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Zul-aer Anzeiger

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Nr. 13 1932

Fulda, Samstag, 16. Januar

9. Jahrgang

Rätselraten um Lausanne.

Srst Moratorium, dann Sndlösmig?

Eigenartige englisch-französische Verhandlungen.

Ein amerikanisches Nachrichtenbureau hat die Mel­dung verbreitet, datz die deutsche Regierung nicht weiter auf sofortige Streichung der Tribute bestehe, sondern einer sechsmonatigen Verlängerung des gegenwärtigen Moratoriums zustimmen werde. Das Kompromiß, zu dem Deutschland bereit sei, sehe Zahlungen von einer halben Milliarde jährlich vor.

Es braucht kaum betont zu werden, daß diese Meldung in keiner Weise den Tatsachen entspricht. Der deutsche Standpunkt ist unverändert. Deutschland wird in Lausanne auf eine Endlösung hinwirken.

Daß der Gedanke, eine E n d l ö s u n g d e r Tribut­frage noch h i n a u s z u s ch i e b e n , aber in den Verhandlungen zwischen England und Frankreich noch immer eine Rolle spielt, geht aus einer längeren eng­lischen offiziösen Erklärung hervor, in der es heißt, die englische Regierung werde sich, da unter den gegen­wärtigen Umständen keine Aussicht auf eine sofortige endgültige Regelung der Tributfrage bestehe, mit einem Notbehelf zufrieden geben, um Zeit zu ge­winnen. Die im Augenblick nicht zu erreichende Dauer­lösung müsse aber beschleunigt herbeigeführt werden. In Regierungskrcisen hoffe man aus ein gewisses Maß von Übereinstimmung zwischen Frankreich und England, so daß diese beiden Regierungen mit einem Plan an die Konferenz herantreten könnten. Sollten in dieser Hinsicht Fortschritte gemacht werden, so werde sich später, wie man annimmt, ein dauerndes und allgemeines Ab­kommen erzielen lassen.

Aus diesem Grunde begünstige man daher zurzeit mehr ein kurz- als ein langfristiges Moratorium, wünsche aber gleichzeitig, daß sich die interessierten Regierungen dem Plane einer Dauerrcgclung zuwenden.

[' Amerikanischer Frontwechsel?

Schwenkung in der KricgSschuldcnfrage.

unterrichteten Kreisen Washingtons geschrieben die A r t i k e l M u s s 0 l i n i s hätten in Uchen Kreisen nicht überrascht. Präsident Hoover immer wieder betont, daß der

wird amt­habe

erste Schritt nicht von Washington, sondern von Europa

ausgehen müsse. Nach seiner Ansicht sei es am besten, zu warten, bis pch die europäischen Mächte über die Tribute geeinigt hatten. Ein solches Vorgehen würde seine staken, daß späterhin die euro­päischen Mächte mit genauen Vorschlägen für eine R e v i - sion oder Streichung der Kriegsschulden an Amerika herantreten sollten. Hoover werde dadurch, daß er keinerlei Verantwortung für die Entscheidung in Europa habe, in die Lage versetzt,

j noch einmal an den Kongreß heranzutreten und ihn darauf aufmerksam zu machen, daß sich das ameri­kanische Parlament den Ereignissen in Europa nicht ver­schließen dürfe. Die öffentliche Meinung in Amerika, auf die Mussolini Bezug nehme, verlange einen Ausweg aus der Wirtschaftskrise, und werde jeden Schritt gutheißen, der von den erwählten Führern empfohlen werde.

I ' Aus Newyork wird gemeldet, daß ein amerika­nischer Frontwechsel in der Kriegsschuldenfrage als sicher betrachtet werde. Selbst die schärfsten Gegner

Das vermisse KanZlergespräch. Der Bericht des Berliner englischen Botschafters nach London am Fernsprecher abgehört.

Über das geheimnisvolle Bekanntwerden der Unter­redung des Reichskanzlers mit dem Berliner englischen Botschafter über die deutsche Stellungnahme in der Tribut­frage meldet der L 0 n d 0 n e rStar", daß das Gespräch »des Botschafters mit dem englischen Außenamt, das ins mittelbar nach der Unterredung stattsand, durch einen Agenten belauscht worden ist. In eingeweihten Kreisen Londons hält man es für wahrscheinlich, daß der Agent mit dem französisch-polnischen G e h e i m d i e n st in Verbindung gestanden habe.

I i Reich-kabinett bespricht Abrüstungs­konferenz.

Das Reichskabinett trat zu einer längeren Besprechung über die Borbereitung der Abrüstungskonferenz zusammen, in der der ständige Leiter der deutschen Abordnung, Bot­schafter Nadolny, einen eingehenden Vortrag über die deutschen Vorbereitungen zur Abrüstungskonferenz hielt.

Die nächste Kabinettssitzung, in der die Agrarfragen besprochen werden sollen, ist für Montag in Aussicht ge- nommen.

FrantzviS-Poucet beim Reichskanzler.

Der französische Botschafter Francois-Poncet, der aus Paris zurückgekommen ist, hat Reichskanzler Brüning auf» i gesucht, mit dem er eine längere Unterhaltung hatte.

einer Streichung oder Herabsetzung der Schulden hätten jetzt,

nach der deutschen Erklärung,

daß weitere Tributzahlungen unmöglich seien, erkannt, daß eine Lösung gefunden werden müsse. In Washington spreche man bereits ganz offen die Ansicht aus, daß den Vereinigten Staaten nichts anderes übrigbleiben werde, als entweder die Kriegsschulden freiwillig herab­zu setzen, oder überhaupt nichts zu er* halten.

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Verschiebung der Tribuikonferenz?

Noch feine Entscheidung über den Konfcrcnzbcginn.

In der französischen und zum Teil auch in der eng» lischeu Presse werden Gerüchte verzeichnet, die von einer Verschiebung der Tributkonferenz sprechen. In Berlin ist von einer derartigen Absage nicht das geringste bekannt. In unterrichteten Kreisen wird betont, der Baseler Bericht bringe deutlich zum Ausdruck, daß G e f a h r i m V e r z u g e sei und daß die Konferenz so bald wie möglich zusammentrelen müsse. Der Zeitpunkt des 2 5. Januar stehe nach deutscher Auffassung fest, nachdem alle Mächte sich mit diesem Termin einverstanden erklärt haben.

Auch . in englischen Regierungskreisen rechnet man, nachdem nunmehr das neue französische Kabinett ge* bildet worden ist, damit, daß die Tributkonferenz, wie geplant, am 25. Januar beginnen werde. Die beteiligten englischen Minister, der Außenminister, der Schatzkanzler und der Handelsminister, wollen am 23. Januar von London abreifen. Sie hoffen, daß die Konferenz recht­zeitig beendet werden kann, damit sie am 2. Februar entweder wieder in London zurück sein bzw. an der Er­öffnung der Abrüstungskonferenz in Genf teil* nehmen können.

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Bor einer Serie w« Abrüstungskonferenzen

Warnung vor übertriebenen Erwartungen.

In einem Brief an Die englische Völkerbund» Vereinigung . schreibt der englische Außen­minister Sir John Simon daß die bevorstehende Äb - rüstungskonseienz nur die erste einer ganzen Reihe von Konferenzen sein werde. Ihre Ergebnisse müßten dementsprechend beurteilt werden Sir John Simon legt der Völkerbundvereinigung nahe, gleichzeitig mit der Wachhaltung des öffentlichen Interesses an der Abrüstungskonferenz dafür zu sorgen, daß die Hoff­nungen auf einen Erfolg der Konferenz nicht zu h 0 ch gespannt werden.

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Mussolinis Ziel.

Auch Gayda sagt, daß Frankreich befriedigt sein könnte.

Im halbamtlichenGiornale d'Jtalia" sagt Gayda, Mussolini arbeite aus die Vereinigung Europas hin. Ge­stützt auf reiches Zahlenmaterial, weist Gayda nach, daß Frankreich schon 19 Milliarden Mark erhalten habe, wäh­rend nach Angaben des französischen Ministers für öffent­liche Arbeiten der Wiederaufbau nur 13,5 Milliarden Mark gekostet hätte. Frankreich könnte sich also zu­friedengeben. Die europäische Front, die Mussolini wolle, ziele auf die Verständigung zwischen beiden Ufern des Atlantiks ab. Amerika fei in Wirklichkeit gar nicht gegen eine Verquickung der Tribute und Kriegsschulden.

Brüning erhält die Hitler-Oenkschrist.

Hitler, der am Sonntag abend vor dem National­sozialistischen Deutschen Studentenbund in Berlin eine Rede halten wird, wird voraussichtlich die grundsätzliche Haltung der Partei zu allen aktuellen politischen Fragen darlegen. Hitler wird während seines Berliner Auf­enthalts dem Reichskanzler Brüning die Denkschrift über­mitteln, die seine verfassungspolitischen und sonstigen Gründe für die Ablehnung einer parlamentarischen Ver­längerung der Amtszeit des Reichspräsidenten enthält.

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Resultate her Preisüberwachung.

Wie der R e t ch s k 0 m m i s s a r für Preis­überwachung mitteilt, haben bisher insgesamt 65 Werke ihre Strom- und GaspreiStartse gesenkt. Auch die Kleinverkaufspreise für B r e n n s p i r i t u s sind seit dem 1. Januar um 10 Prozent niedriger. Die Preise für V e r b a n d st 0 j s e sind allgemein um 10 Prozent ge» senkt worden.

Der Reichsverband der Privattelephon- m i e I e r hat dem Reichskommissar für Preisüberwachung folgenden Vorschlag zur Preissenkung für Privattelephon- und Uhrenanlagen gemacht. Der Reichskommissar setzt eine generelle Ermäßigung aus alle Telephon- verträge von 10 Prozent fest. Für kommende Streitig­keiten ernennt der Reichskommissar einen Ausschuß, um sämtliche vorkommenden Streitigkeiten im Interesse beider Parteien unter Ausschluß des Rechtsweges zu regeln.

Nervenprobe.

Der erste Schritt Lavals neues Kabinett Das Spiel mit denSanktionen" Erst draußen, dann drinnen.

Mit außerordentlicher Befriedigung ist in der gerade­zu nervenzerrcißendcn Atmosphäre dieser Tage wenigstens das eine sestzustellen: Was Dr. Brüning auf der Lau­sanner Konferenz den versammelten Mächten sagen will. Nämlich: Daß laut Baseler Bericht Deutschland zahlungs­unfähig sei. Daß die deutschen Tributzahlungen im eng­sten ursächlichen Zusammenhang mit der gegenwärtigen Lage ständen. Daß sich die Voraussetzungen des Young- Plans wesentlich geändert hätten. Daß diese drei Tat­sachen die Fortsetzung der politischen Zahlungen für Deutschland unmöglich machen. Daß jeder Versuch, das System solcher politischen Zahlungen ausrechtzuerhalten, neues Unheil über die Welt bringen müsse. Und daß Deutschland die Vertreter der Gläubigermüchte auffordere, dieser Sachlage Rechnung zu tragen. Nichts weniger, aber auch nichts mehr! Denn Dr. Brüning wird selbstverständ­lich alsdann erst einmal hören müssen, was nun die andern sagen! Was sie antworten, wenn er zu ver­stehen gibt, offiziell, auf der Neparationskonferenz, daß einhellige deutsche Ansicht sei, die einzig mögliche Schluß­folgerung aus der geschilderten Situation Deutschlands sei eben nur die Streichung der Reparationen. Was werden dann die andern offiziell, aus der Repa­rationskonferenz darauf antworten? Das Gerede in Frankreich, Dr. Brüning habe die deutsche Zahlungsver­weigerung zum Ausdruck gebracht, ist schnell verstummt, als nun besannt wurde, daß der Reichskanzler auch dem französischen Botschafter ihm sogar zuerst klaren Wein über das eingeschenkt hatte, was in den obigen Sätzen gesagt ist und was man wohl als den Aus­gangspunkt für Die deutsche Arbeit auf der Konferenz bezeichnen Darf. Aber auch dar­über darf man sich keinen Wunschträumen hingeben! es wird sich erst noch herausstellen müssen, ob die andern die deutsche Ansicht über Die einzig mögliche Lösung für richtig halten werden. Layton z. B., Herausgeber der Lon­doner FinanzzcilschriflEconomist", englischer Vertreter auf der letzten Baseler Konferenz und als solcher Verfasser eines Berichts, der die Reparationszahlungen als eine der Hauptgründe für die deutsche und außerdem für Die Welt­krise erklärt hat, ist zwar von Der gegenwärtigen Zahlungs­unfähigkeit Deutschlands überzeugt, nicht aber auch von der zukünftigen, wenn sich nur aus Der Konferenz eine Revision erreichen lasse. Und darum wird man zunächst einmal abwarten müssen, was die andern sagen, nach­dem deutscherseits dargelegt ist, welchen ersten Schritt der Reichskanzler tun wird.

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Was England, was Frankreich machen wollen, ist nach dem anscheinenden Scheitern der bisherigen Pariser Be­sprechungen vorerst unbekannt Es ist nicht ohne politische Pikanterie, daß sogar DerTemps" mit tiefer Betrübnis feststellte, nicht mehr wie früher hätten sich die beider­seitigenExperten" lies: Außenminister diesmal not einer internationalen Konferenz einigen können und alles seiinderSchwebezwischenParisundLon- d 0 n. Infolgedessen ist Dou nicht jede Gcmütsrcgung in Der Öffentlichkeit nun auch gleich als eine Festlegung für die kommende Konferenz auszufassen undauszu- werten". Daher sind auch jene Befürchtungen vorläufig noch mit Vorsicht zu beurteilen, die dasKommen" der Konferenz überhaupt bezweifeln. Eine offizielle Er­klärung hierüber wird erst erfolgen, wenn Lava' mit feinemneue n" Kabinett vor die Deputierten- kammer tritt. Briand fehlt als Außenminister und das ist, obwohl nur äußerlich, doch bezeichnend auch für Die innere, Die politische Einstellung des Kabinetts, nachdem die Erweiterung nach links zu den Sozialradikalen hin­über an der Weigerung Herriots gescheitert ist. Briand aber war in den Augen Der Rechten und Der Mitte, also der Regierungskoalition, sozusagen der bedenkliche Schön heits'sleck an dem ihnen sonst sehr sym­pathischen bisherigen Kabinett Laval. Der ist jetzt sortgewischl. Und Tardieu, Der einst, nach der zweiten Haager Young-Plan-Kouferenz, ein so eigen­artiges Spiel mit demR e ch i auf Sanktionen" trieb, ist Kriegsminister geworden. Auch über diesen Ersatz Maginot" wird die Regierungskoalition Lavals wenig böse sein, und sogar Die Opposition Der aller­äußersten Rechten wird Dem neuen Kabinett Laval ein Augurenlächcln schenken. Auch andere denken heute ablehnend an jeneSanktionen" und sprechen darüber. Mussolini tat es; er sagt zwar, die Zeit der Besetzungen wie die der Ruhr sei vorüber, sagt aber nur, daß Italien sichan einem solchen Vorgehen nicht beteiligen" würde! Und fragt noch, wasin Diesem Falle" aus dem Völkerbund und Dem Locarnopakt werden , würde! Das ist eine Frage, die überhaupt schon in vielen Fällen" gestellt und nie beantwortet worden ist! Es gibt nämlich Dinge, die derart verblaßt sind, daß ein

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* 1560 000 Erwerbslose wurden Ende des Jahres in der öffentlichen Fürsorge betreut.

* Von französischer wie auch von englischer Seite wird für eine Verschiebung der Rcparatjonskonserenz Stimmung gemacht.

Ein großes Sprengstoff- und Waffenlager sowie umfang­reiche Mengen kommumstischen Geheimmaterials wurden in Hagen aufgedeckt.

* In Berlin begann heute der Stenues-Hitler-Prozeß unter großem Andrang.