Zul-aer Mzeiger
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Nr. 34 — 1932
Tageblatt für Rhön und Vogelsberg» Zul-a» und Haunetal >Zulöaer Kreisblatt
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Fulda, Mittwoch, 10. Februar
9. Jahrgang
Brüning spricht zu der Welt
Oer große Tag in Genf.
Die Abrüstungskonferenz erlebte einen großen Tag. Die Sitzung stand völlig im Zeichen der großen Rede des Reichskanzlers, in der zum ersten Male Deutschland vor den Vertretern der gan^n Welt offen seinen feierlichen Rechtsanspruch auf Erfüllung der Deutschland im Versailler Vertrag zugesichcrten Verpflichtungen zur allgemeinen Abrüstung darlegt.
Der Andrang zu den Tribünen war ungewöhnlich groß. Die Diplomatenloge war schon lange vor Eröffnung der Sitzung bis aus den letzten Platz besetzt. Die Abordnungen waren vollständig vertreten. Die französische Abordnung mit Tardieu an der Spitze, die englische, amerikanische und italienische Abordnung mit ihren Führern erwarteten mit gespannter Aufmerksamkeit die Erklärungen des Kanzlers. Das Bewußtsein ist allgemein, daß Deutschland im Mittelpunkt dieser Konferenz steht, daß das deutsche Wort und die deutsche Stellungnahme entscheidend für die Konferenz sind und daß Deutschland einen unleugbaren morallschen und rechtlichen Anspruch besitzt, der von niemandem bestritten werden kann. Der Kanzler hatte zu Beginn der Sitzung in der ersten Reihe Platz genommen, neben ihm Staatssekretär von Bülow und die Botschafter Nadolny und Gras Welczek. Die Spannung wuchs im Saale, als der französische Dolmetscher die Übersetzung der Rede des amerikanischen Botschafters Gibson zu Ende führte. Präsident Henderson erteilte dann dem Reichskanzler das Wort zu seiner Rede, die im Wortlaut in die ganze Welt gekabelt wurde. Als Brüning die Rednertribüne betrat, erhob sich allgemeiner Beifall. Der Kanzler sprach ungewöhnlich ruhig . und gehalten. Schon bei seinen ersten Worten herrschte atemlose Stille im ganzen Saal.
Deutschlands moralischer und rechtlicher Anspruch.
Brünings feierliche Erklärung vor der Welt.
Die Rede des Reichskanzlers gab eine lückenlose Aufklärung über den deutschen Aürüstungsstandpunkt. Die Rede behandelte in ihrem ersten Teil b i e moralische Verpflichtung der Welt, auf der Abrüstungskonferenz auf der Grundlage völlig gleicher Rechte und Pflichten durch freiwilligen Entschluß die allgemeine Abrüstung durchzuführen, die neben einer großzügigen und entschlossenen Liquidierung der finanziellen und wirtschaftlichen Rcstbeständc des Krieges als die große Aufgabe der Gegenwart bezeichnet wurde, die allein die Menschheit zu neuem Aufstieg emporführen könne.
Der Reichskanzler stellte mit Nachdruck fest, daß die Kricgsgcncration,
aus dem persönlichen Erlebnis des Weltkrieges heraus, besonders berufen sei, diese Ausgaben zu lösen. „Wir alle gehören," so führte der Kanzler aus, noch der Gene- ratiou an, für die der Weltkrieg unmittelbares, persönlich siebtes war. Unseren Frontkämpfern von ehedem steht sein Bild in seiner ganzen Furchtbarkeit unverwischt unb unverlierbar vor Augen. Wird dieses Bild, diese Erinnerung im Geiste kommender Generationen noch die mahnende und anfrüttelnde Lebendigkeit besitzen, die ßllen Hemmungen und Schwierigkeiten zum Trotz uns mnerlich zum Handeln treibt?
„Wenn cs unserer Generation, der Generation bei ?lten Kombattanten, nicht gelingt, ein Bollwerk gegen die Wiederkehr solcher Katastrophen aufzurichten» wie soll es dann den Nachfahren gelingen, die die Verhinderung des Krieges wohl als Ideal, aber nicht so lebendig wie wir "'s unbedingte Notwendigkeit und Pflicht empfinden werden?"
Der Reichskanzler schilderte sodann die k a t a st rost h a l c R 0 l l a g e d c r W e l t, die sich in keinem Lande so furchtbar auswirke wie in Deutschland und die zweifellos vor allem auf den politischen Zahlungen und den übertriebenen ungleichen Rüstungen beruhe. „Die deutsche Delegation behält sich vor, zur gegebenen Zeit der Konferenz
Vorschläge zu unterbreiten, die diesem Mangel abhelfen. Ziel dieser Vorschläge wird
lu' de* allgemeinen und wirksamen Herabsetzung der Rüstungen praktische Wege zu eröffnen und dem in neuen Vertragswerten, insbesondere dem Kellogg Pakt erfolgten -erzicht auf den Krieg durch Verbot und besondere Beschränkung aller der Waffen Rechnung zu tragen, die vor- zugswetse deck Angriff dienen. Nur solche Maßnahmen, dle Kern ilnd Wesen der Rüstungen treffen, können das
4 °I d rser Konferenz verwirklichen: allen Staaten thr Recht auf gleiche Sicherheit zu gewährleisten."
Der Reichskanzler richtete einen Appell an alle Mächte, »cn Mut zur Verwirklichung der feierlich gegebenen Zu- sagen zu finden.
, In dem zweiten Teil meldete der Reichskanzler feierlich
den deutschen Rechtsanspruch aus die allgemeine Abrüstung und die Erfüllung der Deutschland im Versailler Vertrag gegebenen Zusagen durch die im Völkcrbnndpakt geschaffenen Verpflichtungen zur allgemeinen Abrüstung an. Nichts könne die Abrüstungskonferenz von der Verantwortung freisprcchen, wenn sie scheitern sollte. Die deutsche Regierung unb das J Stiche Volk forderten nach der eigenen Entwasinuna di«
allgemeine Abrüstung, auf die Deutschland einen rechtlichen und moralischen Anspruch habe.
„Das deutsche Volk erwartet von dieser Konferenz die Lösung des Problems der allgemeinen Abrüstung auf dem Boden der Gleichberechtigung und auf der Grundlage gleicher Sicherheit für alle Völker. Unsere Delegierten sind beauftragt, mit aller Energie die Verwirklichung dieses Zieles zu betreiben."
Dr. Brüning lehnte dann den Abkommensent- w u r s als Grundlage der Besprechungen ab, da er nicht den Erfordernissen einer wirklichen Abrüstung entspreche. Der Kanzler wandte sich hier indirekt
gegen die französischen Vorschläge, die als eine Umgehung des Konferenzzieles bezeichnet werden, und die auf den pflichtgemäßen Widerstand aller Verantwortlichen stoßen müßten.
Der Reichskanzler schloß mit der feierlichen Erklärung, daß Deutschland als vollberechtigtes und vollvcrpflichteteä Mitglied des Völkerbundes mit allem Nachdruck für eine allgemeine Abrüstung, unmißverständlicher Art, aller Mit- Bliebet des Völkerbundes eintrete und ein gleiches Maß von Sicherheit für alle Völker fordere.
Ore neun Punkte Amerikas.
Ausgleich zwischen Verteidigung und Abrüstung.
Vor der Kanzlerrede legte der amerikanische Botschafter Gibson den Standpunkt der Vereinigten Staaten zur Abrüstungsfrage dar.
Die Vereinigten Staaten, so führte er aus, sind überzeugt, daß die Welt jetzt neue Lösungen suchen mutz und die Belastungen eines alten Regimes und die alte Bewaffnung und die alten Traditionen beiseite gelegt werden müssen. Es besteht jedoch eine bindende Verpflichtung für jede Regierung, über genügende Rüstungen zu verfügen, um das nationale Gebiet gegen Angriffe und Einfâllezu schützen. Das Problem ist desbalb für
Brüning vor der internationalen Presse
Ein Empfang beim Kanzler.
Reichskanzler Brüning empfing im Genfer Hotel „Metropol" die nach Hunderten zählenden Vertreter der internationalen Presse, denen er, in deutscher Sprache, u. a. erklärte: In der Vollversammlung habe ich bereits den Friedenswillen des deutschen Volkes hervorgehoben; ich kann nur nochmals betonen, daß dieser Wille außerordentlich ernst ist und meine Ausführungen darüber restlos der Wahrheit entsprechen.
Ebenso stark ist die Forderung des deutschen Volkes nach gleichem Recht, die von jeder deutschen Regierung mit dem gleichen Ernst vorgebracht werden wird. Deutschland ist abgerüstet, und die Abrüstung Deutschlands ist feierlich anerkannt. Es ist ein Gebot des Rechts, daß Deutschland die Forderung erhebt, daß im Interesse des allgemeinen Friedens diesem Beispiel nach so vielen Jahren gefolgt wird. Die deutsche Regierung wird an dieser Forderung fcsthalten und ist sich darin völlig einig. Ich bitte Sie, nicht zu glauben, daß in dieser Richtung pcr- jchiedene Auffassungen in Deutschland bestehen.
Es ist meine feste Überzeugung, daß der gute Wille überall vorhanden ist und daß der Druck der ganzen Menschheit ebenso stark ist, wie er in der großen Kundgebung der Abrüstungskonferenz zum Ausdruck kam. Kein Volk der Erde würde sich über ein positives Ergebnis der Abrüstungskonferenz so freuen wie das deutsche. Der Zeitpunkt ist jetzt gekommen, vor der ganzen Menschheit die Forderung auf Abrüstung und Bereinigung der politischen Zahlungen zu erheben.
Der Augenblick ist jetzt für die Staatsmänner da, mutig und schnell die Folgerungen zu ziehen. Ich trage die Verantwortung für die Politik des deutschen Volkes, das sich in einer besonders schwierigen Lage befindet. Das deutsche Volk hat nach der Inflation mit großen Mühen seine Wirtschaft »viederaufgebaut und ist jetzt ohne seine Schuld wieder in eine schwere Krisenlage geraten. Ich kann cs fortgesetzt beobachten, wie der Welthandel jetzt weiter in Zerrüttung gerät und die wirtschaftliche Tren- nnng der Staaten sich immer stärker durchsetzt. Zum Schluß möchte ich erklären, daß, wenn die Dinge sich so weitcrcntwickelu, wie dies heute der Fall ist, ich sehr trübe für die ganze Menschheit in die Zukunft sehe. Ich bitte Sie, dafür Sorge tragen zu wollen, daß der M u t für eine klare B a h n in der ganzen Welt gefunden wird.
Dr. Brüning von Genf gbgcrcist.
Reichskanzler Dr. Brüning isr in Begleitung von Ministerialdirektor Zechlin und Oberregierungsrat Planck von Genf abgereist und trifft am Mittwoch nachmittag in Berlin ein.
Staatssekretär von Bülow bleibt vorläufig noch einige Tage, um die Reichst,tgieruM im Pölkerbundrat zu vertreten. Der Staatssekretär wird im Völkerbundrat den Antrag der deutschen Regierung auf Einberufung einer außerordentlichen Ratstagung zur Behandlung der Memelfrage begrüben.
die Bereinigten Staaten, ein Gleichgewicht zwischen den Notwendigkeiten der Verteidigung und den großen Aufgaben der A b r ü st u n g zu finden.
Der amerikanische Botschafter legte sodann in neun Punkten den amerikanischen Standpunkt zur Abrüstungsfrage der Konferenz wie folgt dar und schlug dabei folgendes vor: 1. Behandlung der Abrüstungsfrage aus der Grundlage des Abkommensentwurfes als allgemeine Perhandlungsgrundlage unter Berücksichtigung aller _ anderen Vorschläge; 2. Verlängerung der Washingtoner und Londoner Flottenab- kommen, insbesondere durch Beitritt Frankreichs und Italiens; 3. proportionale Herabsetzung der in dem Washingtoner und Londoner Flottenabkommen festgesetzten Tonnage; 4. völlige Abschaffung der Unter- seeboote; 5. Schutz der Zivilbevölkerung gegen Waffenangriffe; 6. vollständige Abschaffung des Gas - und chemischen Krieges; 7. besondere Beschränkungen für Tanks, schwere Geschütze und alle Waffen besonders offensiven Charakters; 8. Prüfung der Herabsetzung der Heeresausgaben als eine ergänzende Methode für die direkte Beschränkung der Rüstungen; 9. Herabsetzung des aktive nRü st ungs st andes der Länder auf eine Grundlage, die mit der nationalen Verteidigung vereinbar ist.
Ein Zwischenfall.
Nach Schluß der Rede Brünings kam es zu einem eigenartigen Zwischenfall. Auf der Tribüne des Publikums erhob sich eine offenbar geistesgestörte Frau und rief in deutscher Sprache, sich zum Präsidenten wendend: „An die hohe Versammlung und die ganze Welt! Ich muß Ihnen einen Traum erzählen..." Die weiteren Worte der Frau gingen im allgemeinen Lärm und Lachen unter. Tie Frau wurde sodann aus dem Saal geschafft.
Präsident Henderson bemerkte humorvoll, es fände jetzt die Übersetzung der Rede, jedoch nicht der letzten Rede, sondern die Rede des Reichskanzlers in englischer und französischer Sprache statt.
Das Echo der Kanzlerrede.
Starker Beifall außer bei Frankreichund Polen.
Die Rede des Reichskanzlers, deren Verlesung eine halbe Stunde in Anspruch nahm, wurde fortgesetzt von starkem Beifall unterbrochen und fand zum Schluß langanhaltenden Beifall. Nur die französische und die polnische Abordnung nahmen an dem allgemeinen Beifall nicht teil. Der deutsche Gesandte in Bern beglückwünschte Reichskanzler Dr. Brüning nach Schluß seiner Rede als erster.
Besonders auffällig war der Beifall tn der Kanzlerrede an der Stelle, an der der Kanzler betonte, daß er nicht anzuerkennen vermöge, daß zwischen den richtig verstandenen eigenen Interessen und den Gemeinschaftsinteressen aller Staaten ein unlösbarer Gegensatz bestehe und daß Deutschland von dieser Kou- serenz die Lösung des Problems der Abrüstung auf dem Boden der Gleichberechtigung und der Grundlage gleicher Sicherheiten für alle Völker verlange.
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Der gemäßigte Charakter der Erklärung.
In internationalen Kreisen in Genf wird übereinstimmend der gemäßigte Charakter her Kanzlerrede hervorgehoben. Auf f ranzösi, chei seile erklärt man, weil schärfere Ausführungen erwart-: zu haben. In c n g l i s ch e n Kreisen wird die Rede Brünlng.' inhaltlich begrüßt und die Übereinstimmung mit den Erklärungen des englischen Außenministers in wesentlichen Punkten festgestcllt. Es wird jedoch ein grundlegender Unterschied darin erblickt, daß der Reichskanzler in seiner Rede ausdrücklich den Abkommens- c n t w u r f d c s V ö l k c r b u n d e s in der gegenwärtigen Fassung als Ausgangspunkt der praktischen Arbeiten abgelehnt hat.
In neutralen Kreisen wird darauf hmgewlescn, dap der Reichskanzler einer Auseinandersetzung mit der Rede TardicuS aus dem Wege gegangen ist und sich aus die allgemeine Feststellung beschränkt hat, daß Vorschläge, die einer Umgehung des Konferenzzieles dienten, aus pflichtgemäßen Widerstand stoßen würden.
Die Rede hat im allgemeinen in ausländischen Krelsc.t zweifellos einen g u t e n E i n d r uck gemacht. Z er große persönliche Ernst, mit dem der Reichskanzler '"nc.. 1 verlas, blieb in der Verkammluna nickt ohne nackba.uac.i
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Reichskanzler Dr. Brüning legte in einer großen Rede vor der Abrüstungskonferenz den Standpunkt der Rc,chs- regicrung zur Abrüstung dar.
* 3it Genf fanden Besprechungen zwischen dem Reichskanzler und dem englischen, französischen und italienischen Minister über die Tridutfrage statt.
* Ix«. Seröses Kurfürst rLdSDmpryzeß verurteilt!: das ®exW 18 Râmms-MWnr wegen ' Satins rtf^cns-Kt y *3 zu Gefängnisstrafen von sechs und zehn Monaten.