Zul-aer Anzeiger
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Tageblatt für Rhön unö Vogelsberg Zul-a- un- Haunetal -Zulöaer Kreisblatt
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Nr. 283 — 1931
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ras
Fulda, Freitag, 4 Dezember
8. Jahrgang
Brüm M s Weihnachtsgeschenk.
Sie Merraschllngsn
des Wintemogramms.
Die Vorweihnachtszeit ist Vie Zeit der Geheimnisse. Durch das Verheimlichen und Verbergen der Geschenke wird die Spannung der Kinder erregt, damit die Überraschung dann um so größer und schöner ist. Fast benimmt sich die R e t ch s r e g i e r u n g so wie ein liebevoller Hausvater am Vorabend des Weihnachtsfestes, der seine Kinder noch nicht wissen lassen will, was er ihnen bescheren wird. Mit tiefem Stillschweigen umgibt das Reichskabinett die Pläne seiner nächsten Notverordnung und doch wissen wir schon, daß dieser Nikolaus in seinem Sack nicht so sehr viel Äpfel und Nüsse, als Ruten für uns hat. Nach den langen, allzu langen Vorarbeiten nähert sich jetzt das Werk des großen Winterprogramms seinem Ende und noch immer ist die Öffentlichkeit auf Vermutungen angewiesen. An den zuständigen Stellen erklärt man, daß noch keine endgültigen Beschlüsse gefaßt worden sind, aber man kann diesen Behauptungen nicht rechten Glauben schenken, wenn man bedenkt, daß ein so umfassendes Werk kurz vor seiner Vollendung sich noch immer im Stadium der Vorbereitung befinden soll.
In der Konferenz der F i n a n z m i n t st e r der L ä n d e r , die telegraphisch nach Berlin berufen waren, wird der Reichsfinanzminister sicherlich doch schon positive Vorschläge unterbreitet haben. Die amtliche Mitteilung darüber besagt: „Die Verhandlungen wurden durch ein Referat des Reichsministers der Finanzen, der die derzeitige Lage der Reichsfinanzen darstellte, eingeleitel; dem Referat folgte eine eingehende Aussprache, an der sich die Finanzminister aller Länder beteiligten. Die Verhandlungen, die vertraulich waren, sollen den abschließenden Beratungen des Kabinetts als Unterlage dienen. Einigkeit bestand darüber, daß die öffentlichen Haushalte um jeden Preis in Ordnung zu bringen sind." Wir können uns nicht denken, daß nur, um diese Binsenwahrheit festzustellen. die Finanzminister so schnell zusammengetrommelt worden sind Ihr Einvernehmen mit der Reichsregierung wird doch vor allem auch in der Behandlung der Frage der B e a m l e n g e h ä l t e r notwendig sein, und dieser Punkt dürfte in der Ministerkonferenz eine nicht unbedeutende Rolle gespielt haben.
Die Annahme, daß der 1 5. Januar zum Stich- tag für die Lohn- und Gehaltssenkung gemacht werden soll, gewinnt immer mehr an Wahrscheinlichkeit. WS zu diesem Dermin will man gesehen haben, wie die Preis- ken k un gs maßnahmen sich ausgewirkt haben, um
Mandschurei und Völkerbund
Krise in der japanischen HeereSlührung.
Neue Truppen Verstärkungen in Tsitsikar.
Der Oberbefehlshaber der japanischen Truppen, General Hoanjo, hat um seine Entlassung gebeten, ba_ er bei der Kompromißpolitik der Regierung, wie er erklärt, nicht mehr in der Lage sei, die Verantwortung für die militärischen Operationen in der Mandschurei zu übernehmen.
Wenn augenblicklich auch der Vormarsch Ser japanischen Truppen eingestellt ist, so kann von einer Räumung ^meswcgs gesprochen werden. In Tsitsikar sind die Wippen sogar wieder verstärkt worden. da der chinesische Mileral Ma auf die Stadt vorrückt.
Vermißte Beobachter.
w Der Korrespondent des „Daily Expreß" meldet aus Eng, daß mehrere der ausländischen Beobachter, drc zurzeit die Mandschurei bereisen, vermißt werden. Unter Men soll sich auch der deutsche Generalkonsul i n M u k d e n befinden. Die Beobachter waren zuletzt in Tschintschau und hatten sich von dort aus in das Innere °es Landes, das stark von Banden besetzt ist, begeben. Sre touren von einer starken chinesischeu Militärmacht begleitet.
Telephongespräche mit den Behörden in Tschintschau Men ergeben haben, daß man in Tschintschau um das Schicksal der Beobachter stark besorgt ist und glaubt, daß sie möglicherweise von Banditen angegriffen worden sind. Unter den vermißten Beobachtern sollen sich, wie der Korrespondent des .Daily Erpreß" weiter mitteilt, auch zwei Engländer zwei Amerikaner und zwei Franzosen Minden. Zum Teil handele es sich um die ausländischen Mlitäratiachös aus Tokio, zum Teil um Mitglieder ans- 'andischer Konsulate in China.
Der Völkerbundrat arbeitet...
Die vermißten Beobachter sind in Kintschau.
Die französische und die englische Abordnung im Hvlkerbundrat haben die Berichte ihrer Milttarattachös über die Lage in der Mandschurei veröffentlicht. Nach französischen Bericht hat der japanische Oberbefehlshaber beschlossen, seine Truppen in der südmandschurischen Zone zusammenzuziehen, ausgenommen zwei Bataillone, in der Zone von Kintschau bleiben. Der englische Zeucht bezeichnet die Lage in der Gegend von Kintschau als regelrecht.
danach die Gehälter und Löhne zu behandeln. Insbesondere verlautet, daß eine Aufhebung der gellenden Tarifverträge an diesem Tage erfolgen soll mit der Maßgabe, daß neue Lohnverträge der bis dahin eingetretenen Senkung der Lebensbaltungskosten angepaßl werden sollen. Noch vielerlei wird über den Inhalt des Winterprogramms gemunkelt, aber wie artige Kinder wollen wir nicht durchs Schlüsselloch gucken, sondern uns überraschen lassen, wenn wir glich genau wissen, daß diese Überraschung keine Weihnachtsfrcüde sein wird.
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Verzögerung der Notverordnung?
Hindenburg läßt sich berichten.
Der Reichspräsident empfing den Reichskanzler Dr. Brüning zum Bortrag über den Fortgang der Beratungen der Reichsregierung über das Wirtschaftsprogramm.
Diese Besprechung dürfte mit der Verzögerung in den Kabinettsberatungen im Zusammenhang stehen, die voraussichtlich dazu führen wird, daß die neue Notverordnung erst Anfang der nächsten Woche bekanntgegeben wird. Möglicherweise wird der Reichskanzler noch vorher die gesamtpolitische Situation und die Beweggründe für die neuen Notmaßregeln öffentlich darlegen.
Die für Donnerstag angekündigte Aussprache zwischen den sozialdemokratischen Führern und dem Reichskanzler über die Notverordnung fand, wie von zuständiger Stelle mitgeteilt wird, nicht statt. Ob die Aussprache noch vor dem Abschluß der Kabinettsberatungen über die Notverordnung erfolgen wird, kann von zuständiger Stelle mit Sicherheit nicht gesagt werden.
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Vom „Sechser" zum „Vierer".
Sicrpfennigftüde sollet geprägt werden.
Außerordentlich umfassend scheint die neue Notverordnung zu werden. Von den Millionen bis zum Pfennig, alles wird in ihren Wirkungskreis einbezogen werden. Wie verlautet, wird unter den 1001 Punkten des Programms sich auch die Einführung eines Viörpfennigstückes befinden. Zum „Sech- f e r" wird also jetzt der „V ierer" treten, die beide eigentlich ein „Fünfe r" sind. Die Pfennigrechnung soll dadurch wieder mehr zu Ehren gebracht werden, dem Sprichwort gemäß: Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert! Nun, wir wollen uns das Pierpfennigstück gern gefallen lassen, wenn man uns die Taler nicht vorenthält.
Eine neuere Meldung aus Kin tschau, dem Hauptquartier Tschanghsueliangs, besagt, daß die ausländischen Beobachter in Kintschau eine Besprechung mit den Vertrauensmännern Tschanghsueliangs hatten. Aus dieser Nachricht gebt hervor, daß die Beobachter sich von Kintschau nach Tahuschan begaben, um die Lage im Gebiet der Peking-Mukden-Eisenbahn zu untersuchen.
. Drei Mann für hie Mandschurei.
Deutschland und die Mandschureikonimission.
Der in Paris tagende Völkerbundrat beabsichtigt bekanntlich, einen Untersuchungsausschuß nach der Mandschurei zu entsenden. Wie von zuständiger Stelle in Berlin hierzu mitgeteilt wird, ist es Deutschlands dringendster Wunsch, daß dieser Untersuchungsausschuß nicht m e h r a l s d r e i M i t g l i e d e r umfassen möge, da nur ein kleiner Ausschuß in der Lage sei, die ihm geeignet er- scheinenden Maßnahme» zu treffen. In einem solchen Falle würde Deutschland, um möglichen Mißverständnissen bei den streitenden Parteien aus dem Wege zu gehen, auf eine Beteiligung an diesem dreigliedrigen Ausschuß verzichten. Sollte aber der Völkerbundrat beschließen, einen größeren Ausschuß zu entsenden, so würde sich Deutschland seinen Pflichten als Mitglied des Völkerbund- rates nicht entziehen.
Japan mit Briands Erklärung unzufrieden.
London, 4. Dezember. (Eigene Funkmeldung.)
Der Korrespondent der „Times" in Tokio meldet: Das Mißtrauen Japans vergrößert sich, und die Regierung hat gestern abend weitere Abänderungs- anträge zu den Resolutionsentwürfen nach Paris telegraphiert. Es wird erklärt, der ganze Ton der Erklärung Briandsfei anstößig, weil er den Eindruck - Hervorrufe, daß den Chinesen Unrecht geschehen ist und daß die Japaner als Angeklagte vor Gericht stehen.
Auch die KPD. für Auflösung des Oldenburgischen Landtages.
Oldenburg. Die Nationalsozialisten hatten bei Abschluß der Herbsttaguug des Oldenburgischen Landtages angclündigt, daß sie einen Volksanttag auf Auflösung des Landtages betreiben würden. Dcutschnationalc und totablbelm haben bereits die Unterstützung eines solchen Verfahrens zugesagl. Wie jetzt bekannt wird, haben die Kommunisten ebenfalls einen Volksantrag auf Auflösung des Landtages vorbereitet und entsprechende Schritte bereits unternommen.
Der Kampf um das Hoover-Aierfahr.
Mit dem Zusammentritt des Kongresses in der nächsten Woche beginnt der Kampf um die Ratifizierung des Hoover-Feierjahres. Er wird außerordentlich lebhaft werden, da die Gegnerschaft bei den Demokraten im Amerikanischen Kongreß in Washington ständig wächst.
Schon heute wurde durch den Abgeordneten Rankin ein Vorstoß gegen das Feierjahr unternommen in einer Erklärung, die ankündigte, daß der Kongreß die Anleiben amerikanischer Privatbanken an das Ausland prüfen lassen werde, um festzustellen, wer den größten Nutzen von der Einstellung der Zahlungen haben würde. Rankin fügte hinzu, daß der Kongreß das Hoover-Feierjahr voraussichtlich ablehnen werde, denn es laufe "schließlich auf völlige Schuldenstreichung hinaus.
Hoover wird nicht Präsident der SriBufBont
Die amerikanische Meldung, daß Präsident Hoover gebeten werden soll, die Präsidentschaft über die große internationale Tribuikonferenz persönlich zu übernehmen, wird von der Tributbank als falsch bezeichnet.
Finnland vor einem Siaaisstreich.
Aufsehenerregende Erklärung des Innenministers
Der finnlänvrschc Innenminister von Born gab im Parlament eine Erklärung ab, die allergrößtes Aufsehen hervorgerufen hat. denn der Minister gab zum erstenmal unumwunden zu, daß die Gerüchte über einen bevorstehenden Staatsstreich tn Finnland nicht unbegründet seien.
Der Minister erklärte, daß die Behörden Vorbereitungen verschiedener Organisationen festgestellt hätten. Die nach Lage Der Tinge auf einen Staatsstreich Deuteten Zum Teil geheim, zum Teil öffentlich, werde sowohl innerhalb der sinnländischen Armee als auch des Schutzkorps Propaganda für. Die Beseitigung Der verfassungsmäßigen Zustände in Finnland durch einen Gewaltakt gemacht
Aus Den Tagesbefehlen und den Verfügungen der staatsfeindlichen Organisationen gehe deutlich hervor, daß Der Staatsstreich unmittelbar bevor st ehe. Der Innenminister richtete an Die Bevölkerung Die Aufforderung, Die Ruhe nicht zu verlieren, Da Die Regierung für das Wohl und Leben der Einwohner Sorge tragen werde.
Der Putschversuch in Ungarn.
Anschläge auf Minister geplant?
Die polizeilichen Erhebungen über die Putschisten sind nunmehr beendet Es ist festgestellt worden daß an der Spitze der Bewegung ein sechsgliedriger Ausschuß stand, dem Wladislaus Vannsv, Franz Cyutai und Arpar Racz angehörten, während Drei andere Mitglieder mehr ausführende Organe waren Cvutai und Racz werden vor ein Standgericht gestellt werden. Vannsy, Der einzige Soldat unter den Verhafteten, wird vor das Miliiärstrasge- richt kommen.
Der ungarische Wehrminister G ö m b ö s hat der Polizei angegeben, daß ein verdächtiger Mann mehrere Stunden lang sich in der Umgebung seiner Wohnung berumtrieb und offenbar auf ihn wartete Es ist der Polizei auch gelungen. Den Mann festzunehmen
Der Innenminister Kereszkest-Fischer erstattete bei Der Polizei eine Anzeige, daß zwei Burschen unter einem Vorwand in seine Wohnung cinDrangen und Don durch gewaltsames Auftreten eine Art Besichtigung vorgenommen haben.
Reichsminister a. O. Geßler über Retchsresorm.
Auf Einladung der Politischen Gesellschaft der Universität Freiburg sprach Reichsminister a. D. G c ß l e r, der Vorsitzende des Bundes zur Erneuerung des Reiches, über das Problem der R e i ch s r e f 0 r m. Ter wachsende Fehlbetrag des Reiches, so führte Geßler u. a. aus, werde einen Abbau und Umbau der Verwaltung notwendig machen, von dessen Umfang wir heute noch keine rechte Vorstellung hätten. Es gibt nach Ansicht Geßlers nur zwei Möglichkeiten für die Reichsreform: entweder Wiederherstellung des früheren Bismarckschen Reiches, in dem die Reichsregierung von Preußen gestellt wird und diese auch die Führung im Reichsrat übernimmt, oder die Reichs- regierung wird mit der preußischen Regierung vereinigt. Die beste Lösung einer Reichsreform sei wohl, den Umbau des Reiches aus historischem Boden vorzunehmen.
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Die Finanzminister der Länder hatten eine Besprechung mit dem Reichsfinanzminister über die Finanzen der Länder und das Winlerprogramm.
* Die Rcichsregierung plant die Einführung von Vier. Pfennigstücken durch die Winteruotverordnung.
* Der Berliner Polizetmajor Levit ist im Anschluß an eine Rcichsbanncrkundgebung seines Postens enthoben worden.
* Die Lokomotivsabrik Henschel u. Sohn-Kassel legt am 81. Dez. 1931 ihren Betrieb still. 2150 Personen werden brotlos.