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Nr. 76 — 1932 Fulda, Freitag, 1. April 9. Jahrgang
Gefährdetes Ostland.
60000 Sstbettiebe unter Sicherungsschutz.
Die Lage der preußischen Landwirtschaft.
Die 14. Hauptversammlung der Preußischen H a u p 1 l a n d w i r t s ch a f t s k a m m e r fand unter Vorsitz des einstimmig wiedergewählten Präsidenten Dr. Dr. e. h. Brandes in Berlin statt. Präsident Brandes kennzeichnete in seinem Bericht über „Die Lage der preutzi- schcn Landwirtschaft" die katastrophale Lage der Landwirt- . schasl besonders im Ostgebiet, wo sich rund 60 000 Betriebe unter Sicherungsschutz begeben mußten. Die rechtzeitigen Warnungen und Vorschläge der Preußischen Hanpllandwirtschaftskammer habe die Regierung nicht beachtet. Dringendstes Erfordernis sei die
Stärkung des deutschen Binnenmarktes.
Durch Kredite könne die deutsche Landwirtschaft niemals gesund und rentabel gestaltet werden. Gewiß trage die Weltwirtschaftskrise ein gerüttelt Maß zu der jetzigen Not bei, an allem sei sie aber doch nicht schuld. Die rechtzeitigen Vorschläge der G r ü n e n F r o n t habe man nicht befolgt. Der letzte Winter sei noch nicht der schlimmste gewesen, der nächste werde noch viel schlimmer werden, wenn die Landwirtschaft immer mehr absacke. Man müsse herunter von den
untragbaren Belastungen durch Tribute und in private Auslandsschulden umgewandelte Tributzahlungen. Die Forderungen der gesamten deutschen Wirtschaft, der I n d u st r i e wie der L a n d w i r t s ch a st, stimmten heute in den wesentlichen Punkten überein. Zum Schluß forderte Präsident Brandes die maßgebenden Stellen auf, sich freizumachen von der Ansicht, man könne zwangsweise Dinge aufrechterhalten, die mit den ewig gültigen ungeschriebenen Gesetzen der Wirtschaft nicht vereinbar seien. Man solle
das Steuer entschlossen herumwerfe», und damit die gesamte deutsche Landwirtschaft wieder rentabel gestalten. Das sei der einzig mögliche Weg zur Sicherung der deutschen Wirtschaft und des deutschen Bölkes.
Im weiteren Verlauf der Tagung stimmte die Haupt- landwirtschaftskammer einer Entschließung zu, die die Forderung aufstellt, daß den Vorschlägen der Grünen Front auf
Kontingentierung der Einfuhren landwirtschaftlicher Erzeugnisse schleunigst Rechnung getragen und insbesondere die Butter- und Käsezölle so gestaltet werden, daß eine dauernde Rentabilität der Milchwirtschaft gewährleistet wird. Nach einer weiteren Entschließung hält die Hauptlandwirtschaftskammer eine Streichung der in den ersten Jahren nach der Inflation von Reich und Staat zur Ankurbelung der landwirtschaftlichen Erzeugung gewährten Kredite für dringend erforderlich. Weiter wird die
Entlastung der Landwirtschaftslammern aus den ihnen unter ganz anderen Verhältnissen von Reich und Staat auferlegten Bürgschaftsüber- nahmen als dringend notwendig bezeichnet. Die vauptlandwirtschastskammer stellt ferner an die kredit
Der Donauplan im Kreuzfeuer
Das Spiel Paris-London.
Politik im Flugzeugtempo.
Der französische Ministerpräsident Tardieu, Vater gloriosen Donaubundplanes, wird am Sonntag nach London fahren, um dort mit dem englischen Ministerpräsidenten Macdonald noch vor der beabsichtigten Kon- screnz der vier Mächte Deutschland, Frankreich, England
Italien eine Besprechung unter vier Augen zu haben, ^ardieu scheint seiner Sache sehr sicher zu sein, denn der â>uch ist für eine so kurze Frist bemessen, daß er sehr gut orbereitet sein muß. Am Sonntag nachmittag Ankunft, oann Zusammenkunft mit Macdonald, abends Festessen, uw Montag vormittag Frühstück, dann wieder Besprechung
Hinzuziehung des englischen Außenministers und ^watzkanzlers, und am Nachmittag Abfahrt nach Paris. . "weder handelt cs sich bei diesem Besuch um die Setzung , Schlußpunktes unter bereits erfolgte Ab- M'hgvn, oder um eine politische Geste TardieuS, die der die innige Verbundenheit Frankreichs und Englands soll, die man in der diplomatischen Sprache der , ckgszeit mit „ontente c o r d i a 1 e" bezeichnete, J Wort, das für Deutschlands Ohren keinen guten ' ung [)ctt. Wie cs heißt, soll nicht nur die Donau- V e in Lond behandelt werden, sondern auch die t. ; orationssrage, als Vorbereitung für die Lau- lchl^r Konferenz, und finanzielle Fragen. Zu dem die 9t ^'ogrammpunkt ist die Nachricht interessant, daß von Frankreich angesangen hat, von ihrem norhV ? l£ c r Dollarguthaben, das sich immer
"wa 750 Millionen Dollar beläuft, Abzüge vor- k '-Men. Es ist möglich, daß diese Abzüge in naher Zu- lalä,^größeren Umfang annehmen werden, Über- etwa i vaß die Bank von Frankreich die Dollar nicht toanhnu "l^nc, sondern in englische Pfunde um« der 9f, *• ^ffc'tbar sind also die französischen Finanzleute isi ass s voß das englische Pfund eine bessere Anlage ” "er Franc, Aign darf jedoch nicht vergessen, daß
gebenden Stellen das dringende Verlangen, die schwebenden sogenannten
Gräserkredite der Landwirte
in den Gräsergebieten langfristig und zinsfrei bzw. weitgehend zinsverbilligt zu stunden.
Dr. e. h. Brandes,
Präsident der Preußischen Hauptlandwirtschaftskammer.
AVolkSschMetzrer aus dem Memelgebiet ausgewiesen.
Neuer Vorstoß Litauens gegen das Deutschtum.
Die Ausweisung von 21 .reichsdeutschen Lehrern dürch dâs Direktorium Simmat hat im M e m e l g e b i e t größtes Befremden erregt. Sie betrifft im allgemeinen Volks schullehrer aus den verschiedenen Teilen des Gebietes. Die Gründe, die Simmat für die Entlassung angibt, sind außerordentlich fadenscheinig. Einmal wird erklärt, die Lehrer besäßen nicht genügend K e n n t n i s s e d e r l i t a u i s ch e n S p r a ch e. In anderen Fällen heißt es, sie hätten sich dienstlich unkorrekt verhalten und seien illoyal gewesen. In einzelnen Fällen wird als Grund ein Wunsch der Schulgemeinde angegeben. Die Kündigung erfolgte ohne jede Rücksicht auf die Schulverhältnisse, so daß es nicht möglich sein wird, in allen Fällen die Schulen weiter aufrechtzuerhalten, da die Litauer gar nicht über einen genügenden Nachwuchs verfügen, der der deutschen Sprache mächtig ist.
Man spricht davon, daß die Entlassung dieser 21 Lehrer lediglich die erste einer Reihe von Maßnahmen ist, und daß weitere Entlassungen von reichsdeutschen Lehrern und Beamten folgen werden.
sich dadurch gleichzeitig die französische Angriffs- kraft gegen das Pfund vergrößert.
Wieder setzt also hier das französische Spiel mit der goldenenKugel ein, das den politischen Forderungen Frankreichs den ^nötigen Nachdruck geben soll. Wird Macdonald fest bleiben und fest bleiben können? Die englische Öffentlichkeit zeigt im allgemeinen eine maßvolle und kühle Haltung gegenüber dem französischen Besuch. ES wäre Pflicht des englischen Premiers, dieselbe Zurückhaltung dem etwas aufdringlichen Besuche gegenüber zu zeigen und keine Bindungen cinzugehen, ehe nicht die beiden anderen £iauptintcreffcntcn, Deutschland und I t a - H c n, auch gesprochen haben und gehört worden sind. Solche Vorkonferenzen erinnern peinlich an die „Ge- h e i in d i p l o m a t i c" der Vorkriegszeit, die doch gerade durch das jetzt so sehr beliebte System der Konferenzen be- seitigt werden sollte. . .....,„
Wenn in Frankreich von einer „Nervosität Deutschlands der Besprechung Tardieu-Macdonald gegenüber gesprochen wird, so kann man das nicht recht ver- stehen. Im Gegenteil, man muß sich über die Ruhe und den G l c i ch m u t wundern, mit dem die leitenden deutschen Staatsmänner den Vorgängen zwischen Paris und London gegenüberstehen. Hoffentlich gibt cs keine unlieb- samen Überraschungen!
Londoner Konferenz Mitte nächster Woche.
DaS Londoner Auswärtige Amt teilt amtlich mit, daß die Zusammenkunft der Vertreter der vier an der Dvnaulonfcrcnz interessierten Großmächte Mitte nächster Woche stattfindcn werde, und zivar entweder am Witt- woch oder am Donnerstag. Der französische und der italienische Botschafter, die am Donnerstag im Londoner Außenministerium vorsprachen, haben das Einverständnis ihrer Regierungen bereits übermittelt.
Wie zu dieser Londoner Meldung in Berlin versautet, hat auch die RcichSrcgierung dem genannten Zeitpunkt zugestimmt.
Haushaltssorgij.
Selbst Goethe hat durchaus nicht immer recht; sein „Amerika, du hast es besser als unser Kontinent der alte" stimmt ja in vieler Hinsicht nicht mehr. Genau so wie alle kontinental-europäischen Staaten haben auch die „United States of America" neben schweren wirtschaftlichen und sozialen Sorgen auch noch die vielleicht allerschwcrste, nämlich die Aufgabe zu lösen: Wie tilgen wir den gewaltigen Fehlbetrag im Staatshaushalt? Woran sich auch gleich noch die zweite Aufgabe schließt: Wie halten wir in dem kommenden Haushaltsjahr die Ausgaben mit den Einnahmen im Gleichgewicht? Um übrigens auch noch auf die dritte, die „Obersorge" hinzuweisen, die die europäischen Kontinentalstaaten — erst England, dann jüngst auch Frankreich — mit Amerika gemeinsam haben: die Slotwendigkeit, das Riesendefizit zu decken und für den kommenden Haushaltsausgleich zu sorgen, also vor allem umfangreichste Steuererhöhungen zu beschließen, mutzte und muß die betreffende Volksvertretung zu einer Zeit vollziehen, zu der Neuwahlen in naher Anssicht stehen. Am drastischsten geschah das übrigens im September 1931 in England, wo sich das Parlament von der Regierung vor die präzise Aufgabe gestellt sah, für die Deckung des Fehlbetrages im Haushalt zu sorgen und dann — sich auflösen zu lassen. Wie gründlich, rasch und — rücksichtslos das durchgeführt worden ist, ergibt sich aus dem Erfolg; denn der englische Finanzminister konnte vor kurzem mitteilen, datz sein Haushalt keinen Fehlbetrag, vielmehr einen kleinen Überschuß aufweise. Und wenn der Finanzminister, zu dessen Amtsobliegenheiten natürlich in erster Linie der Pessimismus gehört, es selbst sagt . . .1
Genau so gründlich, rasch und rücksichtslos wie im englischen Parlament verfährt man — trotz diesjähriger Präsidentenwahlen — auch im amerikanischen Kongreß. Das Defizit im Haushalt beträgt mindestens 1,25 Milliarden Dollar — über fünf Milliarden Mark — und nun werden, nach erstem Zögern und Zaudern, neue Steuern bewilligt oder Steuererhöhungen beschlossen geradezu „auf Deubel komm raus"! Um irgendeine Steuerlehre bekümmert sich das Repräsentantenhaus überhaupt nicht; direkte und indirekte, Einkommens-, Vermögens- und Verkehrssteuern, Post und Telephon —, nichts ist mehr sicher vor dem Steuererhöhungsparoxvmus der Herren Kongreßmitglieder. Vergnügen und Kino, Erbschaften und jeder Warenumsatz müssen dran glauben, und sogar die heiligen — meist allerdings sehr unheiligen — Hallen der Wallstreet, der Newyorker Börse, blieben nicht verschont: auch dort wird der Staat jetzt eine Stempelsteuer aus Börsenumsätze erheben. Irgendwelche parteipolitischen Hemmungen gibt es scheinbar gar nicht mehr; bald wird ein demokratischer, bald ein republikanischer Steucrantrag angenommen, obwohl doch die oppositionellen Demokraten leicht alle Anträge zu Fall bringen können; denn sie sind im Repräsentantenhaus genau so stark, im Senat sogar noch etwas stärker als die regierende Republikanische Partei. Einen allerdings etwas jungenhaft anmutenden Streich haben sich die Demokraten geleistet: Sie brachten einen Antrag zur Annahme, daß die jetzt um 50 Prozent erhöhte, für Briefe gebräuchlichste Postmarke das Bildnis des „schuldigen" Präsidenten Hoover tragen solle.,
Toch auch insofern stimmt das Goethewort nicht, als in England sich im vergangenen Herbst zwar nicht gleiches, aber immerhin ähnliches abgespielt hatte: die Notwendigkeit, den Fehlbetrag durch Steuererhöhung auszumerzen, sprengte alle parteipolitischen Grenzen, sprengte sogar die — Regierungspartei selbst, da ein Teil der Arbeiterpartei die Vorlagen Macdonalds ablehnte.
Was nun das Amerikanische Repräsentantenhaus in Hast und Energie zusammengebaut hat, wird sofort der Prüfung durch den Senat unterworfen. In Frankreich haben beide Kammern noch unmittelbar vor Toresschluß die Erledigung und Ausbalancierung des Haushalts bereits zustande gebracht. Theoretisch wenigstens, — aber sind heutzutage Haushaltsvoranschläge nicht überhaupt nur Theorie? Eine Theorie, in die dann die Wirklichkeit das bald immer größer klaffende Loch des Einnahmenrück- ganges hineinreitzt? So hat Tardieu ja z. B. unter den Einnahmen die 1,17 Milliarden Frank aufführen lassen, die Frankreich im Jahre 1932 anteilig aus den deutschen B o u n g-P l a n«V e rp f lich- t u n g e n erhalten würde, wenn diese am 1. Juli nach Ablauf des Hoovcr-Fcicrjahres wieder in Kraft träten. Es trifft wohl das Richtigere, wenn man im d c u t s ch c n 5mushaltsentwurfdieseAusgabcnsummcn n i cht eingesetzt! Der Reichshaushaltsentwurf erblickt in diesem Jahre überhaupt erst dann das Licht der Ofsentlichkeit, wenn das alte Etatsjahr mit dem 31. März zu Ende gegangen ist Bis zu jenem ominösen 1. Juli hilft man sich mit dem bisherigen Haushalt weiter, hofft auch, mit dem neuen Haushaltsentwurf finanziell einigermaßen das Richtige für die künftigen Einnahmen und Ausgaben zu treffen aber da denkt man vielleicht, und mit einiger Berechtigung, an ein anderes Dichterwort: „Was find Hoffnungen, was sind Entwürfe!"
Kleine Zeitunfl für eilige Leser
* Mr RrwreNiunli des französischen Ministerpräsidenien Tardieu uckt Macdonald in London ist für Sonntag festgesetzt
* ^ic preußische Regierung beabsichtigt nicht. daS beschlagnahmte LA. Material zu verössentUchen.
* uum Präsidenten der Preußischen HauptlandwirtschastS- lammet wurde Dr. c. h. Brandes wiedergcwâhlt.