Zul-aer /lnzeiger
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Nr. 253 — 1931
Fulda, Donnerstag, 29. Oktober
8. Jahrgang
Das englische Wahlergebnis.
Der Sieg -er englischen Nationalregierung.
Die englischen Parlamentswahlen haben eine Niederlage der Arbeiterpartei gebracht, die alle Erwartungen, die selbst bei den optimistischen Konservativen in England gehegt wurden, übertrafen. Von den früheren Kabinettsmitgliedern kehren nur sehr wenige ins Parlament zurück. Henderson, Hayes, Herbert Morrison, Greenwood, Tom Shaw, Clynes, Alexander, Lees Smith, Pethick-Lawrence, Ammon, Roberts, Thurtle, Magaret Bondfield und Sir Charles Trevelyan sind geschlagen, Miß Ellen Wilkinson, Ben Tillett, Ben Turner Md andere bekannte Arbeiterabgeordnete haben das gleiche Schicksal erlitten. Den Sozialisten sind Sitze abgerungen worden, die für ganz sicher galten. In London haben sie ihre Hochburgen in Camberwell, in Hackney und anderen Stadtteilen verloren. Birmingham, Liverpool, Manche st er sind verlorengegangen. In den Jndustriebezirken von Preston, Bolton und anderen sind die Sozialisten durch die Vereinbarungen zwischen den bürgerlichen Parteien geschlagen worden. Der Führer der Arbeiterpartei, Henderson, erhielt nur 26 917 Stimmen gegenüber dem Vertreter der Nationalregierung, der 35 126 Stimmen bekam. Sein Gegner war der K 0 n t e r a d m i r a l C a m p b e l l. In diesem Wahlkreis erhielten die Kommunisten 512 Stimmen. Bei der letzten Wah! hatte die Arbeiterpartei 28 091 Stimmen erhalten. Auch der liberale Schriftsteller Edgar Wallace war nicht erfolgreich. Der Führer der neuen Partei, Sir Oswald Mosley, ist geschlagen, obwohl er über 10 000 Stimmen bekam.
Der Minister Thomas, der mit Macdonald zur Nationalregierung übergegangen war, ist wiedergewählt worden, jedoch findet in seinem Wahlkreis nochmals eine Nachprüfung der abgegebenen Stimmen statt.
Die Mehrheit,Mr dfe .m^Hartmneut zurückLMeuden konservativen Mini st er war teilweise unerwartet hoch. Sir Austen Chamberlain erhöhte seine Mehrheit von 43 auf 11 841 und Sir Cunliffe Listers Mehrheit war dreimal so groß wie vor zwei Jahren. Der sozialistische „Daily Herald" führt einen Teil der Verluste auf denschwerenNebel zurück, der es vielen Arbeitern in den Abendstunden wegen der Verspätung der Züge und Autobusse nicht möglich machte, ihr Wahllokal zur rechten Zeit zu erreichen.
Die Unabhängigen Liberalen, die zur Opposition gehören, können für sich den Erfolg verbuchen, daß Lloyd George wiedergewählt worden ist und seine Tochter einem Arbeiter seinen Sitz abgerungen hat. Der bekannte Sportsmann Lord Burghley und der Brigadegeneral Spears, der sich durch seine Propadanda für die Franzosen bekanntgemacht hat, sind als Konservative ins Parlament eingezogen.
Macdonald ist überrascht und zufrieden.
Der Ministerpräsident Macdonald war fast die ganze Nacht auf und wartete die Wahlergebnisse ab. Er erklärte, daß er noch keine Bemerkungen zu dem Ergebnis machen könnte, aber nichtsdestoweniger sei er außerordentlich überrascht und sehr zufriedengestellt. Er freue sich, daß sein Kollege Thomas seinen Sitz behalten habe, und die Tatsache, daß Sir Herbert Samuel in Darwen gewonnen habe, beweise, daß die Wahl eine wirkliche nationale Wahl und nicht eine Parteiwahl gewesen sei.
Macdonald wiedergewählt.
„ Ministerpräsident Macdonald ist in seinem alten Wahlkreise Seaham wiedergewählt worden. Er erhielt ^787 Stimmen, sein Gegner, der Arbeiterabgeordnete Mon, 23 729 Stimmen und der Kommunist 677 Alumnen.
Die Führer zum Wahlsieg der Konservativen. . Macdonald richtete eine Botschaft an die Nation, lu der er den Wählern aller Parteien dankt, die im Augen- mtlk die drängenden nationalen Erfordernisse über Partei- Gmmungen und Parteifragen stellten. Auch Baldwin »ab eine Erklärung ab, in der er sagte, es sei kein Sieg einer Partei, sondern eine deutliche Erklärung des ganzen Dulles zugunsten einer nationalen Zusammenarbeit, damit me Wohlfahrt des Landes wieder hergestellt werde.
n 0 w d e n hob in seiner Kundgebung hervor, daß er den ^channnenbruch der Arbeiterpartei bedauere, aber bies' let nicht ihr Ende: sie werde sich wieder neu erheben unter ueuen umsichtigen Führern.
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?R Wahlbeteiligung stellt sich auf 76,57 Prozent. Aus den mshcr vorliegenden Wahlergebnissen geht hervor, daß 20,b -Millionen Menschen sich an den Wahlen beteiligt haben. Hier- emsallen annähernd 11% Millionen aus die Konservativen Millionen tm Jahre 1929), etwa 1,9 Millionen auf die , Oralen Parteien der verschiedenen Schattierungen (5,3 Mil- iwnen tm Jahre 1929), und etwas über 6,6 Millionen aus die ^^euerpartei (8,4 Millionen im Jahre 1929).
d»n°„ smd zwölf weibliche Abgeordnete gewählt, von Ans» Neuankömmlinge im Unterhaus sein werden. Mit der Tochter Lloud Georges, die zu ihrem Vater halt. .-l?^^mblichen Abgeordneten sämtlich konservativ.
^cmdtdaten haben somit den hinterlegten Betrag in aâ^'? ^0 Pfund verloren, da sie nicht genügend Stimmen ihnen befinden sich 14 Kommunisten, 16 Soâ^ " »neuen Partei" Sir Oswald Mosley und neun
Von dem alten sozialistischen Kabinett sind, abgesehen von Macdonald und seinen Anhängern, nur der ehemalige Generalrechtsanwalt Sir Stafford Cripps und der frühere Kabinettsminister Major Attle ins Parlament zurückgekehrt. Alle anderen sind geschlagen. Es stürzten noch der frühere Bergwerksminister Shinwell, Susanne Lawrence und eine Reihe von bekannteren Abgeordneten der Arbeiterpartei, unter ihnen auch Professor Keynes. Der Sohn Lloyd Georges war erfolgreich.
*
Die neuesten Ergebnisse.
London, 29. Okt. (Eigene Funkmeldung).
Die Wahlresultate, die inzwischen bis auf wenige Ausnahmen in London eingelaufen sind, zeigen nunmehr folgende Stimmenverteilung:
Konservative 472,
Nationale Arbeiterpartei (Macdonald) 13,
Liberale 70, darunter 25 Simon-Liberale,
Arbeiter-Opposition 50,
Kommunisten —,
Neue Partei —,
Unabhängige 3.
Insgesamt sind nach diesem vorläufigen Ergebnis 608 Abgeordnete gewählt; hierunter sind 555 für die Regierung
Henderson, Baldwin,
der Besiegte. der Sieger.
und 50 gegen die Regierung; unabhängig sind 3. Es stehen noch drei Ergebnisse aus. Der oppositionelle Arbeiterführer Kirkwood wurde wiedergewählt.
Die genauen Abstimmungszahlen.
Die Zahl der f ü r die Regierung abgegebenen Stimmen beträgt 14 240 937, darunter:
Konservative 11867 697, Nationale Arbeiterpartei 338 517, Nationale Liberale 1949 485,
Gegen die Negierung haben 7 316 889 Wähler gestimmt, darunter 6111167 für die oppositionelle Arbeiterpartei. Von 30158 967 Wahlberechtigten haben 21557 862 von ihrem Recht Gebrauch gemacht.
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Wie wird Deutschland den englischen Kurswechsel spüren?
Der radikale Kurswechsel in England, den der Stiun mungsumschwung der Wählerschaft zugunsten der Konservativen Partei bedeutet, wird auch für Deutschland schwerwiegende Folgen haben. In der A u tz e n p 0 l i t i k hat d» Konservative Partei sehr oft die Neigung erkennen lassen, in strittigen Fragen, sich mit Frankreich auf Kosten Deuftchlanv-- zu verständigen, sind in der Innenpolitik hat ge den Masten versprochen, durch Erschwerung der fremben Einiudr dtc Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Das sind Neigungen und Pläne, die' uns, wenn sie zur Durchführung kommen, s e v i hart treffen werden. Das wird auch in den deutschen Kreisen nicht verkannt, die an sich den Schlag begrüßen, den der internationale Sozialismus durch die völlige Niederlage der englischen Arbeiterpartei erlitten hat. So schreibt der rechtsstehende Berliner L 0 k a l a n z e i g e r, daß die Wendung in England „vom Standpunkt der deutschen Interessen aus nicht eben zu begrüßen" sei Man brauche nur an die Hölle zu denken und an die starken franzöklschen Sympathien, die immer noch bet einem Teil der englischen Konservativen zu erkennen sind, um vor Augen zu sehen, datz Deutschland „keinen Grund zur Freude über den Sieg der englischen nationalen Regierung" habe. Die demokratische Vossische Zeitung besürchtet, daß England alsbald Zollschranken errichten werde. Für Deutschland, dessen Eristenz unter den heutigen Verhältnissen von seinem Export abhänge, bedeutet dies eine erneute Erschwerung. DaS Blatt weist darauf hin, daß besonders die deutsche Ferrig- warenindnstrie ihre besten Abnehmer in England hat. Die Aufgabe des Kabinetts Brüning werde durch den Ausgang der englischen Wahlen nicht gerade erleichtert. Eine gewisse Hoffnung wird von einem anderen Standpunkt aus gesehen So meint der Londoner Bericht des Berliner Tageblattes. daß Englands Gewicht bei der Regelung bet großen internationalen Fragen künftig stärker zur Geltung kommen werde als bisher, daß also Frankreich einen stärkeren Verhandlungsgegner finden werde. Im gleichen Sinne äußert sich auch der . Londoner Bericht der vâpüuciLUlâu DLutlcheu Allgemeinen Zeitung.
Sieg der Gchutzzöllner.
Eigentlich hat selbst die englische Arbeiterpartei, die ja zum allergrößten Teil ihren früheren Führer Macdonald verlassen und sich in die Opposition begeben hatte, von vornherein mit einem Unterliegen in der Wahlschlacht gerechnet, wenn sie es natürlich auch nicht zugestehen wollte. Ihr wie im übrigen auch für ganz England bedeutet der konservative Wahlsieg — oder soll man sagen: der Sieg der „nationalen Regierung" Baldwin-Samuel- Macdonald? — auch keine Überraschung oder doch höchstens insofern, als die Konservativen es waren, deren Vorstoß zum Erfolg geführt hat. Diese Partei war ja als einzige geschlossen in den Wahlkampf gezogen; die Liberalen hatten sich gespalten, da sich die Gruppe des alten grimmen Kämpen Lloyd George ebenso wie die Mannen Hendersons als Oppositionelle betätigt hatten und die nationale Regierung auch in der Wahlschlacht bekämpften. Und das Ergebnis ist nun, daß neben den beiden kleinen Häuflein der nationalen Liberalen und der nationalen Arbeiterparteiler Macdonalds in dichten großen Massen die Konservativen stehen, — als die wirklichen Sieger, und an ihrer Spitze Baldwin, der vor drei Jahren dem Führer der damals großen geschloffenen Arbeiterpartei Macdonald den Sessel des englischen Ministerpräsidenten batte einräumen müssen. Ihn hat der von fast allen seinen Anhängern verlassene Mann immer noch inne, denn unter dem Schlachtruf „Für und gegen die Männer und das Programm der nationalen Regierung" war ja der Wahlkampf entbrannt und durchgeführt worden; aber genau so sehr wie die Schar der Anhänger ist jetzt der politisch- parlamentarische Einfluß Macdonalds zusammengeschmolzen. Er wird es innerlich kaum als Triumph an- sehen, daß viele von seinen einstigen Ministerkollegen, von den früheren Freunden mit Henderson an der Spitze auf dem Schlachtfeld der Wahl als Opfer liegen blieben.
Auch die einst so große liberale Partei, die dem „old merry England" in Frieden und Krieg bedeutende Staatsmänner geschenkt hat, deren Führer Lloyd George im Weltkrieg in für England schwerer Stunde Führer der ganzen Nation wurde, — diese Nachfahren der alten Whigs scheinen endgültig gespalten und damit einflußlos geworden zu sein. Jnuner mehr sieht es so aus, als werde sich der alte englische Zweiparteiengegensatz von neuem in der Teilung Konservative- Arbeiterpartei auftun, nachdem in dem jetzt aufgelösten Parlament die Liberalen noch hier und da das Zünglein an der Waage spielen konnten. Aber schon dort war es häufig zu Spaltungen gekommen, war die Partei bei entscheidenden Abstimmungen auseinandergefallen.
Daß die „Devalvation" des englischen Pfundes zunächst eine gewisse Milderung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten, einen recht bemerkbaren Rückgang der Arbeitslosigkeit brachte — was Macdonald als Führer des Arbeiterkabinetts nie erreicht hatte —, mag vom englischen Wähler ebenso zugunsten der Konservativen Partei verbucht worden sein wie die angebliche oder wirkliche Balancierung des englischen Staatshaushalts, — obwohl Macdonald Ministerpräsident und Snowden Schatzkanzler waren, beides einst Führer der Arbeiterpartei. Daß daneben gerade von konservativer Seite als Wahl Parole die Forderung des Zollschutzes aufgestellt wurde, um damit jene Stabilität des Haushalts zu festigen und die englische Handelsbilanz aus ihrem schweren Defizit herauszubringen mit dem Endziel einer Stabilisierung auch des Pfund Sterlings, konnte kaum auf entschiedenen Widerspruch stoßen, da selbst große Teile der englischen Gewerkschaften mit dem Hochschutzzoll zum mindesten liebäugeln. Die „nationale Regierung" hat sich vor dem Wahlkampf nach dieser Richtung hin nicht irgendwie festgelegt, sondern sich nur freie Hand in der Wahl der ihr vorgeschlagenen Mittel vorbehalten, die geeignet erscheinen würden, der englischen Wirtschaftskrise entgegenzuwirken. Mit aller Schärfe aber haben sich zu dieser Forderung des Schutzzolles die Konservativen als zu ihrem wichtigsten wirtschaftspolitischen Programmpunkt bekannt und — sie haben in der Wahl die Zustimmung, man darf heute wohl schon sagen: der Mehrheit des englischen Volkes erhalten, sicherlich auch aus weiten Kreisen der Arbeiterschaft selbst.
Zu welchen Welt- und wirtschaftspolitischen Folgen dieser in der Hauptsache konservative Wahlsieg führen wird, ob man in England grundsätzlich zum Schutzzoll übergeht, wie sich ferner das Verhältnis zwischen dem Mutterlande und den Kolonien, insbesondere zu Indien, entwickelt, — all das wird sich erst im Laufe der Zukunft zeigen können. In der nächsten Woche tritt unter ziemlich genauer Beobachtung aller Zeremonien, an denen das traditionsliebende England festhält, im riesigen vieltürmigen Parlamcntsgebäude das neugewählte Unterhaus zusammen. Stärker und sicherlich auch rücksichtsloser wird sich dort der Wille des englischen Volkes geltend machen, seine Stellung und seine Bedeutung, wovon es in der letzten Zeit manches verloren hat, nun wieder zurückzuerobern.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Der Wirtschaftsbeirat ist heute unter dem Vorsitz des Reichspräsidenten zusammengetreten.
* Die Zahl der bei den englischen Unterhaus-Wahlen für die Regierung abgegebenen Stimmen beträgt 14 240 937. Gegen die Regierung haben 7 316 889 Wähler gestimmt.
* Gegen Mitglieder des ehemaligen Vorstandes der Schult-
heib-Patzenhofer Sl.-G. ist von der Staatsanwaltschaft ein Ermfttlungsstrafverfahreo wegen Untreue und Betruges er-