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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Iulöa- unö Haunetal »Zulöaer Kreisblatt

Redaktion unö Geschäftsstelle: Königstraße 42 Zer «sprech-^nsthluß Nr. 2939

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Nr. 279 1931

Fulda, Montag, 30. November

8. Jahrgang

Wie Frankreichabrüstet".

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Das Tollhaus in der Pariser Abrüstungsversammlung.

Die bemerkenswerten Vorfälle in der Pariser Abrüstungs- Versammlung, über die wir bereits am letzten Samstag kurz berichtet haben, seien im Folgenden noch etwas ausführlicher dargelegt. Schon die kurze Eröffnungsansprache Herriots wurde durch Protestruse und Gegenkundgebungen minutenlang unter­brochen. Von der Kuppelgalerie erklangen immer wieder N i e d e r" - R u f e, die von starkem Lärm gefolgt waren. Der größte Teil der Reden ging im Lärm unter. Ausgesperrte Ruhestörer versuchten durch die Seitentüren in die Logen ein­zudringen und vergrößerten den Tumult durch

Die Krawalle aus dem Pariser Äbrüstungskongreß. Unsere Aufnahme zeigt den Präsidenten des Kongresses, Freiherrn von R h e i n b a b e n , bei der Eröffnung des Kongresses (von links) Bariello (Italien) Frau Dr. Lüders (Deutschland) Prinzessin Cantuzene (Rumä­nien) Louise Weiß, die Veranstalterin der Kundgebung Limburg (Holland) den deutschen Zentrumsabgeord-

...

dauerndes Klopfen an die Wände.

Von der Botschaft des Pariser Erzbischofs, Kardinal Ver­diers, wurde nichts vernommen, da.Sprechchöre jede Verständigung unmöglich machten. Kaum eine halbe Stunde nach Eröffnung der Sitzung entwickelte sich be­reits eine

heftige Prügelei

in einer Seitenloge, die vom Publikum mit leidenschaft­licher Parteinahme verfolgt wurde. Die Polizei entfernte einige Rädelsführer. Ein alter Herr wurde von den jungen Burschen geohrfeigt und zu Boden geschlagen, worauf er an die Versammlung eine Ansprache hielt. Auch die Worte der Generalsekretärin der Kundgebung blieben ungehört, da die Galerie sich in

Zischen und Hahnengeschrei

gefiel. Dazwischen wurden abwechselnd dieM arseil- (a i f e" und andere Lieder gesungen.

Als der deutsche Reichst« gsabgeordueie Joos das Wort erhielt, erhob sich ein durch Sprechchöre unterstütztes Pseiskonzcrl, das jeden Laut ver­schlang. ' Der Tumult erreichte einen aller Erfahrung spottenden Höhepunkt. Die Prügelszenen nahmen immer tollere Formen an. Kein Mensch mehr hörte aus den Redner, so daß der Reichstagsabgeordnete Joos eine Unterbrechung ein treten lassen mußte und erst fortfuhr, als einigermaßen Ruhe eingetreten war.

Fast ebenso unfreundlich wurde der italienische Redner Senator Soialoja ausgenommen. Lord Cecil ivurde als Sprecher Englands mit starkem Beifall empfan­gn, doch erregte er sofort die Unzufriedenheit der Massen, er englisch sprach. Immerhin verschaffte sein bekannter Rome ihm Gehör.

Ungeheurer nichtendenwollender Beifall empfing und begleitete den Hauptredner Frankreichs, Painlevè, dessen Eintreten für die französische Abrüstungs- these durch die Presse bekannt geworden war. Heftige Unruhe entstand wiederum, als Pichot eine allgemeine gleichzeitige und kontrollierte Abrüstung forderte, sowie für die Schaffung einer internationalen Polizeitruppe eintrat. Wiederum ertönte die Marseillaise und die Prügelei im Saal flammte erneut auf, Pfiffe schrillten, das wüste Treiben machte jede Verständigung unmöglich.

Aus der Abrüstungsversammlung mürbe ein T 0 llhaus.

Nach Schluß der Kundgebung mußte die Mobilgardc eingreifen, um den Nednertisch vor der andrängenden Menge zu schützen. Die einzelnen Vorgänge konnten natürlich nicht deutlich beobachtet werden, doch behaupten einige Augenzeugen, daß sowohl der amerikanische Redner Hong h t 0 n wie auch Senator b c Jouvenel nur mit knapper Not Handgreiflichkeiten entgangen seien. Die Ewndalfzcnen sind bezcichmu^ für den in Paris herr­schenden Geist.

Bezeichnend für den Geist, n dem das franzöpsche Volk an die Frage der Abrüstung herangeht, sind auch die Stimmen Pariser Presse. So schreibt dasE ch 0 d e P a r i s", eine sranzösische Zuhörerschaft könne niemals zugeben, daß

ein ehemaliger Elsässer,

Reichstagsabgeordnete Joos, im Namen Teutsch- h I , kn Frankreich spreche, ebensowenig, daß der l schfr e u übliche Amerikaner Houghton, der wummfte Feind Frankreichs während des Krieges, das ^ort im Namen Amerikas ernreifc. Auch Senator

V 0 r a H, der sich selbst rühme, niemals nach Europa ge­kommen zu sein, fei nicht der geeignete Mann,

Frankreich Verhaltungsmaßregeln zu erteilen.

Der italienische Vertreter Scialoja, in dessen Land über 600 000 Mann unter den Waffen ständen, habe kein Recht, in Frankreich über die Abrüstung zu sprechen. Der F i g a r 0" erklärt, daß die Pazifistenkundgebung ein Schlag für die Veranstalter und die öffentliche Gewalt sei. Dank des energischen Widerstandes eines Teiles der Be­völkerung sei

diese Verpestung der Öffentlichkeit mitGiftgasen" verhindert werden. Unruhen, wie sie ausgebrochen seien und die durch die UnverantworUichkeit und unvorsichtige -Haltung der Pazifisten hervorgerufen worden seien, würden ein andermal sicherlich Ausmaße annehmen, daß die anwesenden Ausländer nicht nurdieNollevon A u g e n z e u g e n s v i c l e n würde n."'

Die französischen Gelder.

Erklärung des Finanzministers Flandin in der Kammer.

In der Pariser Kammer erklärte Finanzminister Flandin auf eine sozialistische Anfrage, daß sämtliche Finanzoperationen der Banque de France im Ministerrat beschlossen wurden. Man mußte den Banken, die eine ge­sunde Grundlage hatten, helfen.

Was die an Ungarn und Südslawien gewährte Anleihen betrifft, so mußten diese schwächsten Valuten ge­

Der chinesisch-japanische Konflikt.

Neue Kampfe in der Mandschurei.

Die Tagung d e ^ Nate so eht wei t e r.

Der Völkerbundrat und der Zwölferrat setzten ihre Beratungen in Paris fort. Die Hoffnung, daß es ge­lingen werde, die Ratstagung noch in dieser Woche abzu­schließen, hat sich als trügerisch erwiesen. Man beschäftigt sich zurzeit mit der Frage der Schaffung einer neutralen Zone zwischen den feindlichen Truppen.

Die neutrale Zone in der Mandschurei.

Ein Vorschlag Briands.

Der japanische Außenminister Schidehara empfing den französischen Botschafter, der ihm den Vorschlag Briands über die Schaffung einer neutralen Zone über­mittelt hat. In ihrer Antwort, die der japanische Bot­schafter Uoshisawa in Paris überbrachte, erklärt sich die japanische Regierung unter gewissen Bedingungen bereit, der Schaffung einer neutralen Zone zuzustimmen. Sie weist aber darauf hin, daß in der Nähe von Kintschou etwa 12 000 chinesische Banditen ständen, die für die Sicherheit der japanischen Staatsangehörigen die größte Gefahr bildeten. Die japanische Regierung habe erwartet, daß die chinesische Negierung die Unterstützung dieser Banditen einstellen und den Befehl geben werde, Kintschou zu räumen. Bis jetzt fei nichts geschehen.

Die japanische Regierung lehnt deshalb bie Verant­wortung für die zu erwartenden Zusammenstöße zwischen chinesischen und japanischen Truppen an der Strecke Kint­schou ab und fordert Garantien dafür, daß China alle Maßnahmen zum Schutze der japanischen Interessen trifft.

Gespannte Lage zwischen Rußland und Japan.

Von russischer amtlicher Seite wird die Lage in der Mandschurei als sehr gespannt bezeichnet. Die Unter­redungen mit dem japanischen Botschafter Chirota und dem japanischen Außenminister Baron Schidehara hätten keine Klärung gebracht, namentlich nicht über die Chine­sische Ostbahn? Die russisch-japanischen Beziehungen stehen, wie in Moskau verlautet, vor einer weiteren Zu­spitzung.

Japanische Verstärkungen für Tientsin.

In Tientsin hat sich die Lage wieder verschärft. Das japanische Freiwilligenkorps, eine militärische Bürger- wehr, die sich zum Schutze der Konzession aus Einwohnern rekrutiert, ist wieder mobilisiert worden. In der Kinder­schule befinden sich über 700 japanische Flüchtlinge aus den bedrohten Stadtvierteln.

Von Mukden wurden 120 Eisenbahnwagen mit japa­nischen Truppen nach Tientsin in Marsch gesetzt. Nach un­bestätigten Meldungen sind auch von Japan aus zwei Brigaden nach Tientsin abgegangen. Weitere 150 japa­nische Matrosen sind bereits eingetroffen.Daily Tele- grahp' meldet, daß ein Panzerzug mit sechs Kanonen auf der chinesischen Oststation eingetroffen ist.

Zurückziehung japanischer Truppen.

Der japanische Botschafter in Washington erklärte, daß in der Mandschurei das ganze Gebiet westlich des Liaoflusses geräumt werden würde. Die japanischen Truppen würden somit auch aus der Gegend von Hsinmin und Tschintschau zurückgezogen werden.

In halbamtlichen Tokioter Kreisen verlautet, der Rückzugsbefehl an die japanischen Truppen sei darauf zurückzuführen, daß die maßgebenden Stellen in Tokio jede Verwicklung mit Amerika, Frankreich ober anderen Mächten habe vermeiden wollen, die durch einen Angriff auf Tschintschau unbedingt entstanden wären.

stützt werden, damit sie ^én A us Wirkungen der deut­schen Krise standzuhalten vermögen. Frankreich habe auch ausreichende Sicherheiten bekommen. Ungarn er­hielt 350 Millionen, Südslawien 250 Millionen Franc. An England wurden Anleihen in französischen Franc gegeben, die in Franc rückzahlbar sind, so daß die Pfundkrise auf diese keine Rückwirkung hätte. Die Hal­tung der ungarischen Regierung in der Anschlußfrage sei korrekt gewesen.

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Zusammenarbeit im Verkehr.

Die Arbeiten des deutsch-französischen Wirtschaftsausschusses.

Von amtlicher deutscher Seite in Paris wird mit­geteilt: Von den vier Unterausschüssen des deutsch-franzö- sischeu Wirtschaftsausschusses hat der Ausschuß für V e r - kehrsfragen seine Beratungen ausgenommen. Die Sachverständigen beschäftigen sich eingehend mit der Frage der Eisenbahnen, der See- und Binnenschiffahrt und der Luftfahrt und sind zu der Auffassung gelangt, daß es möglich ist, zu einer Reihe von deutsch-französischen Ab­machungen zu kommen, die eine wirtschaftliche Rege­lung des Verkehrs und eine engere Zusammen­arbeit der beiden Länder im Gefolge haben werden.

Die zu treffenden Vereinbarungen dürfen in keiner Form gegen die Interessen dritter Staaten gerichtet sein. Sodann sollen die betreffenden Unternehmungen dritter Länder gebeten werden, sich an den Be­sprechungen zu beteiligen. Es kann jetzt schon der Hoff­nung Ausdruck gegeben werden, daß man in kürzester Frist greifbare Ergebnisse der deutsch-französischen Zu­sammenarbeit verzeichnen wird können.

Japan an den Völkerbundrat.

Auf ein Telegramm Briands an die Regierungen in Nanking und Tokio, das in der Mandschurei eine neu­trale Zone vorschlägt, hat bisher nur Japan ge­antwortet. In der Antwort wird unterstrichen, daß alles vermieden werden solle, was die Lage in der Mandschurei zuspitzen könne. Andererseits stelle die Anwesenheil chine­sischer Truppen in der Umgegend von Tschintschau für die japanischen Streitkräfte eine große Gefahr dar. Tokio erklärt sich außerdem bereit, feine Truppen nicht weiter aus Tschintschau vordringen zu lassen, wenn diese Zone von den Chinesen geräumt wird.

China droht mit dem Austritt.

In der Sitzung des chinesischen Kabinetts über die Pariser Ratstagung, in der Außenminister Ku über seine Besprechungen mit dem französischen und dem englischen Gesandten berichtete, teilte er mit, daß Dr. Sze weitere Anweisungen erhalten werde, um endgültige Klarheit über die Stellung des Völkerbundrats zum Mandschureikonflitt zu erlangen. Falls der Völkerbund die chinesischen Rechte Japan gegenüber nicht schützen sollte, würde die chinesische Regierung dem Antrag der nationalen Verbände auf Austritt Chinas aus dem Völkerbund ftatfgcbem

Keine Europäer und Amerikaner in Tientsin getötet.

Die Nachricht, daß bei den Kämppfen in Tientsin sechzehn Europäer und Amerikaner getötet worden seien, wird von britischen Nachrichtenbureaus als unrichtig be* zeichnet. Nach Meldungen aus Mukden dauern die Kämpfe zwischen chinesischen ttnb japanischen Truppen in Tientsin an. Die Japaner sollen auch schwere Artillerie sowie Panzerkraftwagen und einen Tank eingesetzt haben.

Für ein soziales Mieirechi.

Wichtiger Beschluß im Reichstagsausschutz.

Im Wohnungsausschuß des Reichstages wurde mit großer Mehrheit ein Antrag der Abgg. D. Mumm (Christ­lichsozial) und Tremmel (Ztr.) angenommen, der die Reichsregierung ersucht, im Sinne der Verordnung des Reichspräsidenten baldigst einen Gesetzentwurf über ein soziales M i e l r e ch 1 vorzulegen, worin u. a. bei voller Berücksichtigung der allgemeinen wirtschaftlichen Notwendigkeiten Mißbräuchen der Vertrags­freiheil vorgebeugt wird, wucherische Mietforderungen verhindert werden und Mutwillen und sozial nicht gerecht- fertigten Kündigungen ein Riegel vorgeschoben wird.

Die Annahme dieses Antrages erfolgte auch mit den Stimmen der Sozialdemokraten.

Außerdem stimmte der Ausschuß einem kommunisti­schen Antrag, der von den Sozialdemokraten unterstützt wurde, zu, ben Mietern in Neubauwohnungen durch Schaffung entsprechender gesetzlicher Vorschriften einen Schutz vor willkürlicher Kündigung und Mietsteige- rung zu gewähren.

Kleine Zeitung für eilige Leser

* Die Reichsregierung hat freundschaftliche Verhandlungen mit England angeregt wegen der ZoUerhöhungen von denen eine große Anzahl deutscher Waren betroffen werden.

* In Paris kam cS bei einem großen internationalen Ab- rüstungslongrcß zu wüsten Tumultszcncn.

* Die Newyorkcr Bankiers haben sich über die Art geeinigt, in der sie einer Bcrlängerung des deutschen Stillhalteobkvm- ment zu stimmen können.

* Japan hat neue Truppenverstärkungen nach Tientsin ge­schickt, da sich die Lage dort abermals verschärft hat.