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Nr. 254 1931

Fulda, Freitag, 30. Oktober

WS

8. Jahrgang

Aus eigener Kraft.

Hill-ellSürgs

md Wmmg.

Die Begrüßung des Wirtschafts­beirats.

Im Hause des Reichspräsidenten fand die erste Sitzung des vom Reichspräsidenten berufenen Wirtschafts- beirats statt, zu der sich außer den Mitgliedern des Wirtschaftsbeirats der Reichskanzler und die Reichs­minister, der Reichsbaukpräsident und der Generaldirektor der Reichsbahn eingefunden hatten.

Reichspräsident von Hindenburg

empfing die Erschienenen im großen Saale des Präsiden­tenhauses und begrüßte sie hier mit folgender Ansprache: Meine Sperren! Es ist mir eine angenehme Pflicht, Sie ehe wir an unsere ernste Arbeit gehen willkommen zu heißen und Ihnen für die Bereitwilligkeit zu danken, mit der Sie meinem Rufe Folge geleistet und Ihre Mit­arbeit zur Verfügung gestellt haben.

Die schwere Krise der Weltwirtschaft und Deutschlands besondere wirtschaftliche Bedrängnisse erfüllen alle Schich­ten unserer Bevölkerung mit banger Sorge. Sie rütteln an den Grundpfeilern des wechselseitigen Ver­trauens und erschüttern die Zuversicht in die Erhaltung der Unterlagen unserer Volkswirtschaft.

Im Bewußtsein der Verantwortung, die ich vor dem deutschen Volke und vor meinem Gewissen trage, habe ich mich entschlossen, angesichts der außerordentlichen Wirt­schaftswirrnis

einen besonderen und außergewöhnlichen Weg zu beschreiten. Ich habe nach Vorschlägen der Reichs- legierung aus führenden Persönlichkeiten des wirtschaft­lichen Lebens, aus den großen Wirtschaftsgruppcn von Industrie, Landwirtschaft, Handel, Handwerk und Klein­gewerbe, aus Arbeitgebern und ÄrbeitnehMxn, einen Wirtschaftsbeirat zusammenberufen und Sie, meine Herren, heute zu einer gemeinsamen Beratung mit der Reichsregierung zu mir geladen, um der Reichs­regierung bei ihren Bemühungen um einen Weg zu helfen, auf dem die wirtschaftliche und soziale Not des deutschen Volkes zum Besseren gewendet werden kann.

Niemand von Ihnen wird verkennen, in welchem Maße die Lage Deutschlands durch weltpolitische und weltwirtschaftliche Umstände bestimmt wird. Hier liegen die schweren und großen Aufgaben der deut­schen Außenpolitik.

Bon Ihnen aber erwarte ich, daß Sie sich mit mir und mit der Neichsregierung von dem unbeugsamen Willen beseelen lassen, wie auch immer die Entwicklung der Welt sein mag, aus der eigenen Kraft Deutschlands heraus von unserem Volke abzu­wenden, was eigenes Handeln nur irgend abzuwenden vermag. Nur so wird eine Grundlage geschaffen für die notwendigen internationalen Bemühungen zur Lösung der gesamten Weltkrise.

Im großen Speisesaal im Reichspräsidentenpalais kand die erste Sitzung des Wirtschaftsbeirales der Reichs­regierung unter dem Vorsitz Hindenburgs statt.

x ^ur das Bewußtsein solcher Pflichterfüllung und "Utzerster Kraftanstrengung wird unser Volk befähigen, ln innerer Verbundenheit und mit nationaler Würde ä 8U tragen, was sich an seinem Schicksal als unab­wendbar erweist. Die A u f g a b e, die Ihnen gestellt ist, n nur bei richtiger Wertung der wirtschaftlichen Kräfte gerechter Abwägung widerstreitender Interessen werden. Ich erhoffe als Ergebnis dieser Zusam­

Kurze Funkmeldungen. frühere spanische König des Hochverrats beschuldigt :

Untersuchungsausschuß, der die für die Errichtung der Arbeit verantwortlichen Personen feststellen sollte, hat seine ®s ist Anklage erhoben worden gegen Points*?* «° Persönlichkeiten, von denen aber nur 14 wegen dc>. iru^ V"AtM verfolgt werden sollen. Die Anklage gegen iruheren König Alsons X1IL lautet auf Hochverrat.

Henderson bleibt Vor

ender der Abrüstungs-

k o n

ronserenz. rüitunocfn?^ Herold» wird Henderson auf der Genfer Ab. wegen^dks'^"^ i/°" Vorsitz führen. Das Gerücht, daß er

^ ^-gebnlsses der Parlamentswahlen wahrscheinlich

menarbeit wirtschaftlicher Sachverständigen und der Reichsregierung einen Ausgleich Wirtschafts- und sozial­politischer Gegensätze und eine Besserung der deutschen Wirtschaftsnot.

Wenn diese schwere Aufgabe gelöst werden soll, darf jeder von Ihnen sich nur der Gesanttheit des deutschen Volkes und dem einenen Gewissen verantwortlich fühlen.

Auf dem Wege zu den Wirtschaftsverhandlungen.

Staatssekretär Dr. P ü n o e r mit Reichskanzler Dr. Brüning - Gewerkschaftsvertreter Peter Graß­mann begeben sich ins Reichspräsidentenpalais.

inuß sich jeder innerlich loslösen von Gedanken an Gruppeninteressen und an Einzelrüâsichten.

Nur wenn solche Gesinnung Sie, meine Herren, er­füllt, werden Ihre Beratungen den sittlichen Wert und die überzeugende Kraft besitzen, ohne die ein gesundes und lebensstarkes Volk sich nicht führen läßt. Wenn das deutsche Volk durch die

wirtschaftlichen und moralischen Wirrnisse und die

Gefahren innerer Zersetzung

hindurch zu besserer Zukunft gelangen soll, so ist hierfür Voraussetzung, daß die Führer der Wirtschaft zusammen mit der Reichsregierung einen klaren und ziel­sicheren Weg gehen.

Möchte Ihre Zusammenarbeit, meine Herren, Ergeb- nisse zeitigen, welche die Reichsregierung in den Stand setzen, auf Grund der verfassungsmäßigen und geschicht­lichen Verantwortung, die ihr die Pflicht der Führung zuweist, mir wirksame Maßnahmen zur Wiedergesunduug unserer Wirtschaft und zur Aufrechterhaltung des sozialen Friedens vorzuschlagen. Dieses Ziel fest vor Augen, lassen Sie uns nunmehr an die gemeinsame Arbeit gehen!"

Der Reichspräsident eröffnete dann im Sitzungssaals die erste gemeinsame Sitzung des Wirtschaftsbeirats und der Reichsregierung und erteilte zunächst dem Reichs­kanzler Dr. Brüning das Wort. Der Reichs­kanzler legte in längeren Ausführungen die wirtschaftliche Lage und die zur Besserung der Wirtschaftsnot in Frage kommenden Möglichkeiten dar; hieran schlossen sich er­gänzende Darlegungen des R e i ch s Wirtschafts­ministers Dr. Warmbold und des Reichsbank­präsidenten Dr. Luther au Alsdann begann die allgemeine Aussprache.

Über sämtliche Arbeiten des Wirtschaftsbeirates, der nicht öffentlich tagt, werden amtliche Mitteilungen ver­öffentlicht werden. Die Regierung wird an sämt­lichen Beratungen des Wirtschaftsbeirats und seiner Aus­schüsse teilnehmen, jedoch wird sieeinen Einfluß auf die Entscheidung des Wirtschaftsbeirats nehmen, um der end­gültigen Entscheidung, die ja die Regierung selbst treffen müsse, nicht vorzugreifen. Die Ergebnisse des Wirtschafts- beirates werden demnach lediglich Ratschläge sein, an die die Regierung keineswegs gebunden ist. Die Regierung legt gleichwohl größten Wert darauf, daß die Entschei­dungen des Wirtschaftsbeirates m ö g l i ch st einstim­mig gefaßt werden.

diesen Posten niederlegen werde, wird von Hendersons Sohn mit allem Nachdruck dementiert.

Deutschland soll handeln!

Ein längerer Washingtoner Bericht derHerald Tribune" betont auf Grund von Informationen aus höchsten Regierungs- kreisen den dringenden Wunsch der Regierung, daß Deutschland ohne Säuuien die Initiative zur Aenderung des Reparationsabkommens durch den Poungplanapparat ergreife. Gleichzeitig wird erneut versichert, die Regierung werde die Revision der Kriegsschulden unter Zu­grundelegung der Zahlungsfähigkeit anstreben, ungeachtet des Widerstandes aus Kongretzkreisen gegen weitere Konzessionen.

Edisons Vermögen.

Blättermeldungen zufolge beträgt das von Edison hinter- lassen« Vermöge« 12 Millionen Dollar.

Kaniönli-Geifi.

Wenn Gold allein glücklich machen würde, dann wäre die Schweiz das glücklichste Land hier auf dem sonst so glück- weil goldlosen Erdenrund. Denn die Schweiz hat derart viel Gold, daß der Notenumlauf dieses Landes mit zurzeit l60Prozenlgedecktift. Das heißt also, daß in den Kellern der Baseler Nationalbank und anderer schweizerischer Geldinstitute mehr, viel mehr Gold liegt als der Notenumlauf ausmacht, und dabei sind noch nicht einmal die Devisen eingerechnet! Aber von diesen Papieren, sodeckungsfähig* sie auch sein mögen, will man in der Schweiz nicht viel wissen; man ist mehr für das gelbe, heute die Welt beherrschende Metall.

Gerade davon hat die Schweiz jetzt viel mehr als in den Tresors der Deutschen Reichsbank liegt, hat auch viel, viel Gold, das vor kurzer oder längerer Zeit Eigentum der Neichsbank war, das diese aber hat hergeben müssen. Und man hat ferner in der Schweiz auch Massen deutschen Kapitals zur Verfügung, das hinübergeflüchtet war, schließlich weil der Strom allzu breit wurde mit Mißvergnügen, ja Widerstreben ausgenommen wurde und nur geringe Verzinsung, oder auch die nicht einmal zu erhalten vermochte. Um so härter waren die Bedingungen, um so höher die Zinsforderungen, zu denen die Schweiz nunihr" Geld uns als Kredit geliehen hat. Viel, sehr viel deutsches war dabei, Fluchtkapital, das diesen Namen zum zweiten Male verdiente, als beim Wachsen der deut­schen Kreditkrise nun durchaus nicht zuletzt die Schweiz ihr Geld aus Deutschland zurückzog und uns damit i n d i e Katastrophe des Juni und Juli stürzen half. Aber auch hernach, als es im Stillhalteabkommen zu einer Art Einigung mit unsern Gläubiger kam, er­wiesen sich die Schweizer als hartnäckige Gegner, die auf ihre Schuldscheine pochten und nur mühsam und bei sehr hohen Zinsen zum Stillhalten veranlaßt werden konnten.

Warum man heute daran erinnert? Weil die Schweiz unserer Ausfuhr wachsende Schwierigkeiten bereitete und nun gar eine grundsätzliche Umgestaltung des deutsch-schweizerischen Handelsvertrages verlangt. Denn wir führen nach der Schweiz für ein paar hundert Millionen mehr aus, als die Schweiz nach Deutschland exportiert. Wir sind trotz­dem der weitaus beste Kunde der Schweiz und man käme dort in arge Verlegenheit, wenn wir z. B. der Einfuhr schweizerischer Schokoladen, Milchprodukte oder Uhren bzw. deren Bestandteile Schwierigkeiten machen wollten. Offiziell heißt es, daß über einen neuen Handelsvertrag zwischenDeutschlandund der Schweiz verhandelt werde, nur sieht das Verhandeln" so aus,. daß die Schweiz von uns Zoll­kontingente für bestimmte deutsche Einfuhrwaren ver­langt die über diese Kontingente hinausgehende Ein­fuhr würde dann einem weit höheren Zoll unterliegen oder daß die Schweiz sonst glattweg Einfuhrverbote be­stimmter Art verhängen und gleichzeitig den Handels­vertrag mit Deutschland kündigen würde. Das riecht schon bedenklich nach einem handelspoli­tischen Ultimatum. Außerdem sind die von der Schweiz vorgeschlagenen Einfuhrkontingente weit kleiner als der bisherige Umfang der betreffenden Wareneinfuhr. Es wird also ein hartnäckiger Kampf losgehen, bei dem die Schweiz noch eine zweite, nun aber ganz unmögliche Forderung aufmarschieren läßt: die deutschen Exporteure sollen das Geld für Lieferungen nach der Schweiz nicht erhalten, sondern der schweizerische Importeur zahlt an die Schweizerische Nationalbank. Die bezahlt davon auch deutsche Schulden an Schweizer, be­hält gleich die Beträge für schweizerische Exporte nach Deutschland und will dann den Rest, der noch übrig­bleiben sollte, an die Reichsbank abführen. Das würde z. B. allein schon gegen das Stillhalteabkom­men v e r st o ß e n, würde zuungunsten Deutschlands unsere Ausfuhr nach der Schweiz unerträglich belasten und stören und es uns einfach unmöglich machen, unsere etwa 2,6 Milliarden betragenden Schulden an die Schweiz zu bezahlen, was natürlich nur durch Warenausfuhr ge­schehen kann.

Die Schweiz als Touristenland schlägt aus seinen Bergen nebst dazwischengestreuter Romantik solche Unsummen Geldes, daß das Defizit der schweizerischen Handelsbilanz mehr als nur ausgeglichen wird durch die Geldströme, die sich gerade mit den deutschen Touristen dorthin ergießen. Daran sollte man in Bern auch ein bißchen denken. Die Schweiz verdiente und verdient derart viel an Deutschland, daß man drüben demKan­tönligeist" lieber nicht allzu große Zugeständnisse machen sollte!

Die englischen Wahlergebnisse haben insofern eine Aenderung erfahren, als nach einer neuen Mitteilung aus London in zwer Wahlkreisen einer Grafschaft in Schottland zwei Rational- liberale gewählt worden sind. Damit hat sich die Regierungs­mehrheit auf 557 erhöht. Die Zahl der oppositionellen Stimmen bleibt 55.

Kleine Zeitung für eilige Leser

* General von Schleicher, der Chef deS Ministeramtes im Reichswehrministerium, hatte Besprechungen mit dem national- sozialistischen Parteiführer Hitler.

* Reichspräsident von Hindenburg eröffnete mit einer Be­grüßungsrede die erste Sitzung des Wirtschaftsbeirates.

* Im Calmette-Prozeß kam es während einer Zengenver­nehmung zu sehr erregten Szenen.

* In Finsterwalde hat ein Kassierer seine vierköpfige Familie erschossen und dann Selbstmord verübt.

"Der Reichsrat hat die Prägung neuer Zweimark- und Drei, Markstücke im Gesamtwerte von 120 Million«» Mark beschlossen.