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Nr. 299 — 1931
Fulda, Mittwoch, 23. Dezember
8. Jahrgang
Der Stuttgarter Schloßbrand.
Mehrere brave Feuerwehrmänner wurden Opfer ihres Berufes: Bisher 3 Tote, 20—30 Verletzte. — Wie das stolze Schloß in Trümmer sank.
Ueber das von uns gestern schon gemeldete Einsturzunglück in Stuttgart wird noch mitgeteilt:
Der folgenschwere Einsturz.
Nach zwölfstündiger harter Arbeit der vereinigten Feuerwehren von Stuttgart und den Stuttgart umgebenden größeren Orten schien es in der Nacht zum Dienstag, als ob das Feuer im brennenden Alten Schlosse größten- teils etngedämmt wäre Am Dienstag morgen aber griff das Feuer wider Erwarten auch aus das Dachgeschoß des Schlostflügels gegenüber der Markthalle über. Obwohl der neue Brandherd sofort erkannt und mit aller Encrqi« bekämpft wurde, drangen die Flammen mit großci Schnelligkeit weiter vor. Um II Uhr vormittags waren schon einige Stockwerke im Innern des südöstlichen Turmes ausgebrannt, und kurz darauf stürzte das zwischen dem südöstlichen Turme und der Tchioßkirch« gelegene Stück des Dachstuhles in sich zusammen. Mehrer« Feuerwehrleute, die an dieser Stelle tätig roc-rcn, wurden mit in die Tiefe gerissen. Und dann erfuhr man, daß das Einsturzunglück
bis letzt zwei Tote gefordert habe. Einer der verunglückten Feuerwehrleute starv nad; der Einlieferung «ns Krankenhaus Ein anderer Feuerwehrmann wurde verschüttet Seine Leiche konnte nur unter Zuhilfenahme von Schwcißapparatcn aus der Trümmern befreit werden Besonders tragisch ist der Fall eines der schwerverletzten Feuerwehrmänner. Er sollte av- gelöst ivcrden, erbot sich aber freiwillig, auf seinem Poste« zu verharren
Die Angaben über die Zahl der Verletzten schwanken Während von einer Seile berichtet wird, daß achtzehn Personen verletzt worden seien, verlautet aus einet anderen Quelle. daß
die Zahl der Schwerverletzten 38, die der Leichtverletzten 40 betrage Die Brandstätte bietet ein furchtbares Bild der Zerstörung. Die Wand« und Fensterhöhlen der ausgebrannten Schloßteile sind mit Eisschichten überzogen, die durch das Gefrieren der in dar
Das brennende Schloß.
Schloß hineingeschleudertcn Wassermassen entstanden sind, Der ausgebrannte Teil enthielt
die ältesten Räume mit den wertvollen Decken, ebenso die Gasträume des Staatsministeriums. Lebhaft« Teilnahme wendet sich der Witwe des ersten wüntem- bero;sehen Staatspräsidenten Blos zu, deren Wohnuna im ersten Stockwerk des ausgebrannten Flügels lag Ihre gesamte Einrichtung, insbesondere die Bibliotbel ihres Mannes mit wertvollen handschriftlichen App zeichnungen und dessen Briefwechsel mit namhaften ^eib genossen, ist vollständig vernichtet
Die Brandursachc.
ist noch nicht ermittelt Man vermutet einen Karmnschadcv oder einen Kurzschluß der Lichtleitung. Anscheinend iß das Feuer nicht erst Montag früh entstanden. Ein Brandgeruch war schon Sonntag wahrgeuonimen worden, ohn« daß es gelungen wäre, den verb des Feuers zu entdecken. Tas Schloß ist Eigentum des Würnembergischen Suwies der in diesem Jahre zum zweitenmal durch einen Lchloß- braud heimgesuchi wird. Anfang des Jahres vernichtet« ein Feuer fast die Hälfte des Schlosses H 0 He n < b e i in, in dem die berühmte Landwirtschaftliche Hoch- fdjiile untergebracht ist.
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Helden der SMaarier Feuerwrhr.
Mit Eispickeln und Seilen in b e ti brennenden Trümmern.
Über die Verluste an Menschenleben bei dem Einsturz' Unglück im Alten Schloß konnte folgendes ermittelt werden: T 0 t ist der Feuerwehrmann Ade, der sich an den Blitzableiter klammerte und mit diesem in die Tiefe gestürzt ist. Er wurde von nachfolgenden Gesteinsmassen Lu Tode aeaueticht.
Nachdem das Feuer aus dem zusammengefallenen Verbindungsstück zwischen Südostturm und Schloßkirche einigermaßen nicdergckämpft war, konnte an die Suche des verschütteten Feuerwehrmannes Wetzel gegangen werden. Die Bergung unter Führung eines Feuerwehrhaupt- mannes gestaltete sich äußerst aufregend und schwierig, da die Bergungsmannschaften von dem übcrhângenden Balkengewirr, Maucrrcstcn und Ziegelhaufen dauernd bedroht wurden und in ständiger Todesgefahr schwebten.
Nach längerem Suchen wurde der Verschüttete auf einem Mauerabsatz der eingestürzten Wand aus halber Höhe tot ausgesunden.
Die Leiche war bis zur Unkenntlichkeit zerquetscht. Ihre Abnahme war nur dadurch möglich, daß die Feuerwehrleute, die auf dem vereisten Mauervorsprung ständig auszugleiten drohten, mit Hilfe von Eispickeln sich heranarbeiteten und den toten Kameraden anseilten. Ties alles angesichts einer riesigen Zuschauermenge, die erschüttert die einzelnen Vorgänge verfolgte.
Die ganze Aufmerksamkeit der Feuerwehr wendete sich dann dem Südostturm zu, der sowohl von der Seite der Markthalle wie von der Seite des Karlplatzes aus von mehreren Stahlrohren dauernd unter Wasser gehalten wurde. Wenn nicht irgendwelche unvorhergesehenen Umstände eintreten, kann der anstoßende Flügel mit der Schloßkirche, der durch eine Feuerwand von dem eingefallenen Zwischenstück abgetrennt ist, als gerettet betrachtet werden, wenn das Feuer in dem danebenliegenden Trümmerhaufen erstickt werden kann..
Das Feuer konnte nahezu vollständig erstickt werden, auch im Innern des Turmes. Der Turm ist also nicht,
W 10 000 Worte!
Der Geist des Baseler Gutachtens.
Niemand zuliebe, niemand zuleide.
Im Nedaktionsausschuß des Baseler Tributausschusses herrscht reges Leben. Die Sachverständigen der einzelnen Abordnungen kommen und gehen; Seite werden geschrieben und werden abgeändert; kurz: es geht mit allen Kräften dem Ende zu. Die Schlußfolgerungen sind fertig. Die Zusammenstellung der Darstellungen des Hauptteils ist in Arbeit. Ein Teil desselben konnte durchgesprochen und erledigt werden, jedoch ergaben sich bet der Formulierung noch Meinungsverschiedenheiten über einzelne Fragen, die eine weitere Aussprache notwendig machen. Man hofft, die Schwierigkeiten soweit bereinigen zu können, daß die Tagung noch vor Weihnachten zu Ende geführt werden kann. Nach Mitteilungen Laytons soll der Bericht des Sonderausschusses am Mittwochabend fertiggestellt werden. Der Bericht würde 8000 bis 10 000 Worte umfassen und im Anhang etwa 30 deutsche Urkunden aufweisen
Das französische Festhalten am Vorrecht der Tribut- bilde auch weiter!)^ das größte Hindernis für einen schnellen und zufriedenstellenden Abschluß der Konferenz. Die französische Abordnung habe neue Anweisungen aus Paris erhalten, in der Frage des Vorrechts der Tribute auch nicht einen Zoll nachzugcbcn.
Die Etnigungsformcl, soweit sie bisher gefunden wurde, und in deren Geist das Schlußgutachten gehalten sein wird, ist die, daß auf besondere Empfehlungen und Anregungen verzichtet wird, daß in den Schlußfolgerungen weder die Frage der Reparationen noch der privaten Schulden mit bestimmten Hinweisen auf- geführt wird.
Man wird betonen, daß der Ausschuß auf den Antrag Deutschlands gemäß den, Young-Plan eine genaue Prüfung der Gesamtheit der deutschen Verhältnisse vor- genommen hat, daß der Eindruck, den man von den besonderen wirtschaftlichen Schwierigkeiten Deutschlands erhielt, ein überaus starker ist und deshalb die Re- gierungskonsercnz ausfordert, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen.
Diese Einigungsformel, niemand zuliebe, niemand zuleide, wird von allen Vertretern unterzeichnet. Für Deutschland werden keine neuen Bindungen gefordert. Frankreich überläßt die Entscheidung über geschützte und ungeschützte Reparationen der Regierun g s k 0 n f e r e n z. England läßt die Frage der privaten Verschuldung nur nach allgemeinen Gesichtspunkten aufführen. In einer Einleitung zum Gutachten dürste der Sonderausschuß dann noch einen überblick über die Art und Bedeutung seiner Tätigkeit geben. Diese Schlußfolgerungen an sich stehen bereits fest. Ihre letzte Formulierung und damit ihre endgültige Annahme hängt von der Art des Aussehens des Hauptteiles ab.
Ohne endgültige Tributregelung keine langfristige Stillhaltung. .
Zu den Stillhalteverhandlnngen verlautet aus englischen Finanzkreisen, die meisten Finanzleme würden einer Umwandlung der kurzfristiLen in langfristige
wie ursprünglich befürchtet werden mußte, in sich zusam- mengestürzt, sondern steht einsam ragend inmitten derTrümmer. Auch im Nordostturm, dem zuerst ausgebrannten Turm, hat sich das Element noch nicht vollständig beruhigt, so daß während der Nacht auch ihm noch erhöhte Beachtung geschenkt werden mußte. Immerhin hat es den Anschein, daß der Brand nunmehr seinem Ende entgegengeht.
Der Brandschaden nur zum Teil gedeckt.
Ob an einen Wiederaufbau des Alten Schlosies gedacht werden kann, steht noch völlig dahin. Die Jnnen- râume können in ähnlicher Weise wie bisher natürlich nicht mehr geschaffen werden. Andererseits kann aber auch die Ruine nicht stehenblcibcn.
Man wird daher wohl zunächst eine Zwischenlösung suchen müssen, wozu schon finanzielle Gründe zwingen dürsten, denn der Schaden, der sich auf m e h r e r e Millionen Mark beläuft, ist durch Versicherung mit nicht einmal einer Million Mark gedeckt. greiwillige Sammlungen zur Wiederherstellung des chlosses, das mit Recht als eine der schönsten Renaissancebauten Deutschlands gilt, werden bereits angeregt.
3 Todesopfer.
1% Millionen Kubikmeter Wasser wurden in die Elut geschleudert.
Stuttgart, 23. Dezember. (Eigene Funkmeldung.)
Die Feuerwehr war auch heute früh um ^8 Uhr noch damit beschäftigt, den Brand m Nordflügel des alten Schlosses zu löschen. Im Laufe des Vormittags soll der obere Teil des Nordost-Turmes, für den ernste Einsturzgefahr besteht, umgelegt werden. Der Wasserverbrauch für die Löscharbeiten betrug bis gestern abend nach einer Feststellung des Wasserwerks 1,45 Millionen Kubikmeter.
Während der vergangenen Nacht haben sich keine Unfälle mehr ereignet. Einer der schwerverletzten Feuerwehrleute ist g e st 0 r b e n, so daß die Zahl der Todesopfer drei beträgt.
Und die Tat?
Kredite nicht zustimmen, da bei der Regierungsronferenz nur ein neues zweijähriges Moratorium herauskommen werde und die Aussichten bei einer nur zeitweiligen Regelung der Tributfrage zu unsicher seien. In Bankkreisen betrachte man ein zweijähriges Moratorium als die s ch l e ch t e st e Lösung, da hierdurch die Unsicherheit nicht beseitigt werde.
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Der Baseler Hauptbericht.
Der Sonderausschuß hat das erste Kapitel des Hauptberichtes, das die Lage Deutschlands behandelt, gut geheißen. Das zweite Kapitel, das die Ursachen dieser Lage behandelt, wird noch formuliert. Man hofft, daß die Unterzeichnung des ganzen Berichtes für Mittwoch erwartet werden kann. Tas dritte Kapitel, das sich mit den Notverordnungen beschäftigt, ist nur kurz. Seine endgültige Abfassung macht nicht viel Mühe. Das vierte und letzte Kapitel über die Schlußfolgerung ist so gut wie fertiggestellt.
Der Hauptbericht läßt mit aller Deutlichkeit bte riesengroße Gefahr hervortreten, die ein zusammenbrechendes Mitteleuropa für die Welt bedeutet. Der Ausschuß hat auf besondere Bemerkungen über die künftige Zahlungsfähigkeit der Reichsbahn verzichtet und auch die Frage der Sachlieferungen nicht angeschnitten, da ein Zahlungsaufschub für zwei Jahre oder für fünf Jahre, wie er von englischer Seite zu empfehlen vorgeschlagen wurde, bei der so schlechten Wirtschaftslage völlig sinnlos gewesen wäre.
Daß der Welt gegenüber auch in Basel wiederum nicht die volle Wahrheit ausgesprochen wurde, liegt nicht allein an der Hartnäckigkeit der Franzosen, sondern auch an der vielfach recht unentschlossenen Haltung der Engländer und auch an der gänzlich abwarte n d e n Haltung der Amerikaner.
Der Haag Sitz der Neparationskonferenz?
London, 23. Dezember. (Eigene Funkmeldung.)
„Times" zufolge verlautet, daß die britische und die französische Regierung sich dahin geeinigt haben, den anderen .interessierten Regierungen vorzuschlagen, die Repa- rationskonfercnz der Regierungen nach dem Haag ungefähr Mitte Januar einzuberusen.
Lausanne als Tagungsort?
Paris. In Pariser politischen Kreisen verlautet, daß man fetzt Lausanne als Tagungsort für die am 15. Januar be- »orstcbcnde Triburkonserenz der Regierungen in Ausüchi genommen habe. Es wird dabei die Frage aufgeworfen, ob die Konferenz am 2. Februar, das heißt zum Beginn der Abrüstungskonferenz. beendet sein werde.
Kleine Zeitung für eilige Leser
• Die Ostpreußisckn LandwirtschaslSkammer ist von der preußischen Regierung aufgelöst worden
♦ Die neue Sparvcrorvnung der preußischen Regierung wurde ncröffcnttidH
* Beim Brande veS Alten SchloffcS in Stuttgart ereignet« sich ein Einsturzunglück; zwei Feuerwehrleute fanden Den Toa.