Lul-aer /lnzeiger
Erscheint jeden Werktag.Vezugsprels: monatlich g 20 rM. Bei Lieferungsbehmöerungen öurch Were Gewalten", Streiks, Aussperrungen, Bahnsperre usw. erwachsen dem Bezieher keine Ansprüche. Verlag Zrieörich Chrenklau, Zulöa, Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungsver. leger. Postscheckkonto: Kcankfurt a. M. Nr. 16009
Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zul-a» un- Haunetal »Zulöaer Kreisbla«
Re-aktlon un- Geschäftsstelle: Königstraße 42 ♦ Zernsprech-HnschluK Nr.-t- »ach-nuk *w*tt* Mtfet>tntn prüfet rar *N <jgrfcerae* .M»«r Jtaseigrr'gtfkxftat.
TUtIeigtnpreLs: §ür Leh-r-en, Genosseupha^ ten,Banken usw. beträgt èi< Älefajtflt OJO ML, für auswärtige Mstraggeber 0.25 Mk^ für dir
Reklamezelle 0.90 Mk. n. alle «aderen 0.15 Mk^
Reklamezelle 0.60 Mark ♦ Bei Rechnungsstel«
M 250 — 1931
Fulda, Montag, 26. Oktober
8. Jahrgang
Grandi in Berlin.
Der italienische Besuch.
Der italienische Außenminister Dino Grandi ist in Berlin eingetroffen, um den Besuch der deutschen Minister in Ron, zu erwidern.
Auf dem Bahnsteig hatten sich zum Empfang eingefunden: Reichskanzler Brüning in seiner Eigenschaft als Außennlinister mit dem Staatssekretär von Bülow und Ministerialdirektor Köpke vom Auswärtigen Amt, dem Chef des Protokolls, Graf Tattenbach, dem deutschen Botschafter in Rom, von Schubert und Gattin und Herren des Auswärtigen Amies, der italienische Botschafter, Orsini Baroni, mit dem gesamten Personal der italienischen Botschaft, sowie der italienischen Handelskammer und Hervoragende Persönlichkeiten der italienischen Kolonie.
Reichskanzler Brüning begrüßte den italienischen Außenminister und seine Gemahlin sowie die Herren seiner Begleitung aus das herzlichste.
Beim Verlassen des Bahnhofs wurden die Gäste von der italienischen Kolonie begrüßt, dre dort Aufstellung genommen halten. Er ertönten laute Rufe: „Grandi evviva". Ein weiß gekleidels Mädchen überreichte Frau Grandi einen Blumenstrauß mit Schleife in den italienischen -färben als Gruß der in Berlin ansässigen Italiener. Tie Abfahrt zum Esplanade-Hotel, in dem Grandi und seine Begleitung Wohnung nehmen, vollzog sich in vollster Ruhe.
Kurz vor zehn Uhr trafen die Wagen vor dem Hotel Esplanade ein, das außer mit den italienischen Farben auch mit der schwarzrotgoldenen Reichs- und der schwarz- weißroim Handelsflagge geschmückt war. Mitglieder der italienischen Kolonie harrten längere Zeil vor dem Hotel aus und brachten verschiedentlich Hochrufe auf Grandi aus, worauf sich der italienische Außenminister noch im Reiseanzug einige Male am Fenster seines Hotelzimmers, Mer dem die italienische Flagge wehte, zeigte und seine Landsleute mit dem Faschistengruß und mit Winken begrüßte.
Kurz vor elf Uhr begab sich Grandi zusammen mit dem italienischen Botschafter im Kraftwagen durch die Tierganenstraße und durchs Brandenburger Tor zur Reichskanzlei in der Wilhelmstraße, um dem Reichskanzler und darauf dem Staatssekretär von Bülow seinen Besuch zu machen.
Die erste Unterredung.
Bei dem Besuch Grandis beim Reichskanzler fand eine erste, etwa Dreiviertelstunde dauernde Besprechung über politische Fragen statt.
Um 12.30 Uhr begab sich der Reichskanzler zur ltalienischen Botschaft, um den Besuch Grandis zu erwidern.
Um 13.30 Uhr gab Staatssekretär von Bülow zu Ehren der italienischen Gäste im Hotel Adlon ein Frühstück mit Damen, an dem neben dem Reichskanzler u. a. auch die Staatssekretäre Pünder und Köpke, Ministerial- dlrcktor Gauß, der italienische Botschafter und der deutsche Botschafter in Rom teilnahmen.
Der italienische Außenminister Grandi, der jetzt den römischen Besuch des Reichskanzlers in Berlin erwidert, öndet in der Reichshauptstadt ein umfangreiches Programm vor. Seiner Gemahlin nimmt sich besonders die Eattin des Vizekanzlers Dietrich an, da Dr. Brüning ja unverheiratet ist.
Minister Grandi ist übrigens mit seinen 36 Jahren °", > ü n g st e A u ß e n m i n i st e r in Europa. Er blickt Ä glänzende Laufbahn zurück. Er wurde geboren ,M ^uni 1895 in Mordana bei Imola. Als Student Mn er sich beim Ausbruch des Weltkrieges politisch zu und setzte sich für den Eintritt Italiens in den M-rieg ein. Er wurde Soldat, später Offizier in einem luniregiment und zeichnete sich mehrfach besonders aus. dem Kriege setzte Grandi seine rechtswissenschaft- y etubien fort und betätigte sich gleichzeitig politisch -"^Estisch. Im Faschismus errang er sich schnell führende Stellung, kam in die Kammer und wurde der faschistischen Fraktion. Er wurde dann in Reihenfolge Vizepräsident der Kammer, Unter« fps..»." ?Er im Innenministerium und 1925 Unterstaats- im Ministerium des Auswärtigen.
s n Grandi wurde von Mussolini zu zahlreichen b e = auf h e r e n Missionen verwandt. Er vertrat Italien Völkerbundtagung im Dezember 1928 in Lugano tm gleichen Monat in neuer Mission nach Angora um in dem griechisch-türkischen Thrazienkonflikt und N.teln. Im April 1929 besuchte Grandi Albanien Am»-», > e die Besprechungen über eine große albanische best „Italien. Daran knüpften sich Besuche in Buda- und Warschau.
viel»«'" ^^plember 1929 wurde Grandi, der nun schon seit Umn^u en als die rechte Hand des Duce gilt, bei der beâ h s Ä des italienischen Kabinetts mit der Leitung ^eriums^beauftra" Mussolini selbst geführten Außenmini-
Der neue Minifierbesuch, sonders"»»?"^ ^c Aufmerksamkeit der Welt zurzeit be- Aashinamn dle. Unterhaltungen gerichtet ist, die jetzt in ten t^bV» dem französischen Ministcrpräsiden- finben s» ?m Präsidenten der Vereinigten Staaten statt- Außen'm!.,;^deulet trotzdem der Besuch des italienischen I ârs rn Berlin mehr als nur eine Fortsetzung
der Besuche, die gerade der Deutsche Reichskanzler, Dr. Brüning, eingeführt hat und für wertvoller hält als offizielle Konferenzveranstaltungen. Die Reise Dr. Brünings nach Rom und der Gegenbesuch Grandis in Berlin hat doch als Hintergrund das Bestreben, nun nicht einfach die Hilfe Frankreichs und Amerikas abzuwarten, sondern zeugt von dem Willen, trotz schwerster finanzpolitischer Bedrängnisse selbst dafür zu sorgen und alles vorzubereiten, daß die beiden Reiche diesseits und jenseits der Alpen sich herausarbeiten wollen aus den Bedrängnissen und Schwierigkeiten der Gegenwart. Grandi ist nach Berlin gereist als Vertreter des „Duce", der es vermeidet, den Boden der Heimat zu verlassen; der einmalige Besuch in Genf bedeutete eine Ausnahme von diesem Grundsatz, den Mussolini auch den anderen Staaten aeaenüber beobachtet hat.
Die italienischen Gäste in Berlin.
Von links nach rechts: Staatssekretär Dr. Pünder. Staatssekretär Weißmann. Reichskanzler Dr. Brüning, der italienische Außenminister Grandi, oer italienische Botschafrer in Berlin, Orsini Baroni.
Auch Italien hat sich veranlaßt gesehen, n. finanzieller und handelspolitischer Beziehung zur Selbsthilfe zu greifen. Wenn der Besuch Grandis die Plattform verbreitern soll, nun nicht bloß einzig und allein an das eigene Volk zu denken, sondern im Interesse gerade des eigenen Volkes zu einer Zusammenarbeit der Staaten des Kontinents zu gelangen, was Dr. Brüning mit seinem Besuch in Rom anzubahnen versuchte, so ist diese weitere Zielsetzung der beiden Staatsmänner dafür bestimmt, an die Stelle der Utopie zu treten, die unter der Ägide Briands als „Vereinigte Staaten Europas" die Vergangenheit gestalten wollte. Was Deutschland will und was Dr. Brüning mit Italien zu vereinbaren wünscht, ist daher nichts anderes als eine wirtschaftliche Zusammenarbeit. Die politischen Streitfragen zwischen beiden Staaten bleiben trotzdem bestehen. ihre Erledigung wird aber vertagt.
Auf der anderen Seite soll aber deutscherseits auch
Die Reparationsfrage in Washington.
Der Wink mit dem Zaur^ W.
Was Hoover nicht sagen will, sagt Borah.
Es kann niemanden wundern, daß Erklärungen, die der amerikanische Senator Borah anläßlich des Besuches des französischen Ministerpräsidenten Laval bei Hoover abgegeben hat, in Frankreich außerordentlich verschnupft haben. Vor.allem haben außer dem Inhalt der Rede auch die besonderen Umstände, unter denen die Erklärungen abgegeben wurden, dazu beigetragen. Es wurde eine Zusammenkunft der französischen Presse in Washington organisiert und vor ihr spricht der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Senats, der wegen seiner Neparationsfeindlichkeit bekannt ist und sagt den französischen Journalisten gerade das, was ihr Ministerpräsident nicht gerne hören möchte. Die ganze Aufmachung muß darauf schließen lassen, daß Hoover zeigen wollte, daß er und sein Außenminister S t i m s o n die Gedankengänge Borahs billigen. Tas ganze sieht wie ein Wink mit dem Z a u n p f a h l an Laval aus, sich nicht zu weit mit seinen Wünschen an Amerika vorzuwagen, um ihm eine demütigende Ablehnung zu ersparen. Deswegen sind die Ausführungen BoraHS in ihren Einzelheiten von besonderem Interesse. Der Senator betonte, daß er jede Form eines Sicherheits- Paktes aufs äußerste bekämpfen würde. Die wahre Abrüstung in Europa sei unmöglich, solange nicht gewisse Bestimmungen des Versailler Vertrages aufgehoben würden. Insbesondere müsse die Frage des Weichselkorridors durchgreifend zugunsten Deutschland neu geregelt werden. Auch boS an Ungarn begangene Unrecht müsse wieder gütgemacht werden. W i r t s ch a f t l i ch e Z w a n g s m a ß n a h m e n zur Erhaltung des Friedens seien zwecklos, wenn sie gegen
nicht vergessen werden, daß das Italien Mussolinis die erste kontinental-europäische Macht war, die die Unmöglichkeit der bisherigen Regelung unserer Tributzahlungen vor aller Welt preisgegeben hat. Selbstverständlich wird man für uns Deutsche diese so günstige Stellungnahme politisch in ihrer Wirkung nicht überschätzen, schon deswegen nicht, weil Italien eben aus dem Kriege mit großem Gewinne herausgegangen ist. Daß dies auf Kosten Österreichs geschah, ändert nichts an der schweren, dem Deutschtum geschlagenen Wunde. Die Machtbestrebungen Italiens im Mittelmeerbecken gehen jetzt aber nach Süden und Osten, also nach anderen Richtungen. Daß sie dabei überall auf französische Machtansprüche stoßen, hat letzten Endes auch dazu geführt, daß die einst im Weltkrieg und hernach so eng verbündeten „lateinischen Schwestern" heute bis an die Zähne gerüstet einander gegenüberstehen. Dieser Gegensatz ist es aber gewesen, der vor einem Jahr die amerikanisch-englischen Abrüstungswünsche der Londoner Marinekonferenz scheitern ließ und der jetzt wieder von stärkstem Einfluß auf die bevorstehende Abrüstungskon
ferenz ist, an der aber Deutschland aus grundsätzlichen Erwägungen überaus interessiert sein muß. Der italienische'Außenminister Grandi war es, der auf der letzten Genfer Völkerbundkonferenz den Vorschlag eines Rüstungsfeierjahres gemacht hat, und man geht infolgedessen kaum fehl in der Annahme, daß jetzt sein Berliner Besuch nicht zuletzt der Vorbereitung der für den Februar nächsten Jahres geplanten Abrüstungskonferenz dient. Für diese steht Deutschlands Rechtsanspruch nach wie vor fest: die Weltabrüftung ist und bleibt eine feierlich gegebene Verpflichtung der im Völkerbund vereinigten Staaten der Welt.
Auch dann, wenn der Berliner Besuch des italienischen Außenministers hauptsächlich einer engeren wirtschaftlichen Zusammenarbeit gelten soll, wird Dr. Brüning dem Außenminister Italiens jenen deutschen Standpunkt in der Abrüstungsfrage vor Augen rücken dürfen.
Großmächte angewendet würden. Der Boykott gegen Japan beispielsweise würde unbedingt zum Kriege führen. Zum Problem der K r i e g s ve r s chu l d u n g übergehend, erklärte Borah, daß er sich für die Streichung der interalliierten Schulden nur dann einsetzen werde, wenn gleichzeitig auch die Reparationen g e • strichen würden. Er sehe der kommenden A b - rüstungskonferenz mit ausgesprochenem Pessimismus entgegen, falls nicht die oben genannten Voraus- setzungen erfüllt, also der Versailler Vertrag geändert werde. Ebenso wenig könne es eine wirkliche Abrüstung geben, wenn lediglich die Ziffern der Heereshaushalte als Maßstab genommen würden. Denn militärisch starke Nationen könnten mit geringeren Mitteln ebenso leicht einen Krieg vorbereiten, wie mit den gegenwärtigen Riesenausgaben. „Das Wesentliche, Grundlegende der Sicherheitsfrage besteht," so hob Borah hervor, „im Gerechtigkeitssinn der europäischen Völker in der Grenzfrage."
Weiter wies Borah darauf hin, daß es jetzt zu spät sei, an eine Verlängerung des Hoover-Moratoriums zu
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Der italienische Außenminister Grandi stattet der deutsche, Regier«,«g seinen Besuch ab.
* Verhandlungen des Neichswirtschaftsministers mit Ver tretern der Gewerkschaften und des Handwerks leiteten dü Konferenzen über das Winterprogramm der Regierung ein
* Eine Rede des amerikanischen Senators Borah anlätzliä vcs Besuches Lavals für die Aufhebung der Reparationei erregt groSeS Aufsehen.