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Nr. 30J 1931

am

Fulda, Donnerstag, 24. Dezember

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8. Jahrgang

Der Schlußkampf in Basel.

All Bs'eler Bericht mterzrichilet.

Basel, 23. Dezember.

Der Bericht des Beratenden Sonderausschusses der B.J.Z. wurde heute abend gegen 22 Uhr in einer nicht­öffentlichen Vollsitzung des Ausschusses unter Vorsitz von Professor Beneduce (Italien) von sämtlichen Mitgliedern des Ausschusses unterzeichnet. Bevor die Mitglieder ihre Unterschrift unter das umfangreiche Dokument setzten, wurde der Bericht, der bs jetzt nur in englischer Sprache vorliegt, von dem Chefdolmetscher des Ausschusses Ober- rcgierungsrat Dr. Michaelis-Berlin Abschnitt für Abschnitt vorgclesen. Die Verabschiedung des Berichts erfolgte debatte­los. Einwendungen wurden von keinem Mitglied erhoben.

Der Bericht trägt nunmehr die Unterschriften folgender Persönlichketten:

Beneduce (Italien), Melchior (Deutschland), Layton (Großbritannien), Rist (Frankreich), Francqui (Belgien), Colijn (Holland), Rydbeck (Schweden), Bindschedler (Schweiz), Djuritsch (Jugoslawien), Nogara (Japan).

Die Mitglieder des Ausschusses haben größtenteils so­fort nach Beendigung der heutigen Sitzung Basel wieder verlassen.

*

Die Mgierungskonserenz hat das Wort.

Ter Schlußkampf im Baseler Tributausschutz gestaltete sich außerordentlich dramatisch. Es kam zu unerhört scharfen Auseinandersetzunaen zwischen den zwei Gruppen, die sich im Kaufe der Verhandlungen ge­bildet hatten. Ter englische Sachverständig* L a y t 0 n, der namentlich von den schwedischen und hollän­dischen Vertretern unterstützt wurde, bei wohlwollender Neutralität der Amerikaners, forderte den völligen Erlaß der Zahlungen aus dem Young-Plan, weil auf anderem Wege die in Deutschland eingefrorenen Privatkredite nicht aufgetaut werden könnten. Der französische Delegierte Rist und mit ihm der Belgier Franqui und der Ver­treter Jugoslawiens setzten diesen Forderungen der nordischen Gruppe" ein entschiedenes Wein entgegen und erklärten, daß sie ein Gutachten, das eine derartige Fest­stellung enthalte, nicht unterzeichnen würden. Auf Ver­mittlung des Unterstaatssekretärs des britischen Schatz­amtes hin soll dann Kanton seinen Standpunkt geändert haben Er machte noch einen letzten Versuch, den Vorrang der privaten Schulden vor den Tributen zu sichern, und schlug vor, die Verhandlungen bis nach Weihnachten zu vertagen, aber auch dieser Versuch scheiterte, da sich die Mehrheit der Sachverständigen dafür entschied, noch vor Weihnachten den Schlnßberichi fertigzustellen.

Die von französischer Seite geforderte Fassung, nach der die deutsche Krise nur einenvorübergehen­den" Charakter trage, weshalb lediglich vorüber­gehende Hilfsmaßnahmen vom Ausschuß für Deutsch­land empfohlen werden könnten, wurde von den deutschen Vertretern abgelehnt überhaupt bestanden die großen grundsätzlichen Gegensätze zwischen der deutschen und der französischen Auffassung unvermindert fort. Der deutsche Standpunkt fand Unterstützung von englischer, italienischer und neutraler Seite

Alles in allem zeigten die letzten Kämpfe, daß die Fassung des Berichtes verschiedene Auffassungen zulassen soll und damit die Entscheidung über die Haupt­fragen, die Priorität der Privatschulden Deutschlands vor den Tribulzahlungen, die Frage der deutschen Zahlungs­fähigkeit uns die Deutschland zu gewährenden Hilfsmaß­nahmen von dem Ausschuß ohne ausdrückliche Festlegung oder Stellungnahme auf die kommende Regterungs - k 0 n f e r e n z abgeschoben wird.

Zur Auslösung der Ossyreußischen Landwirtschafiskawmer

Ju einer landwirtschaftlichen Sitzung in Insterburg sprach der bisherige LandwittschaftSkainmerprüstdcnt Dr. Brandes über die grundsätzliche Bedeutung oer Auf­lösung der Ostpreußischen Landwirtschaftskammer. Er ging zunächst auf die Vorgeschichte der Auflösung ein und betonte, die Kürze der Sitzung habe den Irrtum überleit Antrag der Nationalsozialisten auskommen lassen Ihn treffe die Schuld, daß er den Antrag zur Abstimmung zu­gelassen habe, obwohl er schriftlich noch nicht vorlag. Das komme aber öfter vor. Er sei von jeher den geraden Weg gegangen und habe niemals verfehlt, dieses System zu bekämpfen. Eine andere Frage sei es, ob der R c i Ä s - Präsident sein Amt niederlegen solle. Er halte es nicht für zweckmäßig, diese Forderung zu erheben. Wenn die Nationale Opposition zur Mackst komme, werde sie un­geheure Aufgaben zu erfüllen haben. Er finde nicht, da.', hierzu die Amtsniederlegung des Reichspra- sidenten notwendig sei. Der Feldmarschall gehöre fegon 8U Lebzeiten der deutschen Geschichte an und werde -m Auslandè sehr geachtet. Wer Fingerspitzengefühl besitze, ^erde es für richtig halten, wenn bei der nächsten Wahl u i ch i die Parole ausgegeben würde, Hindenburg solle abdanken.

Die sachlichen Beratungen des Sonderausschusses abgeschlossen.

Tie sachlichen Beratungen des Sonderausschusses sind abgeschlossen worden. Der größte Teil der deutschen Ab­ordnung kehrt nach Berlin zurück. Der deutsche und der französische Delegationsführer standen in ständiger tele­phonischer Fühlungnahme mit ihren Regierungen. Tie endgültige Entscheidung über die Annahme des Berichtes durch sämtliche Abordnungen hängt ausschließlich von der Stellungnahme der Regierungen ab. In Frage kommt jetzt entweder die Unterzeichnung des Berichtes durch sämtliche Abordnungen oder die Annahme des Berichts unter ausdrücklichem Vorbehalt und Abgabe von Sondererklärungen durch einzelne Abordnungen. In den vertraulichen Besprechungen der Delegationsführer ist mit großer Schärfe um die Frage der Aufrecht­erhaltung des Tributsystems gekämpft worden.

Der erste Eindruck des Baseler Gutachtens.

Berlin, 24. Dezember (Eig. Meldung).

Wenn auch der gestern in den späten Abendstunden veröffent­lichte Auszug aus dem Bericht des Basler Sonderausschusses noch keine endgültige und abschließende Wertung des gesamten Gutachtens ermöglicht hat, und auch die Berliner Morgenolätter sich im wesentlichen auf eine Wiedergabe des Auszugs beschrän­ken, ohne ausführlich dazu Stellung zu nehmen, so zeigt der erste Eindruck doch schon, daß die Feststellungen der Baseler Sachver­ständigen die besondere Lage Deutschlands und den verhängnis­vollen Einfluß der Reparationen auf unsere wirtschaftlichen und finanziellen Verhältnisse voll würdigen.

DieGermania" unterstreicht insbesondere den Hinweis auf die zu befürchtenden weiteren Katastrophen, wenn seitens der Regierungen nicht entscheidende Maßnahmen ergriffen würde...

DieV 0 s s i s ch e Zeitung" stellt besonders die Forderung nach Anpassung aller zwischenstaatlichen Schulden an die Welt- läge und die Ausführungen über den Zusammenhang zwischen der deutschen und der Weltkrise, die ein gemeinsames Vorgehen erheische, in den Vordergrund.

DasBerliner Tageblatt" nennt den Bericht eine ernste Mahnung. Das Gutachten sei natürlich ein Kompromiß, aber ein Kompromiß, zu dem auch Deutschland unbedenklich ja sagen könne. Noch niemals sei, solange die Debatte über die Reparationen andauere, von einem internationalen Gremium ein Dokument von gleicher Eindringlichkeit, von einem solchen Ernst der Sprache vorgelegt worden, wie diesmal. Der starke Appell an die beteiligten Staaten, sich sofort zu wirtschaftlich also nicht politisch bedingten Maßnahmen aufzuraffen, werde in drei Wochen, wenn die internationale Reparationskonferenz zusammentritt, hofftlich Gehör finden.

DerVorwärts" bezeichnet die Zustimmung der Reichs- regierung als eine Selbstverständlichkeit, wenn auch die Hoff­nung auf einen konkreten Vorschlag zur völligen Abschaffung der Reparationen nicht in Erfüllung gegangen sei. Vor allem sei die Feststellung wichtig, daß sich die Lage Deutschlands und der Welt seit den Haager Konferenzen grundlegend geändert habe. Der Young-Plan sei überholt.

DieBörsenzeitung" ist der Auffassung, daß der Be­richt zwar an manchen Stellen durch die deutlich erkennbaren Kompromißspuren gelitten habe, aber doch in den Schlußfolge­rungen den deutschen Standpunkt, wenn auch nicht voll 10 doch weitgehend entspreche.

Im Gegensatz zu diesen .Aeußerungen spricht derBörsen- Courier" von einemmühsam erreichten unzulänglichen Kompromiß".

DieD. A Z." findet die Schlußfolgerungen alslückenhaft". Der Young-Plan werde desavouiert, es fehle aber die Empfeh­lung, die Tribute zu streichen.

Auch derT a g" vermißt diese Schlußfolgerung. Das Gut­achten führe nicht eindeutig genug die Weltkrise auf die Tribute zurück, d:e die Weltwirtschaftsordnung entscheidend gestört hätten. Der Bericht deute nur an, was von der politischen Seite her gesündigt worden sei. Er verwische kausalen Zusammen­hänge dort, wo er von den Tatsachen sprechen, die zu der heuti­gen deutschen Elendslage geführt haben.

Senkung der palet« und Fernsprech­gebühren ab 1. Januar.

Amtlich wird mitgeteilt: Das Reichslabinctt stimmte der Senkung von Postgebühren mit Wirkung vom 1. Jan u n r zu. Die Senkung soll sich, um bei dèr Höhe des zur Verfügung stehenden Betrages von 120 Millionen Mark wirksam zu sein, auf zwei wichtige Verkehrszweige, den Pakctvcrkchr und den Fernsprechverkehr, erstrecken.

Bereits am 28. Dezember wird der Arbeitsausschuß des Reichspostverwaitungsratcs und am 29. das Plenum des Verwaltungsrates zusammentreten, um die endgültige Entscheidung zu treffen, insbesondere um die Einzel- Heilen der Gebührensenkung festzusetzen.

Deutscher Flug in das Innere Mittelasiens.

Ein Flugzeug der Deutsch-Chinesischen Luftverkehrs­gesellschaftEurgsia" ist in der Stadt Urumtschi (Pro­vinz Sinkiang-Ostturkestan) glatt gelandet.

Es handelt sich um einen von Schanghai ausgehen­den Erkundungsflug über eine 24110 Kilometer lange Strecke, die zum größten Teil über Wüstengebiet führt. U-ruintschl ist ein bedeutender Platz für den Handes mit Rußland, Turkestan, Persien, Kaschmir usw.

Weihnachtsfreuden

Weihnachtsfrieden.

Man möchte ihn so gern aus vollem Herzen aus­sprechen, diesen Wunsch:Fröhliche Weihnacht!" Aber es ist, als bliebe er jedem Deutschen im Halse stecken, weil man weiß, daß man doch nur ein hsffnungsloses Achsel­zucken, eine bittere Bemerkung als Antwort erhalten würde. Festestage, Feiertage, Stunden der Freude, Stun­den des Gebens und Schenkens namentlich für die Kinder, die harte Not der Zeit hat das alles auch schon fast zu einem Kindermärchen gemacht. Aber selbst zu den Kindern spricht die Zeit nur in harten Worten, mit Grau­samkeit, und wenn heute Märchen erzählt werden, so heben sie in einem ganz anderen Sinne an:Es war einmal..." Und wenn die Kinderaugen in die Kerzen des Weihnachts- baumes schauen dürfen, dann sind sie ernst, von einem Wisièn oder Ahnen der Sorgen überschüttet wie die Augen der Erwachsenen.

Tie Festes f r e u d e kann uns nicht geboten, ver­ordnet werden, obwohl wir sie doch so bitter notwendig haben, der Festes frieden aber müßte geboten, verordnet werden, weil dieses Gebot noch bittere Notwendigkeit war. Die Mahnung der Weihnachtsbotschaft, Friede denen zn bringen, dieguten Willens sind", genügt nicht mehr in deutschen Landen, wo doch das Weihnachtsfest seinen Ur­sprung, seine Heimatstätte gefunden hat. Auch auf biete Botschaft haben ja so viele in Deutschland nur ein ver­bittertes oder gar höhnisches Achselzucken. Auf taube Ohren würde dasFriede auf Erden" stoßen, wenn es aus der Bitte und dem Wunsche nicht zum Besebl ge­worden wäre. Ein politischer Weihnachtsfriede wurde geboten, wie tönen diese drei Worte mißtönend gegeneinander als nicht äußerliche, aber innerliche Dis­harmonie' zum Klang der Weihnachtsglocken, der Weih- nachtsbotschaft, zum ganzen Sinn des Weihnachrsfestes.

Und wie gern würden wir, wenn auch bescheiden, dieses Fest begehen in wirklichem Frieden, in wirklicher Freude,- aber in das Dunkel der deutschen Gegenwart und Zukunft vermögen auch die Lichter des Weihnachtèbaumes tröstende Helligkeit nicht hincin- zubringen, und lauter als die Weihnachtsglocken tönt das Klirren verketten, die das deutsche Volk immer mühseliger dahinschleppt. Die Welt draußen versagt uns ja selbst diesenpolitischen Weihnachtsfrieden", versagt ibn uns harten Herzens, will von uns immer nur nehmen und nehmen. Wo ist denn dasFriede den Menschen auf Erden", allen Menschen: Wo sind draußen in der Welt jene, die auch uns Deutschen gegenüber einmalguten Willens sind"? Den Schuldschein legt man uns unter den Weihnachtsbanm. Und neue Schuldscheine hält man bereit

Nicht Friede ist, sondern Krieg. Nicht mehr schießt man wie Jahre hindurch, mit Kanonen aufeinander, wohl aber mit Zolltarifen. Und dieser Kampf aller Völker gegen alle schlägt nicht minder tiefe Wunden an Körper und Seele wie einst der Weltkrieg. Es ist keine fröhliche, keine seelige Weihnachtszeit, es ist Not­zeit, Winterszeit, die die ganze Welt überdeckt zu haben scheint mit dem harten Eispanzer gegenseitigen Miß­trauens und rücksichtslosesten Eigennutzes. Vergeblich schaut die Welt aus nach dem Stern der Hoffnung, der den Weg zum Heile weist.

Aber auch dieser Stern ist einst aufgegangen in hoff­nungslos dunkler Nacht. Er führte die Weisen. Und wenn das Weihnachtsfest ein Fest des Lichtes ist, so wird es doch wieder auch zum Fest der Hoffnung. Gewiß: einer nur leisen, sich nur zaghaft heranwagcnden Hoff­nung. Es muß doch endlich einmal die Erleuchtung in die Menschheit einbringen, ehe diese ganz in Nacht und Ver­derben versinkt. Es muß doch einmal ein Weihnachten kommen, das der ganzen Welt den politischen itnb wirt­schaftlichen Frieden beschert. Und es muß doch auch endlich einmal ein deutsches Weihnachten werden, an dem der Friede nicht ein Gebot, ein Befehl ist, sondern ein F c st deutscher Freiheit und darum auch des poli­tischen Friedens in unserem armen zerquälten Volke, das heute unter dem sinnlosen Druck von außen her gegenein­ander Herzen unb Sinne verhärtete, sich aneinander schmerzhaft wundreibt. Am Weihnachtsfest steigt aber die Märchcnsehnsuchl nach demEs war einmal..." hoch auf und bringt die Stimmen des Hasses und Unfriedens zum Schweigen bei allen denen, die nochguten Willens sind". Ein wahrhaft deutsches Weihnachtsfest ist es aber nur dann, wenn wir von dem Geist der Friedensbotschaft nicht wieder ablaffen, sondern ihn hinaustragen in die noch dunkle Zukunft, in der der Kampf mit einer fricdenver- fagettbett Welt weitergeht um das Schicksal nicht von Parteien, also nicht von Teilen unseres Volkes, vielmehr um unser aller, unseres gesamten Vaterlandes Dasein und Leben.

Absagen an dieEiserne Front".

Berlin. Der Deutschnartonale HandlungSgchilsenverband erklärt, daß für ibn eine Beteiligung an der sogenannten .Eisernen Front" zur Vcrbmdcrung der parlamentarischen Machtergreifung der Nationalsozialisten nicht in Frage kommt. Der Gesamtverband der Christlichen Gewerkschaften erklärt ebenfalls Ateldungen über seine Beteiligung an derEisernen Front" unter Leitung des Reichsbanners für unrichtig.

Kleine Zeitung für eilige £efer

* DaS Hoover-Moratorium wurde vom Amerikanischen Senat angenommen.

* Zwischen bent Preiskommissar und dem Verband her Bäckcrinnungen sind Abmachungen über die Senkung des Brotpreises getroffen worden.

* Der Fleischerverband hat gekürzte Preisspanne» für Fleisch festgesetzt.