Zul-aer Anzeiger
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Nr. 3 — 1932
Fulda, Dienstag, 5. Januar
9. Jahrgang
Tribute, Schulden und Abzahlung
Sie Vorbereiimg der großen Konferenzen.
Reichskanzler Dr. Brüning und die übrigen Reichsminister, die über Weihnachten und Neujahr von Berlin abwesend waren, sind wieder in der Reichshauptstadt eingetrofsen.
Das Kabinett wird in den nächsten Wochen mit den deutschen Vertretern für die T r i b u t« und die Abrüstungskonferenz die letzten Vorbereitungen für diese Tagungen durchberaten. Aus der Tributkonferenz in Lausanne wird der Reichskanzler die deutsche Abordnung führen. Ferner werden Reichssinauzminister Dr. Dietrich und voraussichtlich auch Reichswirtschasts- minister W a r m b 0 l d Deutschland in Lausanne vertreten. Letzteres ist als bestimmt anzunehmen, da auch auf den beiden Haager Konferenzen die Wirtschaftsminister (Dr. Curtius und Robert Schmidt) anwesend waren.
Die Abordnung für die Ä b r ü st u n g s k 0 n s e r e n z in Genf besteht aus dem Kanzler, Reichswehrminister Groener, Staatssekretär v 0 n B ü l 0 w sowie den Botschaftern Radolnv und Graf Welczak. Falls sich die beiden Konferenzen überschneiden sollten, wird der Reichswehr- minister den Kanzler in Gens vertreten. Jedoch ist anzunehmen, daß auch der Kanzler, wenigstens zeitweise, an der Abrüstungskonferenz teilnehmen wird. Es steht auch noch nicht fest, ob Staatssekretär von Bülow, der Deutschland auf der Pölkerbundratssitzung vertritt, an der Lausanner oder der Genfer Konferenz teilnehmen wird.
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Oer Wung-Plan völlig unbrauchbar.
Ein Baseler Gutachten, das nicht veröffentlicht wurde.
Der Berichtsentwurf Sir W a H e r KantonS, der von dem Baseler Sonderausschuß nicht ver- verösfentlicht wurde, betont, der Noung-Plan sei völlig uu brauchbar. geworden und könne nicht durchgeführt werden. Die Verlängerung des Moratoriums genüge nicht, sondern es sei eine v 0 l t st ä n d t g e Außerkraftsetzung und radikale Änderung des Noung- Planes notwendig. Die Wiederaufnahme der Houng- Plan-Zahlungen sei in absehbarer Zeit gänzlich unmöglich. Deutschland könne nicht einmal die bedingten Zahlungen zusammenbringen, und von einem Transfer könne keine Rede sein. Der Layton-Bericht fordert ferner eine d a u e r n d e Regelung, so daß die freie Kapitalsverwendung wieder cinsetzen und die Frage einer internationalen Währungsreform bearbeitet werden kann.
Tribute und Kriegsschulden gefährden die Welt- Wirtschaftslage.
Ter Monatsbericht der Londoner Midland-Bank fordert, daß Frankreich auf die Tribute und Amerika aus die Kriegsschulden zunächst überhaupt verzichten sollen. Ein Zahiungs aufschub genüge nicht zur Wieder- Herstellung des Vertrauens. Der. Bericht schlägt eine allgemeine Preissteigerung durch internationale Zusammenarbeit vor. Nur aus diese Weise könnten Kriegsschulden und Tribute vielleicht später in verkleinertem Umfang von den einzelnen Staaten gezahlt werden, ohne die Wirtschaftslage der Welt zu gefährden.
Gtillhatteverhandlungen
und Tribuikonserenz.
Erst Tributregelung dann Stillhalten.
Die an den S1 i l l h a l t e v e r h a n d l u n g e n be- fertigten ausländischen Ausschüsse wollen sich, nach übereinstimmenden Berichten aus Berlin und Paris, Wege offen halten, um die Sicherstellung ihrer Forderungen durch die T r i b u t k 0 n f e r e n z zu ermöglichen. Verschiedene Anzeichen deuteten darauf hin, daß die Bankiers vor dieser Konferenz kein endgültiges Abkommen unier- zeichnen würden.
Sie würden stets den Standpunkt ctnnehmen, daß ein solches Abkommen von der Regelung gewisser Punkte auf der Tributkonferenz abhängig sei und nur für einige Monate in Kraft bleiben könne, sofern es nicht auf einer späteren Tagung nochmals ausdrücklich bestätigt werde
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Kür Tribuisireichung.
Gtnc nüchterne amerikanische Stimme für T r i b u t st r c i ch u n g.
Das Mitglied des Amerikanischen Repräsentantenhauses, Britten, früherer Vorsitzender des Marine- ausschusscs, erklärte, daß allein die von Deutschland abgetretenen Gebiete und Kolonien größere Werte dar- stellten als die Zahlungen des Voung-Planö. Britten forderte England und Frankreich zur Tributstreichung und zur Revision des Versailler Vertrages aus.
Frankreich 1111 b England seien längst überbezahlt.
Eine öffentliche Weigerung Englands und Frankreichs, die nach dem Kriegsschluß aufgenommenen Anleihen zurückzuzahlen, würde ein Eingeständnis des Banke- r o t t s bedeuten. England sei wohlhabender als die Bereinigten Staaten. Frankreich sei gegenwärtig das reichste Land der Welt.
Taktik der Verschleppung!
Frankreich: Regierungskonfercnz nach Beendigung der Still- halievcrhandlungen.
Pertinar teilt im „E ch 0 de Paris" mit, daß die französische Regierung der englischen nunmehr offiziell erklärt habe, daß das Datum für die Eröffnung der Regierungskonferenz erst nach Beendigung der Berliner Stillhalteverhandlungen festgelegt werden könnte, man müsse die genaue Zahlungsfähigkeit Deutschlands erst kennen.
England: Tributfrage nach der Abrüstungskonferenz?
Der diplomatische Mitarbeiter des „L 0 n d 0 n e 1 O b s e r v e r" bestreitet, daß schon ein Abkommen zwischen Frankreich und England zustandegekommen sei, wonach die Tributkonferenz sich nur mit der Frage der Verlängerung des Tributmoratoriums und mit einem Versprechen bei Glöubigermächte befassen soll, die Zahlungsfähigkeit Deutschlands nach Ablauf des Zahlungsaufschubs noch einmal n a ch z u p r ü f e n. Es bleibe nichts anderes übrig, als die Zeit zwischen dem Anfang der Lausanne, Konferenz und der Eröffnung der Abrüstungskonferenz dazu zu benutzen, um den Zahlungsaufschub übel den Juli hinaus auszudehnen, um auf diese Weist zu verhindern, daß Deutschland bei Ablaus des Hoover- Moratoriums technisch für eine Nichtzahlung der Tributt verantwortlich gemacht werden könne und die diplomatisch!
Sturm und Hochwassergefahr.
Folgen der Schneeschmelze.
Dammbrüche bei Kehl und Lautenial.
Aus großen Teilen Deutschlands kommen Meldungen über Sturm und Hochwassergefahr. In Bayern hat der Sturm, der zu Beginn der neuen Woche cinsctzte, zwei Tage lang mit unverminderter Heftigkeit angehalten. In München peitschten starke Regenböen durch die Straßen. Die Temperaturen lagen beträchtlich über Null und räumten mit dem letzten Schnee auf. In den Bergen hat das plötzlich einsetzende Tau- und Rcgenwctter viele Wintersportveranstaltungen unmöglich gemacht. Aus dem Bayerischen Walde kommen Hochwaffermeldungen, nachdem dort am Sonnabend früh die Temperatur noch minus 28 Grad betragen hatte.
Auch aus Sachsen
kommen Hochwaffermeldungen. Der plötzliche Witterungsumschlag mit ununterbrochenem Landregen hat bewirkt, daß der Wass er stand des C hemnitzflusses , dessen Normalwasserstand 0,40 Meter beträgt, aus 2,50 Meter gestiegen ist. In den Niederungen ist die Chemnitz bereits über die Ufer getreten. In G l ö s a sind vor allem die Wohnbaracken gefährdet. Auch aus der weiteren Umgebung der Stadt Chemnitz laufen Hochwaffermeldungen èin. Die Orte Tannenberg und Wiesa sind durch Hochwasser vollkommen abgeschnitten. In mehreren Orten versucht man durch den Bau von Notbrücken und durch die Räumung gefährdeter Häuser die größten Gefahren für. die Bevölkerung abzuwenden.
Im Oucßengcbiete der Saale
und ihrer Zuflüsse sind die Saale und die Weiße Elster in raschem Steigen begriffen. Alle Flüsse, die vom Thüring er Walde kommen, führen Hochwasser. Der I tz g r u n d bei K 0 b u r g ist auf weite Strecken überschwemmt.
Im Oberharz
sind durch gewaltige Regenmassen große Überschwemmungen verursach: worden. Aus Altenau wird gemeldet, daß die Bergflüsse Hochwasser führen. Gewaltige Wassermengen stürzen zu Tal und führen große Eisstücke mit sich. Oberhalb der Oberförsterei staute sich das Eis, in kurzer Zeit war die Gegend überschwemmt. Auf der Bahnstrecke nach Goslar ruhte der Verkehr.
Zwischen L 0 u t e n t a l und L i n d t a l ist ein Damm- bruch durch Wasscrunterspülung entstanden. Infolgedessen konnten die Züge von Goslar den Oberharz nicht erreichen. Der Verkehr wurde durch Pendelzüge aufrcchtcrhaltcn.
Auch im Südharzgebiete
sind die Flüsse stark gestiegen. In Walkenried hat das Hochwasser einen Stand erreicht, wie er seit 1909 nicht mehr verzeichnet worden war. Die Feuerwehr mußte nachts alarmiert werden, um das Vieh in Sicherheit zu bringen. Infolge der ans dem Harz kommenden gewaltigen Waffermaffen hat auch der Spiegel der Unstrut bereits die Hochwassermarken überschritten.
Bedrohliches Steigen der Weser.
Die Weser ist in den letzten Tagen um 70 Zentimeter gestiegen. Auch ihre Nebenflüsse führen Hochwasser. Das Elektrizitätswerk Wcsertal ist vom Wasser eingcschlosscn. Feuerwehr und Reichswehr mußten in der Oststadt Hamelns, der Affcrdc, Bewohner aus überschwemmten Häusern mit Kähnen herausholen. Bei Hasperde können 40 Kraftwagen im Hochwasser nicht weiter. Der untere Teil von Salzhemmendorf ist überschwemmt. Der Ort ist auch vom Bahn- und Postverlehr abgeschnitten. Bei Fuhlen mutzten viele Kraftwagen aus dem Wasser gezogen und die Wohnungen teilweise geräumt werden. Aus
Arbeit erst nach Beendigung derAbrüstungs- konferenz wieder aufzunehmen. Man erreiche durch dieses Verfahren, daß die Tributkonferenz am Leben er. halten bliebe und vielleicht unter günstigeren Voraussetzungen wieder zusammentrete. Diese Ansicht des .Observer" entspricht übrigens der Bank von England.
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Schäden, die Gewinn bringen.
Die Kriegsschäden in Frankreich schon mehr als bezahlt.
Über die Wiederaufbaukosten des französischen besetzten Gebietes sind die verschiedensten Mitteilungen verbreitet worden. Von zuständiger Stelle wird dazu folgendes mitgeleilt. Nach Anlage 14 zum französischen Haushaltsentwurf für 1932 betragen die Gesamt- schäden im ehemals besetzten französischen Gebiet 98 Milliarden Papierfranc. Davon müssen a b gezogen werden 5,8 Milliarden für Schäden an öffcnt» lichem Eigentum und 12,5 Milliarden für Zinszahlungen und Verwaltungskosten. Nach deutscher Auffassung kommen demnach auf Grund der Lansing-Note von 1918 für Deutschland a l S Schuld in Frage 79,6 Milliarden Papierfranc (etwa 13,5 Milliarden Mark). Der französische Arbeitsminister Deligne hat 1931 in einem Vortrag festgestelll, daß sich der Gesamtaufwand für die Sachschäden im französischen besetzten Gebiet auf 80,1 Milliarden Papierfranc beziffert.
Da wir nach amerikanischer Aufstellung schon min- bestens 34 Milliarden Mark bezahlt haben, von denen Frankreich etwa 18 Milliarden Mark erhalten Hal, so hat Deutschland demgemäß schon mehr für die Ausbauschädcu bezahlt, als nötig war.
Hannoversch-Münden wird weiteres Steigen der Weser gemeldet.
Oammvruch hei Kehl.
Die Einwohnerschaft von Kehl wurde durch Alarmsignale aus dem Schlafe geweckt.
Der Alarm galt einem gefährlichen Dammbruch auf der Eiscnbahnstrecke Appenweier—Kehl am alten Bahndamm. Durch die starken Regenfälle und die Schnee- schmelze wälzte die Kinzig gewaltige Waffermaffen mit sich, die nicht nur das alte Kinzigbett, sondern auch das neu geschaffene Flußbett füllten. In der Nähe von Neumühl wurde der Eisenbahndamm in einer Länge von 20 bis 30 Metern unterspült und völlig weggerissen, so daß nur noch die Schiencnsträngc stehen und frei in der Luft hängen.
Erst mit Tagesanbruch war es möglich, die Wieder- herstellungsarbeiteu in Gang zu bringen. Man befürchtet, daß weitere Teile des Dammes weggespült werden. Der Verkehr wurde durch Omnibusse aufrechterhalten. Die Schnellzüge Paris—München und umgekehrt wurden umgeleitet.
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Große Überschwemmungen in Schottland.
Infolge andauernder heftiger Regenfälle sind b c i Glasgow die Flüsse über die Ufer getreten und haben große Teile der Stadt und der Umgebung überschwemmt. 2000 Familien sind dadurch obdachlos geworden. Der Clyde-Fluß stieg so schnell, daß in kürzester Zeit daS Wasser in den anliegenden Straßen zwei Meter hoch stand. Polizei und Feuerwehrleute retteten Frauen und Kinder aus den Häusern. Die elektrischen Kraftwerke befinden sich in Gefahr.
Amerika wariet noch ab.
Vor einem Eingreifen im mandschurischen Streitfall?
Ter amerikanische Gesandte in Peking hat dem Staatsdepartement mitgeteilt, daß der Überfall der japanischen Soldaten auf den amerikanischen Vizckonsul Chamberlain in Mulden vollkommen unprovoziert und u n b c - rcchtigt gewesen sei.
Der Gesandte hat bei der japanischen Gesandtschaft m Peking energisch protestiert, ebenso wie der amerikanische Generalkonsul in Mulden, im dortigen japanischen Konsulat. Von amerikanischer Seite wurde die Forderung ausgestellt, daß die Angreifer streng bestraft werden. Die Washingtoner Regierung verhält sich vorläufig abwartcird, da die Einzelheiten des Zwischenfalls noch nicht genau be- lannt sind. . . „ ■
Möglicherweise wird Amerika diesen Zwischenfall, dazu benutzen, um den mandschurischen Strcifall in seiner Gesamtheit auszurollen.
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Kleine Zeitung für eilige Leser
* Reichspräsident von Hindenburg spricht allen denen, die seiner beim Jahreswechsel freundlich gedacht haben, seinen Dank aus.
* Die Reichsminister, die über rveihnachten und Neujahr von Berlin abwesend waren, sind wieder in der Reichshauptstadt eingetrofsen.
* Durch die Schneeschmelze und starke Regcnsâllc ist in Baticril, in Sachsen, in Thüringen und im Harz eine ernste Hochwaffergesahr entgetreten. _