Zulöaer Anzeiger
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Nr. 272 — 1931
Fulda, Samstag, 21. November
8. Jahrgang
Der deutsche Antrag überreicht.
Die Prüfung der deutschen Zahlungsfähigkeit.
Der Antrag der deutschen Relchsreglcrung, den im Houng-Plan vorgesehenen Londerausschutz zur Prüfung der deutschen Zahlungssähtgkeit einzuberufen, ist der Bank für Eintreibung der deutschen Kriegstribute in Basel übergeben w 0 rde n. Gleichzeitig mit dem Antrag hat die Reichsregierung ein Schreiben überreichen lassen, in dem sie ihren Antrag begründet, d. h. in dem sie die Beweise für die deutsche Zahlungsunfähigkeit darlegt.
Der Antrag.
Das Memorandum, das allen auswärtigen Mächten mitgeteilt worden ist, zerfällt in zwei Teile: erstens
einem historischen Teil,
in dem die politischen Vorgänge seit Juni d. J. bis zum Laval-Hoover-Abkommen dargestellt sind. Die deutsche Reichsregierung hat besonderen Wert darauf gelegt, diesen historischen Teil in der Rote einzufügen, damit durch ihn klar herausgearbeitet wird, daß es sich bei diesem Schritt Deutschlands nicht um eine isoliern Aktion handelt, sondern um ein Glied in der Kette der politischen Aktionen, die sich feit Juni abgespielt haben.
Deutschland hatte schon im Juni v. I den haupt- beteiligten Mächten angekündigt, daß Deutschland nicht mehr int st andesei, die Young- Zahlungen voll zu leisten und den Schluß darangefügt, daß es daraus die Konsegenzen ziehen würde. Damals ist es nicht dazu gekommen, weil inzwischen das Hoover- Fahr in Kraft getreten war.
Es folgt dann im Anschluß an die Aktion Hoovers die Londoner Konferenz von Finanzsachverständigen und weiterhin eine Konferenz internationaler Sachverständiger in Basel,
beide Male zur Prüfung der deutschen Zahlungsfähigkeit.
Daran knüpfte sich dann das sogenannte Stillhalteabkommen Deutschlands mit seinen ausländischen Gläubigern. Und an dieses Abkommen schließt sich nun als weiteres Glied der Kette der Antrag, der der Baseler Tribulbank überreicht worden ist Den Schlußpunki soll, wie schon gesagt, die große Regierungskonferenz setzen.
Der zweite Teil des Dokuments
bezieht sich daraus, welche Kompetenzen der Sonderausschuß der Tributbank in Basel haben soll. Die deutsche Negierung vertritt hierbei die Auffassung, daß sich seit Aufstellung des neuen Planes die wirtschaftliche und soziale Lage in der Welt, insbesondere in Deutschland, durch die Krise von Grund aus geändert habe.
Da der neue Plan dem Sonderausschuß die Aufgabe zuweist, die Lage unter allen Gesichtspunkten zu prüfen, so mutz nach deutscher Auffassung der Ausschuß das Problem in seiner Gesamtheit und unter Berücksichtig gung aller Faktoren prüfen, also auch die Frage der prtvatcn Verschuldungen, die vor dem Februar 1932 ge- regeh werden müssen, und zwar durch eine Vereinbarung zwischen den ausländischen Gläubigern und den inländischen Schuldnern.
Deutschland hat damit dem Prüfungsausschuß in Vasel die Aufgabe gestellt,
ohne Begrenzung nach irgendeiner Seite hin die Lage Deutschlands zu prüfen. Bei dem Schritt Deutschlands handelt es sich, wie noch hervorgehoben werden soll, nicht um eine vereinbarte Aktion mit einer anderen Legierung, sondern um eine einseitige Erklärung -mschlands. Dem Schritt sind wie bekannt Perhand- uingen zwischen Deutschland und Frankreich in sraris vorangegangen, so daß also
Frankreich über die deutschen Absichten vollkommen informiert ist.
Tie Baseler Tributbank wird nun die Mitglieder des Ausschusses in den Ländern, denen wir Tribute zahlen Aussen, von dem deutschen Antrag verständigen, und sie »u einer Sitzung in Basel einlaben Gleichzeitig wird sie wnen die deutschen Dokumente zuschtcken, und die Aus- ichußmitglieder werden sich zunächst an ihrem Wohnort Angehend mit den Darlegungen der deutschen Reichsregie- "ng beschäftigen und mit ihren Regierungen darüber wrcchen. Dann erst wird es zur ersten Sitzung in Basel ‘Quinten. Es werden vielleicht
Wochen darüber vergehen,
ist sehr wohl möglich, daß der Ausschuß erst zu Beginn nächster Jahres zusammenkomml Dabei ist zu be- Mien, daß dieser Ausschuß auch nicht die letzten Enlschet- mgen treffen kann, er hat nur das Recht, den einzelnen rUnGcn bestimmte Maßnahmen auf Grund seiner uermchungsergebnisse zu empfehlen.
Die letzte Instanz
dann bie große Regierungskonferenz, aus m . öte Munster der einzelnen Länder mit allen Voll- ‘ aucn vertreten sind Bis diese Konferenz zusammen- ' ^nn es Monate dauern.
deutsche Antrag an die Baseler Tributbank, den ^nderausfchuß einzuberufen,
h. gründet sich darauf,
PräfibpL661 Zusammenkunft des französischen Minister- Derpinhl. mit öem amerikanischen Präsidenten Hoover natinnA^1 lu^e’ tu? Besprechungen der gesamten inter- alen Schuldenkragen burd) den Apparat anzu
kurbeln, der im Young-Plan vorgesehen ist. So wollte es Frankreich. Von entscheidender Bedeutung für die kommenden Verhandlungen des Sonderausschusses in Basel ist für Deutschland die Frage,
welche Zuständigkeiten
dieser Ausschuß bekommen soll. Darüber ist seit Wochen zwischen Deutschland und Frankreich verhandelt worden. Für Deutschland ist es selbstverständlich und unerläßlich, daß der Ausschuß sich nicht nur darum kümmert, ob Deutschland die Tribute bezahlen kann. Er muß unbedingt bei seiner Prüfung die privaten Schulden Deutsch- landS an das Ausland in Rechnung ziehen. Allerdings wird
von deutscher Seite nicht erwartet,
»aß dieser Ausschuß nun Vorschläge macht, wie Deutschland seine privaten Auslandsschulden nach Ablauf »es Stillhalteabkommens im Februar abzahlen soll. Darüber werden sich die deutschen Schuldner mit den ausländischen Gläubigern besonders zu unterhalten haben. Über der Baseler Prüfungsausschuß muß sich darüber klar fein, daß er nicht einfach sagen kann: soundsoviel Millionen kann und mutz Deutschland an Tribute be< zählen, ohne Rücksicht auf die Milliarden, die Deutschland sonst noch an das Ausland schuldet. Denn schlietzlich und im Ende müssen Reparationen und private Schulden aus bei gleichen Tasche bezahlt werden, aus den Taschen des verarmten deutschen Volkes.
Der Wortlaut des deutschen Antrages.
Zur Einberufung des Young-Ausschusses.
Das umfangreiche Schreiben der deutschen Reichsregie- rung an die Baseler Tributbank, in dem sie die Einberufung des Sonderausschusses zur Prüfung der deutschen Zahlungsfähigkeit beantragt, erinnert in der Einleitung an die verschiedenen Aktionen und Konferenzen i m Sommer dieses Jahres, die sich mit der deutschen Zahlungsfähigkeit beschäftigten. Die Regierung weist daraus hin, baß seit dieser Zeit die Dinge sich völlig geändert haben, und erinnert daran, daß die Baseler Sachverständigen ihren Bericht mit der Mahnung schlossen, daß keine Zeit zu verlieren sei, um Deutschland die so dringend benötigte Hilse zu bringen.
Tann heißt es im Haupiteil wörtlich weiter:
In den seither vergangenen Monaten hat sich die wirtschaftliche und finanzielle Lage Deutschlands aufs äußerste zugespitzt. Die Tatsachen, die diese Lage kennzeichnen, sind allgemein bekannt. Auch in anderen Ländern hat der Druck der Krise zu den ernstesten Erscheinungen geführt.
Die Welt ist sich in steigendem Maße klar geworden über den inneren Zusammenhang der verschiedenen durch die Lage aufgeworfenen finanziellen Teilprobleme und über die Notwendigkeit, sie alsbald
in ihrer Gesamtheit
in Angriff zu nehmen. Bei den Überlegungen, in w e l ch e r Form diese Aufgabe am besten zu behandeln sei, ist letzthin der Gedanke in den Vordergrund getreten, zunächst den Beratenden Sonderausschuß einzuberufen. Da nach dem System des Neuen Planes die Einberufung des
Beratenden Sonderausschusses von einem Antrag der deutschen Regierung abhangt, hat sich die deutsche Regierung zu diesem Antrag entschlossen, damit ihrerseits alles geschieht, was den Weg zu umfassenden M a ß n a h m en der Regierungen eröffnen kann.
Nach dem Neuen Plane ist für diesen Antrag die Erklärung der deutschen Regierung erforderlich, daß
„sie in gutem Glauben zu dem Schluß gekommen ist, daß die Währung und das Wirtschaftsleben Deutschlands durch den teilweisen oder vollständigen Transfer des
Zur Sicherung von Ruhe und Ordnung.
Drei Erlasse des preußischen Innenministers.
Ein Runderlaß und zwei Polizeiverordnungen des preußischen Innenministers zur Sicherung von Ruhe und Ordnung wurden erlassen.
Der Minister ersucht die Polizeibehörden, Versammlungen, in denen, wenn auch nur in verschleierter Form, zu Gewalttätigkeiten aufgefordert oder aufgereizt wird, sofort a u f z u l ö s e 11, und Versammlungen, bei denen, insbesondere nach der Person des Redners, die Besorgnis solcher Verstöße besteht, vorbeugend zu verbieten oder nur unter Ausschluß solcher Redner zuzulassen.
Die eine Polizeiverordnung behandelt das Verbot der Abgabe von Hieb- und Stoßwaffen an Personen unter 20 Jahren.
Nach der zweiten Polizeiverordnung sind Gelände- it n b Ordnungsü b unge n (Geländespiele, Ge- lündesport usw.) und Vorbereitungen dazu sowie alle Märsche in geschlossener Ordnung unter freiem Himmel in der Zeit von 17—7 Uhr verboten. Ausgenommen von dem Verbot sind behördlich angeorbnete Veranstaltungen und Märsche (Ausflüge) von Personen im Kindesalter. Die Verordnung droht bei Nichtbefolgung die Festsetzung von Zwangsgeld bis zu 150 Mark, im Nichtbeitreibungsfalle Zwangshaft bis zu drei Wochen an.
äufschievbaren Teiles der Annuitäten ernstlich in Gë^ fahr gebracht werden könnten".
Indem die deutsche Regierung diese Erklärung ab- gibt, muß sie zum Ausdruck bringen, daß eine solche Erklärung der gegenwärtigen Sachlage nicht gerecht wird.
Seit der Aufstellung des Neuen Planes ist die wirtschaftliche und finanzielle Lage in der Welt, insbesondere in Deutschland, durch eine Krise ohnegleichen von Grund auf geändert worden. Da der Neue Plan dem Beratenden Sonderausschuß die Aufgabe zuweist, die Lage unter allen Gesichtspunkten zu prüfen, muß der Ausschuß das Problem in seiner Gesamtheit und unter Berücksichtigung aller seiner Faktoren prüfen und hierbei insbesondere berücksichtigen, daß die Frage der privaten Verschuldung Deutschlands rechtzeitig vor Ende Februar nächsten Jahres neu geregelt fein muß, und zwar durch eine Vereinbarung, die zwischen ausländischen Gläubigern und deutschen Schuldnern zu treffen ist.
Da die gegenwärtigen Verhältnisse die größte Beschleunigung der zu treffenden Maßnahmen erfordern, schlägt die deutsche Regierung vor, daß der Beratende Sonderausschuß unverzüglich zusammen- tritt, und daß er seine Arbeiten so schnell als möglich erledigt, damit schon in nächster Zeit eine Konferenz derjenigen Regierungen stattfinden kann, die für die alsdann zu fassenden Entschlüsse zuständig sind.
*
Direktorium der Tribuibank zusammengeireien.
Nachdem das Memorandum der deutschen Regierung auf Einberufung des Sonderausschusses bei der Tribut- dank in Basel überreicht wurde, trat das Direktorium zu einer Sondersitzung zufammen, um die laut Young-Plan vorzunehmenden Maßnahmen festzulegen. An die beteiligten Notenbanken wurden telegraphische Ersuchen um Nennung der Vertreter im Sonderausschuß verlangt.
Der Zeitpunkt des Zusammentritts des Sonderausschusses hängt davon ab, welche Vertreter die fünf Gläubigerländer, und vor allem Amerika ernennen werden. Sollte Wiggin wieder nach Basel entsandt werden, so hängt es auch davon ab, wann er seine Reise nach Europa antreten kann. Das eine steht fest, daß in. Laufe der nächsten Woche der Ausschuß noch nicht seine Arbeiten in Basel aufnehmen wird.
Der Giörenfried in Europa.
Unangenehme Wahrheiten in der Französischen Kammer.
In der Französischen Kammer wurde die außenpolitische Aussprache fortgesetzt. Der der Republikanisch- Sozialistischen Partei angehörende Abgeordnete Planche erklärte, die französische Regierung sei der Störenfried in Europa. Er führte sodann aus:
Das Problem der Abrüstung (aste auf dem Ministerpräsidenten wie ein Alpdruck, denn weder in London noch in Berlin oder Washington habe er es überhaupt anschneiden wollen. Kriegsminister Maginot habe erst kürzlich wieder die These vertreten, daß Deutschland ab» rü st ««müsse, während Frankreich weiter rüsten könne. Als Grandi in Genf einen Rüstungsstillstand vorgeschlagen habe, habe Frankreich so lange Vorbehalte gemacht, bis schließlich nichts mehr von dem Vorschlag übriggeblieben sei.
Der Versailler Vertrag solle jedoch nach einer formellen Verpflichtung Clemenceaus ein erster Schritt auf dem Wege der allgemeinen Abrüstung sein. Wenn Frankreich diese Verpflichtung nicht anerkenne, sei Deutschland berechtigt, die Wiederaufrüstung zu fordern. - ---—
Was England an Amerika zahlt.
Im Unterhaus gab der Schatzkanzler die Höhe der von England an Amerika geleisteten Kriegsschuldenzah- lungen auf insgesamt 326 Millionen Pfund (6520 Millionen Mark) an, während England nur 71 275 000 Pfund von den anderen Ländern als Kriegsschuldenzahlungen erhalten habe.
Deuisch-schweizensche Verhandlungen.
Bisher nur wenig erfolgreich.
Die gegenwärtig in Berlin geführten Verhandlungen über die deutsch-schweizerischen Handels- und Wirtschaftsbeziehungen sind ins Stocken geraten. Obwohl die Vertreter der Schweiz ihre Forderung auf allgemeine Kontingentierung der nach der Schweiz gehenden deutschen Ausfuhrwaren aufgegeben haben, verlangen sie doch noch für eine ganze Reihe von Warengattungen eine derartige Kontingentierung. Man wird mit einer neuerlichen Unterbrechung der gegenwärtigen deutsch-schweizerischen Handelsvertragsverhandlungen rechnen müssen.
Kleine Zeitung für eilige Leser-
* Der Antrag ver Reichsregierung aus Einberufung be8 Baseler Prüfungsausschusses wirv veröffentlicht.
* Aus öem WirtschaftSbeirat ver Reichsregierung sind die drei Vertreter ver Landwirtschaft ausgeschicdcn.
* Bei einem Bergwerksunglück in England wurden 17 Personen getötet.
* Zwei neue große Banlskandale sind in Berlin aufgedeckt worden.
' Fapan hat sich mit der Entsendung eines Untersutzungs- ausschusses in die Mandschurei einverstanden erklärt.