Einzelbild herunterladen
 

Iul-aer MZeiger

Erscheint jeden Werktag. Bezugspreis: monatlich 1.70 RM. Bei Lieferungsbehinderungen durch

Tageblatt für Rhön un- Vogelsberg »^»Ä

Bahnsperre usw. erwachsen dem Bezieher keine §ul-a- und Haunetal-Iul-arr Kreisblatt

Ansprüche. Verlag Christian Seipel, Fulda. Druck: Friedrich Ehrenklau, Lauterbach i. H.

Nr. 136 1932

für auswärtige Auftraggeber 0.25 Mk., für die Reklamezeile 0.90 Mk. u. alle anderen 0.15 Mk.,

Redaktion und Geschäftsstelle: Königstraße 42 Zernfprech-^nschluß Nr. 2989 Reklamezeile 0.60 Mk. / Bei Rechnungsstellung Nachöruck üer mit * versehenen Artikel nur mit Quellenangabe .ZulSaer flnzeigrr'gestattet. Hat Zahlung innerhalb 8 Tagen zu erfolgen.

Fulda, Montag, 13. Juni

9. Jahrgang

Bedeutsame Uabinetkerklärungen

Das Jubiläum des Landwirtschafts- rates.

Mit seiner 62. Vollversammlung feierte der Deutsche Landwirtschaftrat sein sechzigjährigcs Bestehen. Er ist die älteste aller landwirtschaftlichen Organisationen und ist 1872 gegründet worden aus einer Anregung des Für­sten Bismarck heraus, der ausdrücklich ein Organ wünschte, welches auch ohne besondere Anfrage aus eige­nem Antriebe den Regierungsstellen nützliche Anregungen und Warnungen im Interesse der Volksernährung und des Nährstandes erteilen sollte.

Dieser Aufgabe ist der Deutsche Landwirtschaflsrat sechs Jahrzehnte lang pflichtschuldig gerecht geworden, wie das geschäftsführende Vorstandsmitglied, Dr. Kutscher, in einem längeren geschichtlichen Vortrag barlegte. Aller­dings sind die Anregungen nicht immer gehört und be­folgt worden, und es hat Zeiten gegeben, wo der Deutsche Landwirtschaftsrat sich in einem deutlichen Gegensatz zu den maßgebenden Stellen befunden hat. Die Gegen­wartsaufgaben der deutschen Agrar­politik itmrtß in der -Hauptrede der Tagung Präsident Dr. h. c. B r a n d e s. Der notwendige Weg sei heule klar erkennbar. Die bloße Ausfuhrförderung führe zu scharfen Rückschlägen. Dagegen sei die Entwicklung des Binnenmarktes die beste A r b e 11 s b e s ch a f - f ung, und die vermehrte Erzeugung an Nahrungs­mitteln könne einem erheblichen Teil der Arbeitslosen Verdienst und Brot geben. Die Siedlung sei mit größtem Nachdruck zu fördern, aber eine gesunde Siedlung, die lebensfähig bleibe und nicht neue Erwerbslose hinterlasse. Zölle allein seien nicht mehr ausreichend, sie müßten durch eine planvolleBinnen Wirtschaft oder durch ein Einfuhrmonopol ergänzt werden. Dazu komme eine weitgehende U m st e l l u n g d e r L a n d w i r t e a u f M a n g e l p r o d u k t e, ferner Maßnahmen zur S e n - kung der Ausgaben, besonders der -Ai ujc w und Steuern. Vor allem sei nötig, jetzt bei allem eine ge­rade Linie einzuhallen und keine Zeit mehr zu verlieren.

Geh. Rat Prof. Dr. Appel berichtete über das er­schreckende Vordringen des Kolorado-Kartoffel- k ä f e r s , der schon einen großen Teil Frankreichs ver­seucht hat. Wir müssen mit allen Mitteln seine Einschlep­pung nach Deutschland verhindern, denn sein Vorhanden­sein würde den Zentner Kartoffeln um je rund eine Mark verteuern unb dadurch zu einer Ernährungskatastrophe führen.

Regierungspräsident z. D. Graf von B a u d i s s i n machte eingehende Vorschläge zur Ver­einheitlichung und Reform der Erwerbs- losenfttrsorge, nachdem wir mit den bisherigen Methoden vor dem Bankrott stehen. Die Versammlung nahm eine Entschließung einstimmig an, in welcher eine E i n h e it s f ü r s o rg e mit allgemeiner Prüfung der Bedürftigkeit sowie eine fühlbare Senkung der Beiträge für Arbeitnehmer und Arbeitgeber gefordert wurde. An den nicht gedeckten Lasten sind in erster Linie das Reich, in zweiter die Länder und Ge­meinden zn beteiligen, damit die beiden letzteren ein Interesse an sparsamer Wirtschaft haben. Ferner wurde eine Arbeitspflicht organisation besonders für Jugendliche gefordert.

Angenommen wurde auch ein Antrag Franzke gegen den Abbau der generellen Osthilfemaßnahmen. An der sehr lebhaften Aussprache beteiligten sich u. a. der Senior der Agrarwissenschaft, Geh. Rat Prof. Dr. Se- r i u g, und Kammerherr von Oldenburg-Januschau, der eine Notverordnung des Inhalts befürwortete:Jeder Deutsche hat die Freiheit, seine Arbeitskraft wo und wie er will zu verwerten.*

Der Tagung gab die Anwesenheit des gesamten neuen Ne i ch s ka b i n ctt s eine besondere Bedeu- wng, da sowohl Reichskanzler von Papen wie Ernäh- umgsminister F r h r. v o n Brann die Gelegenheit bc= büßten, um in diesem Kreise programmatische Erklürnn- ßcn Zu den Forderungen der Landwirtschaft abzngeben.

*

Mutter Erde, der Urgrund alles Lebens.

Grundzüge der Agrarpolitik der Reichsregierung.

Auf der Vollversammlung des Deutschen Landwirt­schaftsrats entwickelte der R ei ch s m i n i st e r für Er- b a h rungu ii d La n d w i r t s ch a f t Fr e i h e r r v o n V r a u n die Grundzüge der künftigen Agrarpolitik der Reichsregierung. Einletkend betonte er, daß die ganze Schwere der Verantwortung seines Amtes ihm durch das Bewußtsein erleichtert werde, daß sämtliche M i t - Sieder des Reichskabinetts mit ihm die gleiche Ein­stellung der deutschen Landwirtschaft gegenüber hätten. Übergehend auf die Lage der Landwirtschaft und die sich daraus ergebenden Noilvendigkeiten führte der Minister ü. a. aus:

Die Notlage in der Landwirtschaft sei allgemein. Seit zwei Jahren sei zu beobachten, daß » Westdeutschland, wo bie bäuerliche Struktur durch- vorherrscht, die Verschuldung schneller zuniinmt als im ^ücn. Must den neuesten BuchführmigSergebuisseu des Lutschen LaiidloirtschâstsratS sei nur noch etwa ein Drittel landwirtschaftlichen Betriebe in der Lage, die Zinsen aus Reinerträgen zu bezahlen. In allen anderen Fällen würden

- die Zinszahlungen auf Kosten der Substanz ^âenonxmen. Wesentlich für die Ursachen der Verlust- Ortschaft in der ganzen Nachkriegszeit fei die klaffende 'r c i $ f cb ere, das Mißverhältnis zwischen den Erzeugungs-

lösten und den Einnahmen. Eines der Ziele der Agrarpolitik müsse demnach die Schließung dieser Preisschere sein. Mit speziellen Agrarmaßnahmen allein sei das nicht möglich.

Auf den Märkten für die landwirtschaftlichen Erzeugnisse mache sich durchweg

die Verarmung unserer Bevölkerung

bemerkbar. Beim Fleisch sonnte ein Konsumrückgang nur durch den ungeheuren Tiefstand der Fleischpreise vermieden werden. Somit werde das Arbeitslosenproblem in hohem Maße auch ein agrarisches Problem.

Städtischer Konsument und landwirtschaftlicher Produzent bildeten eine Interessengemeinschaft auf Gedeih und Verderb.

Reichskanzler von Papen

spricht vor dem Landwirtschaftsrar

Der Minister ging sodann auf

das Problem der Autarkie

ein und erklärte, daß selbstverständlich keine Rede davon sein könne, uns völlig von der Welt loszülösen. Die Verhältnisse hätten sich aber aeaenüber der Vorkriegszeit grundlegend ver­schoben. Früher sei der deutsche Export, der unsern Import finanzieren mutzte, gern und willig in allen Ländern der Welt ausgenommen worden. Stattdessen fänden wir beute überall Autarkielendenzen, diè Betonung des eigenen Bin­nenmarktes. Dieser Entwicklung könne sich auch Deutsch­land nicht entziehen. Die Autarkie in diesem Sinne ist

kein Ziel, sie ist Schicksal.

Aber sie ist nicht ein Schicksal, das wir still und gefaßt hin- nehmcn müssen, sondern das wir z u m e iste r n haben.

Für die Landwirtschaft bedeute diese Entwicklung die Vcrvklicbtuna. das ibriae zu tun. um die Ernâbruna des

Politische Besprechungen in Berlin

Unterbrochene Neichsratssitzung.

In der Reichskanzlei sand eine Beratung der Ver­einigten Ausschüsse des Reichsrats statt, in der der Reichs- kanzber vertrauliche Ausführungen über die politischen Ab­sichten des Kabinetts machte. An den Beratungen nahm ein großer Teil, der Ministerpräsidenten der deutschen Länder teil, außerdem die Vertreter des Reichsrats. In den Verhandlungen erstatteten die Vertreter der einzelnen Ministerien Bericht über d e n I n h a l 1 d e r k o m m e n - den Notverordnungen.

Die Beratungen der Neichsratsailsschüsse wurden dann aus Antrag Bayerns unterbrochen. Der Reichs­kanzler hatte Besprechungen mit einzelnen süddeutschen Ministerpräsidenten, und zwar über die politischen Fragen, also in erster Linie über das Verhältnis zwischen Reich und den Ländern.

Die Unterbrechung der Beratungen der Vereinigten Ausschüsse des Reichsrates ist darauf zurückzuführen, daß aus den Kreisen der süddeutschen Ministerpräsidenten der Wunsch geäußert wurde, zunächst eine Sonderbesprechung mit dem Reichskanzler abzuhalten. Dieser Antrag erklärt sich daraus, daß neben den finanziellen Fragen, die aus der Tagesordnung der heutigen Sitzung stehen, auch poli­tische Probleme zur Debatte gestellt worden sind, über die im engeren Kreise beraten werden sollte.

*

Oie amtliche Mitteilung über die Sitzung der Michsratsausschüsse,

Amtlich wird mitgeteilt: Die Reichsregierung gab in der Sitzung der Vereinigten Ausschüsse des Reichsrats Auskunft über den H aushaltsplan des Reiches und über die Grundzüge der von ihr geplanten N o t v e r o r d - ii n n g c ii zur Sicherstellung der Finanzen von Reich, Ländern und Gemeinden sowie zur Rettung d e r So­zi a l v c r s i ch e r u n g.

Der Reichsminister der Finanzen und der Reichs­arbeitsminister erläuterten und begründeten die Absichten der Reichsregiernng.

Jm Anschluß an diese Ausführungen fand eine ein­gehende Aussprache statt, in der die Vertreter der Länder ihre Stellungnahme darlegten.

*

Die süddeutschen Staats- und Minister­präsidenten bei Hindenburg.

Amtlich wird mitgeteilt: Reichspräsident von Hin­de n b u r n empfing am Sonntag in Gegenwart des Reichskanzlers von Papen den bayerischen Mi-

deutschen Volkes aus ihren eigenen Leistungen zu ermöglichen, da die immer knapper werdenden Devisen in erster Linie für die Einfuhr von Rohstoffen gebraucht würden.

Nach diesen grundsätzlichen Ausführungen skizzierte bei Minister die Probleme, die besonders vordringlich behandelt werden müssen.

Auf dem Gctreidegebiet

müsse für eine auskömmliche Verwertung der kommenden Ge­treideernte durch das Zusammenwirken von handelspolitischen und finanzpolitischen Maßnahmen gesorgt werden. In aller Kürze werde er auf diesen! Gebiet die nötige Klarheit schaffen.

Aus den Märkten der Veredelungsprodukte

sei die Lage katastrophal. Hierauf beruhe in erster Linie das Überpreisen der Krise auf die bäuerlichen Wirtschaften, das sich in den letzten beiden Jahren vollzogen habe. Die Reichsregierung müsse daher der gesamten Veredelungspro­duktion ihr besonderes Augenmerk schenken, da es sich hier um eine Existenzfrage für den deutschen Bauer handelt. In der Kartoffelfrage wird der erhöhten technischen Ver­wertung, wobei der Minister auch die Trcibstosfrage erwö besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden sein. Belm Z u ck e r müsse wenigstens dem verminderten Rübenanbau ein an­gemessener Preis gesichert bleiben. Auf dem Gebiete des Ge­müse-, Obst- und Weinbaues sei eine Besserung der Lage nur durch Änderung der bisherigen Handelsvertrags­politik und von der Einsicht der Verbraucher zu erwarten, die endlich einmal deutschen Erzeugnissen den Vorzug geben sollten. Schwerste Sorge bereite der Reichsregierung die Lage der deutschen Forst- und H o l z w i r t s ch a s 1. Eine auf zollpolitischem Gebiet liegende Maßnahme werde in den aller­nächsten Tagen veröffentlicht werden; weitere Maßnahmen müßten in Bälde folgen. Hinsichtlich der

Regelung der Bbsatzfrage

bezeichnete der Minister im Zusammenhang mit der Sianvardi- sierung, der Anpassung an die Veränderungen deS städtischen Konsums Maßnahmen für denkbar, die den Absatz landwirt­schaftlicher Produkte stärker zusammenfaßten.

In der Z i n s f r a g e habe er bereits vor Jahren auf die Gleichberechtigung dieser Frage mit der Frage der Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse hingewiesen. Mit der Lösung nur einer dieser beiden Probleme fei der Landwirtschaft nicht geholfen. Im Rahmen dieser allgemeinen Maßnahmen wird

die Hilfsaktion für den Osten

in beschleunigtem Tempo fortgesetzt werden.

Bezüglich der Siedlung, erklärte der Minister, Daß er die Ansiedlung deutscher Bauern im Osten aus nationalpoli- tischen, wirtschaftlichen und menschlichen Gründen als eine der dringendsten Aufgaben von Reich und Staat ansehe. Voraus­setzung sei aber, daß richtig gesiedelt werde.

Abschließend bemerkte der Minister, daß Agrarfragen nicht allein mit dèm B e r st a n d c bearbeitet werden könnten. Sie sind eine Sache der gefühlsmäßigen Einstellung des Menschen zum Grund und Boden. Dieses Gefühl kann man

i» der

I, den der

nicht lernen, man kann es auch nicht beschreiben, man kann es nur haben oder nicht haben. Ich gehöre zu denen, die in der Mutter Erde den Urgrund alles Werdens erblicken, den der Mensch zu verehren hat.

nisterprüfidcnten Tr. Held, den württemSergischcn Staatspräsidenten Dr. Bolz und den badischen Staats­präsidenten Dr. Schmitt zu einer eingehenden gemein­samen Besprechung der politischen Lage. Die Aussprache berührte das Verhältnis des Reiches zu den Ländern, den Finanzausgleich, die Wirtschaftspolitik und eine Reihe von innenpolitischen Fragen.

S

Um die Einberufung des Auswärtigen Ausschusses.

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Ab­geordneter Dr. Frick (Rat.-Soz.), hat dem Fraktionsführer der Sozialdemokraten, Dr. Breitscheid, auf dessen Schreiben, in dem die Einberufung des Ältestenrates er­beten wird, schriftlich erwidert, daß er dieses Ersuchen zu­nächst dem Reichsaußenminister mit der Bitte um Äuße­rung zugeleitet habe.

In parlamentarischen Kreisen ist man der Auffassung, daß unter diesen Umständen schon aus technischen Gründen ein Zusammentritt des Ausschusses noch vor der Abreise der deutschen Abordnung, die bereits am Dienstag erfolgt, nicht möglich ist.

*

Vorstandssitzung der ONBp.

Die deutschnationale Pressestelle teilt mit: Der Vor­stand der Deutschnationalen VolkSpartei trat in Berlin unter dem Vorsitz von Dr. Hu g e n b e r g zu einer Sitzung zusammen, die in erster Linie der Vorbereitung der Wahlen und der Aufstellung der Wahllisten galt. Sie schloß nach einer umfassenden Rede des Parteiführers mit einer spon­tanen und begeisterten Vertrauenskundgebuna. Diese Kundgebung war ein erneute Drei vcUnunck: n:^ Dank für eine Führung, deren unerbittliche ^ieuiarteü nicht zuletzt den Sturz des bisher herrschenden Systems erzwungen und eine Wendung in der politischen Gestal­tung Deutschlands angebahnt hat.

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Bor dem Deutschen Landwirtschaftsrat sprach Reichs- ernährungsministcr Frist, von Braun über die nächsten Aus­gaben der Agrarpolitik.

* Die Pariser Besprechungen zwischen Macdonald, Simon und Herriot über die Lausanner Konferenz haben, dem amtlichen Bericht zufolge, zu einer Einigung geführt.

* Die Regierungschefs der süddeutschen Länder hatten mit dem Reichspräsidenten am Sonntag eine Besprechung.

Bei Hamm hat sich am Sonnabend abend ein Eisenbahn­unglück ereignet, bei dem es einen Toten und 41 Verletzte gab.