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Zulöaer Anzeiger

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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zulöa- und tzauneèal^Zulöaer Kreisblatt

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Nr. 301 1931

Fulda, Montag, 28. Dezember

8. Jahrgang

Der Young-Plan ist überholt!

Das EtßèKnis von Basel.

Brüning und Dietrich über das Gutachten.

Reichskanzler Dr. Brüning und Reichsfinanz- 1 minister Dr. Dietrich nahmen Gelegenheit, sich vor der Presse zu dem Baseler Ergebnis zu äußern.

Reichskanzler Dr. Brüning

wies darauf hin, daß der Baseler Bericht in Schärfe und Prägnanz zweifellos einen Rückschritt bedeute gegenüber dem früheren Baseler Bericht. Dies liege jedoch daran, daß die Aufgaben des Sonderausschusses durch den Young- Plan eng begrenzt seien, so daß die Aufgabe stündig darin bestanden habe, die hier gegebenen Klippen zu umschiffen. Im Ergebnis müsse scstgestellt werden, daß nichts verbaut worden sei.

Insbesondere gehe das aus den Feststellungen des Teiles 4 hervor, der den gegebenen Rahmen, wenn auch in vorsichtiger Form, zweifellos sprenge. Wenn im Teil 2 sestgestellt werde, daß Deutschland

nach Ablauf der Krise wieder zahlungsfähig fei, so werde dies dadurch eingeschränkt, daß andererseits c , erklärt werde, daß die Prosperität nur durch die Annahme der Empfehlungen des vierten Teiles wiederkehren könne. Es sei somit gelungen, alles das, was P a r k e r G i l b e r t an Weltmeinnng gegen uns geschaffen habe, beiseitezuschieben. Im übrigen sei der gesamte Fragenkomplex noch nicht erschöpft, da sich ja erst nach Abschluß der Stillhalteverhandlungen ein klares Bild gewinnnen lassen werde, auf Grund dessen dann die Re­gi e r u n g s k 0 n f e r e n z handeln könne. Zu den Be­merkungen des

Berichts über die Eisenbahn

erklärte Dr. Brüning u. a., hier sei die Feststellung, daß die Reichsbahn wieder Überschüsse abwerfen werde, wenn" normale Zustände wiederhergesteüt seien, durch diese Einschränkung stark entwertet. Denn die Eisen­bahnen in anderen Ländern würfen in normalen Zeiten ja auch keinen besonderen Überschuß ab.

Dr. Dietrich

führte aus, mir es zur Anrufung des Baseler Sonder­ausschusses gekommen sei, und wies darauf hin, daß die Aufgaben des Sonderausschusses durch den Young-Plan im Grunde g enorm m zu eng gezogen worden seien, so daß der Ausschuß infolgedessen bei seinen Feststellungen gehe m m t gewesen sei. Es sei besonders erfreulich, daß die These:

Deutschland wirtschafte schlecht/ nicht mehr aufrechterhalten werden könne und daß nun- sne.hr die.Solidität der jetzigen Finanzwirtschaft anerkannt

Das Weltecho von Basel.

Iss Sistier Gutachten im S-iezel ier Presse.

Das Baseler Gutachten hat in der Welt ein starkes Echo hervorgerufen. Im allgemeinen herrscht eine gewisse Befriedigung über den Ausgang, nur in Frankreich zeigen sich gemischte Gefühle wegen der Zugeständnisse, die der französische Unterhändler gegenüber England und Deutschland habe machen müssen. Der allgemeine Beifall wird sicherlich nicht zuletzt auf die sehr vorsichtige Fassung zurückzuführen sein, die bestrebt scheint, nirgends Anstoß zu erregen. Als Kernpunkt des Sachver­ständigengutachtens wird fast durchweg aber die Fest­stellung angesehen, daß Deutschland n t ch t m c h r f ah i g fei, die Reparationen zu zahlen, daß in der heutigen -agc weitere Zahlungen den völligen Zusammenbruch bedeuten würden, und zwar nicht nur für Deutschland, sondern sur die Wirtschaft der ganzen Welt. /

Endgültige Negelung der Katastrophe.

Die englische Presse spricht die Ansicht aus, daß sich die Aussichten für d i e R c p a r a t i 0 n s k 0 n f e - reuz durch das Ergebnis der Baseler Verhandlungen etwas günstiger gestaltet hätten, während die Annahme des H 0 0 v e r - M 0 r a t 0 r f u m durch den Kongreß der Welt noch ein paar Monate Atempause gebe. In dieser Zeit müsse versucht werden, eine Lösung der finanziellen Schwierigkeiten zu finden, die alle Länder bedrohten. Hier­durch würden aber so viele Fragen ausgelöst, daß es

hoffnungslos sei, eine endgültige Regelung zu erwarten.

Solange die Frage der politischen Schulden nicht geregelt sei, könne sich der internationale Handel nicht wieder er­holen. Deshalb habe die englische Regierung Frankreich dringend auf die Notwendigkeit einer endgültigen Regelung aufmerksam gemacht. Frankreich strebe jedoch nur eine zeitweilige Lösung an. Man wisse ferner, daß eine endgültige Regelung der Tributfrage von her. Lösung der Kricgsschnlde n frage abhänge und daß zunächst angesichts der amerikanischen Haltung eine solche Hoffnung iii(f)t bestehe. Gegenüber der Haltung des amerikanischen Kongresses stelle der Baseler Bericht die Wirklichkeit dar, wenn er schleunigstes Handeln seitens der Regierungen als notwendig bezeichnet.

worden sei. 31t den kritischen Bemerkungen über dle Finanzgebarung in den früheren Jahren sei zu bemerken, es sei zwar richtig, daß die Ausgaben in den früheren Jahren übersteigert gewesen seien; das sei aber woanders ebenso gewesen. In Deutschland habe man in den letzten fünfzehn Jahren keinen klaren Einblick mehr in die wirt­schaftlichen Möglichkeiten gewinnen können, da Kriegs­wirtschaft, Inflation und die Periode der Hereinnahme der ausländischen Kredite sie verschleiert hätten. Die Tat­sache, daß das A u s l a n d uns so viel Geld geliehen habe, zeige im übrigen, daß auch die anderen unsere Lage über­schätzt haben. Diese Dinge gehörten aber der Ver­gangenheit an.

Der Vizekanzler wies sodann darauf hin, daß die wesentlichste Feststellung des Berichts der Satz sei, in dem cs heiße, daß der Ausschuß seine Ausgabe nicht vollständig erfüllt haben würde, wenn er es unterließe, die Aufmerk- samkeit der Regierungen aus die beispiellos schwere Krise in Deutschland zu lenken, deren Ausmaß zweifellos über die vom Young-Plan ins Auge gefaßte verhältnismäßig kurze Depression hinausgehe.

Mit Befriedigung stellt Dr. Dietrich sodann fest, daß die Ursachen der gegenwärtigen Krise auch hier ein­deutig umrissen worden seien, und daß auch hier ausdrück­lich festgestellt werde, daß seit dem Inkrafttreten des Young-Planes nicht nur der Umfang des Welthandels zu­sammengeschrumpft fei, sondern daß sich auch die Lasten aller in Gold festgesetzten Zahlungen durch das Fallen des Goldwertes in den letzten drei Jahren außerordentlich er­höht hätten. Im Zusammenhang gesehen, werde man deutscherseits folgendes feststellen dürfen:

Der neue Plan ist überholt. Er ist von Voraussetzungen ausgegangen, die nicht cingctretcu sind.

Diese Voraussetzungen sind in entscheidenden Punk­ten von den Staaten, mit denen Deutschland Handel treibt, zu denen vornehmlich die Vertragschließenden ge­hören, dadurch beseitigt worden, daß sic in ihrer Handelspolitik das Gegenteil von dem tun, was sie sinn­gemäß nach dem Plan hätten tun müssen. Statt Deutsch­land die Zahlungen durch Warenimport, was die einzige Möglichkeit der Zahlung darstcllt, zu gestatten, haben sie diese Zahlungen durch Zollerhöhung, Kontin­gents- und Einfuhrsperren unmöglich gemacht.

Es ist ein Fall eingetreten, den der neue Plan über­haupt nicht vorsah, und es sind deswegen Maß­nahmen notwendig, die außerhalb der Möglichkeiten des Planes liegen, die nur von den Regierungen ergriffen werden können.

Werden solche Maßnahmen, die das Vertrauen wieder Herstellen und die Voraussetzungen eines geordneten wirt­schaftlichen Verkehrs neu schaffen, nicht getroffen, so sind die Folgen katastrophal für alle Wirtfchaftsvölkcr Eurovas. aber auch für die überseeischen Länder. /

Man erblickt die Bedeutung des Berichtes in der ein- mütigen Feststellung, daß die Tribute von Deutschland durch kein S t e n c r s y st e m der Welt erfüllt werden könnten, und daß die Tribut- und Schulden­frage jetzt in ein praktisches Verhältnis zur tatsächlichen Wirtschaftslage der Welt gebracht werden müßte. Andern­falls sei

die Katastrophe unausbleiblich.

Andererseits wird der taktische Sieg der Franzosen darin erblickt, daß der Bericht

keinerlei Empfehlungen

an die Regierungen zur Behebung der Krise in Deutsch­land enthalte. Die Hauptfragen seien ungelöst geblieben. Der Kampf um die Tribute werde daher auf der R e gie­rn n g s k 0 n f e r e n z um so ernster sein müssen.

Gemischte Gefühle.

Die Pariser Presse stellt noch fest, daß die Schlußfolgerungcii der Sachverständigen w e n i g e r schli m m seien, als man erwartet habe. Der Bericht enthalte vor allem keine einzige Phrase, die

die Tribute für die finanziellen Wirren in Deutschland verantwortlich mache. Leider vermisse man jedoch die unbedingt not­wendige Klarheit und müsse sogar einige Lücken feststellen, die unter dem Vorwand offen gelassen worden seien, keine alten Meinungsverschiedenheiten wieder aufleben zu lasten. So sei in dem Bericht mit keinem Worte davon zu lesen, daß die Deutsche Reichsbahn sehr viel weniger verschuldet sei als alle anderen gleichen Perkehrs­unternehmungen der Welt, und daß sie bei vernünftiger Führung sehr wohl in der Lage sei,

die ungeschützten Zahlungen zu ertragen.

Auch sei es nid)t gelungen, den Wert der deutschen Gut- tz a b e n i m A usland e zu beziffern. Wenn der Aus­schuß schließlich bei seinen Arbeiten auch in einem ziem­lich engen Rahmen, nämlich dem des Young-Planes, geblieben sei, so versuche er doch, die intercffiericn Re- gierungen dazu zu bringen, darüber hinaus noch weiter- gehende Zugeständnisse zu machen. Diese Verteidigungs­rede zugunsten eines Moratoriums beweise die Zu­geständnisse, die der französische Unterhändler gegenüber England und Deutschland habe machen müssen.

Amerika läßi Europa allein.

In höchsten Washingtoner, mit dem Weißen Hause und dem Staatsdepartement in engster Verbindung stehenden Amtskreisen wird erklärt, daß Amerika keinen Vertreter zur Haager Konferenz entsenden werde. Die Hoover-Regierung beabsichtige, Europa gegenüber solange eine N i ch t e i n m i s ch u n g s p 0 l i t i k zu verfolgen, als es sich nicht für die Sicherung der deutschen Zahlungs­fähigkeit und für die Vorbereitung zur Wiederkehr der europäischen wirtschaftlichen Erholung verbürge.

Die Opposition im Kongreß gegen jegliches Zugeständnis in der Schuldenfrage zwinge die Regierung, ihre ganze Kraft den inneren Wirtschaftsfragen zuzuwenden. Augenblicklich sei selbst die Entsendung eines Beobachters zweifelhaft.

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Um die Streichung der Kriegsschulden.

Amerikanische Parteien gegen Baseler Bericht.

Die Anregung der Baseler Berichte bezüglich der Kriegsschulden hat bei führenden amerikanischen Kongreßmitgliedern beider Parteien stärksten Wider­spruch hervorgerufen. Der demokratische Fraktions­führer kündigt endgültige Ablehnung des Kongresses gegenüber einem Zahlungsaufschub der Kriegs- fchulden an. Er führte u. a. aus, jeder, der für ein neues Moratorium stimme, belaste den amerikanischen Steuer­zahler mit weiteren elf Milliarden Dollar. Der repu­blikanische Fraktionsführer betonte, es gehe nicht an, daß die europäischen Staaten ihre Schulden auf die Ame­rikaner abladen. Damit würde das amerikanische Volk niemals einverstanden sein.

Borah für gänzliche Tributstreichung.

Senator Borah erklärte zum Baseler Ergebnis, daß er keine wirtschaftliche Erholung Europas sehen könne, solange die Reparationen nicht gänzlich gestrichen würden.

Wenn Europa die Tribute nicht annullieren könne, sei es besser für die Vereinigten Staaten, Europa gänzlich allein zu lasten, um nicht selbst mit in den Bankerott hin­eingezogen zu werden. Die französische Behauptung, daß die ungeschützten Zahlungen berechtigt feien, könne Deutsch­land durch die Erklärung zurückweisen, daß bereits zehn Dollarmilliarden gezahlt worden feien. ~

Deutschlands Hot schreit zum Himmel.

Kirchlicher Aufruf zur Winterhilfe.

Generalsuperintendent Dr. Karo und Bischof Dr. Schreiber sprachen über Winterhilfe.

Dr. Karow wies darauf hin, daß es immer Not auf Erden gegeben habe, aber kaum je eine so weitgreisende Not, wie sie die Gegenwart belaste. Deutschlands Not schreie zum Himmel. Wer Gottesliebe an seinem Leben erfahren habe, der könnne nicht anders, der müsse eintreten, daß die Wärme seines Herzens den Eis­panzer schmelzen und die Erstarrung lösen helfe, unter der die Seelen seiner Brüder und Schwestern zu ersterben drohten. So liege der Glanz weihnachtlicher Gedanken auch über dem großen Hilfs werk der Winter­hilfe.

Bischof Dr. Schreiber führte u. a. aus, daß sich das große Werk der Winterhilfe wie ein leichtes Gestirn vom düsteren Zeithimmel abhebe. Es sei in seinem Um­fange auf keine Klasse oder Partei oder Weltanschauung oder Konfession eingeengt. Vielmehr arbeiteten in ihm staatliche und kommunale Fürsorge Hand in Hand mit der gesamten freien Wohl­fahrtspflege. Die größte Sorge mache die N 0 t d e r Er­werbslosigkeit.

Weihnackisempfang im Vatikan.

Eine Ansprache des Papstes.

Der Papst empfing das Kardinalskollegium, das ihm die Weihnachtsglückwünsche überbrachte. Der Papst sprach seinen Dank aus und kam dann auf das Einsturzun - glück in der Vatikanbibliothek zu sprechen, wobei er vor allem die Todesopfer bedauerte. Der Papst sprach sodann von den betrüblichen Ereignissen in Rußland, Mexiko und Spanien. Ferner wies er auf die allge­meine Finanz- und Wirtschaftskrise imb auf die Arbeitslosigkeit hin. Der Papst erklärte, daß er keinen neuen Ausruf zum Frieden und zur Abrüstung erlassen habe, weil, obwohl er und auch seine Vorgänger schon oft darüber gesprochen hätten, nie feine Mahnun­gen beachtet worden seien. Daher ziehe er es vor, statt zu den Menschen zu sprechen, zu Gott zu beten.

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Dr. Brüning hatte dem Transoceon-Nachrichtcnbüro eine Wcihnachtsbotfchaft übergeben.

* Die Anregung der Baseler. Berichte bezüglich der Kriegs­schulden hat bei führenden amerikanischen Kongreßmitgliedern strikten Widerspruch hervorgerufen.

* Der Papst empfing das Kardinalskollegium, das ihm die Weihnachtsgliiüwiinsche überbrachte, ________ ?