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Nr. 268 — 1931
Fulda, Montag, 16 November
8. Jahrgang
Hitlers Wahlsieg in Hessen.
Verstärkung der Rechts- und Linksfront: Ueberwältigender Sieg der Nationalsozialisten! Aber auch die Kommunisten verzeichnen beträchtlichen Stimmenzuwachs. — Starke Verluste der Sozialdemokraten, des Hessischen Landvolks und der Deutschen Volkspartei. — Wahlbeteiligung: 82,2 Prozent.
Kons Aw ^kvt^.
Was war? — Was wird?
Tag nach der Wahl. Ungeheure Spannung, die sich über ihren Kernpunkt — dem Hessenland — hinaus über das ganze Deutsche Reich erstreckte, hat sich gelöst. Der schärfste Wahlkampf, den Hessen seit langem, vielleicht jemals erlebte, das Rätselraten „Wie wird es werden?" — vorbei! Das Ergebnis liegt vor uns; Triumph auf der einen, gedämpfte Gefühle auf der anderen Seite. Soviel stand jedenfalls schon lange vor dem 15. November 1931 fest: erhebliches Anwachsen der nationalsozial i st i sch e n Stimmen auf Kosten der meisten anderen, vor allem der Mittelparteien. Eine Entwicklung, die nicht mehr verwundert. Mit der unaufhörlich steigenden Flut der Not und des Elends wuchs die Zahl derer, die warnend, zweifelnd, verzweifelnd, radikale Maßnahmen fordernd den Führern der seit 1918 in Hessen regierenden Weimarer Koalition ihr Vertrauen entzogen, nur in sofortiger Umkehr auf dem Wege der gegangenen Politik die Rettung aus der verderblichen Wirrnis erblicken. — Auf der anderen Seite sahen wir von der äußersten Linken ^s hin zu den Parteien der Mitte Absplitterungen von Gruppen und Grüppchen als Folge von Sonderwünschen aller Art. So zweigten sich in Hessen von der aus der früheren Demokratischen Partei hervorgegangenen Staatspartei die Radikaldemokraten ab; die Sozialdemokratie erlitt Verluste durch die Gründung der Sozialistischen Arbeiterpartei: schließlich bekamen die Kommunisten durch ihre „Opposition" Konkurrenz, vermochten aber doch, wie zu erwarten war, die Zahl ihrer Mandate beachtlich zu erhöhen.
Ehe wir auf Einzelheiten eingehen, sei das Gesamtbild betrachtet im Vergleich zu den Hessischen L a n d t a g s w a h l e n im Jahre 19 2 7 und zu den vorjährigen Reichstagswahlen. Die Bedeutung der ersteren tritt gegenüber den Septemberwahlen von 1930 wesentlich zurück. Damals lagen die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse ganz anders als heute. Vor vier Jahren ging es dem Volke freilich nicht gerade gut, aber doch wiederum nicht so schlecht, daß es sich zu verzweifelten parteipolitischen Kraftanstrengungen im Angesicht der Wahlurne veranlaßt gesehen hätte. Darauf ließ wenigstens die Tatsache einer Wahlbeteiligung von sage und schreibe 55 Pro- Mt im Durchschnitt schließen. „Die Wähler sind gleichgültig geworden und versprechen sich keine Besserung der fetzigen Zustände". So lautete die Ansicht damals. Hin- stchtlich einer schnellen „Besserung der Zustände" besteht Mar auch gegenwärtig keine Berechtigung zu großem Optimismus — aber aus der Gleichgültigkeit hat es ein — ®enig rosiges — Erwachen gegeben! Das zeigt der hohe Prozentsatz der gestrigen Wahlbeteiligung.
Vielsagender füllt der Vergleich mit den Reichs-
*a 9 s tu a I) I e n von 1930 aus. Die Entwicklung hat sich Ul ihren Grundzügen nach dem September vorigen Jahres ^"gesetzt. — Vergleichen wir die jetzige Mandatsvertei- umg mit der früheren - Die bürgerlichen und Mit - "lparteien haben nach dem vorläufigen Ergebnis ausnahmslos Verluste erlitten. Am schwersten ist hier me Deutsche Volkspartei betroffen worden, der von den Ulnegehabten 7 Sitzen nur ein einziger verblieben ist. Die ^olksrechtpartei brachte diesmal keinen Abgeordneten Ulehr ins Parlament, ferner erreichte die neue Radikal- oemokratische Partei bei weitem nicht die für einen Sitz notwendige Stimmenzahl. Eine Ausnahme machte der ^hristljch-soziale Volksdienst, der diesmal wenigstens einen festester durchfocht, während die Staatspartei ihren durch Absplitterung gewonnenen Sitz behauptet hat. — Eine sehr schwere Niederlage erlitt das Landvolk: von 9 büßte es 7 ^âagssitze ein! Den Deutschnationalen gelang es nicht, vie für einen zweiten Kandidaten notwendigen Wähler auf zu vereinigen.
Eine peinliche Ueberraschung erlebte die o z i a l d e m 0 k r a t i e : sie verlor von ihren seitherigen ^ Sitzen 9 an der Zahl; verlor sie zu einem wesentlichen w an die Kommunisten, die nun insgesamt über 11 Floate verfügen, verlor einen weiteren an die Soziali- wiche Arbeiterpartei; die übrigen Verlustmandate dürften M Nationalsozialisten zugute gekommen sein. Diese sind
Abgeordneten die weitaus stärkste Partei des neuen ^ssenparlaments geworden. In dieser Höhe hatte man — aamentlich bei der Linken — einen Sieg nicht erwartet. ? 090 der Turm der Sozialdemokratie sehr ins Wanken graten, so ist auch festzustellen, daß die Position des ebenfalls nicht mehr so fest ist wie ehedem. nicht in Hessen. Denn obwohl das Zentrum Reichstagswahlen im Reich wesentliche Erfolge zu zeichnen hatte und seine Mansatsziffer von 60 auf 16
erhöhen konnte, Hütte sein auf Hessen entfallener Stimmenanteil damals nur 10 Sitze gegenüber 13 bei den Landtagswahlen 1927 betragen. Seitdem hat sich das Bild nicht sehr verändert; das Zentrum ist, trotzdem es etwa 8000 Stimmen mehr als bei der Reichstagwahl in Hessen auf sich vereinigte, dreier Mandate verlustig gegangen. Abtrünnige aus der Bauernjugend, vor allem aber die verhältnismäßig rege Wahlbeteiligung der früher Gleichgültigen auf der bürgerlichen Seite, dürften zu diesem Mandatsverlust beigetragen haben.
Was wird nun in Hessen? Das ist die nächstliegende Frage. Das Schicksal der seitherigen Regierungsparteien ist besiegelt: sie sind in die Minderheit geraten. Hitlers Bewegung hat sich zumindest ihr Mitwirkungsrecht in dpr Regierung gesichert. Welche Nutzanwendung die N.S.D.A.P. aus ihrem Siege ziehen und welche Forderungen sie bei der Regierungsbildung stellen wird, läßt sich heute noch nicht sagen. Sicher ist es, daß in weit stärkerem Maße als bei früheren Wahlen langwierige Verhandlungen und Kämpfe innerhalb der Fraktionen zu bestehen sind, bis die Einigung, über die künftige Regierungskoalition, in der das Zentrum ohne Zweifel nach wie vor eine Rolle spielen wird, erreicht ist. Die darauf zu treffende Entscheidung, welche Persönlichkeiten in das Kabinett entsandt werden, wird mit größter Wahrscheinlichkeit ebenfalls nicht ganz glatt vonstatten gehen. — So klar und eindeutig der Sieg des Hakenkreuzes in Hessen auch ist, die Arbeitsfähigkeit dieses Parlaments wird durch die nun geschaffenen Mehrheitsverhältnisse stark beschränkt sein. Denn einerseits werden die in der nationalen Bewegung zusammengeschlossenen Parteien nichts gegen den Willen der Kommunisten durchsetzen können; auf der anderen Seite bedürfen die den seitherigen Koalitionsparteien nahestehenden Volksvertreter gleichfalls der Unterstützung
Gesamtergebnis.
Wahlvorschlag Partei
Landtag
13.11.27.
Sitze
Reichstag
14. 9. 30.
Landtag
15. 11. 31. Sitze
1 Sozialdemokr. Partei . . .
157 293
(24)
215 747
168 299 15
2 Zentrum..........
85 450
(13)
104 246
112 440 10
3 Kommunisten ......
41 280
( 6)4**
84 513
106 775 10
4 Kommun. Opp.......
( 2) *
14 954 1
5 Deutsche Volksp.......
51654
( 7)
49 929
18 325 1
6 Staatspartei _ , .
_ „ Demokr. zus.
37 789
( 1) *
( 5)3**
38 829
10 793 1
7 Radrkaldemokr.
( 1) *
4617
8 Christ. Soz. Volksdienst . ,
( 0)
19 086
16 712 1
9 Volksrechtpartei......
24123
( 3)2**
4 702
1529
10 Hessisches Landvolk.....
61109
( 9)
57 575
20 766 2
11 Deutschnat. Vp.......
23 998
( 3)
11 902
10 857 1
12 Soz. Arb. P.........
( 0)
8177 1
13 Natsoz. D. A. P.......
( 0)1*
137 981
291189 27
Stimmberechtigte
893 144
931 745
955185
gültige Stimmen
482 696
747 163
785 481
Anmerkung: * Durch Absplitterung gewonnen.
■** Sitze am
Ende des
Landtags.
Das Rätselraten beginnt!
Des Zentrums Stellung.
Aus Darmstadt wird gemeldet: Bei den gestrigen Landtagswahlen hat sich die Mehrheit der bisherigen Regierungsparteien in eine starke Minderheit verwandelt. Gegenüber den letzten Reichstagswahlen erhielten die Regierungsparteien nur noch 25 von 70 Landtagssitzen. Die gesamte Rechtsoppo- sition verfügt über 32 Sitze. Selbst wenn man den staats- parteilichen Abgeordneten hinzurechnen wollte, ist die Rechtsopposition nicht in der Lage, ohne das Zentrum eine Regierung zu bilden, da ihr mindestens 3 Stimmen fehlen. Das Zentrum wird daher auch bei den kommenden Verhandlungen um eine R?IiEvM'LMg den ÄMchW Men.
Berliner Morgenblätter zu den Wahlen.
Die Berliner Morgenblätter heben in ihren Besprechungen über die hessischen Landtagswahlen das starke Anwachsen der radikalen Flügelparteien, insbesondere der Nationalsozialisten hervor. Die ausführlichste Würdigung des hessischen Wahlergebnisses bringt der „Montag", der die gestrigen Landtagswahlen als für die politische Entwicklung Deutschlands von ausschlaggebender Bedeutung würdigt. Selbstverständlich, so schreibt das Blatt, hat in Hessen die Weimarer Koalition keine Mehrheit mehr. Für den neuen Landtag ergeben sich verschiedene Möglichkeiten der Mehrheitsbildung. Die Verhandlungen über die Bildung der neuen Regierung in Hessen werden auszeigen, wie sich künftig in Deutschlaird die innrrpolittschr Gruppierung der Parteien vollziehen wird.
durch die radikale Linke, wollen sie ihre Wünsche verwirklicht sehen. Die Zukunft liegt also hier noch recht verschleiert vor uns, und es erscheint zwecklos, sich jetzt schon in Vermutungen mit oder ohne Rechenstift zu ergehen.
Betrachten wir uns abschließend das Wahlergebnis unter den Gesichtspunkten der politischen Gestaltung im Deutschen Reiche, so ergibt sich kurzumrissen wiederum das Bild: Starkes Anwachsen der Extremen — Zersetzungserscheinungen in mehr oder minder großem Maße bei den meisten anderen Parteien. Aufgrund dieses Ergebnisses lassen sich eindeutige Rückschlüsse auf die bevorstehenden wichtigen Entscheidungen im Reiche ziehen. Es genügt, in diesem Zusammenhang auf die verfassungsmäßig im Mai 1932 fällig werdende Neuwahl des Preußischen Landtags zu verweisen; wie heiß das für die Reichspolitik sehr bedeutungsvolle Preußenparlament umstritten ist, zeigte das unlängst von der gesamten Rechten unterstützte preußische Volksbegehren des Stahlhelms, wenn die Auflösung seinerzeit auch nicht durchgesetzt werden konnte. Auch die nahende Reichspräsidentenwahl dürfte im Brennpunkt der kommenden politischen Ereignisse in Deutschland stehen.
Wiederum erinnern wir uns des Wortes Adolf Hitlers: „Der Endkampf um die politische Macht in Deutschland wird zwischen dem Hakenkreuz unb dem Sowjetstern ausgefochten werden". Wir scheinen in der Tat auf dem Wege zur Erfüllung dieser Prophezeiung wiederum einen Schritt weitergekommen zu sein. Ueber alle Parteiprogramme und Einzel-Interessen hinweg dürfen wir alle, die wir uns dem Volk und Vaterland verantwortlich fühlen, die Gefahr des Bolschewismus nicht unterschätzen oder gar verkennen. Sein Kulturgut wird sich e i n starkes deutsches Volk nicht rauben lassen. Das sei unser Glaube und unsere Zuversicht für die ungewisse Zukunft! Hd.
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