Reste des Vertrauens und der ^ .^.Möglichkeit vernichten. Darauf werde man die n ^"schuld waschen. Es nütze nichts, zu versuchen, m^ch und Amerika davon zu überzeugen, daß sie c $ 1 handelten. Aber her allgemeine Ruin m.^^ sie bald erreichen. Fraglich sei nur, ob die neck erkannt werde, ehe es zu spät sei.

*

Begrüßung Lavals in Newyork.

111 Reparationsgegner empfängt den Minister.

prâsid^/'IA de France" mit dem französischen Ministcr- Hafen N ^?öal a Bord traf pünktlich im Newyorker Fahnen mit französischen und amerikanischen York»^»geschmückte Staatskutter der Stadt New- ^neftnfi»,, ?"Ual und seine Begleiter von der Quaran-

Schisses befand sich der städtische » W unter Führung des Aufstchtsratsvor- der fZ der Chase Nationalbank, W i g g i n. Infolge den Neum-^»rgeustunde hatte sich nur eine geringe Zahl Der an der Battery eingefunden. Parker Enin^"-Ug Wiggins zum Vorsitzenden des New- ^Dviangs ausschusses mißt um» in unterrichteten

7 t in Washington.

amerikanischen Finanzkreisen angesichts der bekannten Stellungnahme Wiggins für die Streichung der R e p a r a t i o n s z a h l u n g e n, die er als das beste Ge­schäft für Amerika bezeichnete, große Bedeutung bei.

Im Batterypark wurde Laval von Staatssekretär S t i m s o n offiziell begrüßt, worauf die Fahrt über den Broadway nach der City Hall angetreten wurde. Ein langer Zug Automobile, an der Spitze die französischen Gäste und die amerikanischen Regierungsvertreter, fuhr den Broadway entlang, wo er mit Konfetti und P a p i e r st r e i k e n förmlich überschüttet wurde.

*

Erklärungen Lavals vor der Washingtoner Presse.

Washington, 22. Okt. (Eigene Funkmeldung.)

Der französische Ministerpräsident Laval ist im Sonder­zug in Washington eingetroffen. Laval machte Präsident Hoover einen kurzen Antrittsbesuch und nahm abends an einem im Weißen Haus für die Ehrengäste der Porktown- feier veranstalteten Bankett teil, zu dem auch der deutsche Botschafter geladen war. Im Laufe des Nachmittags empfing Laval die Presse, die er eindringlich bat, sich

Berlin erwartet Italiens Außenminister

Grandis Besuch in Berlin.

Was Muffolini von der Reise hofft.

Wenn der französische Ministerpräsident im Weißen Hause in Washington seine Hauptbesprechung mit dem amerikanischen Präsidenten haben wird, wird der ita­lienische A u ß e n m i n i st e r Grandi am Sonntag in Berlin der deutschen Regierung seinen Besuch machen. Der italienische Slaatschef Mussolini, der auch ein­geladen war, mußte dringender Regierungsgeschäfte wegen zu seinem großen Bedauern den Besuch absagen, den er aber später einmal nachzuholen gedenkt. Über den Geist, in dem die Verhandlungen Grandis in Berlin stehen sollen, erklärt das Blatt Mussolinis, diePopolo d'Jtalia*, u. a. folgendes:

Die gegenwärtige Krise kann nur mit einer allge­meinen Verständigung überwunden werden. Keine Nation kann sich ihr entziehen, selbst wenn sie sich mit Barrikaden von Goldbarren oder Zollmauern und Fe stungen umgibt.

Nach J)er Waffenruhe müssen die Gemüter beruhigt und der Kriegshaß ebenso abgebaut werden wie die ge­waltsam aufaezwunaenen Bedinaunaen. ^n

Hier wird Grandi in Berlin wohnen.

Der italieniische Außenminister Grandi, der am Sonntag den deutschen Ministerbesuch in Rom erwidern wird, hat sich in einem Berlner Hotel einige Zimmer reservieren lassen. Oben: der Salon Grandis, unten: das Schlaf- -immer des Ministers.

der Überwindung des Kriegsgei st es 'ist Italien seit einem Jahrzehnt allen Nationen voran­gegangen.

Zu Deutschland Vertrauen zu haben, betrachten wir als das beste Mittel, um das Vertrauen in Europa wieder herzustellen. Alle drei großen Kulturen unseres Kontinents, die französische, italienische und deutsche, sind für das Gedeihen Europas nötia. Die

nicht in Vermutungen zu ergehen oder von Entscheidungen zu sprechen, die noch nicht gefallen seien. Er sei hierher gekommen, um mit Präsident Hoover alle Probleme zu besprechen, welche die Welt bewegten. In einigen Punkten hoffe er mit Hoover zu einer endgültigen Verständigung zu kommen, in anderen werde sich eine Lösung nicht mit einem Schlag erreichen lassen; jedenfalls aber werde man den gegenseitigen Standpunkt besser ken­nen lernen. Frankreich sei weder kriegerisch, noch wolle es in Europa vorherrschen, es wolle im Gegenteil durch diese Besuche in London, Berlin und Washington dartun, daß es bereit sei, seinen Teil an der nötigen Zusammen­arbeit zu übernehmen, und Zusammenarbeit sei heute nötiger als je.

Washingtoner Befürchtungen.

Die Washingtoner Regierungskreise zeigen sich besorgt über die hartnäckigen Gerüchte, daß Laval beabsichtige, die Sicherheitspaktforderungen in den Vorder­grund zu stellen. In Washington wird erneut unzwei­deutig zu verstehen gegeben, daß die amerikanische Regie­rung nicht in der Lage sei, derartige Wünsche zu berück­sichtigen. Die wichtigste Frage sei die der Wiederbelebung der kranken Weltwirtschaft. Daher müßten in erster Linie die Fragen der Kriegsverschuldung, des Goldstandards, der Kreditvcrteilung und der A b r ü st u n g behandelt werden. Die Frage eines Sicherheits- oder Garantiepaktes zur Sprache zu bringen, sei für Hoover eine zu starke Belastung und daher nicht erörterungsfähig.

Berliner Reise Grandis steht über der Partei- Politik und wird zweifellos dazu beitragen, zwischen den Völkern das Vertrauen und den gesunden ersprieß­lichen Geist der Zusammenarbeit zu festigen.*

In einer Unterredung wies Grandi darauf hin, daß seine Reise nach Berlin sich in die Reihe der Zusam­menkünfte zwischen Staatsmännern einfüge. Diese Zu­sammenkünfte sind nach Auffassung Grandis bestimmt, die internationale Zusammenarbeit zu ent­wickeln, die zur Überwindung der Weltkrise erforderlich ist. Italien verfolgt inzwischen mit viel Interesse und Sym­pathie den Besuch des Präsidenten L a v a l in W a sh i n g- t o n. Die französisch-amerikanische Zusammenkunft kann einen entscheidenden Schritt darstellen und ich würde sehr froh sein, wenn ich bei meiner Ankunft in Amerika die glücklichen Ergebnisse feststellen könnte.

Das Programm für den Grandi-Besuch.

Das endgültige Programm für den Empfang des italienischen Außenministers Grandi sieht vor, daß Sonn­tag mittag ein Frühstück bei Staatssekretär von Bülow, Sonntag abend das übliche Staatsdiner beim Reichs­kanzler Dr. Brüning stattfindet. Der Empfang durch den Reichspräsidenten ist für Montag vormittag angesetzt.

Bemerkenswerte Ausführungen desGiornalc d'Jlalia".

Unter der ÜberschriftZusammenarbeit* hebt Giornale d'Jtalia", das Sprachrohr des Außenministe­riums, die politische Bedeutung der Grandi-Reise nach Berlin hervor.

Im Vordergrund der Berliner Unterredungen werden natürlich die Fragen der Abrüstung, der Reparationen und der Schulden stehen.

Italien habe stets den Standpunkt vertreten, daß die Regierungen vor allem diejenigen Fragen angreifen sollten, aus die sie selbst einen unmittelbaren Einfluß hätten, wie die Fragen der Rüstungen, der Schulden und der Repara­tionen.

Die Berliner Unterredungen würden also den großen Problemen von allgemeinem Interesse gewidmet sein. Italien habe Wert darauf gelegt, Deutschland in die Ver­sammlung der Großmächte einzuschalten, und lege Wert darauf, daß Deutschland weiterhin daran teilnehme. Mussolini habe wiederholt festgestellt, daß Italien in Deutschland ein wesentliches Element der politischen und wirtschaftlichen Befriedung Europas sehe.

Italien wünsche ein gesundes, starkes, aktives Deutsch­land, das in eine Lage versetzt sei, die ihm die volle und dauernde Ausübung seiner politischen Verantwortung ge­währleiste.

Die internationale Stellung Deutschlands wachse dank seiner inneren Stärke, und daraus ergebe sich die Bedeutung der bevorstehenden Unterredung, die dem Aus­bau der deutsch-italienischen Freundschaft und der Rege­lung der gegenseitigen Interessen dienen und gleichzeitig zur Klärung und allgemeinen Verständigung Europas beitragen würden. Die Berliner Unterredungen würden die zahlreichen Punkte der Zusammenarbeit und der Über­einstimmung vermehren, die sich zwischen Rom und Berlin bereits ergeben haben.

Kleine Zeitung für eilige Leser

* Im Preußischen Landtag wurden die Mißtrauensanträge gegen das Staatsministerium mit 225 gegen 195 Stimmen abgelehnt.

* Der französische Ministerpräsident wurde bei seiner An- kunft in Newyork festlich empfangen.

* Im Calmette-Prozeß wurde die aufsehenerregende Mit­teilung gemacht, daß auch in Bulgarien vor einiger Zeit zahl­reiche Kmder nach Fütterung mit dem Calmette-Präparat gestorben sinh.