ZulSaer Anzeiger
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Nr. 251 — 1931
Fulda, Dienstag, 27, Oktober
8. Jahrgang
Die deutsch-italienische Freundschaft.
Vertrauen für Vertrauen.
Wir sind durch die vielen Festreden bei den Ministerbesuchen der letzten Zeit schon etwas abgestumpft worden gegen die zahlreichen Freundschaftsbereuerungen ausländischer Gäste, die nachher häufig praktische Konsequenzen vermiffen ließen; aber die Töne, die jetzt bei dem Besuch des italienischen Außenministers in Berlin angeschlagen werden, lassen doch erkennen, daß es sich hierbei nicht lediglich um Trinksprüche und Höflichkeitsbezeugungen handelt, sondern daß sie aus einer tiefergehenden Sympathie nicht nur der Staatsmänner, sondern der Völker zueinander hervorgehen. Es schwingt in ihnen ein Unterton der Herzlichkeit, den man schwerlich überhören kann und den man z. B. in den Unterhaltungen zwischen Hoover und Laval völlig vermißte. Allzuviel greifbare Resultate darf man ja von solchen Schnellbesuchen, die fast völlig durch die Erfüllung diplomatischer Höflich- keitspflichien ausgefüllt werden, nicht verlangen; um so wertvoller ist es daher, wenn man gefühlsmäßig feststellen kann, daß unsere Beziehungen zu Italien auf einer Wahlverwandtschaft zwischen den beiden Völkern beruhen. Sie wird sich sicher fester erweisen als jede materielle Interessengemeinschaft, die nur allzuoft in ihr Gegenteil umschlägt. Aus allen Reden Grandis klingt es hervor, daß Italien das Vertrauen zu Deutschland bereits hat, das es von den anderen Völkern als die Grundlage für eine Besserung der europäischen Verhältnisse fordert, und aus den Reden der deutschen Staatsmänner wird Grandi die Überzeugung mit nach Hause nehmen, daß Deutschland Vertrauen mit Vertrauen zu vergelten weiß.
Empfang beim Reichskanzler.
Trinksprülyk Brünings und Grandis.
Reichskanzler Dr Brüumg gab zu Ehren des italienischen Außenministers Granin uno seiner Begleitung ein Abendessen, zu dem die Mitglieder des Reichskabinetts, Der Donen des Diplomatischen Korps, der italienische Botschafter, Präsident des Reichstages, Vertreter des Reichswirtschastsrais sowie einige Mitglieder des Reichstages und Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Presse geladen waren. Während des Essens brachte
Reichskanzler Dr. Brüning
folgenden Trinkspruch aus:
„Herr Minister! Im Namen der Reichsregierung heiße ich Eure Erzellen; in der Reichshauptstadt herzlich willkommen und bitte Sie, unseren Willkommengruß auch Ihrer Erzellenz Frau Grandi übermitteln zu wollen.
Mit freudiger Genugtuung haben wir davon Kenntnis genommen, daß seine Exzellenz der Ches der italienischen Regierung gleichfalls die Absicht hat, meiner Einladung nach Berlin zu folgen. Niemals ist ein solcher unmittelbarer Gedankenaustausch zwischen den verantwortlichen Trägern der internationalen Politik notwendiger gewesen als jetzt, wo mir vor den ernstesten und schwersten Problemen stehen, die nur durch die gemeinsamen Anstren- gungen aller beteiligten Regierungen und Völker zu lösen sind.
Wenn ich an die unvergeßlichen Tage denke, die ich in der Ewigen Stadt inmitten der wundervollen Denkmäler einer Geschichte von Jahrtausenden erleben durfte, muß W) fürchten, daß dem Gast aus Rom unsere Reichshaupi- siadi vielleicht nüchtern erscheinen wird Doch wird die Größe und der, Ernst des Arbeitswillens, der hinter dieser nüchternen Fassade Berlins steht, gerade bei dem Mitglied ^m Regierung auf volle Würdigung rechnen dürfen, die unter der bewährten Leitung ihres Führers ihre Kraft 1™ besonderen Maße der Modernisierung von Handel, Älnschgf, und Verkehr Italiens widmet und dabei so . bewundernswerte Erfolge erzielt hat. So. hoffe ich, wird è .Aufenthalt in unserer Hauptstadt Ihnen, Herr Minister, weitere Beweise dafür liefern, daß wir Deutsche unser Letztes daran setzen, die Not der Zeit durch zähe Arbeit zu überwinden, wobei wir uns wohl bewußt sind, baß das Ziel nur durch vertrauensvolles Zusammen- nürkeu aller Völker erreicht werden kann.
Das deutsche Volk fühlt sich allen denen innerlich ver- bunden, die gewillt sind, vergangenen Hader ruhen zu nssen und ihre ganze Kraft den Aufgaben der Gegenwart, Forderungen der Zukunft zu widmen. Mit ehrlicher •Betounberung sehen wir das mit jugendlicher Energie aufstrebende italienische Volk zur freien Entfaltung seiner reichen Kräfte fortschreitcn, wir sehen, daß auch dort der- wibe unbeugsame Lebenswille herrscht, wie bei uns, und JM! auch dort das Heil der Menschheit in der lebendigen Fortentwicklung gesucht wird. Das läßt uns Deutsche Achsen, jenseits der Alpen volles Verständnis zu finden „ unseren Kampf gegen die wirtschaftliche Not und für unser^ Streben nach Freiheit und Gleichberechtigung.
M M , dieser Hoffnung erhebe ich mein Glas auf das Seiner Majestät des Königs von Italien, auf das P. meiner Erellenz des Herrn Chefs der italienischen sÄ'^ung. auf das Wohl Euerer Exzellenz und auf die Zukunft des italienischen Volkes.
6 , Außenminister Grandi
ü.ni-»«^ ben überaus herzlichen Empfang. Die ein- f u Negierung und das italienische Volk haben uniJS^ Erinnerung an die Tage, an denen Sie aJuLw !tommener Gast waren. Die herzlichste jener Be- Autam, £ und das wechselseitige Verständnis, das bei ihr trat. haben erneut den großen Nutzen erwiesen, den
der unmittelbare Meinungsaustausch zwischen den Männern bietet, die für Die Politik der verschiedenen Länder verantwortlich sind Als der Chef der italienischen Regierung mir den willkommenen Auftrag erteilte, Eurer Erzel- lenz und der Reichshauptstadt diesen Besuch abzustatten und die freundschaftlichen Unterredungen, die wir in Rom hatten, fortzusetzen, hat er dem besonderen Wunsche Ausdruck gegeben, daß ich Ihnen seinen herzlichsten Gruß überbringe und Ihnen bestätigte, daß er hofft, es möge sich bald eine aünstiae Gelegenheit bieten, um der liebeus-
Grandi Äs Gerst deS Sielchslanziers.
Reichskanzler Dr. Brüning gab zu Ehren des italienischen Außenminister Grandi in der Reichskanzlei ein Staats- bankett, an dem die Mitglieder des Reichskabinetts sowie zahlreiche andere prominente Politiker teilnahmen. Von links: Reichsfinanzminister Dr. D i e t r i ch , Außenminister Grandi, Reichskanzler Dr. Brüning
würdigen Einladung Eurer Exzellenz zu folgen und um persönlich die Unterredung fortzusetzen
Die freundlichen Worte der Anerkennung, mit denen Eure Exzellenz soeben von den Fortschritten gesprochen haben, die Italien unter der Leitung seines Führers erzielt hat, sind ein Beweis für die wohltuende Aufmerksamkeit, mit der die Retchsregierung und das deutsche Volk unsere Bestrebungen verfolgen.
Seien Sie versichert, Herr Reichskanzler, daß man auch bei uns den entsagungsvollen Opfermut, die männlichen Tugenden und den Arbeitserfer des deutschen Volkes bewundert, wie wir auch die weise und erleuchtete Arbeit in ihrem ganzen Werte erkennen, die Eure Exzellenz zum Besten Ihres Volkes leisten.
Italien hat stets genau verstanden, welcher wichtige Anteil Deutschland in der Geschichte und dem Leben der Welt zukommi und wie Deutschland einen unverzichtbaren Faktor unserer Kultur barstest. Wir alle haben die Gewißheit, daß Ihr großes Volk nach Überwindung der gegenwärtigen Schwierigkeiten mit erneuter Kraft und voller Vertrauen seien Weg einer sicheren Zukunft entgegen fortfetzen, wird.
Frei von jedem Vorurteil ist das italienische Volk davon überzeugt, daß die Grundlagen eines friedlichen und fruchtbringenden internationalen Zusammenwirkens in der Gerechtigkeit, in der Gleichheit der Rechte, im gegenseitigen Vertrauen, im Verständnis für die wechselseitigen Notwendigkeiten und in einer harmonischen Entwicklung der lebenswichtigen Kräfte und Interessen eines jeden Einzelnen zu finden sind.
Das italienische Volk streckt daher allen denjenigen in freundschaftlichem Geist die Hand entgegen, die von den gleichen Gefühlen beseelt in Eintracht daran arbeiten wollen, um diese hohen Ziele zu verwirklichen.
Indem ich die aufrichtigsten Wünsche für baldige und glückbringende Ergebnisse dieses großen gemeinsamen Werkes zum Ausdruck bringe, erhebe ich mein Glas und trinke auf das Wohl des Herrn Reichspräsidenten, Feldmarschalls von Hindenburg, auf das Wohl Eurer Exzellenz und auf das Wohlergehen des deutschen Volkes!"
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Italien und der Wiederaufbau Deutschlands.
Grandi über die Probleme des nächsten Jahres.
Der italienische Außenminister empfing in Berlin die Vertreter der Presse. Er führte dabei u. a. aus: „Es ist für mich eine große Freude, nach Berlin gekommen zu sein und dem Reichskanzler einen Besuch abzustatten. Dieser Besuch fügt sich in den Nahmen der Besprechungen lind Ideenaustausche zwischen Staatsmännern ein, die zuerst in diesem Jahre ihren Anfang genommen haben, in Europa und außerhalb Europas fortgesetzt werden und die bereits viele beachtliche Ergebnisse gezeitigt haben und von denen
noch größere zn erwarten sind.
Die wirtschaftliche, politische und ökonomische Lage verlangt die ernsteste Aufmerksamkeit, die größte Bereitwilligkeit zur Überwindung der allgemeinen Krise, für
die Wiederherstellung des Vertrauens zwischen den Völkern und des Vertrauens der Völker in sich selbst.
Der Chef der italienischen Regierung hat wiederholt diese Aukfassuna bestätigt. Gestalten Sie mir daran ru
erinnern, daß er mehrmals gesagt hat, daß der Wiederaufbau Deutschlands als eines der wichtigsten Elemente für den Wiederaufbau Europas angesehen werden mutz.
Diese klaren Direktiven der italienischen Politik rühren nicht von heute her, da seit vielen Jahren der Chef der italienischen Regierung auf die Notwendigkeit für die Völker gedrungen hat, daß sie den aus dem Weltkonflikt herkührenden Seelenzustand überwinden und sich alle auf eine intimere und vertrauensvollere Zusammenarbeit borbereiten.
Ich hatte bereits im vergangenen Sommer die besondere Freude, mit dem hervorragenden Herrn Reichskanzler zusammenzutreffen während der Begegnungen in Paris, London und dann in Rom. Bei diesen Gelegenheiten und ebenso gestern konnte ich mich von den staatsmännischen Eigenschaften des Herrn Brüning überzeugen und von der Selbstlosigkeit, mit der er alle seine Kräfte hergibt, um die schweren Probleme der Gegenwart zu überwinden. Alles, was Deutschland in diesen letzten Monaten dazu getan hat, um
in sich selbst die notwendigen Kräfte zu finden, um die Krise zu überwinden, ist ein Beweis seiner Lebensfähigkeit und der moralischen Kräfte des deutschen Volkes, das mit ruhigem Optimismus seiner Zukunft entgegensehen darf und kann. Das jetzt kommende Jahr steht nicht vor weniger weitgehenden und schwierigen Aufgaben, deren Lösung die ganze Welt gespannt erwartet und die wir alle die Pflicht haben, auf die beste Weise zu verwirklichen. Als erstes von allem
das Problem der Rüstungen
und die Lösungen, die ihm in der nächsten allgemeinen Abrüstungskonferenz gegeben werden können, sind der dringendste Punkt der Anstrengung, die unsere Zivilisation leisten muß, um sich selbst zu retten und unseren Kindern eine Zukunft des Gedeihens und des Friedens vorzubereiten. In diesem Problem wie in dem anderen, nicht weniger wichtigen und dringenden
der finanziellen Verpflichtungen,
die sich aus dem Kriege ergeben haben, ist der Gedanke der italienischen Regierung zu besannt, um ihn noch einmal zu wiederholen. Ich begebe mich jetzt zu Seiner Exzellenz, dem Feldmarschaü von Hindenburg, dem Deutschen Neichsprusioenlen, um ihm den Gruß der Regierung Seiner Majestät des Königs von Italien und meine persönliche Huldigung zu überbringen. Die Hochachtung und Ehrerbietung, die seine hervorragende historische Persönlichkeit der ganzen Welt abfordert, machen mir als Soldaten und Frontkämpfer diese Gelegenheit, in ihm auch das tapfere deutsche Volk begrüßen zu dürfen, dessen Gast ich die Ehre habe in diesen Tagen zu fein, be sonders schätzbar."
Grandi bei Hindenburg.
Amtlich wird mitgeteilt: Der Herr Reichspräsident empfing den Herrn italienischen Minister des Äußern, Grandi, der von dem königlich italienischen Botschafter in Berlin, Herrn Orsini Baroni, begleitet war.
Der Empfang, der etwa eine Viertelstunde dauerte, verlief in betonter Herzlichkeit. Im Anschluß fuhren Grandi mit seiner Begleitung und der Reichskanzler mit einigen deutschen Herren im Auto nach Potsdam, wo das Frühstück eingenommen wurde. Gegen Abend hatte Reichskanzler Brüning noch einmal eine politische Aussprache mit Grandi. Der italienische Außenminister hat sich entschlossen, nach dem offiziellen Besuch noch einen Tag in Berlin zu bleiben, um als Privatmann die Reichshauptstadt zu besichtigen.
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Übereinstimmung und Zusammenarbeit.
Die Besprechungen zwischen Brüning und Grandi.
Amtlich wird mitgeteilt: Anläßlich der Anwesenheit des italienischen Außenministers Grandi in Berlin haben zwischen ihm und dem Reichskanzler eingehende politische Besprechungen stattgefunden. Anknüpfend an den freimütigen Gedankenaustausch, den der Reichskanzler bei seinem Besuch in Rom mit dem Chef der italienischen Regierung vornehmen konnte, wurden in diesen Besprechungen alle die großen politischen und wirtschaftlichen Probleme internationaler Art einer Erörterung unterzogen, deren Lösung von Tag zu Tag dringlicher wrd.
Bei der Aussprache, die mit vollster Offenheit und in freundschaftlichster Gesinnung geführt wurde, ergab sich weitgehende Übereinstimmung in der Beurteilung der Lage und der Notwendigkeiten, die sich aus ihr ergeben.
Insbesondere kam auf beiden Seiten die Überzeugung zum Ausdruck, daß die wirksame Bekämpfung einer Krise, wie sie heute die Welt erschüttert, ohne eine planvolle Zusammenarbeit der beteiligten Nationen nicht mehr möglich ist und daß diese Zusammenarbeit, wenn sie zum Erfolge führen soll, auf gegenseitigem Vertrauen und gegenseitiger Achtung gegründet sein muß.
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Reichspräsident von Hindenburg empfing den italienischen Außenminister Grandi.
* Der Ausweis der Reichsbank zeigt eine Notcndeckung in Gold und Devisen von 29,4 Prozent.
* Die Gemcindcwahlcn in Anhalt haben der Nationalsozialistischen Partei wieder starke Gewinne gebracht, so daß sie zur stärksten Partei im Lande geworden ist.
* Der französische Ministerpräsident Laval hat sich zur Rück- reife nach Frankreich eingefasst